Teddy-Projekt

Ein Beitrag von Silke Schwarten (Rudolf-Steiner-Schule Hamburg-Bergstedt)

Wie mit einer Arbeitsanleitung das selbstständige Handarbeiten gefördert werden kann

Der besseren Lesbarkeit halber wird das generische Feminin oder Maskulin verwendet. Es sind jedoch immer beide Geschlechter gleichermaßen gemeint.


Die Motive und Ziele des Projektes

Für die Zeit zwischen Frühjahr und Sommer suche ich nach einer neuen geeigneten Arbeit für eine große Gruppe Kinder der 3. Klasse. Es soll etwas sein, mit dem sich die Kinder freudig verbinden können, etwas das sie seelisch in besonderer Weise anspricht, da sie in diesem Schuljahr bisher eher „funktionalere“ Arbeiten gemacht haben (Topflappen, Eierwärmer, Mütze). Die Betreuung einer anderen, kleineren Gruppe muss parallel dazu möglich sein, damit diese Schüler ihre begonnenen Arbeiten endlich erfolgreich abschließen können, d. h. gerade die schwächeren Schüler, die mit den vorangegangenen Arbeiten noch nicht so weit sind, sollen viel Unterstützung bekommen können. Die neue Arbeit soll deshalb so angelegt werden, dass sich die betreffenden Schüler recht viel selbstständig erarbeiten können. Ein etwas verspäteter Einstieg soll ebenso möglich sein. Gleichzeitig ist durch den Zeitpunkt im Schuljahr deutlich, dass ich bedingt durch das anstehende Zeugnisschreiben keine zusätzliche Zeit und Energie/keine Anstrengungen, die über die üblichen Vor- und Nachbereitungszeiten hinausgehen, in diese Arbeit werde investieren können.

Weiterhin ist es sinnvoll, wenn diese Arbeit:

  • bekannte Fähigkeiten wiederholt und weiterübt,
  • so übersichtlich ist, dass sie auch zum Weiterarbeiten mit nach Hause genommen werden kann,
  • ausbaufähig ist für die schnelleren Schüler,
  • vor den Sommerferien fertig gestellt werden kann.
     

Geplante Maßnahmen und Methoden

Damit die Kinder die Wahl zwischen verschiedenen Größen haben, biete ich unterschiedliche Wollstärken an. Der Zusammenhang zwischen dickerem Material und dadurch größerem Objekt wird unmittelbar durch die Anschauung sichtbar werden. Die Kinder auf verschiedene Größen durch mehr oder weniger große Maschenanzahl kommen zu lassen, scheint mir wenig sinnvoll in Anbetracht des schon fortgeschrittenen Schuljahres. Im nächsten Schritt entwickle ich eine altersgemäße Arbeitanleitung. D. h. in diesem Fall: Ein Teddy wird von mir während der Stunde an die Tafel gemalt und anschließend mit entsprechenden Maschen- und Reihenangaben versehen. Diese „Arbeitsanleitung“ malen sich alle Kinder in ihr Heft, um später jederzeit selber darauf zurückgreifen zu können. Für eine Erweiterung dieser Arbeit bietet sich das Herstellen von verschiedenen einfachen Kleidungsstücken an. Nur diejenigen, die diese Arbeit auch machen wollen, beginnen sie. Es besteht ebenso die Möglichkeit weiterhin Eierwärmer und Topflappen zu arbeiten. Eine andere Gruppe wird sich der Fertigstellung ihrer bereits vor langer Zeit begonnenen Arbeiten widmen (wie bereits oben beschrieben).

Zunächst werde ich die Kinder ausschließlich in der Schule arbeiten lassen. Die Schüler dürfen im Laufe der Stunde ihren angestammten Sitzplatz verlassen und sich je nach Bedürfnis zusammensetzen, wenn sie dabei die entsprechenden Regeln einhalten. Da sich diese „fließende“ Sitzordnung schon in anderen Zusammenhängen bewährt hat, kann sie hier ebenfalls mit einbezogen und nebenher überprüft werden.


Gewünschte Ergebnisse

Ich erhoffe mir eine freudige Arbeitsatmosphäre, in der jeder mit seinem Tun verbunden ist und viel selbstständiges Arbeiten möglich ist. Dazu gehört insbesondere, dass

  • die Schüler viele eigene Entdeckungen machen können, 
  • die Schüler in ihrem Tun erfolgreich sind, dass sie in ihrem Tun bestätigt werden und merken: „Ich kann das“,
  • die Schüler selbst auf Lösungen kommen können,
  • es möglich ist, sich gegenseitig zu helfen,
  • die Ergebnisse (Teddys) gelingen und geliebt werden,
  • ich diese Arbeit im Rahmen der üblichen Vor- und Nachbereitungszeit einer Handarbeitsstunde betreuen kann.


Indikatoren

  • Eine emsige Arbeitsatmosphäre bei gleichzeitiger Gelassenheit aller Beteiligten im Raum werden für mich wichtige Indikatoren sein. Wie aufgeregt, unruhig oder frustriert werden die Kinder durch diese Arbeit sein? Oder anders herumgefragt: Erfordert diese Arbeit genügend Aufmerksamkeit, um eine innere Spannung zu halten? Oder ist sie einfach uninteressant, so dass die Schüler in Privatgespräche abdriften?
  • Wie wird es mit der Warteschlange am Lehrertisch aussehen? Werde ich mich den schwächeren Schülern besser widmen können?
  • Werden die Schüler ihre Teddys schon während des Entstehens lieben und sich auch innerlich aktiv um das gute Gelingen bemühen?
  • Wie zügig werden die Kinder mit der Arbeit voranschreiten? Gelingt die Fertigstellung noch in diesem Schuljahr, evt. mit zusätzlicher Kleidung?
  • Gelingt ein etwas späterer Einstieg (weil ein Schüler zuvor noch eine andere Arbeit fertig gestellt hat)? Kann der spätere Einstieg evtl. mit häuslicher Arbeit selbstständig ausgeglichen werden?
  • Werde ich doch mehr Hand anlegen als beabsichtigt, weil das Gelingen sonst in Frage gestellt ist?


Beteiligte Schüler

Die 3. Klasse ist für den Handarbeitsunterricht geteilt, hat also pro Gruppe 17 bzw. 18 Schüler. Jeder Schüler hat zwei Stunden in der Woche, je 45 Min., die im Stundenplan in der 5. Stunde, also am Ende des Schultages liegen.


Zeitlicher Rahmen des Projekts

Das Projekt beginnt im März und endet mit den Sommerferien im Juni 2011.

Benötigte Mittel

Es werden keine besonderen Mittel benötigt.
 

Abschlussbericht

Diese neue Arbeit fand gleich großen Anklang, nachdem sie von mir vorgestellt und das von mir mitgebrachte Teddy-Modell von den Kindern betrachtet (und von einigen auch in die Hand genommen) worden war. Ich hatte den Eindruck, dass die Kinder sich von der Idee, sich selbst einen Teddy zu stricken, unmittelbar angesprochen fühlten. Nach der Vorstellung des neuen Unterrichtsprojekts malte ich einen Teddy an die Tafel und versah ihn anschließend mit entsprechenden Maschen- und Reihenangaben. Diese „Arbeitsanleitung“ malten sich alle Kinder in ihr Heft. Einige waren zügig fertig und begannen sogleich mit dem Stricken. Andere malten lange, intensiv, ausführlich oder waren einfach langsam. Hier durfte ich nicht ungeduldig werden, denn manch einer genoss das Malen einfach. Bei der Wahl des Materials nahmen sie staunend zur Kenntnis, dass die Stärke des Garns die Größe des Teddys beeinflussen würde, und ließen sich entsprechend ihrer Wünsche von mir beraten. Schon nach wenigen Stunden wurde der von mir angezeigte Tatbestand sichtbar, doch bis zum Schluss wiesen sich die Kinder gegenseitig immer wieder auf die unterschiedlichen Größen trotz „gleicher Arbeit“ hin. Als das Tafelbild nach einigen Stunden weggewischt werden musste, schlugen die Kinder die entsprechenden Angaben in ihren Heften nach. Sie standen also wegen dieser Fragen nicht mehr in der Schlange am Lehrertisch. Manche holten sich das Heft gleich zu Beginn der Stunde, andere erst, wenn es benötigt wurde. Dabei stellten die Kinder fest, dass es egal war, in welches Heft man guckte, da in allen das gleiche stand. Außerdem reichte es, ein Heft pro Tisch liegen zu haben, denn alle konnten es benutzen. Die Erkenntnis, dass eine Arbeitsanleitung etwas Allgemeingültiges ist, brauchte von meiner Seite nicht ausgesprochen zu werden, da es von den Kindern selbst erfahren wurde. Immer wieder mussten die gestrickten Reihen gezählt werden, um entscheiden zu können, ob ein Arbeitsabschnitt abgeschlossen und der nächsten begonnen werden konnte. Zunächst erwarteten die Kinder von mir, dass ich ihre Ergebnisse überprüfte. Ich wies das stets zurück, zeigte ihnen aber, wie durch Dehnen des Strickstücks das Erkennen der Reihen leichter wurde (besonders bei fester Fadenspannung). Einige entdeckten, dass ein kleiner Markierungsfaden hilfreich war. Man konnte so einen Abschnitt kennzeichnen und musste nicht immer wieder von vorne mit dem Zählen beginnen. Andere stellten fest, dass das Zählen durch das Antippen mit der Stricknadel oder dem Finger leichter wurde. Erstaunlich war für mich, dass offensichtlich nicht jeder die entdeckten Arbeitshilfen der Mitschüler nutzen und übernehmen konnte. Anscheinend handelt es sich hier um Abstraktionsmöglichkeiten/Prozesse, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht jedes Kind für sich nutzen konnte. Deshalb musste manches Kind immer wieder von vorn beginnen, weil es sich verzählt hatte. Zuweilen halfen andere Kinder mit. Ich hatte den Eindruck, es verging dadurch bei einigen viel Zeit mit der Zählerei, in der sie nicht mit der „eigentlichen Arbeit“ voranschreiten konnten. Obwohl ich weiß, wie wichtig dies ist, um einen eigenen Überblick zu bekommen und sich mit solch einer Tätigkeit besser im Zahlenraum zu beheimaten, merkte ich, wie sehr ich hier mit meiner Ungeduld kämpfte und am liebsten eingeschritten wäre. Aber auch wegen solcher Fragen stand nun kein Kind mehr am Lehrertisch in der Schlange. Es wurde schnell deutlich, dass ich mich viel stärker den hilfsbedürftigen Kindern zuwenden konnte. Sie profitierten davon, indem auch sie besser vorankamen bzw. schneller die nötige Unterstützung erhalten konnten. Sie waren mir deutlicher im Blickfeld/Bewusstsein und schienen dies auch zu genießen. Ich staunte, wie einige, obwohl mit ganz anderen Aufgaben befasst, den Entstehungsprozess der Teddys innerlich mitvollzogen. So wurde mir von einem Schüler mitgeteilt, dass der Teddy zunächst eine Hose sei, die rundgenäht und später mit Wolle ausgestopft werde. Diese Hose müsse auch unten zugenäht werden, damit daraus die Füße des Teddys werden könnten ...Eine andere Schülerin stellte fest, dass der Rumpf eigentlich das gleiche wie die Beine sei, „nur die Beine sind auseinander“. Dies ergab sich für sie aus der Maschenanzahl in der Anleitung: 36 =18 +18. Eine weitere Schülerin entdeckte später, als die Kleidungsstücke angefertigt wurden, dass ein Rock eigentlich das Gleiche wie eine Hose sei, „nur nicht zugenäht“. Da die Arbeiten zunächst noch nicht mit nach Hause gegeben wurden, waren einige Kinder ganz ungeduldig mit dem Vorankommen. Zwei von ihnen strickten jeweils parallel zu Hause das nach, was sie im Unterricht gemacht hatten. Eines Tages verkündeten sie stolz, dass sie nun auch Teddykinder in Arbeit hätten. Sie hatten die Idee gehabt, alle Angaben einfach zu halbieren, „da Kinder ja auch kleiner als Erwachsene seien“. Als sie sämtliche Strickstücke in einer der nächsten Stunden mitbrachten, staunten die anderen über diese vortreffliche Idee. Da die Teile noch nicht zusammengenäht waren, konnten auch andere Kinder ausprobieren, wie alles passend aufeinandergelegt wurde. Dabei vollzogen sie den Entstehungsprozess vorbereitend nach. Offensichtlich war all dieses auch sehr faszinierend für die kleineren Geschwister der beiden Mädchen, so dass die Mädchen ihnen das Teddystricken beibrachten (die Geschwister waren Erstklässler und somit Strickanfänger). Eine weitere Anleitung wurde von einer Schülerin für die Klavierlehrerin aufgeschrieben. Offensichtlich war die Anleitung durch das viele und vielfältige Arbeiten bereits so verinnerlicht, dass sie auswendig gekonnt wurde. Obwohl es stets die 5. Stunde, also ihre letzte Stunde war, kamen die Schüler mit Freude in den Unterricht und arbeiteten tüchtig mit. Sie waren gut orientiert über das, was sie schon geschafft hatten und das, was als nächstes anstand. Dadurch waren sie auch in der Lage sich gegenseitig zu unterstützen. Sie wirkten zufrieden, waren angeregt und innerlich sehr beteiligt, d. h. sie freuten sich schon sehr auf ihre fertigen Teddys. Ablenkende Privatgespräche gab es kaum; falls es doch einmal nötig wurde, zu eifrig ins Privatgespräch vertiefte Kinder zu trennen, kehrte jedes ohne zu Murren auf seinen „richtigen“ Sitzplatz zurück. Es waren Stunden, auf die auch ich mich freute, denn immer gab es etwas bei den Kindern und ihrem Arbeiten zu entdecken. Ich befand mich in einem Zustand aufmerksamer Gelassenheit und war sehr zufrieden, da auch die schwächeren Schüler genügend unterstützt werden konnten. Um mit der verbleibenden Zeit des Schuljahres gut hauszuhalten, durften die Kinder nach einigen Stunden die Arbeiten mit nach Hause nehmen. Wer sie dort vergaß, ärgerte sich meist selbst schon genügend, so dass es so bald nicht wieder geschah. Beim Zusammennähen benötigten die Kinder kaum Hilfe von meiner Seite. War eine Naht einmal nicht sorgfältig genug geschlossen, hielt ich mich zunächst noch zurück und wartete erst einmal das Stopfen ab. Dabei entdeckte das Kind die Stelle meist selbst und hatte das Bedürfnis sie auszubessern. Wenn es zu schwierig wurde, unterstützte ich mit ein paar Handgriffen. Auch hier lohnte sich das Abwarten für mich! Bei der Herstellung der Bekleidung hatte ich ein einfaches Oberteil und eine Hose gezeigt. Einige Kinder hatten diese Anregungen gerne aufgenommen und weitere Dinge daraus entwickelt. Hier wurde vieles in Heimarbeit geschaffen. Einige Kinder verabredeten sich, um am Nachmittag gemeinsam zu arbeiten. Die Teddys wurden wegen der nötigen Anproben immer wieder mit in die Schule gebracht und wurden dadurch auch von Außenstehenden bewundert, was die Kinder sehr genossen.

Ein Kind mochte den Teddy zwar leiden, wollte aber keinen stricken, da es bereits sehr viele Kuscheltiere besitzt („Es wird mir einfach zuviel, weißt Du? Ich mache lieber für alle einen Eierwärmer.“ Die Erleichterung, die aus diesem Satz sprach, betätigte für mich, dass es gut war dieses Thema in die Freiwilligkeit gestellt zu haben.)


Zusammenfassung

Die im Projektplan notierten gewünschten Ergebnisse sind sämtlich eingetroffen. Die Kinder arbeiteten freudig, fühlten sich ihrer Arbeit verbunden und kamen mit großer Selbstständigkeit voran. Sie konnten viele eigene Entdeckungen machen und erlebten sich als erfolgreich. Bei kleineren Problemen kamen sie selbst auf eine Lösung bzw. halfen sich gegenseitig, statt sogleich zu mir zu gehen. Ihre Teddys gelangen gut und wurden von ihnen geliebt. Ich selber konnte meine Arbeit im Rahmen der üblichen Vor- und Nachbereitungszeit durchführen und hatte überdies mehr Möglichkeiten als sonst, um mich denjenigen Kindern zuzuwenden, die besonderer Unterstützung und Hilfe bedurften.


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