Unterschiedliche Arbeitssituationen

Ein Text von Marin Carle

Kreisarbeit

Als Erwachsene setzen wir uns gerne an „einen Tisch“, in Konferenzen, Besprechungen, o.ä., bilden wir gerne einen Stuhlkreis. Ein Sportteam stellt sich vor dem Beginn des Spieles im Kreis zusammen. Äußerlich wird damit dokumentiert, dass wir zusammengehören, dass wir uns auf „gleicher“ Ebene befinden, das wir miteinander im Gespräch sind – und nicht einer durch seine „Stellung“ dominiert. Die Aufmerksamkeit kann sich so relativ ungestört, z.B. von sichtbaren Hindernissen (den Dazwischensitzenden) auf den oder die gerade Sprechenden oder sonst wie Agierende richten. Der Kreis ist das Bild der Ganzheit, das Bild der sozialen Gemeinschaft, in der alle gleich-berechtigt, gleich-wertig sind.

In einer Klasse, besonders einer sich neu zuammenfindenden ersten Klasse, muss sich erst eine Gemeinschaft herausbilden. Sie setzt sich zusammen aus dem oder den Lehrern und den Kindern. Es gibt schon kleinere Gemeinschaften, z.B. aus dem Kindergarten. Es gibt Jungen und Mädchen und noch viele andere Gruppen (z.B. Temperamentsgruppen). Und es gibt zu Beginn relativ viele Einzelgänger.

Es war und ist mein zentrales Anliegen als Lehrer, aus der bunten Kinderschar mit den vielfältigsten Eigenschaften (positiven wie negativen) eine sozial harmonierende Gemeinschaft (was nicht heißt, das es keine Probleme geben wird oder geben darf) zu „bilden“, zu „formen“, zu entwickeln. Natürlich bin dabei ich als der Klassenlehrer zunächst die zentrale Bezugsperson der Kinder. Ich werde mit den Kindern gemeinsame Umgangsformen, Regeln, Absprachen, Rechte und Pflichten versuchen zu entwickeln, die eine fruchtbare Zusammenarbeit über mehrere Jahre hinweg ermöglichen.

Nach meiner Erfahrung bietet hier die Kreisform besondere, das soziale Gefüge der Klasse positiv unterstützende, Möglichkeiten. Die Kinder befinden sich schon äußerlich von Anfang an in einer Gemeinschaft von „Gleichen“. Ich trete ihnen nicht nur als äußerlich distanzierte, erhöhte (die meisten Lehrer stehen im Unterricht vor der sitzende Klasse) Person entgegen, sondern ich bin im wahrsten Sinne des Wortes „im Kreis“ mit eingeschlossen. So drücke ich auch äußerlich aus, dass ich neben meiner lehrenden Funktion zugleich Mit-Lernender bin. Nicht die äußere „Stellung“, sondern meine eigene persönliche Autorität, meine eigene Authentizität lässt mich als „Primus inter Pares“ unter den Kindern auftreten - und verhindert gleichzeitig unstatthafte „Verbrüderungen“, bzw. Grenzverletzungen zwischen den Kindern mir, dem Erwachsenen. Die notwendige Distanz kann meiner Erfahrung nach so auch im Kreis immer gewahrt bleiben.

Zweifellos zeigen sich die Vorteile des Kreises bei bestimmten Unterrichtsteilen: Im Morgenkreis, z.B. beim Morgenspruch oder Singen richten sich Konzentration, Klang und Verehrungskräfte der Kinder in die „unsichtbare Mitte“, in einen imaginativen „Raum“. Beim gemeinsamen Unterrichtsgespräch richtet sich die Aufmerksamkeit der Kinder zentriert und ungestört auf den gerade Sprechenden. Selbst leise sprechende Kinder sind in aller Regel von allen anderen zu verstehen, womit auch das unökonomische und für manche Kinder demütigende Wiederholen der Wortbeiträge durch den Lehrer weitgehend entfallen kann. Dadurch, dass die Kinder sich sehen und verstehen können, kann ein wesentlich dichteres Unterrichtsgespräch entstehen. Sie gewöhnen sich nicht an, mich, den Lehrer, als „Übersetzter“ und „Wiederholer“ von Wortbeiträgen ihrer Klassenkameraden zu benutzen. Ich hoffe, so auch einer gewissen Konsumhaltung der Schüler und Schülerinnen in der Mittelstufe entgegen zu wirken, deren Einstellung häufig dadurch geprägt ist, den ihnen den Rücken kehrenden Mitschülern von vorneherein nicht zuzuhören, weil man sich darauf verlässt, dass der Lehrer vorne das Wichtigste sowieso wiederholen wird. Im Lernteil kann der Unterrichtsinhalt auch visuell in der Mitte in vielen Fällen (nicht in allen) wesentlich besser dargestellt werden (siehe Unterrichtsbeispiele).

Die Wahrnehmung der Kinder untereinander wird deutlich gestärkt. In meiner „Kreisklasse“ lernten die Kinder die Namen ihrer Mitschüler wesentlich schneller als in meiner früheren „Frontalklasse“. Im ersten Schuljahr ging ich sogar das Risiko ein, keine feste Sitzordnung im Kreis festzulegen. Die Kinder konnten sich also jeden Tag oder auch mehrmals am selben Tag andere Sitzplätze und neue Nachbarn suchen. Natürlich war das manchmal mit kleineren Reibereien oder Unruhen verbunden, die aber niemals hässlich oder unerträglich wurden und auch mit der Hilfe der ganzen Klasse gelöst werden konnten. Für uns Lehrer war das eine gute Möglichkeit, die Beziehungen unter den Kindern wahrzunehmen und manchmal steuernd einzugreifen. Eine Folge dieser Maßnahme war, dass die sozialen Reibereien, besonders auch in den Pausen, auf ein Minimum reduziert wurden.


Frontalarbeit

Sind die Kinder durch ihre Sitz- oder Stehposition frontal nach vorne zum Unterrichtenden ausgerichtet, so verändert sich die Lernsituation zur Kreissituation schlagartig. Die Aufmerksamkeitskräfte sind nach vorne zu mir zentriert, die Wahrnehmung der anderen, der Gemeinschaft, tritt zurück. Ich werde zum Lehrenden, zum Be-Lehrenden, was an bestimmten Unterrichtsstellen seine absolute Berechtigung hat. Die Interaktionen finden vorwiegend zwischen einzelnem Schüler und mir statt, weniger zwischen den Kindern selbst. Kinder in der ersten Reihe sind dem Lehrer äußerlich sehr nah, sie kehren ihren Mitschülern die Rücken zu und haben dadurch ein ganz anderes Wahrnehmungsfeld als Kinder in der Mitte oder der letzten Reihe. Besonders bei großen Klassen ist die Entfernung zum Lehrer (und zur Tafel) enorm, als Lehrer muss man die dadurch entstehenden Unterschiede in den Sinneswahrnehmungen der Kinder unbedingt berücksichtigen.

Gerade in der sensiblen Anfangsphase des Unterscheidens von rechts und links, von Koordinations-übungen, vom ersten Formenzeichnen über das Buchstaben- und Zahlenschreiben bis hin zum Anleiten des Malens aus der Fläche heraus eignet sich die Frontalstellung sehr gut. Die Kinder haben ihre Konzentration auf das Ziel (die Sache an der Tafel oder den sprechenden Lehrer) „vor“ sich fokussiert und können vom Lehrer als große Gruppe „zentralistisch“ geleitet, geführt werden, ohne dass ihm die äußere Wahrnehmung der Kinder seinerseits größere Schwierigkeiten bereitet.


Gruppenarbeit

Von Beginn an war es mein Ziel, gemeinsames, von den Kindern selbständig durchgeführtes Arbeiten und Lernen möglichst frühzeitig in der Klasse zu verankern. Sie sollen ihre eigenen Lernwege suchen und von den Lernwegen der anderen profitieren können. Schule sollte kein Einbahnstraßenverkehr vom Lehrer in Richtung Schüler sein, sondern viele Wege (und Irrwege) sollen individuell erlebt und gemeinsames Erfahrungsfeld werden können. Dazu muss ich mich als Lehrer immer wieder aus meiner „Führungsrolle“ herauslösen können, damit ich Zeit und Raum für Beobachtung und Beratung habe.

Das durch die Kreissituation bei den Kindern entstandene Gefühl des gemeinsamen Lernens erleichtert es meiner Erfahrung nach ungemein, von der großen Gruppe der ganzen Klasse umstandslos – ohne dass die Kinder dies als Bruch oder Ausnahmesituation erleben würden – in die Arbeit von größeren oder kleineren Lerngruppen hinüberzuwechseln. Auch das umständliche Tischrücken fällt so gut wie weg, was nicht nur immer einen Zeitverlust bedeutete, sondern in meiner früheren Klasse auch stets zu einer solchen Unruhe und einem Durcheinander führte, dass danach die Konzentration wie weggeblasen schien (was dazu führte, dass ich die Gruppenarbeit oft unterließ). Die Kinder können sich nun relativ frei im Klassenraum verteilen und z.B. auf dem Boden arbeiten oder sie ziehen mit zwei Handgriffen zwei oder drei Bänke zum Gruppentisch zusammen. Jede Gruppengröße und –konstellation hat ihre eigene Funktion und Qualität. Vor jeder Gruppenarbeit kläre ich für mich bewusst die Frage, ob sich die Kinder nach Neigung oder Zufall zusammenfinden dürfen oder ob ich sie nach ganz bestimmten Kriterien (Können, Geschlecht, sozial, usw.) aufteile. Entscheidend für das Gelingen einer qualitativ fruchtbaren Arbeit und ökonomischen Zeitnutzung sind die vorher klar gegebenen Arbeitsaufträge und aufgestellten oder gemeinsam entwickelten Regeln. Selbstverständlich gehört eine umfangreiche Vorbereitung des Lehrers und die Verfügungsstellung des benötigten Materials dazu (Beispiele für die Gruppenarbeit in der Unterstufe siehe weiter unten in Unterrichtsbeispiele Rechnen und Schreiben).


Partnerarbeit

Es empfiehlt sich, über einen längeren Zeitraum zwei Kinder immer wieder zusammen lernen, bzw. arbeiten zu lassen. In meiner zweiten Klasse habe eine das ganze Schuljahr durchgehende Partnerarbeit praktiziert, die nur in zwei, drei Fällen verändert wurde. Dadurch gewöhnen sich die Kinder aneinander und können sich gut aufeinander einstellen. Je nach dem, was pädagogisch bezweckt ist, können ein „Fortgeschrittener“ und ein „Anfänger“ zusammenarbeiten oder eher zwei auf gleicher Augenhöhe sich Befindende.

Gerade auch im rhythmischen Teil oder Spielteil ist diese Art von Partnerarbeit für viele Kinder „heilsam“. Schon allein das Händefassen beim Tanzen, das gegenseitige Berühren beim Pferdereiten, Ringen, Rücken-an-Rücken-Stehen, das Hilfestellung-Geben beim Balancieren oder Schubkarre-Schieben, das gegenseitige Durchkitzeln oder Durchmassieren hat stellenweise therapeutischen Charakter. Beim Formenzeichnen gibt es viele Übungsmöglichkeiten, dass ein Kind eine Form beginnt und das andere die Form weiterführt, usw.. Die Kinder üben damit u.a. auch die wortlose „Kommunikation“. Beim Rechnen finden sie unter Umständen unterschiedliche Rechenwege, die sie sich gegenseitig zeigen können oder ein Kind erklärt auf seine ureigene, spezielle Weise einen Rechenweg - auf den der Lehrer vielleicht niemals gekommen wäre, weil er vielleicht mathematisch nicht ganz „korrekt“ ist – den das zuhörende Kind sofort verstehen und umsetzen kann. Ausgezeichnet funktioniert auch das gegenseitige Vorlesen, manche Kinder getrauen sich hier zum ersten Mal überhaupt laut einem anderen etwas vorzulesen.

Nicht jedes Kind ist natürlich von Anfang an in der Lage, wirklich sinnvoll und fruchtbar in einer Gruppe mitzuarbeiten. Manche haben bisher noch nicht gelernt, auch einmal selbst zurückzustehen, sich einzufügen, auf den anderen zuzugehen. Das Zuhören fällt schwer, es wird die Aufgabe zunächst nicht wirklich angenommen, der oder die Partner werden durch das unkonzentrierte Verhalten oder tatsächliche Störungen vom Arbeiten abgehalten. Für mich gab es dann immer zwei Möglichkeiten. Hatte ich keine Zeit, mich um das Kind zu kümmern, so teilte ich es einer Gruppe zu, von der ich annahm oder wusste, dass sie gut zusammenarbeiten kann und die sich von einem Kind davon kaum abhalten lassen wird. Oder ich sammelte mehrere dieser Kinder in einer Gruppe und widmete mich dann fast ausschließlich dieser Gruppe, bzw. beteiligte mich selbst als an dieser Gruppe.
 

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