Lohnt sich der Arbeitsaufwand?

Insbesondere aus der Sicht der Praktikumbetreuer ist hier ein klares "Ja" als Antwort zu geben. Diese mit Sicherheit zum Teil subjektive Sichtweise entsteht maßgeblich durch das Erleben der Jugendlichen im Praktikum über den Zeitraum eines Jahres hinweg. Die Beobachtung dieser menschlichen Entwicklungsphase vom Jugendlichen hin zum jungen Erwachsenen, der beginnt mit beiden Beinen im Leben zu stehen, öffnet einem ein ums andere Mal das Herz und entschädigt für viel Aufwand und Mühe.

Interessant ist auch die Tatsache, dass die Schüler im Betrieb oft ein ganz anderes Auftreten haben als bisher in der Schule oder zu Hause und so ein für sie neues, meist positives Feedback bekommen. Somit besteht für alle Beteiligten die Möglichkeit eigene Sichtweisen und Wahrnehmungen zu korrigieren und/ oder zu ergänzen.

Die meisten Jugendlichen empfinden das Praktikum ebenfalls ganz deutlich als Bereicherung im "Schulalltag". Dies geht soweit, dass die zwei Tage Praktikum in der Woche, trotz harter Arbeit, als Erholung empfunden werden. In fast allen Abschlussgesprächen, bei denen Betrieb, Praktikumbetreuer und Praktikant/-in teilnehmen, werden die Jugendlichen in ihrem Weg bestärkt und für ihr großes Engagement und ihre Leistungsbereitschaft gelobt. Kritik wird konstruktiv vorgetragen und von den Jugendlichen meist sehr gut angenommen. Positive Veränderungen der kritisch angesprochenen Punkte können durch die direkte Umsetzung im praktischen Arbeitsalltag oft relativ leicht erreicht werden.

 

Abschließend gesagt:

Es lohnt sich der Aufwand, den dieses Oberstufenmodell mit sich bringt, zumindest für jeden Ausbildungsplatz, jede Stellenzusage und jeden menschlichen Kontakt, die sich daraus ergeben haben.

 

Ausblick

Während der Konzeptionsphase des Oberstufenmodells und des Betriebspraktikums wurde bald deutlich, dass in den nächsten Jahren eine Weiterentwicklung auf der Basis gewonnener Erfahrungen erforderlich sein wird. Es wurde kein starres Modell ins Leben gerufen, sondern ein Prozess begonnen, der die Anforderungen unserer Zeit und der beteiligten Menschen wahrnimmt, ohne sich an jeden Trend und jede Meinung zu hängen. Dabei ist zu beachten, dass nur ein festes Fundament die Tragfähigkeit für konstruktive Veränderungen besitzt.

Für die Zukunft ist eine Vielzahl von Aufgaben zu bewältigen. Es müssen Kontakte mit der Arbeitswelt vertieft und weiterentwickelt werden. Mit diesen Kontakten soll eine Öffnung der Schule, aber keine Anpassung an die Bedürfnisse der Arbeitswelt stattfinden. Vorstellbar wäre zum Beispiel ein „runder Tisch" mit Eltern, Jugendlichen, Betrieben (Verbänden) und Lehrern, der einen regelmäßigen Austausch zum Thema Jugend und Arbeitswelt pflegt.

Eine Weiterentwicklung im Bereich der Zertifizierung des Praktikums als belegbare schulische Qualifikation (Anerkennung als Ausbildungszeit, Qualifizierung im Abschluss etc.) Hier werden Kontakte und Ideen benötigt.

Es müssen Angebote für Lehrer und Lehrerinnen gemacht werden, die einen Ausgleich schaffen, da sie während der Praktikumzeit und in den Folgemonaten vor extrem anspruchvolle Aufgaben gestellt sind.

Vor allem bedarf es der Menschen, die bereit sind, an innovativen Zukunftsideen mitzuarbeiten.

 

Ein Erfolgsmodell?

Inzwischen waren 3 Schulklassen im Praktikum und die vierte Schulklasse steht kurz vor dem Beginn des Praktikums (Jan. 2003). Auf Grund des Praktikums haben in diesem Zeitraum eine ganze Reihe von Schülern und Schülerinnen konkrete Ausbildungsangebote bekommen und teilweise bereits ihre Ausbildung angefangen. Einige Schüler haben durch ihre Praktikumerfahrung bestimmte Berufe oder Tätigkeitsgebiete für ihre Zukunft ausgeschlossen und erkannt, dass ihre Interessen und Fähigkeiten in ganz anderen Bereichen liegen, als sie dachten. Dies ist einer der Gründe, warum die Jugendlichen in der Regel aufgefordert werden, den Betrieb nach einem halben Jahr zu wechseln. Für manche ist es auch einfach gut, dass die Schulzeit noch etwas andauert und ein guter Abschluss ist ein erstrebenswertes Ziel geworden, da eine Entscheidung für einen Beruf jetzt noch zu früh ist.

Die Erfahrungen, die die Schüler und Schülerinnen machen, sind also sehr vielschichtig. Sie reichen vom bewussten Umgang mit der Zeit bis hin zu einer gesellschaftlich-politischen Betrachtung von Arbeitsstrukturen und Unternehmensorganisationen. Das wird auch aus den unterschiedlichsten Aussagen von Jugendlichen, Eltern und Lehrer deutlich. (Auf den nachfolgenden Seiten können Sie sich selbst davon überzeugen.)

Neben den positiven Erfahrungen gab es aber auch kritische Stimmen, die bedacht sein wollen. Das Betriebspraktikum ist auch eine Zeit des Verzichtes auf mancherlei Freizeitaktivitäten. In einigen Fächern müssen Lerninhalte komprimiert, auf Nachmittagsunterrichte verlegt oder ganz aus der Praktikumzeit ausgelagert werden. Manches liebgewordene sogenannte "Nebenfach" muss dem Praktikum gegenüber in den Hintergrund treten; die Zeit ist knapp in diesem Jahr. So gibt es durchaus Anlass nach neuen Lösungen für die Gestaltung des Lehrplans zu suchen.

Nicht zu unterschätzen ist die Leistung der Lehrer (Fachlehrer) und Eltern während der Praktikumzeit und vor allem auch nach Abschluss des Praktikums, wo manches Liegengebliebene aufgearbeitet und nachgeholt werden muss. Für die Lehrer an unserer Schule bedeutet das Komprimieren von Lerninhalten und die Auseinandersetzung mit Schülerinnen und Schülern in den Nachmittagsstunden immer wieder eine neue, teils sehr anstrengende Herausforderung.

Hier werden Lösungen gesucht um Unterrichtsinhalte neu zu greifen, die Dichte der zusätzlichen Veranstaltungen aufzulösen und dadurch Entlastungen für Schüler und Lehrer zu schaffen. Das Praktikum soll neue Kräfte in den Jugendlichen wecken und so dürfen wir auch nicht Zeiten der Erholung und Atempausen außer Acht lassen.

Die Eltern haben während der Praktikumzeit in manchen Fällen zusätzliche Fahrdienste zur Praktikumstelle ihrer Jugendlichen in Kauf genommen oder höhere Fahrgelder aufgebracht, um weiter entfernte Praktikumplätze zu ermöglichen.

Der Erfolg des Praktikums kann jetzt schon an konkreten Stellenangeboten für die Jugendlichen, ihrer sichtbaren Qualifizierung und ihrer Beurteilung durch den Betrieb gemessen werden. Darüber hinausgehende Folgen und Erfolge des Praktikums sind nur schwer qualitativ zu fassen, da uns bewusst sein muss, dass manche Anlagen im Menschen erst Jahre später zum Tragen kommen und erst dann sichtbar werden.

Erkennbar ist der Erfolg des Betriebspraktikums auch in dem großen Engagement der Jugendlichen in den Betrieben. Überdurchschnittlich gute Bewertungen der Leistungen und Fähigkeiten in allen Bereichen sind die Regel.

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