Klasse 8

Als Klassenlehrer der FWS Mainz schreibe ich seit vielen Jahren Überblicke zu den Tätigkeitsfeldern in den jeweiligen Klassenstufen (menschenkundliche Situation und zu den einzelnen "Fächern"). Diese habe ich (als ausbaufähige Skizze) immer auch an Kollegen (z.B. bei den Lehrerseminaren) oder Eltern weitergegeben. Diese Lehrplanübersicht versteht sich als Entwurf und nicht als verbindlicher Lehrplan.

Dr. Torsten Meyer-Oldenburg © (Stand Juli 2011)

Ergänzungen & Kritik bitte an: tmold@t-online.de

 

Orientierungsrahmen zu Unterrichtsinhalten und Tätigkeiten in der 8. Klasse

Die Schülerinnen und Schüler sind nun Jugendliche geworden. " Es geht um „Revolution - Umwälzung - neue, eigene Orientierung! Das war wohl schon sehr lange so. Sokrates schrieb vor 2300 Jahren:

„Sie scheinen jetzt das Wohlleben zu lieben, haben schlechte Manieren und verachten die Autorität, sind Erwachsenen gegenüber respektlos und verbringen ihre Zeit damit, herumzulungern und miteinander zu plaudern. Sie widersprechen ihren Eltern, nehmen Gespräch und Gesellschaft für sich allein in Anspruch, essen gierig und tyrannisieren ihre Lehrer."

Körperlich setzt sich die rasante Entwicklung fort; das Längenwachstum verschiedener Glieder scheint fast sichtbar; Müdigkeit, Disharmonie, Tapsigkeit und Abgeschlafftheit können die Folge sein. Die Mädchen werden zu Frauen, die Buben zu Männern. Nicht selbstverständlich ist dem sich stark verändernden Körper gegenüber Wohlwollen vorhanden, einiges ist mit Scham, Ängsten, und Unwohlsein besetzt. Der Körper wird auch - besonders bei Mädchen, aber zunehmend auch bei Jungen - Objekt der Gestaltung und Präsentation. Das Vorbild von Mutter und Vater bleibt hier weiterhin sehr wichtig. Parallel zum Umbau des Körpers geschieht ein Umbau auf allen anderen Ebenen:

Mit dem Beginn des dritten Lebensjahrsiebtes (ab dem 14. Jahr) wird in der Waldorfpädagogik die „Geburt des Astralleibes" verbunden, insbesondere wird hier das Gefühlsleben zunehmend eigenständiger und individueller. Dafür wird das Seelenleben oft erst einmal chaotischer, verwirrender und zeitweilig unglücklicher, da man sich von Bekanntem trennt, ohne dass das Neue bereits tragfähig sein muss oder kann (dies ist auch aus der Zeit des Rubikons bekannt). Folglich steigt die Sensibilität z. B. gegenüber (vermeintlichen) Ungerechtigkeiten und zeigt auf diese Weise den persönlichen Kampf zwischen Sein und Sollen. Die Gefühlswelten ziehen stark in ihren Bann und mit eigenen Urteilen treten die Jugendlichen der Welt entgegen, setzen sich ab und versuchen sich in Selbstständigkeit und Freiheit nach dem Prinzip „hier stehe ich". Dabei erleben sie sich selbst seelisch-geistig aktiv und dies allein bereitet Freude! Sie diskutieren gerne, ja endlos, ohne dass es in erster Linie um die Ursprungssache und einzelne Argumente gehen muss (Im Fach Deutsch behandelt man daher jetzt die Stilistik). In der Pubertät ist das Mittel der Darstellung und Interaktion gerne die Provokation. Die Jugendlichen messen sich mit ihrer Umwelt, experimentieren und behaupten, sie handeln nach ihrem eigenen Kopf und suchen Vorbilder auch außerhalb der Familien. Diesen Kontroversen sollte man sich daher als Erwachsener auch, wenn auch nicht immer, stellen. So ist es wichtig, aus dieser neuen inneren Erfahrung fremde Perspektiven (vgl. die Biographien in Deutsch, die Dreidimensionalität in Geometrie, mehrere Fluchtpunkte in der Kunst) in der Welt kennenzulernen.

Rein äußerlich neigen die Jungen zum Flegeln, die Mädchen zum Kokettieren und zum erstaunlich selbstbewussten Auftreten. Trotz und zugleich aufgrund der starken Eigenperspektive erleben die Jugendlichen vielfach existentielle Fragen, Sorgen und Entwicklungen anderer Menschen in großer Tiefe.

Zugleich wird auch das Denken stärker und mit ihm steigt das Interesse an der konkreten und materiellen Welt und ihren realen Verhältnissen, Zusammenhänge u.a. Kausalitäten und Gesetzen und Auseinandersetzung mit diesen. Diesem Bedürfnis sollen z. B. die naturwissenschaftlichen Fächer sowie die Mathematik und Geometrie (z. B. beim Koordinatensystem) oder Geschichte (z. B. zur industriellen Revolution) Rechnung tragen. Es findet eine Wandlung von einem mehr vorstellungsgebundenen Denken zu einem begrifflichen, abstrakten Denken statt.

Auf diese Weise wird ein eigener Standort und eine Orientierung gesucht, erworben und bewusst eingenommen sowie im Ideal auch die unterschiedlichen Standorte der anderen Menschen wahrgenommen - als eine wichtige Voraussetzung, um alle jeweiligen Standorte auch tatsächlich achten zu können. All dies hilft, die eigene Identität zu finden und zu entwickeln. Die größere Selbstständigkeit kann und soll im täglichen Unterricht und Tun geübt werden und wird beispielsweise bei der 8.-Klassarbeit, dem eigenen „Zeugnisspruch" (der gut selbst gewählt werden kann), einer Lernzielvereinbarung oder dem Theaterspiel herausgefordert. Die Schule als Lebensraum soll dem Jugendlichen, neben dem Elternhaus, immer wieder Gelegenheiten geben, ihre Selbstständigkeit zu erproben und zu erweitern (z. B. in aufgabenorientierten Epochen).

Ein wichtiges Ziel im 8. Schuljahr ist es, Einzelphänomene aus den Fächern der vorangegangenen Schuljahre abzurunden und im Idealfall zu einem Ganzen zusammenzufügen (z. B. räumlich in Geografie im Überblick, zeitlich in Geschichte bis zur Neuzeit oder künstlerisch in der Musik im Quintenzirkel bzw. in aufgabenorientierten Projekten).

Mit dem Ende der Klassenlehrerzeit beginnt dann in der 9. Klasse die Oberstufe.

 

Deutsch

(Anzahl: 1 separate Epoche)

  • Lesen von Lektüre z.B. Novellen, Dramen, Balladen, aus dem Idealismus (Goethe und Schiller)
  • Stilistik in Satzbau und Wortwahl (insbesondere nach den Temperamenten), Schönheit, Angemessenheit, Wirkung und Macht der Sprache: Stilmöglichkeiten kennen lernen und den eigenen Sprachstil suchen
  • erste Metrik (Verslehre) und Poetik (Dichtkunst)
  • Biographien z. B. von Gandhi, Albert Schweitzer, Martin Luther King, Florence Nightingale, Goethe, Schiller (mit Auszügen von z. B. Götz von Berlichingen, Die Leiden des jungen Werther, Wilhelm Tell)
  • Präsentation eines eigenen „Zeugnisspruches", welcher persönlichen Ideale zeigt und in die Zukunft weisen soll
  • 8.-Klass-Theaterspiel
  • Biografiearbeit und -referat: Interview mit einem älteren Menschen, Vergleich der Lebensverhältnisse zu heute und ihre Lebenserfahrungen, Verschriftlichung des Referats und Vortrag zu Unterrichtsthemen, aktuellen Themen des Zeitgeschehens
  • Rezitation dramatischer Szenen und wie stets Gedichte etc. zu den Unterrichtsthemen

 

Mathematik

(Anzahl: 2 Epochen und in Übstunden)

  • Wiederholung von Bruchrechnen, Quadrieren und Radizieren, Gleichungen
  • Lösen von Gleichungen mit einer Unbekannten, Algebra und ihre Gesetzmäßigkeiten,

Klammerrechnungen:

  • Multiplizieren und Dividieren von Polynomen (Ausmultiplizieren und Ausklammern bei mehrgliedrigen Termen)
  • Lineare Gleichungen, Textgleichungen mit einer Variablen, umformen von und arbeiten mit Formeln aus der Geometrie für Flächen- und Raumberechnungen

 

Geometrie

(Anzahl: 1 Epoche)

  • evtl. Einführung des Koordinatensystems
  • Berechnung von Flächen, Kantenlängen (z. B. Umfang) und z. T. Volumen von Körpern (erstmals Berechnungen in der Dreidimensionalität) z. B. Quadrat, Rechteck, Parallelogramm, Dreieck, Trapez, Drachen, (ohne Kreis); Würfel, Quader, Prisma, (Pyramide)
  • dabei Arbeiten mit Formeln und Konstruktionsbeschreibungen, Umrechnen von Einheiten (km bis zu mm; mm² bis zu km²)
  • Zeichnungen von Netzen (z. B. des auseinander geklappten Quaders)
  • Goldener Schnitt, Kegelschnitte, evtl. Platonische Körper
  • Ortslinien, Kreis (mit Sehne, Tangente ...), Flächenverwandlungen

 

Geschichte

(Anzahl: 2 Epochen) 1800 bis zur Gegenwart:

  • 1. Epoche: u.a. Barock und Absolutismus, die Französische Revolution 1789, Napoleon, industrielle Revolution ab circa 1850 (z. B. anhand der Dampfmaschine und die wirtschaftlichen, technischen, sozialen sowie politischen Folgen und Folgen für die Mitwelt)
  • 2. Epoche: Gründung, Aufstieg und Ende des Deutschen Kaiserreiches, Kolonialisierung, Nationalismus, 1. Weltkrieg, Weimarer Republik, 3. Reich, 2. Weltkrieg, Kalter Krieg, Globalisierung

 

Geographie

(Anzahl: 1 Epoche)

  • Die Welt
  • Systematischer Überblick über alle Erdteile aus z. B. geographischer, klimatischer, wirtschaftlicher oder völkerkundlicher Sicht
  • Wirtschaftsverhältnisse auf der Erde, evtl. Völkerkunde, evtl. die Meere
  • evtl. Projektarbeiten

 

Biologie

(Anzahl: 1 Epoche)

  • Skelett und Knochen, z. T. Muskeln und Mechanik (Wirbelsäule, Kopf bis Fuß, Gliedmaßen: Was ermöglicht Halt und Stütze, Bewegung und Elastizität, Gleichgewicht und Schutz?)
  • evtl. Sinnesorgane z. B. Bau des Auges oder Ohres
  • evtl. Sexualkunde (z. B. Verhütung)

 

Physik

(Anzahl: 1 Epoche)

  • Optik (z. B. Prisma, Linse), Wärmelehre (Leitung, Strahlung), Elektrizitätslehre (z. B. Spule, Elektromagnet, Motor) und Magnetismus, Hydraulik (Druck bei Gasen und Flüssigkeiten), Mechanik, Akustik (Wellenerscheinungen, Messungen)
  • dazu biographische Skizzen von z. B. Edison, Liebig, Curie
  • Hier gilt: Das Denken braucht auch etwas zu knacken

 

Chemie

(Anzahl: 1 Epoche)

  • Einführung in die organische Chemie mit Eiweiß, Stärke (und Zellulose), Zucker, Fette und Öle (Bezug zur Ernährungslehre in der 7. Klasse) - Charaktere der zentralen organischen Stoffe und ihre Verwandlungen
  • Gärung, evtl. Seifen- oder Papierherstellung

 

Lese- und Erzählstoff

  • Biographien, zur Geschichte und Völkerkunde

 

8.-Klass-Arbeit

  • Der Schüler wählt sich ein individuelles Thema, das er selbstständig und kontinuierlich über einen längeren Zeitraum bearbeitet; die Jahresarbeit verlangt ein gesteigertes Maß an Übersicht und Willensarbeit.

 

Theaterspiel

  • Themen: anhand einer Rolle sich selbst begegnen und zugleich gemeinsam ein großes Werk erstellen und andere darstellen nach der Devise: Zeige, was Du kannst - zeigt, was ihr könnt!
  • Sprechen und Spielen mit Gebärden
  • Lese-, Einzel-, Szenen- und Durchgangsproben, öffentliche Aufführung; Herstellung von Kulissen, Requisiten, Kostümen und Informationen; Instrumental- und Vokalmusik

 

Musik

  • Übergang vom Klassenorchester zum Oberstufenorchester bzw. - chor
  • Quintenzirkel (als Ordnungssystem in der Musik)
  • Lieder fremder Kulturen, Lieder zu Themen der Geschichte, modernere Lieder

 

Kunst

  • Perspektive auch mit mehreren Fluchtpunkten
  • Überblick über verschiedene Zeichentechniken
  • Linolschnitt

Ergeben 10 Epochen in 37 Schulwochen (abzüglich 5 Wochen Theaterspiel und -fahrt, 1 Woche Abschlussfahrt), d.h. durchschnittlich 3 Wochen pro Epoche

 

Hausaufgaben

  • für den Hauptunterricht circa 45 Minuten, eigenes Nacharbeiten und insbesondere Unklares genau als Anliegen und Frage formulieren, eigenständiges Nachlernen von Versäumten (auch unter Einsatz von Büchern)
  • Fremdsprachen: Vokabeln, Grammatik, Schreiben und Konversation lernen und stetig üben
  • Üben eines individuellen Instruments
  • Gesamt circa 60 Minuten
  • 8.-Klassarbeit (ca. 2 Stunden wöchentlich als Richtmaß)
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