Klasse 3

Als Klassenlehrer der FWS Mainz schreibe ich seit vielen Jahren Überblicke zu den Tätigkeitsfeldern in den jeweiligen Klassenstufen (menschenkundliche Situation und zu den einzelnen "Fächern"). Diese habe ich (als ausbaufähige Skizze) immer auch an Kollegen (z.B. bei den Lehrerseminaren) oder Eltern weitergegeben. Diese Lehrplanübersicht versteht sich als Entwurf und nicht als verbindlicher Lehrplan.

Dr. Torsten Meyer-Oldenburg © (Stand August 2014)

Ergänzungen & Kritik bitte an: tmold@t-online.de

 

Orientierungsrahmen zu Unterrichtsinhalten und Tätigkeiten in der 3. Klasse

Die Kinder werden größer und kräftiger. Um das neunte Lebensjahr durchlaufen sie den so genannten "Rubikon". Der Name ist einem geschichtlichen Kontext entlehnt. Caesar überschritt 49 vor Christus unumkehrbar den Rubikon, einen Grenzfluss des Römischen Reiches und marschiert mit seinen Legionen Richtung Rom. Hier soll Caesar gesagt haben: "Die Würfel sind gefallen!" Auf die Biographie des Kindes übertragen markiert der "Rubikon" einen wichtigen Wendepunkt im Leben eines jeden Menschen: Die bisherige „unbeschwerte" Kindheit -, in der die Kinder vertrauensvoll aufgehoben waren, wo beinahe alles selbstverständlich schien, wird nun verlassen. In zunehmendem Maße können die Kinder dadurch zu eigenständigen und individuellen Persönlichkeiten werden. Lernten die Kinder bislang im Wesentlichen aus der Nachahmung, müssen sie „bewusster alles treiben lernen als früher" schrieb R. Steiner. Lernen geschieht nun mehr im Nacheifern. Im Unterricht wird die Schöpfungsgeschichte sowie die Vertreibung aus dem Paradies behandelt: Gott entlässt den Menschen in die Freiheit und gab ihm den Auftrag, die Erde zu bebauen, zu pflegen und zu verehren.

Typisch für diesen Umbruch ist, dass das Alte nicht mehr reicht - das Neue aber, welches zwar schon geahnt und gespürt wird, noch nicht trägt. Verständlicher Weise fühlen sich die Kinder irgendwie fremd, zuweilen einsam sowie verunsichert. Sie sind empfindsamer und empfindlicher, suchen und hinterfragen mehr als zuvor. Ängste, Zweifel und die Suche nach dem Eigenen zeigen sich u.a. in Bauchschmerzen, in Unlust, Weinerlichkeit, bisher unbekanntem Verhalten, Verschlossenheit und Widerstand sowie in vielen verschiedenen Fragen wie Herkunftsfragen (Seid ihr wirklich meine leiblichen Eltern?), kritischen Fragen (Was habt ihr Erwachsenen mir überhaupt zu sagen? Aber auch: Werde ich selbst den Anforderungen des Lebens gewachsen sein?) und Sinnfragen (Woher komme ich? Wer bin ich? Das Erahnen der eigenen Bestimmung - Aber auch: Wer bist du wirklich?). So werden bislang geachtete Grenzen neu erprobt, erfahren und vermessen - letztlich um das so noch nie Erlebte, also sich selbst, und zugleich das Gegenüber konkreter und bewusster erkennen und ergreifen zu können. Die Neigung zum Widerspruch, manchmal auch zur Lüge ist nicht als persönliche Beleidigung aufzufassen, sondern entsprechen dem Bedürfnis dieser Lebensphase nach Abgrenzung. Mit dem individuellen Verhalten wird sich auch das soziale Leben in der Klasse verändern. Erkennend und handelnd entsteht und wächst das Bewusstsein der eigenen Identität und zugleich des Gegenübers im anderen Menschen und der Umwelt. In stärkerem Maße als zuvor verwandelt sich das Ich-Gefühl in Ich-Bewusstsein. Die Kinder finden Heimat auf der Erde, „ziehen in das eigene Haus ein", offenbaren sich weniger und behalten absichtlich mehr für sich. Sie wollen die Welt nicht nur kennenlernen, sondern auch tätig handelnd im Konkreten ergreifen und gewinnen auf diese Weise tiefer gehende Erfahrungen sowie ein neues Vertrauen. Sie erleben „ich selbst kann die Welt verändern" und so kann das Vertrauen in eigene Fähigkeiten wachsen und Arbeiten Freude bereiten.

Mit den Kindern verändern sich in der Regel auch die ihnen besonders nahestehenden Erwachsenen. Für die Kinder sollten wir Erwachsene welterfahren, liebevoll und glaubhaft, also authentisch sein, damit sie gut zu den neuen Ufern gelangen können. Sie wollen erfahren, dass die Erwachsenen tatsächliche aus einem begründeten Weltverständnis und einer solchen Lebenssicherheit sprechen und handeln, die sie ihnen zuvor selbstverständlich zugeschrieben hatten.

Der Unterricht möchte Bezug auf diese zentralen Themen des Drittklässlers nehmen, indem er das Bisherige weitergehend vertieft, aber auch mit völlig neuen Gebieten aufwartet, indem er beispielsweise:

  • im Hausbau, Handwerk und Landbau erfahren lässt, wie sich der Mensch ernähren kann, wie er sich eine sichere Bleibe erschaffen kann, wie er Kultur hervorbringt.
  • in der Musik die Pentatonik (die Einheit in Harmonie) verlässt und nun Lieder in der Diatonik (mit Halbtonschritten und daher auch Dissonanzen) das Thema werden; es wird komplizierter aber auch reicher;
  • im Rechnen neben der steten Übung insbesondere Maße, Werte, Zeiten und Gewichte verrechnet werden können;
  • im Fach Deutsch neben dem Üben der grundlegenden Kulturtechniken nun eigene Berichte und Erzählungen verfasst werden, das schöne und korrekte Schreiben geübt wird sowie eine erste Grammatik (bewusste Ordnung und Regeln) Einzug hält.

 

Erzählstoff

  • Altes Testament u.a. die Schöpfungsgeschichte, Vertreibung aus dem Paradies
  • Handwerker-Geschichten, das Leben auf dem Lande

Land- und Waldbau

  • Urtätigkeiten des Menschen in Arbeit mit den vier Elementen Wasser, Erde, Feuer und Luft
  • weitere Urberufe wie z. B. Schäfer, Jäger, Fischer, Holzbearbeiter etc. (in einer Auswahl)
  • Praktisches Pflügen, Säen bzw. Pflanzen und Ernten auf dem Klassenacker im Gartenbaugelände

Hausbau und Handwerk

  • Handwerkerberufe kennenlernen
  • Bauprojekte: Erstellung eines (für die Schule nützlichen) „Bauwerkes" von der Planung bis zur Ausführung sowie Bauen eines individuellen Hauses in Modellbaugröße

 

Deutsch

Erste Grammatik: Empfinden der Unterschiede der Satzarten (,.!?), Wortarten (Haupt- bzw. Namens-, Tun-, Wiewort), Wortstellungen, die 4 Rätselfragen und Fragepronomen und damit die 4 Fälle der Substantive (Deklination), erste Konjugation von Verben (in der Personenfolge: ich, du und dann andere)

Schreiben:

o Einführung des Füllers
o Nacherzählungen und Berichte verfassen (z. B. zu Handwerkern)
o erste Aufsätze und Briefe schreiben
o Rechtschreibung und Diktate üben (bis ca. 50 Worte)
o Schönschreiben (evtl. in diversen Schriftarten)

Lesen: Sinnbezogenes Lesen und laut Vorlesen üben, nacherzählen

Rezitation: erstmals auch ohne Gebärden und Texte ohne Reim (Prosa), erstmals auch reine Sprechübungen; Themen insbesondere zur Natur, zu Jahreszeiten, Handwerkern und Landbau; im Stil mehr schildernd, immer mal wieder scherzhaft; auch umfangreich

 

Rechnen

  • Im Lebens- und Arbeitszusammenhang (wie in Textaufgaben)
  • 1x1 Reihen bis zur 15er Reihe; Quadratzahlen
  • Zahlenraum in den 1000er Raum ausdehnen u.a. durch 1(2, 3, ...) x 10 bis 1 (2, 3, ...) x 90-Reihen (Wiederholung und Steigerung des kleinen 1x1)
  • Maße und Gewichte, Zeiten sowie Geld in den Rechnungen einführen
  • Kopfrechnen in allen vier Grundrechenarten (wie bisher nur) im größer werdenden Zahlenraum

 

Schriftliches Rechnen:

  • Addieren bzw. Subtrahieren mehrstelliger Zahlen
  • schriftliches Multiplizieren mit einer ein- und dann zweistelligen Zahl
  • schriftliches Dividieren durch eine einstellige Zahl

 

Musik

  • Einführung der C-Blockflöte
  • Üben lernen
  • Lieder werden nun in Dur und Moll und im Kanon gesungen und geflötet
  • Pflege des Zuhörens und gegenseitigen Wahrnehmens

 

Orchester

  • Aufbau eines Klassenorchesters (Wahl eines individuellen Instrumentes und Spielen im Gesamtklang einer Gemeinschaft)
  • Einführung der Notenschrift

 

Malen - Kunst

  • Bilder zur Schöpfungsgeschichte und dem Alten Testament oder Natur
  • Begegnung, Verzauberung und Verwandlung von Farben und Motiven
  • Raumorientierung, Farberkundungen und -übungen, Materialvielfalt kennen lernen (Farben, Ton ...)u.a. in Collagen

 

Formenzeichnen

  • Vierseitige Symmetrie; „Entsprechungs-Symmetrien" (z. B. zu einer eckigen Innenform als Frage eine runde Außenform als Antwort suchen)
  • Schleifen in Variationen, dynamisches Formenzeichnen

 

Religion

Erzählungen aus dem Alten Testament

 

Eurythmie

Insbesondere geometrische Figuren, Motive mit Frage und Antwort, Geschicklichkeits- und Konzentrationsübungen ...

 

Sport

In Geschichten gekleidete Spiele und Übungen; das „wir" wird noch betont

 

Handarbeit

Erste Kleidungsstücke werden selbst gestrickt und gehäkelt

 

Englisch & Französisch

Rezitation und Dialoge, einführen von lesen und schreiben, szenisches Spiel, Fragewörter

 

Hausaufgaben:

Für den Hauptunterricht (und Fremdsprachen) generell ½ bis ¾ Stunde, 10 Min. flöten, 10 Min handarbeiten, zusätzlich das Üben eines individuellen Instruments

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar