Mittelstufenkonzept

Ein Beitrag von Martin Böhm und Wolfgang Ruppert (Lehrer an der Freien Waldorfschule Heilbronn)

Immer wieder müssen Konzepte über­dacht werden, auch bewährte und lieb gewonnene. So ein bewährtes Konzept war und ist vielerorts an Waldorfschu­len die achtjährige Klassenlehrerzeit. Seit einiger Zeit nehmen wir Lehrer an unserer Schule nun wahr, dass es in der Pubertätszeit einen neuen pädago­gischen Ansatz braucht. Der seelische Umbruch vom Grundschulkind in die Zeit der Pubertät ist gravierender, als er noch vor Jahren war. Wir stellen fest, dass die Pubertierenden den Eindrü­cken ihrer Erlebniswelt unmittelbarer ausgesetzt sind als früher. Wir erleben eine gesteigerte Wachheit der äußeren Welt gegenüber, eine schärfere Intellektualität, ein rascheres Aufnahme­vermögen. Auf der anderen Seite sind die Kinder aber noch nicht in der Lage, diese Eindrücke in rechtem Maße zu bewerten und demzufolge zu verarbei­ten. Stattdessen beobachten wir eine zunehmende Nervosität, eine seelische Dünnhäutigkeit, eine Verminderung der Frustrationstoleranz. Die Seele kann der intellektuellen Entwicklung in dieser Phase keineswegs standhalten. Das Mittelstufenkonzept nun versucht, eine pädagogische Antwort auf diese skizzenhaft und allgemein angerisse­nen Entwicklungsthemen zu geben.

Eine grundlegende Idee ist die, das Klassenlehrerprinzip auch für die Mit­telstufenzeit aufrecht zu erhalten. Es ist eminent wichtig, dass eine erwachsene Bezugsperson vorhanden ist, um für diese Klassenstufen verlässlich bereit­zustehen. Das betrifft den seelischen Aspekt. Im kognitiven Bereich werden die Lerninhalte schwieriger. Das selb­ständige Lernen gewinnt an Bedeu­tung.

Im Folgenden werden nun tabellarisch die Vorhaben aufgezählt, die zum fes­ten Repertoire dieser drei Jahre gehö­ren sollen. Immer wieder wird dieser Katalog einer pädagogischen Prüfung unsererseits unterzogen werden.

Ziele

  • Die mittleren Schuljahre neu greifen (Stoff, Methode) und als eigene Stufe würdigen. Die Mittelstufe ist mehr als die letzte Phase der Klas­senlehrerzeit.
  • Die Unterrichtsversorgung der Schüler sichern und stabilisieren.
  • Die Identität der Mittelstufe und der Mittelstufenschüler stärken.
  • Auf diesen Entwicklungsabschnitt mit seinen speziellen Problemen intensiver und professioneller eingehen.
  • ‚Lösen‘ und ‚Beziehung knüpfen‘ auf einer anderen Ebene.

Das Personal

  • In der Regel ein Klassenlehrer für die Klasse 6,7,8; D.h. es gibt jetzt einen neuen Typ des Mittelstufenklassenlehrers, der sich auf diese Stufe spezialisiert.
  • Das Mittelstufenkollegium bildet ein Team, das sich besonders mit dieser Stufe beschäftigt.
  • Klassenübergreifender Unterricht soll möglich sein. Austausch der Mittelstufenkollegen auf allen Ebenen. Epochentausch als Möglichkeit.
  • Die Förderlehrer unterstützen die Arbeit des Klassenlehrers besonders bei der Differenzierung.
  • Die Förderlehrer stimmen ihren Un­terricht mit dem Klassenlehrer ab.

Der Unterricht

  • Epochen nach dem Lehrplan der WDS;
  • Epochenplan und Stoffverteilung in Abstimmung mit der Oberstufe.
  • Medienkompetenz als eigenständi­ger Unterrichtsinhalt.
  • Den Computer als Arbeitsgerät kennenlernen;
  • Vertiefung und Erwerb sozialer und emotionaler Kompetenzen (Respekt, globalisierte Welt, der Umgang mit Medien, Ordnung im Gemeinwesen usw.)
  • Sexualerziehung, Genderthematik;
  • Suchtprävention, Rauchen,
  • Projekttag an Michaeli;

Methoden/Sonstiges

  • Selbständiges Arbeiten im Wo­chenarbeitsplan oder beim eigen­verantwortlichen Arbeiten (bei Stundenausfall); häufigeres Arbeiten in Gruppen, Lerntagebuch, Lernbe­gleitung bzw. Coaching;
  • Veranstaltungen mit der Polizei (Gewalt, Mobbing, Smartphone, Cybermobbing);
  • Präsentation bzw. Referat, Jahresar­beiten;
  • Klassenspiel als Klassenprojekt;
  • Klassenfahrt: Erlebnispädagogik, Schwerpunkt Erwerb sozialer Kom­petenzen, Bewegung;
  • In der zweiten Jahreshälfte Orien­tierungsgespräche zur Vorbereitung auf die Oberstufe mit allen Schülern durch Oberstufenkollegen.
  • Betriebspraktikum

Wünsche

  • Eigener Mittelstufenraum, Lernbü­ro, Personal bzw. Stunden für eine bessere Betreuung der Schüler.
Kommentar
02.10.2018 | Schulze | Ehemalige Waldorfmutter von sieben Kindern
Klingt gut gemeint und nach viel Aufwand. Sechs meiner sieben Kinder sind erwachsen. Rückblickend hätte ich mir weniger pädagogischen Huddel und mehr Verlässlichkeit und Stabilität von Seiten der Schulen gewünscht. Ich glaube, dass die Waldorfschulen aus sich heraus ein durchaus durch die Gegenwart tragendes Konzept haben. Zentrale Figur ist und bleibt der Klassenlehrer. Ist er/sie stark und überzeugt, bleibt der Respekt der Kinder weit über die Pubertät hinaus. Vielleicht sollte man eher die Lehrer kräftigen.
02.10.2018 | Jens Weidtke | Klassenlehrer
Alles gut soweit - es ist aus dem Artikel allerdings zu wenig ersichtlich, ob der "alte" Klassenlehrer auch die Funktion des "Mittelstufenklassenlehrers" übernehmen könnte und ob es so gemeint ist, dass die Abgabe der Klasse nach der 5. zwingend ist. Hilfreich wären auch Ideen, WIE dieser Übergang gestaltet werden könnte.
02.10.2018 | Iris Sautter | Ehemalige, Stuttgart
Sehr gute Überlegung. Als Ehemalige kann ich nur sagen, dass es für mich hilfreich gewesen wäre auch nach der 8 Klasse von "unserer" Klassenlehrerin begleitet zu werden. Irgendwie fühlten sich viele von uns alleine gelassen, zum Klassenpfleger (uns bekannt) kam keine tragende Beziehung auf. 8 Jahre lassen Schüler und Lehrer nah zusammen wachsen-und stehen da schon manche Krise gemeinsam gemeistert wurde.
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