Modell 28

Ein Beitrag von Bernhard Jährling

Das „Modell 28"

Bereits in den 90er Jahren gab es auf verschiedenen internen Tagungen immer wieder die Überlegung, ob es Möglichkeiten geben könnte, an der Freien Waldorfschule Engelberg kleinere Klassenverbände einzurichten. Die Durchschnittsgröße von 36 Schülern pro Klasse erschien bereits damals immer weniger zeitgemäß. Doch scheiterten alle Überlegungen stets an den Fragen der Finanzierbarkeit. Erst im Vorfeld des Schuljahres 2009/2010, als schmerzhaft deutlich wurde, dass auch der Engelberg aufgrund der sinkenden Geburtenzahlen in Zukunft kaum mehr 36er-Klassen würde füllen können, wurde eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel eingesetzt, konkret und intensiv alle Möglichkeiten auszuloten, die auch pädagogisch wünschenswerten kleineren Klassen in Einklang mit dem finanziell Machbaren zu bringen und damit gleichzeitig eine Antwort auf die geringeren Schülerzahlen zu bekommen. Das „Modell 28" ist sicherlich schon vielen zu Ohren gekommen, doch werden die meisten eher spärliche Kenntnisse davon haben, was dies nun im Konkreten für die Schule bzw. für die einzelnen Klassen bedeutet.

Die beiden ersten Klassen im Schuljahr 2009/2010 haben schließlich anfangs mit knapp 24 Kindern pro Klasse begonnen und auch die damaligen 2. Klassen lagen nicht über 30 Schüler pro Klasse. Inzwischen ist das Modell im Wesentlichen von der Klassenstufe 1 bis zur Klassenstufe 6 umgesetzt, wobei die meisten dieser Klassen zwischen 28 und 30 Schüler haben. Die Schüleranzahl von 30 ist dabei die Maximalgröße, die aufgrund der begrenzenden Gruppengrößen in den Fachunterrichten nicht überschritten werden kann. Die wesentlichen Änderungen des „Modells 28" gegenüber der alten Situation mit durchschnittlich 36 Schülern pro Klasse sind in der tabellarischen Übersicht zusammenfassend dargestellt. Die geringere Klassengröße wird unter anderem dadurch aufgefangen, dass die Fachunterrichte nicht so häufig geteilt sind, und dass sich die Gruppengröße in den Fachunterrichten im Durchschnitt erhöht. So gibt es zum Beispiel im Werken in der Mittelstufe nicht mehr pro Klasse 3 Gruppen mit je 12 Schülern, sondern pro Klasse jeweils nur noch zwei Gruppen mit 14 (maximal 15) Schülern. Während der Klassenlehrer durch die kleineren Klassen deutlich bessere Möglichkeiten zu einer individuelleren Betreuung der Schüler erhält, erschwert sich auf der anderen Seite der Fachunterricht mit den zum Teil merkbar größeren Gruppen. Dies gilt jedoch nicht für alle Bereiche.

Die verschiedenen Fachbereiche hatten bei der Notwendigkeit der Teilung hauptsächlich im Auge, dass gerade in der Unter- und Mittelstufe die Sozialgestalt der Klassengemeinschaft möglichst ungestört ausgebildet werden kann. Insofern wurden für diese Altersstufen grundsätzlich auf klassenübergreifende Teilungen, mit Ausnahme der Orchesterarbeit in Klassenstufe 7 und 8, verzichtet, obwohl dies finanziell attraktiv gewesen wäre.

Die fremdsprachlichen Fächer erzielen durch die kleinere Gesamtgröße der Klassen bis zur 4. Klasse gegenüber früher ein Zugewinn. Dadurch, dass auch die 5. Klassen in den Sprachen noch als Ganzes unterrichtet werden, wird dieser Zugewinn zwar wieder etwas geschmälert, dafür aber werden die Klassen von Stufe 6 bis Stufe 8 halbiert und haben damit je Sprache 3 Unterrichtsstunden pro Woche in kleineren Gruppen mit durchschnittlich 14 (maximal 15) Schülern. Damit entfällt der bisherige Sprachepochen Unterricht ab Klassenstufe 5. Die Schüler bis einschließlich der 8. Klasse haben damit mehr Englisch- und Französischunterricht als bisher. Ab der 9. Klasse werden die Schüler 3-stündig in 3 klassenübergreifenden Sprachgruppen - also mit einer Gruppengröße von durchschnittlich 19 Schülern unterrichtet. Dies bedeutet noch keine Leistungsgruppen - diese sind erst wie bisher ab Klassenstufe 10 vorgesehen. Allerdings wird voraussichtlich der Wechsel zwischen den Leistungsgruppen ab Klassenstufe 10 in Abhängigkeit des jeweiligen Leistungsstandes technisch einfacher zu realisieren sein, als dies derzeit möglich ist. Dadurch, dass ab Klassenstufe 10 wie bisher das Technische Zeichnen für die nicht am Französischunterricht Teilnehmenden angeboten wird, werden die Französischgruppen ab diesem Zeitpunkt fast auf die Größe der Sprachgruppen in der Mittelstufe reduziert werden, was sich auf den Spracherwerb des Französischen sicherlich positiv auswirken wird.

Die Eurythmie als eines der Kernfächer der Waldorfpädagogik wird besonders von der Klassenstufe 1 bis einschließlich Klassenstufe 8 ihre prägende und menschenbildende Wirkung verstärken können, da sie in dieser Zeit durchgehend mit halbierten Klassen - also mit 14er (maximal 15er) Gruppen - arbeiten kann. Der „Wermutstropfen" für die Eurythmie liegt darin, dass das Volumen der Eurythmiebegleitung soweit reduziert werden muss, dass von der 5. bis zur 8. Klasse von zwei Eurythmiestunden in der Woche nur eine mit Musik begleitet werden kann. Ab der 9. Klasse erfolgt auch in der Eurythmie wie in den Sprachen ein klassenübergreifender Unterricht in 3 Gruppen mit jeweils 19 Schülern im Durchschnitt.

Der Sportunterricht - das zweite Bewegungsfach - ist nach den Ansätzen des Modells so angelegt, dass von Klassenstufe 3 bis einschließlich Klassenstufe 6 jeweils die Klasse koedukativ als Ganze von einem Sportkollegen unterrichtet wird.

Ab Klassenstufe 7 werden es wie bisher pro Klasse je 2 Sportkollegen sein, sodass Jungen und Mädchen getrennt unterrichtet werden können. In der aktuellen Umsetzung ist derzeit allerdings in der Erprobung, in der Klassenstufe 3 und 4 jeweils mit 2 Sportkollegen zu unterrichten und dafür in Klassenstufe 7 und 8 klassenübergreifend die Jungen und Mädchen jeweils von einem Sportkollegen betreuen zu lassen, sodass diese Veränderungen bezüglich der Modellvorgaben sich finanziell nicht auswirken.

Die musikalische Ausbildung an unserer Schule erfährt dadurch, dass sie von der Klassenstufe 1 bis 6 nur noch in ganzen Klassen unterrichtet werden kann, zunächst eine Erschwernis. Ab Klassenstufe 7 aber hat das Fach Musik halbierte Gruppen und ab Klassenstufe 9 klassenübergreifend gedrittelte Gruppen. Die klassenübergreifenden Orchester der Klassenstufen 7 und 8 sind als zusätzliche Unterrichtseinheit eingeplant, sodass gesagt werden kann, dass das Fach Musik durch die Konzeption des „Modells 28" insgesamt sogar gestärkt wird.

In der Handarbeit als dem ersten „handwerklichen Fach", das die Schüler kennenlernen, wird mit der Halbierung der Klassen ab Klassenstufe 1 der heutigen immer stärker zu erlebenden Notwendigkeit, Fingerfertigkeiten auszubilden, Rechnung getragen. In den alten Gruppengrößen von durchschnittlich 18 Schülern wurde es immer schwieriger, allen Kinder ohne zusätzliche Unterstützung die Grundfertigkeiten wie Stricken und Häkeln beizubringen. Die 14er-Gruppen erleichtern diese Arbeit. Dafür wird es ab Klassenstufe 6 für die Handarbeit schwieriger, da im Gegensatz zu früher nicht mehr mit 12er-Gruppen, sondern ebenfalls mit 14er-Gruppen gearbeitet werden muss. Die individuellere Betreuung, wie sie bei der Arbeit an Schuhen oder beim Nähen eines Tieres erforderlich ist, wird durch die gestiegene Gruppengröße erschwert.

Der Handwerksunterricht, der bisher in der Klassenstufe 6 begann und künftig ebenfalls mit 14er-Gruppen arbeiten muss, erhält für diese Erschwernis insofern einen kleinen Ausgleich, als dass er bereits ab der Klassenstufe 5 mit einer Unterrichtsstunde pro Woche beginnen kann, damit man die Schüler langsam an das Arbeiten mit Schnitzmesser und Holz heranführen kann.

Der Gartenbau, der ebenfalls zum Zyklus des praktischen Unterrichts der ausgehenden Unterstufe und der Mittelstufe gehört, beginnt nach wie vor in der Klassenstufe 6 ebenfalls mit 14er-Gruppen.

Der „praktisch-künstlerische Unterricht" ab Klassenstufe 9 bleibt 6-stündig bis auf die Klassenstufe 11 und behält seine bisherige Gruppengröße von durchschnittlich 12 Schülern je Gruppe bei. Die Gruppen müssen ab diesem Zeitpunkt klassenübergreifend gemischt werden. Die bisherige Angebotsvielfalt mit 6 unterschiedlichen Gruppen pro Klassenstufe hat sich auf 5 Gruppen pro Klassenstufe reduziert: Klassenstufe 9 (Gartenbau, Malen, Plastizieren, Schmieden, Schreinern), Klassenstufe 10 (Kupfertreiben, Malen, Plastizieren, Schreinern, Textiles Gestalten). Für die Klassenstufe 11 werden 5-stündig 6 Fachgebiete angeboten: Goldschmieden, Keramik, Malen, Schreinern, Steinhauen und Textiles Gestalten.

Das naturwissenschaftliche Angebot, das bisher in den Zyklus des „praktisch-künstlerischen Unterrichts" integriert war, wird künftig in anderer Form eingebunden. In der Klassenstufe 10 wird jeder Schüler ein etwa 8-wöchiges, doppelstündiges Praktikum an der Schule absolvieren. Darüber hinaus wird es im Rahmen der Wahlpflichtkurse zusätzliche Vertiefungsangebote geben. Dies bietet letztlich für den interessierten Schüler mehr Möglichkeiten als bisher.

Die Prüfungsklassen behalten ihre bisherige Struktur. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass aufgrund der geringeren Klassengrößen Teilungen wie bisher in den Sprachen, Mathematik oder Deutsch nicht mehr erforderlich sind. Davon unberührt bleiben die Teilungen in der Fachhochschulreifeklasse bezüglich der fachpraktischen Angebote Schreinern und Keramik sowie die Differenzierung zwischen Musik und Biologie im Abiturzug.

In der Summe betrachtet bildet das „Modell 28" ein tragfähiges Modell für eine gesicherte Zukunft der Schule. Trotz der notwendigen Einschnitte gehen wir davon aus, dass die Verbesserungen überwiegen und wir unter den Schulen im Land gut und konkurrenzfähig aufgestellt sind, ohne gezwungen zu sein, von unserem spezifischen Charakter als „Freie Waldorfschule Engelberg" abrücken zu müssen.

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