Die Grundlagen unserer Ernährung hautnah erleben (9. Klasse)

Aus der Festschrift 2004 der Freien Waldorfschule Freiburg-Rieselfeld geschrieben von Angela Lüthje.

Das Landbaupraktikum in der 9. Klasse

Schülerzeichnung aus dem Praktikum

Wann?

Direkt am Beginn der Oberstufenzeit liegt in unserer Waldorfschule das Landbaupraktikum. Eine positive Spannung und auch etwas Aufregung stehen in den Gesichtern und auch in den Fragen, die kurz vor der Abfahrt gestellt werden: Wie wird es werden? Drei Wochen sind eine lange Zeit, und für manche der gerade Fünfzehnjährigen ist es der erste Aufenthalt in der Fremde ohne Eltern und Geschwister. Wenn es irgend möglich ist, gehen sie zu zweit auf die Höfe, denn die Abende sind lang, und zu zweit verkraftet man intensive neue Erfahrungen besser als allein.

 

Wohin?

Achtzehn Demeter- und Biolandhöfe hatten sich im September 2003 bereit erklärt, die 32 Schülerinnen und Schüler unserer Schule aufzunehmen, vom Nordschwarzwald bis zum Hochrhein, vom Elsass bis in den Hegau hinein. Die Höfe sind höchst unterschiedlich: klein oder groß, manche mit Viehwirtschaft, andere mit Acker- oder Obstbau, einige mitten im Dorf, andere weit abgelegen, manche mit gutshofartiger Hofgemeinschaft, auf den kleineren dagegen allein die Bauernfamilie. Einige betreiben groß angelegten Vertrieb, Hofläden oder Marktstände, andere fast reine Subsistenzwirtschaft.

Warum?

Die Landwirtschaft liegt heute fast allen Schülerinnen und Schülern, die meist in der Stadt leben, sehr fern. Man assoziiert mit ihr viele nicht unbedingt attraktive Dinge: Durchdringende Gerüche, frühes Aufstehen, schwere Arbeiten, »null« Urlaub, aber auch die negativen Folgen einer modernen Agrar-Industrie: Massentierhaltung, Monokulturen, Überdüngung, Herbizideinsatz, Epidemien, mangelnden Respekt vor der Natur ...

Die Praktika auf den biologisch arbeitenden Höfen in unserer Umgebung können helfen, diese Bilder zurechtzurücken: Kreislaufwirtschaft, der Wert des Komposts und aller anderen Abfälle, die artgerechte Haltung der Herden, der gesunde Aufbau eines Bodens, vollwertige Nahrung, gelebte Verantwortung gegenüber der Natur und insbesondere der Kreatur: Gerade Jugendliche stehen diesen Themen sehr sensibel und aufgeschlossen gegenüber.

Wie?

Der Sprung ins Praktikum ist manchmal recht brutal: Aufstehen um halb sechs Uhr morgens, arbeiten bis zum Umfallen und abends nicht einmal mehr lesen können, weil man so müde ist... Statt bequem in der Schulklasse zu sitzen und dem Unterricht mit untätigem Körper zu folgen, ist anstrengende physische Tätigkeit angesagt. Dass körperliche Arbeit nichts Minderwertiges ist, sondern gleichwertig der Kopfarbeit, ist eine der Einsichten aus drei Wochen Praktikum.

Die Schülerinnen und Schüler erfahren sich in einer neuen Gemeinschaft, in der das alte Bild von sich selbst schnell zurechtgerückt wird: Auf dem Hof kommt es nicht auf freche Sprüche oder schicke Kleider an, sondern auf Zuverlässigkeit, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit, Verantwortung, Kollegialität...

Erwartungsvoll fuhren denn auch alle Neuntklässler ab - und hielten durch, obwohl das Praktikum für manche nicht immer einfach war. Die betreuenden Lehrer bemühen sich stets, die Schülerinnen und Schüler möglichst nach ihrer Eignung auf bestimmte Höfe zu schicken. Doch ob das Praktikum erfolgreich ist, hängt von so vielem ab: Wie offen ist der junge Mensch, wie leicht kann er sich anpassen? Wie disponibel sind die Hofleute, was für Wetter herrscht, welche Arbeiten stehen an, wie viel Anstrengung verkraftet der Schüler oder die Schülerin körperlich? Alle jetzigen Neuntklässler haben das Praktikum für sich zu einem Erfolg gemacht - obwohl für jede und jeden die Herausforderungen anders gelagert waren.

 

Mit welchen Folgen?

Der Rückblick, d.h. die Präsentation der geführten Hefte mit Hofbericht und Tagebuch und die mündlichen Vorträge zeigten: Alle sind an dem Aufenthalt auf ihrem Hof gewachsen und für alle war es ein überwältigend intensives, zumeist positives Erlebnis. Sie sehen nun ein Brot oder frisches Gemüse mit anderen Augen, nachdem sie einmal durchlebt haben, was Pflege und Ernte auf dem Feld bedeuten. Jeder junge Mensch erfährt im Praktikum aber vor allem auch sich selbst, ordnet sich und die eigenen Fähigkeiten neu ein und geht mit neuen Impulsen in die Oberstufe. Noch heute suchen und halten viele Schülerinnen und Schüler Kontakt zu »ihrem« Hof, verbringen Wochenenden und Ferien dort, für einige ergaben sich sogar berufliche Perspektiven. Dies ist ein großer Gewinn! Wir sind den Höfen zu Dank verpflichtet, dass sie unserer Schule diese Aufenthalte ermöglichen.

 

Schülerstimme

»Ich kann nur sagen, dass ich das Praktikum echt gut fand, es war anstrengend und ich musste mich jeden Morgen überwinden um 5.30 Uhr aufzustehen, aber ich hab auf jeden Fall viel gelernt und es hat auch Spaß gemacht!!!

Außerdem, welcher Stadtbewohner kann schon Kühe 'anrüsten'?«

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