Die Entwicklung des Kindes

Das Wort ENTWICKLUNG ist so großartig wie tiefsinnig. Nehmen wir es wörtlich, so haben wir es mit einem Prozess zu tun, bei dem sich eine menschliche Individualität gleichsam wie aus-wickelt – seine „Hüllen“ ablegt. In innerlich-aktiver Weise tritt das verborgene Wesen immer deutlicher in Erscheinung. Allerdings setzt dies voraus, dass zuvor schon etwas war. Eine scheinbare Paradoxie: Der Mensch wird, was er im Keime schon ist?

Das Grundprinzip jeder Entwicklung ist die METAMORPHOSE. Allerdings neigt unsere Zeit dazu, menschliche Entwicklung als einen linearen und kontinuierlichen Prozess zu betrachten. Für die Praxis heißt dies: Um später maximale Ergebnisse zu erhalten (Output), muss man das Kind möglichst früh mit Wissen in Berührung bringen (Input). Die pädagogischen Konsequenzen lauten u.a.:

  • Je früher, desto besser. (Stichwort: Früheinschulung mit 5)
  • Je mehr, desto effektiver. (Stichwort: Abitur nach 12 Schuljahren)

Entwicklung vollzieht sich aber nur selten linear und kontinuierlich, sondern im Gegenteil viel öfters diskontinuierlich. Dabei durchläuft sie große Wandlungsprozesse.

 


Beispiel einer eindruckvollen Metamorphose:

DER SCHMETTERLING

Die Raupe frisst und frisst, wird dabei größer, dicker und immerzu schwerer. Dann spinnt sie sich in einen Kokon ein. Nach einiger Zeit schwebt daraus ein luftig, leichter Schmetterling hervor.

Würde man diese Entwicklung linear-kontinuierlich betrachten, so müsste man der Raupe raten: „Raupe, friss lieber nicht so viel, damit du später für das Fliegen leicht genug bist!“ In Wirklichkeit ist es aber geradezu anders herum: Die Raupe muss dick werden, um später als Schmetterling besonders gut in der Leichte leben zu können.

Die hier folgenden Gesichtspunkte anthroposophischer Menschenkunde versuchen das Prinzip der Metamorphose bei der Kindesentwicklung zu berücksichtigen. Die pädagogischen Konsequenzen sind daher mitunter genau entgegengesetzt:

  • Für die ganze Biographie eines Menschen kann es viel besser sein, wenn bestimmte Dinge gerade nicht so früh als möglich geübt werden.
  • Oftmals ist es viel effektiver, wenn man Weniges grundlegend und zum richtigen Zeitpunkt behandelt.

Die grundlegenden Metamorphosegedanken menschlicher Entwicklung verdanken wir Rudolf Steiner. Daher wird er hier öfters im Wortlaut zitiert werden. Es sollen seine Gesichtspunkte aber von den verschiedensten Seiten ergänzt werden. Wenn Sie daher etwas hinzustellen möchten, nehmen Sie bitte mit dem Waldorf-Ideen-Pool Kontakt auf.

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar