Tätigkeitsberichten 2007

Sozialpraktikum von Schülern der 11. Klasse der Rudolf-Steiner-Schule Schwabing vom 2. Juni bis zum 23. Juni 2007

Einleitung von Adrian Stuhlfelner

Im sechsten Jahr kommt nun die elfte Klasse der Waldorfschule München Schwabing im Rahmen des Sozialpraktikums nach Rumänien in das kleine Dorf Roşia in der Gegend Transsilvanien, um den Menschen hier zu helfen und ein Mindestmaß an Lebensstandard aufzubauen.

 

Die Häuser des Dorfes sind großteils in einem denkbar schlechten Zustand: Sie haben undichte Dächer und Wände, sind zugig und drinnen leben für unsere Begriffe Großfamilien auf engstem Raum eingepfercht zusammen. Besonders im Winter haben die Bewohner des Unterdorfes in Roşia unter den empfindlich kalten Temperaturen zu leiden.

Jedoch nicht nur die Häuser sind verbesserungsbedürftig, auch der Umgang untereinander ist es: Die Erziehungsmethoden erscheinen uns fragwürdig; denn ein hohes Maß an Gewalt gegen die Kinder führt auch zu Gewalt und gesteigerter Brutalität untereinander.

 

Die Waldorfschule Hans Spalinger ist für die Kinder und Jugendlichen des Dorfes eine der wenigen Möglichkeiten, einen landwirtschaftlichen Schulabschluss zu machen und somit Aussicht auf ein höheres Gehalt als qualifizierter Arbeiter zu bekommen. Von der Schule geht unser Projekt aus. Wir, 24 Schüler - 7 Mädchen und 17 Jungen - schlafen dort in 2 Klassenzimmern auf Matratzen auf dem Boden. Die Zahl ist so groß wie noch nie, was nicht zuletzt auf die Begeisterung und den Erfolg der Schüler letzten Jahres zurückzuführen ist.

 

Wir arbeiten 3 Wochen lang an den Häusern der Schüler und teils auch an arg zerfallenen anderer Dorfbewohner, und wir streichen die Schule und das Kantinengebäude neu, in dem wir untergebracht sind. In dieser Zeit verfaßt jeder Schüler über einen Tag einen Bericht. Er schreibt über die erledigte Arbeit, besondere Vorfälle und bewegende Ereignisse. Wir sind in 3 etwa gleich große Gruppen eingeteilt, von denen 2 unten im Dorf und eine oben an der Schule arbeiten.

 

Ein Tagesablauf sieht folgendermaßen aus:

  • Um kurz vor halb 8 stehen wir auf und frühstücken um halb 8 Uhr.
  • Um halb neun Uhr beginnt die Arbeit.
  • Wir arbeiten bis 12 und machen dann bis 13 Uhr Mittagspause.
  • Von 15 bis 18 Uhr arbeiten wir nach dieser Pause.
  • Um 19 Uhr wird zu Abend gegessen.
  • Gegen 20 Uhr wird noch mal gemeinsam der vergangene Tag besprochen.
  • Dann ist Feierabend.
  • Um 23 Uhr beginnt die Bettzeit, und um 24 Uhr heißt es "Licht aus!"

Diese Angaben sind allerdings keine Regeln, sondern Richtlinien. Oftmals wurde länger, manchmal auch kürzer als vorgesehen gearbeitet.

Die Verpflegung, die wir hier erhalten, ist mittags die gleiche wie sie die rumänischen Schüler auch essen, nur etwas zeitversetzt. Abends bekommen wir Suppe und einen Hauptgang. Morgens gibt es Haferflocken, Joghurt, Weißbrot mit Nussaufstrich, Wurst, Käse, Marmelade, Honig, Butter und Margarine. Wurst ist eine Besonderheit, für die Kinder hier kaum zu haben.

An den Wochenenden machen wir Ausflüge. Wir waren am Samstag, dem 9. Juni, in der europäische Kulturhauptstadt 2007, in Sibiu (früher Herrmannstadt). Außerdem besuchten wir am Sonntag den Markt, und wir badeten in einem Salzsee. Am Samstag, dem 16. Juni, fuhren wir mit Pferdekutschen in der näheren Umgebung spazieren, und am Sonntag machten wir einen Ausflug in die Karpaten, wo wir grillten.

 

Sonntag, 3. Juni 2007
Tagesbericht von Philipp Frisch

In Roşia angekommen, bekamen wir erst mal eine leckere Brotzeit, die uns nach der langen und ermüdenden Zugfahrt sehr aufbaute. Nach dem Essen wurden uns die zwei Schlafsäle - eigentlich die Klassenzimmer der Jahrgänge 9 und 10 - gezeigt, in denen wir es uns gleich gemütlich einrichteten. An diesem Tag arbeiteten wir noch nicht, war ja Sonntag! Allerdings wurde uns die Geschichte der Waldorfschule in Roşia erzählt, und wir bekamen Einblicke in die zukünftigen Pläne des Projekts.

Die Waldorfschule hat ihr Entstehen nicht zuletzt einer Zwölftklassjahresarbeit zu verdanken, in der Frau Wiekens Tochter über die Roma schrieb und das Ziel der Regierung, sie zu alphabetisieren. Nun bietet die Schule ihren Sprösslingen auch einen Qualifizierten Abschluss, mit dem sie auf eine bessere Bezahlung setzen können. In der Zukunft hofft die Schule auf einen eigenen Bauernhof, mit dem sie Arbeitsplätze schaffen kann und ihre Kosten teilweise decken will.

Als wir uns dann das Angebot der Supermärkte, die zu unserem Glück nur 50m von der Schule entfernt waren, anschauen wollten, wurden wir sofort von den Dorfjugendlichen zum Fußballspielen aufgefordert. Dabei stellte sich heraus, dass ihnen besonders wichtig ist, uns zu besiegen: Sie scheuten keine Mittel, um ihr Ziel zu erreichen. Dieser unglaubliche Drang, uns zu besiegen oder zu zeigen, dass sie um einiges stärker sind als wir, war über die ganze Zeit, die wir in Rumänien verbrachten, erkennbar. So wurden wir z.B. sehr häufig zum Armdrücken aufgefordert, einige kräftigere von uns bekamen auch das Angebot, in einem reißenden Fluss gegen die einheimischen Konkurrenten zu schwimmen. Zudem war deutlich sichtbar, wie sie, falls sie kein T-Shirt anhaben, immer ihre Muskeln anspannen. All diesen Provokationen versuchten wir aus dem Weg zu gehen, doch Ignorieren verstärkt das Problem; so wurden wir z.B. am Anfang „nur“ mit Stöckchen beworfen, in der zweiten Woche bereits mit Steinen von 5 cm Durchmesser.

Ganz im Gegensatz zu den älteren Jungen aus dem Dorf, wurden wir von den meisten kleineren sehr bewundert, was natürlich auch eher nervig sein kann.

Nachdem wir das Fußballspiel verloren hatten, da 5 Schüler von uns gegen 9 Rumänen antraten, schauten wir uns gemeinsam mit Herrn Kraus das Dorf an und besprachen, welche Häuser wir reparieren wollen. Wir entschieden uns für 5 Häuser, die sich in einem sehr schlechten Zustand befanden.

Dies war der Moment, in dem ich zum ersten Mal feststellte, in welcher Armut diese Menschen leben, und dass sie unsere Hilfe wirklich benötigen. Den Rest des Tages verbrachten wir nur noch liegend, auf unseren Betten.

 

Dienstag, 5. Juni 2007
Tagesbericht von Frederick Schofield

Während Gruppe 1 ihre Arbeit an der Schule fortsetzte (sie schliff und verspachtelte das Schulgebäude von außen), gingen die 2. und 3. Gruppe ins Unterdorf. Die Gruppen teilten sich in Mädchen und Jungen auf; erstere strichen das am Vortag bearbeitete Haus blau an, die Jungen nahmen ein neues Projekt in Angriff: Wir mussten ein ziemlich undichtes Hausdach reparieren.

Zuerst wurden die Dachziegel abgedeckt, die kaputten aussortiert, die brauchbaren neu eingesetzt. Unter vielen Ziegeln waren Wespennester versteckt, die man mit der Hand zerquetschen musste. Wer auf dem Dach eines Hauses sitzt, bekommt besser einen Überblick über dessen Größe. Es ist aber fast unmöglich festzustellen, wer in welchem Haus wohnt bzw. wie viele in einem Haus wohnen, da jeder bei jedem ein- und ausgeht. In "unserem" Haus wohnen 3 Kinder, ihre schwangere Mutter und ihr Mann, außerdem noch 2 Hunde. Ihr Haus hat 3 Zimmer, von denen eines wegen Schimmel und Feuchtigkeit nicht benutzt wird. Nachdem wir 25 Prozent der Ziegel weggeworfen hatten, bedeckten wir das dadurch entstandene Loch mit gewellter Dachpappe. Die nagelten wir an den Dachstuhl und verdichteten die Lücke zwischen Dachziegel und Dachpappe mit Zement.

Eine andere Sache fiel mir auf dem Dach auf: Die Brutalität der kleinen Kinder untereinander ist erschreckend. Ich beobachtete, wie ein etwa 3-jähriges Kind mit einer Peitsche auf sein ca. 1-jähriges Schwesterchen einschlug. Ich frage mich, was das Kind in 5 Jahren machen wird oder in 10.

 

Donnerstag, 7. Juni 2007
Tagesbericht von Daniel Hahn

[…] Trotz all dieser negativen Ereignisse kann ich auch von erfreulichen Kontakten berichten. So gab es Kinder, die uns gerne und mit großem Einsatz halfen. Ein Junge, der schon vor unseren Augen brutal geschlagen wurde, blühte auf, als ich mit ihm gemeinsam Musik hörte. Er erkannte die Sprache der orientalischen Lieder und begann zu singen. In diesem Augenblick riss die Wolkendecke auf, die Sonne begann zu scheinen und Engelsgesang ertönte: Die Vögel erhoben sich von den kahlen Ästen und sangen gen Himmel in jubelnder Stimme im Chor mit Gott Vater.

 

Freitag, 8. Juni 2007
Tagesbericht von Samuel Andert

Am heutigen Tag schraubten wir unten im Dorf im gestern restaurierten Haus die letzten Rigipsplatten an die Decke. Daraufhin verspachtelte eine kleine Gruppe die Löcher, Spalten und Ecken. Inzwischen ging ich mit ein paar anderen zu einem Haus, das einen sehr wackeligen Eindruck machte. Die Wände bestehen aus einer Art Zement, der wie angestrichene Erde mit Wurzeln aussieht und stark bröckelt. Doch unsere Aufgabe war das Dach, das hauptsächlich mit Dachpappe und vielem anderen abgedeckt ist. Darunter sind Bleche, Bodenbeläge und dergleichen mehr.

Nun geht es für uns auf das Dach, also muss erst mal das alte „Zeug“ runter. Das Ganze ist nicht so einfach, da die Dachlatten unter der Pappe sehr dünn sind und das Bewegen auf dem Dach somit sehr gefährlich ist. Es bringt sehr hohen Nervenkitzel, macht aber auch ganz schön Spaß. Bald ist alles heruntergenommen, und wir haben ein Skelett aus Dachbalken und Querstreben vor uns. Wir hämmern neue Latten dazu und nageln Welldachpappe darauf. Spezielle Nägel sorgen dafür, dass das Dach gut hält. Dieses Haus ist fast fertig geworden, allerdings muss morgen noch ein Viertel gedeckt werden, da leider die Platten ausgegangen sind.

Der zweite Arbeitsplatz ist ebenfalls ein sehr wackeliger Bau und eine bröselige Angelegenheit. Hier soll wieder die Decke mit Rigipsplatten verkleidet werden, doch da diese aus ähnlichem Schlammzement sind wie die Vorgänger, bröselt beim Annageln der "Haltelatten“ alles ab. Bald entwickelt sich weißer Staub, der Hustenreiz und Atembeschwerden bringt. Die Arbeit wird dadurch erschwert, kann aber weitergeführt werden. Ein kleines Mädchen, das in diesem Haus wohnt, hat Asthma, folglich jetzt besondere Schwierigkeiten. Die Mutter kümmert sich jedoch nicht um das Mädchen, überlässt es einfach dem Staub. Der Hausherr engagiert sich sehr und hilft überall mit, doch bald nimmt er alles in seine Hände, und wir können kaum mehr mithelfen. Einige von uns beschäftigen sich nun mehr mit den Kindern vor Ort, doch die Beschäftigung nimmt einen sehr negativen Verlauf, da sie unverschämt und gewalttätig werden: Sie schmeißen mit Steinen herum und treffen dabei einen ihrer kleinen Freunde am Kopf. Der Junge fängt an, laut zu weinen, und man kann schnell eine kleine Platzwunde erkennen. Seine Mutter kommt mit einem wirklich dreckigen Lappen und wäscht ihm damit die Wunde aus. Ich will nicht wissen, wie viele Bakterien in diesem Lappen hausen.

Auch beim Hausherrn klappt nicht alles wie geplant. Er verschneidet einen Großteil der Platten. So entsteht am Ende eine von kleinen Stücken bedeckte Decke, die mangels Kitt nicht vollendet werden kann, aber übers Wochenende von den Hausbesitzern fertig gemacht wird. Trotz aller Schwierigkeiten und dieses kleinen Unfalls können wir den Arbeitstag zufrieden beenden.

Das andere Projekt, der Neuanstrich der Schule, kommt stetig voran: Heute sind Fenster- und Türrahmen dran. Sie sind abzukleben und dann blau zu streichen. Die Arbeit wird zwar immer noch von einheimischen Schülern gestört, aber nach Überstunden, als alle anderen schon essen, noch fertig. Respekt vor dieser Gruppe, die nun eine ganze Woche tapfer bis zum Ende durchgearbeitet hat!

Die Menschen im Dorf gehen teilweise sehr robust miteinander um. Doch heute spielte ich mit drei kleinen Kindern zusammen Ball. Sie warfen sich auch bald untereinander den Ball zu und hatten jede Menge Spaß. Die Kleinste lachte und lachte. Auf der anderen Seite verhauen sich die Kinder plötzlich aus dem Nichts, machen grimmige Gesichter, sind unfreundlich und nervig. Bei den Kleineren jedoch sieht man: Sie sind froh, dass Menschen da sind, die ein bisschen mit ihnen spielen und ihnen Aufmerksamkeit geben.

Der Zustand der Häuser, aber auch das Verhalten der Menschen scheint hoffnungslos zu sein. Wer jedoch in die großen Augen der kleinen Kinder blickt, verspürt den Wunsch, ihnen zu helfen, sich ihrer Entwicklung und ihrem Schicksal zu widmen und ihnen zu einer besseren Zukunft ohne alltägliches Herumlungern in Armut, Langeweile und Gewalt zu verhelfen.

 

Montag, 11. Juni 2007
Tagesbericht von Jakob Ritzenhoff

Gut erholt vom Wochenende starteten wir in eine neue Woche, wobei die Vorfreude sich einzig auf den Abend konzentrierte, da Adrians Geburtstagsfete anstand. Doch erst mal wartete auf uns die Arbeit, die wir, an neue Plätze verteilt, antraten.

Die dritte Gruppe begann mit dem Ausbessern der zurückgelassenen Versäumnisse der vorherigen Gruppe am Schulhaus und grundierte das Kantinengebäude für das darauffolgende Streichen.

Die erste und zweite Gruppe war zusammen unten im Dorf damit beschäftigt, ein schon ziemlich ramponiertes und durch Brand geschädigtes Hausdach abzudecken. Eine sehr anstrengende Aufgabe, da das gesamte Dachgerüst ebenfalls erneuert werden musste. Wir begannen möglichst vorsichtig (mit ein paar Ausnahmen), die Ziegel zu entfernen, wobei kaputte von ganzen zu unterscheiden waren. Danach wurden morsche Dachstuhl-Latten und rostige Nägel entfernt. Da alle Mitglieder der ersten und zweiten Gruppe fleißig mithelfen wollten, entstand ein ziemliches Chaos. Das führte nicht nur zu einer unkontrollierten Abfolge der Hammerschläge, sondern auch zu einem kleinen Unfall.

Den Betroffenen - ausgerechnet das Geburtstagskind des heutigen Tages - traf durch einen misslichen Zufall ein Holzsplitter ins Auge. Damit nicht genug, Adrian schlug unkontrolliert aggressiv und mit voller Wucht gegen eine Holzlatte, traf aber nicht die, sondern seinen Daumen.

Zum Unglück begann es auch noch zu regnen, woraufhin wir die Arbeit unfreiwillig ablegten. Besorgt um Adrian und dessen Party, die wahrscheinlich nun buchstäblich ins Wasser fallen würde, traten wir den Heimweg vom Unterdorf zum Schulgebäude an. Doch Adrian kämpfte wacker gegen den Schmerz an, und auch das Wetter freute sich so sehr darüber, dass die Fete schließlich doch stattfinden konnte. So wurde gegrillt, und einige konnte ihre Spielschulden gegenüber Adrian in Form eines Bieres einlösen. Es wurde ein unvergessliches Fest für Adrian und die anderen.

Da es mein erster Arbeitstag unten im Dorf war, wirkte der desolate Zustand mancher Häuser stärker auf mich. Dadurch empfand ich meine Arbeit als wirklich sinnvoll und hatte Freude daran, den Menschen ein kleines Stück von Hoffnung zu geben.

 

Mittwoch, 13. Juni 2007
Tagesbericht von Max Pinnau

[…] Was mir in der Zeit des Praktikums am meisten auffiel, war die zum Teil herrschende Gleichgültigkeit gegenüber dem Zustand eines bewohnten Hauses. Viele Häuser haben hier nur provisorische und nicht belastbare Dächer, welche die darunterliegenden Räume nur notdürftig vor Regen schützen. Doch findet sich auf ihnen fast immer eine Satellitenschüssel, die wahrscheinlich mit einer monatlichen Grundgebühr bezahlt werden muss. Sind die Menschen hier wirklich so abhängig vom TV, dass sie nichts gegen den Verfall ihrer Häuser machen können - also die Schüssel abmontieren und vom so eingesparten Geld Dachpappe kaufen? Auch könnte auf diese Weise Fernsehzeit zu Arbeitszeit werden. Aber leider ist es nicht so einfach, und natürlich habe auch ich keine Lösung. Doch kann ich einfach nicht fassen, dass auf fast jeder Hütte - sei sie auch noch so klein und der Lehm schon vom Astgerüst abbröckelnd, das die Mauer ergibt - eine Sat-Schüssel montiert ist. Ein Bild, das mir anfangs sehr gegensätzlich und merkwürdig erschien, sich mir aber jetzt schon harmonisch und nicht mehr ungewöhnlich darstellt.

 

Freitag, 15. Juni 2007
Tagesbericht von Jakob Soltau

[…] Alle waren am Ende dieser Arbeitswoche erschöpft und froh, sich am Wochenende erholen zu können, um dann in der letzten Woche noch einmal mit neuem Schwung im Unterdorf und an der Schule den Leuten zu helfen.

Eine Frage und die damit verbundenen Erlebnisse beschäftigten mich das ganze Praktikum hindurch: Weshalb sind manche Leute uns gegenüber teilweise so undankbar, obwohl wir ihnen helfen?

Als meine Gruppe und ich an einem Haus einen Zaun bauen wollten, stellte die Besitzerin des Hauses hohe Ansprüche an uns: Sie wollte, dass wir am Samstag bei ihr den Zaun errichten und tief einbetonieren – ein unsinniges und nur Zeit verschwendendes Unterfangen, da er nicht das gesamte Haus umfasste. Auch sonst fühlten wir, meine Mitschüler und ich, uns von ihr behandelt. als würde sie denken, sie bezahle uns.

Ein anderes Mal fanden wir nach getaner Arbeit einen Hammer nicht mehr; wir suchten die Gegend ab und erst als Lazlo sich lautstark mit den Hausbesitzern stritt, war er auf einmal wieder da. Diese Ereignisse waren nicht die einzigen ihrer Art; häufiger wurden wir unfreundlich empfangen. Das frustrierte uns persönlich, da wir für die anstrengende Arbeit keinen Dank bekamen.

Ich habe mich gefragt: Wieso werden wir so behandelt? Aus Filmen von früheren Jahren hatten wir den Eindruck, dass dieses Verhalten neu war. Von unseren Vorgängern hörten wir immer wieder, wie freundlich und dankbar sich alle Hausbesitzer gezeigt hätten.

Woher kam also dieser Wandel der Einstellung uns gegenüber? Einerseits könnte die Ursache in der Häufigkeit und Selbstverständlichkeit liegen, mit der unsere Klassen im Dorf helfen. Vielleicht denken sich die Bewohner inzwischen: "Die machen das schon“. Andererseits sind eventuell die Häuser nicht mehr so stark beschädigt wie früher, fallen folglich das Verlangen nach Renovierung und der Dank nach getaner Arbeit kleiner aus. Bis zum Ende des Praktikums konnte ich diese Frage nicht zufriedenstellend beantworten. (Aber es gab auch hilfreiche Hausbesitzer, die uns bei der Arbeit richtig unterstützten oder uns sogar Essen brachten.)

 

Mittwoch, 20. Juni 2007
Tagesbericht von Andrea Wichmann

[…] Nach Feierabend gab es Abendessen und die anschließende Besprechung, bei der alle von ihrem Arbeitstag berichteten.

Wie so oft schon waren auch an diesem Abend noch einige Kinder aus dem Dorf bei uns. Dann lachen sie meistens und spielen überschwänglich mit uns. Wenn man ihnen dagegen im Dorf begegnet, wo sie ihre täglichen Pflichten erfüllen, sind sie viel ernsthafter. Manche winken uns verlegen zu, andere kommen stolz zu uns und wollen ihre Familien vorstellen.

Man merkt sofort, dass die Schule den Kindern die Möglichkeit gibt, ein Stück Kindheit so zu erleben, wie wir es bei uns kennen. Ich bin dankbar, ein solches Projekt unterstützen zu dürfen.

 

Donnerstag, 21. Juni 2007
Tagesbericht von Jana Reiter

[…] Obwohl jeder in den letzten 3 Wochen sehr viel dazu gelernt hat und wir alle sehr viel Spaß hatten, glaube ich, dass jeder sich nach seiner Heimat sehnte und froh war, wieder zurückzukehren.

Ein persönlich schöner Moment für mich war, als eines der Roma-Kinder, Kassandra, mich in ihr Haus zerrte, den Fernseher (in dem gerade Musikvideos gespielt wurden) mit voller Lautstärke anmachte und einfach zu tanzen begann. Als sie mich aufforderte , auch zu tanzen, und ich das auch tat, war ich so überwältigt von der Freude in ihrem Gesicht, dass ich mir dachte: Diesen Moment werde ich so schnell nicht wieder vergessen. Es ist so beeindruckend, dass die Kinder, obwohl sie unter so erbärmlichen Verhältnissen leben, so viel Lebensfreude ausstrahlen.

 

Freitag, 22.Juni 2007
Tagesbericht von June Yasargil

[…] Nun begann ein endloses Warten auf den Bus, der schließlich mit 20 Minuten Verspätung eintraf.

Uns allen fiel es schwer, die einheimischen Kinder und das Dorf zurückzulassen, wo wir viel geleistet hatten und das uns trotz der fremden Kultur doch sehr nahe gekommen war. Es gab Tränen, und in den großen, dunklen Augen der kleinen Kinder konnte man die Enttäuschung und Trauer über unsere Abreise erkennen.

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