Heidi Engel

Seht, die Rösser, sie jagen in fliehender Hast,
und die Hufe sie donnern im Sand,
und sie spüren kaum des Wagens Last,
der sich hinter ihnen befand.
Ganz aufrecht auf dem Wagen steht,
die Füße fest und doch bewegt,
der Wagenlenker dort.
Die langen Zügel in der Hand,
den hellen Blick nach vorn gewandt,
tragen die Rosse ihn fort.

 

Auf den großen, runden, glatten,
glitzernd-warmen Granitplatten,
ruht in heller Sonnenglut
schwarz und glänzend eine Schlange:
eingerollt, die dünne, lange.
Erst als mein Rascheln sie aufschreckt und weckt,
habe ich sie auf dem Platz dort entdeckt:
husch, war sie weg!
Doch etwas lag am verlassenen Ort:
Feine und zarteste Schlangenhaut,
staunend hab ich sie mir angeschaut!

 

Jagen möchte ich und singen,
möchte die ganze Welt umschlingen,
möchte tüchtig sie ergreifen
und durch fremde Länder streifen.

Schauen möchte ich und lauschen,
auf das dumpfe Meeresrauschen,
auf das schmiedehelle Klingen
und das frohe Vogelsingen.

Und als ich lauschte und schaute und sang,
hörte ich in mir den eigenen Klang,
wie er sich weitete, spannte und hob,
und sich mit der Welt verwob.

 

Auf den Brunnenrand senkrecht von oben,
fällt des Sonnenlichts gleißender Strahl.
Eratosthenes blickt auf den Brunnen,
in Syene, beim Mittagsmahl.
Doch nun reist er mit Eifer nach Norden:
Alexandria, das ist sein Ziel.
Und zu Mittag misst er den Schatten,
der vom Stab auf die Erde dort fiel.
Er misst und rechnet und bestimmt,
den Umfang unsrer Erde.
Die Welt ist rund und wundervoll,
wenn ich es wach bemerke!

 

Herrlich erhebt sich der Tempel,
auf felsigem Grund in die Höhe,
schenket dem nahenden Wandrer,
seiner Vollkommenheit Bild.

Dreifach steigen die Stufen,
es trägt dreifach der tragende Grund,
leitet von seinem Weg,
dreifach den Wandrer empor.

Schwerelos heben sich Säulen,
hinauf in luftige Höhe,
mächtig ragen sie auf,
Wächter am heiligen Ort.

Ringsum lagert auf ihnen,
wuchtig das schwere Gebälk,
leuchtend darüber der Fries:
Bilder der göttlichen Welt.

Und fast dem Auge entschwunden,
der Giebel als Krone des Tempels,
spiegelt was drunten im Innern,
wohnt für ein göttlicher Geist.

 

Weise wurde er genannt,
und er war berühmt im Land.
Zu ihm trat ein großer Herrscher,
spricht: „Du lebst in einem Fass,
ich bin mächtig, wünsch dir was!“
Sprach da Diogenes,
deutlich und klar:
„Geh du mir nun aus der Sonne,
dein Schatten fällt auf meine Tonne.“

 

Sieh wie der Diskus auf herrlicher Bahn,
sicher und weit fliegt, und sich dreht:
Ja, so sicher
wie die Sonne,
kennt der Diskus
seine Bahn!

 

Schweigend schreiten junge Frauen
unter sonnenhellem Himmel
leichten Schritts den Berg hinan:
In den Händen volle Schalen,
auf dem Haupte Lorbeerkränze,
weiße Kleider umgewunden,
streben sie dem Tempel zu.

Und nun erhebt sich ein heiliges Singen,
ein jauchzendes Tönen im Innern der Städte.
Ruhigen Schrittes tragen die Frauen
die Opfer und Gaben durchs hohe Tor.

 

Wir hüten das Feuer,
wir hüten den Herd,
die heilige Flamme,
in eherner Schale,
dass Wärme und Licht,
Gemeinschaft und Friede,
in unserer Welt sich bewahre.“

So sprechen mit Ehrfurcht
im Tempelrund,
die Dienerinnen der Hestia,
und opfern der Göttin
im ewigen Feuer,
die Gaben der Menschen,
die Hilfe erflehen.


Aus einzelnen Scherben,
gebrochenen Fliesen,
in allerlei Farben,
entstehet es neu:
Das Bild einer Gottheit,
voll Ehrfurcht gestaltet,
von Heldentat kündend
und tiefem Leid.
So sind Mosaike
an Tempeln zu finden,
an Mauern und Wänden
von alten Palästen.
Erzählen noch heut‘
von vergangener Zeit.

 

Hoch hebt die Hand den Hammer,
den Griff fasst fest die Faust,
der Schlag des Schmieds
trifft scharfes Schwert,
die Funken fliegen feurig fort.
Im glatten Stahl verglüht die Glut.
Es bläst der Blasebalg:
und die Esse erwacht,
es wird Feuer entfacht,
nun ruht die Glut,
das kostbare Gut.

Mit Schlag und Glut,
mit Kraft und Ruh,
gelingt dem Schmied das Schwert.

 

Leise rauschend quillt sanft aus der Erde das Nass,
und versickert sogleich dort im sumpfigen Moos,
quillt heraus, drängt hervor, sucht den Weg in das Tal,
schwillt zum Bach, dann zum Fluss und als Strom wird es groß.

Die Wassermassen wogen schwer
im Flussbett, dass im Tale ruht.
Und Burg und Turm und Stadt und Land
beschauen dankbar jenen Drang.

 

In der Hand wiegt er leicht
schweren Schaft seines Speers,
greift ihn fest, hebt ihn an,
und bedenket das Ziel.

In vollendetem Schwung
sucht der Speer sich das Ziel,
das der Werfer ihm vorher bestimmt.

Das Ziel, der Wurf,
sie werden eins,
der Werfer und der Speer,
sie sind verbunden,
nie getrennt,
und niemand trennt sie mehr.

Ehern und hart, dringt aus der Erd‘,
holziger Stock, dornenbewehrt.
Streckt die Zweige in die Höhe,
Blätter, fünffach nun gegliedert,
spielen leicht im Sommerwind.
Duftende Blüten,
wie leuchtende Kronen,
zieren den Rosenstock,
strahlen mich an.

 

Vor dem mächt’gen Tor des Hades
opfert voll Geduld Odysseus,
wartet dort auf gute Antwort,
wartet auf des Rätsels Lösung,
möchte Schicksalsfragen klären,
möchte weit’re Wege wissen.

„Lausche, Odysseus, du irrender Sucher:
die Heimat wird Dein sein, doch groß die Gefahren.
Bewahre den Mut Dir und trag Deine Hoffnung
immer im Herzen der Zukunft zu!“

 

Es erhebt sich gewaltiger Chor,
und er hallt in dem halben Rund.
Voller Ehrfurcht lauscht schweigend das Volk,
ganz ergriffen vom mächtigen Klang.

In die Mitte herein tritt der König,
spricht mit einsamer, klagender Stimme
von Verlust und von Qual und Verrat,
klaget an auch das schweigende Volk.

Die Menschen sitzen ganz erstarrt,
sie blicken tief hinab,
und auf der Bühne sehen sie,
das Drama ihrer Stadt.

 

Hoch zu Ross und das Schwert stolz erhoben zum Kampf,
stürmt der Ritter heran an den Feind.
Der wehrt ihn ab, der Kampf beginnt,
die Rösser stampfen auf dem Feld,
die Schwerter klingen hell und weit.

Am Abend sind die Helden müd‘,
sie ruh’n sich aus und sammeln Kraft.
Und jeder Tag bringt neuen Kampf,
und jeder Tag braucht neuen Mut.

 

Am dunklen Himmel grollt drohend der Donner,
Blitze zucken, es peitscht der Wind.
Stämmig steht der starke Stamm,
streckt mächtige Äste dem Himmel zu.
Es rascheln die Blätter im rauschenden Regen
und dennoch dringt, durch dichtes Dach,
kaum ein Tropfen auf trockenen Boden.

 

Hoch auf dem Deck,
an einen Mast,
hat man gefesselt,
den mutigen Held.
Ohren verstopft,
segelt die Crew,
steuert das Schiff,
durch die Gefahr.

Und es sangen die Sirenen,
lockten ihn mit ihrem Singen,
sprachen ihm von lichter Zukunft,
kannten alle seine Wünsche.

Wie er sich auch wandt‘ und flehte,
keiner löste ihm die Fesseln,
sicher lenkten ihn die Seinen
auf dem Schiff durch die Gefahr.

 

Im Dunkel des Waldes beginnt sich’s zu regen,
aus moosigem Boden wächst stetig ein Schaft:
spriralig gewickelt, so wächst er nach oben,
dem Licht zu, dem fernen, mit Ruhe und Kraft.
Und langsam entwickelt der Schaft seine Länge,
er breitet sich aus zu gefiedertem Blatt.
Und neben ihm weitere, ein ganzes Rund:
Es stehen die Farne, wie grünende Sterne,
und ganz ohne Blüten – so strahlen sie doch!

 

An heiligem Ort lagerte lang
ein großer Knoten, feste geschnürt,
wartete dort, an diesem Ort,
dass er gelöst, dass er entwirrt.

Es kam ein Fürst mit seinem Heer,
wurde zum Knoten alsbald geführt:
„Mächtiger König, zeig was du kannst,
trenne uns hier, an diesem Ort:
Gordischen Knoten, trenne ihn auf!“

Alexander nahm das Schwert,
hob es hoch hinauf,
und mit einem einz’gen Hieb,
trennt den Knoten er auf.

 

Was sprachen die Männer,
was fragten die Frauen,
was flüsterten Kinder sich zu?
Vom Tode sie sprachen,
von schrecklichem Grauen,
von Angst und von Schrecken
in Trojas Mauern.

„Verraten, verraten,“ so tönts durch die Gassen,
„mit Tücke und List hat der Feind uns besiegt.
Ihr Götter, warum habt ihr uns denn verlassen?
Kommt Freunde, so sputet euch doch und flieht!“

 

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