Nachgefragt

Ein Text von Marin Carle

Welche Vorbehalte gibt es?

Ein häufig geäußerter Vorbehalt ist, dass das Mobiliar (Bänke und Kissen) eine falsche Sitzhaltung fördere. Die Kinder könnten sich beim Sitzen auf den Bänken nicht anlehnen, nicht entspannen, sie müssten entweder den Rücken übermäßig durchstrecken oder würden im Gegenteil zu stark gekrümmt dasitzen. Beim Sitzen auf den Kissen würden die Fußsohlen den Boden nicht berühren und damit die „Erdung“ der Kinder verloren gehen. Medizinisch-menschenkundlich sei diese Haltung schädlich.

Meiner Erfahrung nach kann jede Sitzhaltung schädlich wirken, wenn sie zu lange dauert und einseitig ist. Deshalb kommt es eben darauf an, die Kinder nicht zu lange in einer Sitz- oder Schreibposition zu fixieren. Wird es dennoch für ein einzelnes Kind zu lange dauern (die Kinder haben ja eine ganz unterschiedliche Ausdauer), dann wechselt es, wenn es über ein gesundes körperliches Selbstempfinden verfügt, die Position selbstständig. Dies ist aber nicht auf Bänke und Kissen beschränkt, sondern findet auch in gewöhnlich eingerichteten Klassenzimmern oder zuhause statt. Die Kinder verändern auch auf Stühlen ihre Sitzpositionen vielfältigst, indem sie nach vorne rutschen, kippeln, knien oder gar den Stuhl umdrehen und sich auf die Kufen setzen. Man kann dies alles als Lehrer natürlich zu unterbinden versuchen, es fragt sich nur, ob damit dem Kind geholfen ist (womit ich nicht meine, dass man ein Kind nicht auch einmal zum Stillsitzen auffordern darf). Auch auf Stühlen arbeiten Kinder, die nicht die Fußsohlen auf die Erde stellen. Wem das Berühren der Fußsohlen mit dem Boden ein wirkliches Anliegen ist, kann mit seiner Klasse die Sitzposition einüben, die meine Kollegin in Schwäbisch Hall praktiziert (siehe kleines Bild).

Ein sicherlich zu berücksichtigendes Argument gegen die Kreisform ist die Ansicht, die Kinder müssten stets Gesicht, Mimik und Gestik des Lehrers frontal sehen können. Tatsächlich müssen ja die Kinder, die im Kreis rechts und links neben dem Lehrer sitzen Kopf und/oder Körper mehr oder weniger stark drehen, um den Lehrer zu sehen. Meiner Erfahrung nach kommen Kinder ganz unterschiedlich damit zurecht, für manche ist dies nicht die schlechteste Situation, werden sie doch auch ihrerseits vom Lehrer nicht immer frontal gesehen. Kennt man seine Klasse etwas besser, so kann man die entsprechenden Kinder auf die jeweilige Kreisposition setzen, wie in gewöhnlicher Frontalstellung ja auch.

Einige Klassenlehrer äußern ihre Bedenken dahingehend, dass die relativ offene Kreissituation manche Kinder überfordern würde. Zum einen würde manchen Kindern der äußere Halt, der klare durch Tische begrenzte Rahmen, fehlen, was sie zu besonders unruhigen oder auffälligen, grenzüberschreitenden Verhaltensweisen stimulieren würde, zum anderen würden ruhigeren oder schüchternen Kindern entsprechende Rückzugsmöglichkeiten fehlen. Gerne werden dann als Beleg Beispiele von Kollegen angeführt, die mit dem „Beweglichen Klassenzimmer“ nicht zurecht kommen oder gekommen sind.

Es ist ganz sicherlich richtig, dass das „Bewegliche Klassenzimmer“ keine Garantie für konzentriertes oder „besseres“ Unterrichten ist, denn nach wie vor hängt die pädagogische Qualität des Unterrichtens vom Lehrer ab. Dass in „normalen“ Klassenzimmern hervorragender Unterricht stattfindet ist aber sicherlich ebenso wenig eine Möbelfrage, wie der umgekehrte Fall. Meiner Ansicht wird das Unterrichten im „Beweglichen Klassenzimmer“ dann schwierig, wenn man entweder nicht über entsprechende pädagogischen Fähigkeiten verfügt (und vielleicht werden hier auch tatsächlich die Probleme früher sichtbar, weil die traditionellen Stützen des lehrerzentrierten Unterrichtes teilweise fehlen, die manche Unterrichtsstunde vor dem völligen Chaos rettet) oder wenn man innerlich nicht wirklich überzeugt davon ist und trotzdem damit arbeitet oder arbeiten muss, z.B. weil es als Konzept in der Schule beschlossen wurde. Damit fehlt die notwendige Begeisterung, die es braucht, damit es zur eigenen „Sache“ wird, dass es für einen selbst, die Kinder und die Umgebung authentisch ist.
 

Welche Schwächen und Nachteile gibt es?

Für Lehrer, die - aufgrund ihres Alters oder größerer Rücken- oder Knieprobleme – Bewegungseinschränkungen oder gar Schmerzen haben, wird das „Bewegliche Klassenzimmer“ nicht leicht zu handhaben sein. Gerade in den ersten Klassen muss man – selbst wenn man den rhythmischen Teil eher stehend und sprechend anleiten kann – doch relativ häufig zumindest in die, bzw. auf die Knie gehen, um den Kindern beim Formenzeichnen oder Schreiben zu helfen. Auch eine Stuhllehne fehlt, es sei denn, man stellt sich einen geeigneten Stuhl in den Bankkreis.

Für bestimmte Arbeiten, z.B. das Wasserfarbenmalen, das Formenzeichnen in großen Heften oder das Basteln ist die geringere Fläche und Größe der Bänke gegenüber den normalen Schultischen ein Nachteil. Hier muss man sich kreativ zu helfen wissen: Entweder man schiebt Bänke zusammen, lässt auf dem Boden zeichnen oder verlegt das Malen von vorneherein in einen anderen Raum mit entsprechendem Mobiliar. Auch dass bei aufgeschlagenen Heften die Stiftemäppchen auf dem Schulranzen oder dem Boden liegen, ist ein – eher - ästhetischer Nachteil.

Mancher Beobachter empfindet das Umstellen der Bänke, das Holen und Zurückbringen der Kissen und Schulranzen vom und zum rückwärtigen Regal als zeitraubend und die Schüler unnötig chaotisierend. Meiner Beobachtung nach holt man aber die „verlorene“ Zeit durch die aus der „kreativen Unruhe“ entstandene größere Frische der Kinder anschließend wieder auf.

Ein echter Nachteil ist der Zeitverlust, den es bedeutet, wenn man bei allen möglichen Schulveranstaltungen, die mit einem Raumwechsel verbunden sind, die Hausschuhe gegen Straßenschuhe und umgekehrt tauschen muss. Umgekehrt ist der Gewinn aber nicht zu unterschätzen, den es bedeutet, auch im Herbst und Winter stets in einem sauberen Klassenzimmer unterrichten und lernen zu dürfen.


Bis zu welcher Klassenstufe?

Eine der ersten Fragen, die nach der Vorstellung des „Beweglichen Klassenzimmers“ auf dem Einführungselternabend meiner zukünftigen ersten Klasse gestellt wurde, war, wie lange denn die Kinder „nur auf Bänken“ sitzen müssten. Dieselbe Frage wird mir regelmäßig auch im Kollegenkreis oder auf Fortbildungen gestellt. Meine Standardantwort ist immer: Ich weiß es nicht! Ich möchte mir und den Kindern die Offenheit lassen, uns situativ für oder gegen „die Bänke“ zu entscheiden. „Konzepte“, die an einer Schule festlegen, dass z.B. ab der dritten Klasse dann wieder frontal mit Stühlen und Tischen gearbeitet wird, überzeugen mich nicht, da ich dafür bisher keinen wirklich menschenkundlich stichhaltigen Grund vernommen habe. Mir sind Erfahrungen von anderen Lehrern bekannt, die nach der Umstellung von Bänken auf die Tische nach einiger Zeit wieder die Bänke zurück in ihr Klassenzimmer holten. Umgekehrt gibt es Schulen, in denen der Klassenlehrer schon nach wenigen Wochen die Bänke wieder hinauswarf und die „bewährten“ Schulmöbel wieder zurückholte. Auch Mischformen, in denen sich in einer bestimmten Klassenstufe zu den Bänken Tische gesellten sind mir bekannt.

Entscheidend für die „Dauer“ des „Beweglichen Klassenzimmers“ ist für mich die Authentizität des gemeinsamen Lernprozesses von Schülern und Lehrern. Der Lehrer wird seiner Klasse und sich selbst individuell am Besten abspüren können, wann es „so weit“ ist, dass auch äußerlich im Schulmobiliar ein neuer Schritt mit der Klasse gegangen werden muss.


Das bewegliche Klassenzimmer als Schulkonzept

In Schwäbisch Hall gibt es – und das ist für viele Besucher überraschend – das „Bewegliche Klassenzimmer“ nicht als Schulkonzept. Jeder Klassenlehrer entscheidet selbst darüber, wie er unterrichten möchte und wie er sein Klassenzimmer einrichten möchte. Das ist für die praktische Arbeit manchmal etwas umständlich und in der Außendarstellung, besonders den Eltern gegenüber, etwas kompliziert, aber trägt der Tatsache Rechnung, dass jeder (Klassen-) Lehrer als selbstbestimmte Persönlichkeit frei darüber entscheiden muss, wie er unterrichten möchte. Wir haben seit Jahrzehnten ein sehr stabiles Klassenlehrerkollegium mit vielen Kollegen, die sich schon in ihrem dritten Durchgang befinden. Einige sehen, bzw. sahen keine Veranlassung, ihr erfolgreiches Unterrichten im „herkömmlichen“ Klassenzimmer zu verändern. Andere wiederum haben in ihrem neuen Durchgang „umgestellt“.

Wichtig erscheint mir, dass an der Schule die Freiheit vorhanden ist, beides praktizieren zu können, dass die Arbeit des anderen trotz eventueller Differenzen wertgeschätzt wird und die Offenheit besteht voneinander zu lernen. Dieser Idealzustand würde mir persönlich mehr zusagen als ein einheitliches Schulkonzept, bei dem immer die Gefahr besteht, dass der Einzelne nicht das tun kann, was er wirklich möchte, was authentisch zu ihm passt.

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