Markus Kemter

Niemand weiß, woher der Nebel kam:
Dräut in Niflheim aus dunklen Spalten
eisiges Gemenge, wundersam!
Wie soll je sich Leben hier entfalten?
Kalte Flut fiel in des Urgrunds Tiefe,
fror zu festen Formen und Gestalten;
doch kein Gott, der sie ins Leben riefe!
Wollte wohl der Tod dort ewig walten?                              

Niemand weiß, wer je den ersten Funken schlug,
Wer dazu bestimmt, den ersten Brand zu hüten,
Wer in Muspelheim dem Feuer Nahrung trug,
Zu der Flammen rasend-wildem Wüten.
Feurig flog die Lohe in den Schlund,
Hitze traf das Eis - und es entstand
Jener Riese aus dem tiefsten Grund,
Den man später Ymir hat genannt.

 

 

Aus Mimirs Quelle lass mich tiefe Züge trinken,
lass trotzen mich der Angst und voll Vertrauen
den vollen Preis bezahlen, um zu schauen
wie aus der Ferne mir die Schicksalsfrauen winken.

Lass mit den ersten Schlucken mich verstehen,
was selbst ich schuf, noch halb im Traum befangen.
Mich labend an der Flut lass Kunde mich erlangen
von dem Gesetz, nach dem sich Welten drehen.     

Denn ich bin Schöpfer meiner eignen Welten,
die kostbar mir und ganz vortrefflich gelten,
weil Schönheit, Sinn und Ordnung darin leben.

Und ist mir nun der Eigner jener Weisheitsquelle
als treuer Freund und Mentor lebenslang zur Stelle,
so hab ich gern mein halbes Augenlicht gegeben!
                                       

 


Wenn über Midgard früh im Morgengrauen  
die Raben Odins ihre Bahnen zogen,         
weit über Auen, Wälder, Städte flogen,
Dann ließ kein Traum mich ihre Schatten schauen.

Denn nur dem Gott durften sie anvertrauen,
was Menschenseelen nachts im Schlaf erwogen
und in des Tages Licht als Tat vollzogen,
um ihren Teil der Erdenwelt zu bauen.     -                 

Es schwand der Gott – und ließ, statt schwarzer Schwingen,
gleich einem Gegenbilde und Vermächtnis,
des Denkens Licht durch meine Seele fluten.

Wiewohl die Götter längst von dannen gingen,
lebt Munin treu fortan mir im Gedächtnis.
Und Hugins Gabe wirkt in mir zum Guten.

 

 

Nach der Götter Wille sind die Kräfte vieler Tiere mir zueigen:
Teil darf ich an Gullinbyrstis Feuerfunken haben,
auch an Scharfblick und Gedächtnis jener beiden Raben,
die allmorgentlich dem wachen Ohre Odins zu sich neigen.

Von der Anmut jener Katzen, die der schönen Freya Wagen
durch den Himmel ziehen, darf ich einen Teil mein Eigen nennen,
und dank Falhofnir lern' ich das treue Dienen kennen;  
an Gjölls Mündung weist mir Garm das Ende aller Fragen.

Dass das Rad der Zeit von Tod und Leben gleichermaßen wird gebogen,  
lehren mich Thors Böcke, die als Speisefleisch ihr Schicksal fanden,
doch am Morgen dank des Schlächters Segen wieder auferstanden
und fortan den Wagen ihres Herren durch die Wolken zogen.

 

 

Von Allem gaben mir die Götter zur Genüge:
Von Odins Kraft zu opfern - um der Weisheit willen! -
Von Friggs Geschick, das Kämpferherz zu stillen,
sogar von Lokis Kunst der schlauen Lüge.

An Hels zweifarbig Wesen, Heimdalls Wachsamkeit,
an Hermods Mut und Baldurs lichter Tugend,
an dem Geheimnis ihrer Seelen Jugend
und an Thors Ungestüm in Kampf und Streit

ist Teil mir durch der Götter Gunst geworden.
Und wenn - wie wilde Wasser in des Nordlands Fjorden -
solch Vielheit an Begabung mich will quälen,

wenn Licht und Schatten, Hass und Liebe in mir streiten,
wenn starre Ordnung mich zum Chaos will verleiten,
dann ist's an mir, aus allen Gaben klug zu wählen!

 

 

War es nur der Götter eitles Spiel gewesen,  
als sie totem Treibholz Sinn und Seele gaben,
das Geschlecht der Menschen sich erschaffen haben -
willensstarke und vernunftbegabte Wesen!

Ist es nur der Nornen launehaftes Weben,
das den Geist erst mühsam lässt des Daseins Sinn erfassen,
wenn mich Schwere lähmt     und Hürden straucheln lassen
und die Welt sich sträubt, mir meinen Teil zu geben?

Oder lebt geheimer Sinn in solchem Treiben?
Heisst es mich doch, niemals steh'n zu bleiben
und nach jedem Sturz mich wieder zu erheben!

Denn im Weiterschreiten zeigt der Staub der Straße
seinen goldnen Glanz in ganz besonderm Maße;
und der Weg spricht zu mir: Sieh, ich bin dein Leben!

 

 

Hinter mir liegen schon lange Bifröstens Bögen und Brücken.
Vor mir die Erde der Menschen – Asgards Ruinen im Rücken.
Wusste ich einstmals die Namen aller zwölf Schlösser zu nennen,
Sah ich sie doch schon vor Zeiten unter Surts Fackel verbrennen.

Unten und Oben erschienen mir damals nicht schwer oder leicht.
Rein aus der Kraft des Gedankens hab jeden Ort ich erreicht.
Erde, Luft, Wasser und Feuer waren so fremd wie vertraut,
körperlos glitt ich durch Räume, die einst Burrs Söhne erbaut.

Dennoch erwählte die Erde ich mir zu Heimat und Wohnung,
Nehm ihres Reichtums Geschenke als meiner Mühen Entlohnung.
Blick ich auch manchmal wie träumend hinter die Schleier nach drüben,
Lern' ich doch täglich den Weg um des Wanderns willen zu lieben.

 

 

Wie der Flügelschlag von Odins Raben rauschend
Wolkendecken, Wellentäler überwindet,
Wie der Westwind, weiße Segel bauschend,
Sjolvurs Flotte vor der Schären Küste findet -

So auch wirkt des Lebens Kraft in meines Atems Strome,
der, wenn ich ihn nehme, erst zwar drängt und presst,
doch wenn ich, mich lösend, an die Welt zurück ihn gebe,
er voll Frische mich zu neuer Tat entlässt.

Alle großen Wunder zeigen zweierlei Gesichter!
Und so wirkt die Kraft des Nehmens und des Gebens
ungezählte Male fort im Wunder meines Atems;  
jeden Tag - vom Anfang bis zum Ende meines Lebens.

 

 

Dreifach ist der Nornen ewig gleiche Tat:
helfen sie erst zur Geburt dem Menschenkind ins Leben,
spinnen dann die Fäden seines Schicksals und verweben
jene; manchmal recht verworren, manchmal auch ganz grad...

Wen mit Mut sie früh schon an der Wiege segnen,
wird den Frauen noch ein drittes Mal begegnen:
Wenn sie dir den Lauf des Lebensfadens deuten,
kann ihr Schicksalsspruch auf dem geraden Weg dich leiten.

 

 

Werd gleich ich an Mimirs Met mich berauschen,
so gebt mir Thors Hammer! Und von Odins Raben
lasst Rat mich erfleh'n, den sie nächtens erlauschen,
oder voll Weisheit ersonnen haben.

Auch lasst mich den Achthufer Sleipnir reiten,
vor Lidskjälf zu Füßen des Walvaters weilen.
Lasst alle neun Nächte in meinen Händen
des Sindris Ring Draupnir sich neunfach teilen.

Denn werd ich in Baldurs Spuren einst wandeln,
nachdem ich im Abgrund vor Hel musste stehen,
dann seid wohl gewiss, dass mein Trachten und Handeln
von den Nornen für mich so ward vorgesehen!

 


Wie an der Wiege des weinenden Knaben
Tränen ihm trocknend die Mutter einst wachte,
Niemals ihm Nahrung noch Tröstung verwehrte,
Letzlich ihr Lächeln ihn selbst lachen machte,

Wie voll Vertrauen vom Vater er lernte,
Wissen und Weisheit und Wohlstand zu mehren,
Von jeder Gabe, ob Saat oder Ernte,  
Großzügig opfernd die Götter zu ehren,
 
Sorgt nun hinfort er für sich und die Seinen,
Hält seine helfende Hand nie zurück.
Schützet und schirmt stets die Schwachen und Kleinen,
Mehrt durch das Gute auch eigenes Glück.

Freudevoll folg ich dem Vorbild des Edlen,
Weihe dem Wohl jener, die auf mich zählen
All meine tugendhaft trefflichen Taten,
Werde zur Wahrheit die Güte stets wählen!

                                  


Wie der Wagenlenker seine wilden Rosse
erst durch Zaum und Halfter lernt zu zügeln,
kann auch ich den Sturm meiner Gedanken
nur durch ruhigen Ordnungssinn beflügeln.

Wie des Bauern starke Stiere lernen
unterm Joch die Erde umzupflügen,
wird auch mir die Wirkung meiner Kräfte
nur dank meines Willens Macht genügen.

Wie des Feuers Glut nur jenem hilfreich ist,
der ihr Nahrung gibt und dennoch Grenzen weist,
wärmt mein Fühlen meinen Nächsten nur,
wenn es stets von Liebe wird gespeist.

 

 

Noch bevor die Sonne volle Höhe hat erklommen
schau ich von des Felsens Kante weit ins Land hinein:
Unter mir der Weg, den ich bereits genommen,
über mir das Gipfelkreuz, noch winzig klein.
Wie beim Anblick weiter Auen in der Tiefe
meiner Glieder Kraft sich neu belebt,    
ists, als ob beim Blick nach oben jemand riefe:
Sei du einer, der nach Höherem stets strebt!
Also schultere ich Pickel, Seil und Eisen,
Setze meinen Fuß in steinig harten Grund.
Nur das Kreuz am Gipfel kann den Weg mir weisen,
Erst von oben fasst mein Blick das ganze Rund.

 

 

Ein Sommerhaus am Wald, ein kunstvoll angelegter Garten -
inmitten sitzt das Prinzenkind, im  Müßiggang gefangen.
Die Luft zwar mild, doch zäh wird ihm die Zeit vom Warten:
Warum, so fragt sich‘s, bin ich längst nicht schon gegangen?

Warum nur soll ich länger eitles Nichtstun hier ertragen?
Geschmeide, Kammerdiener, Zofen, edle Speisen,
behäbig durch den Park zu fahr'n im hochgeschlossnen Wagen...
Mich drängts, als Wanderer in fernes Land zu reisen!

Mit meinen eignen Füßen fremde Erde zu durchmessen,
von meiner eignen Hände Tagewerk zu leben,
zum Wein von eigner Rebe selbstgebacknes Brot zu essen -
Was kann es Edleres als Sinn des Daseins geben?!

Dem Gärtner, der nach einem arbeitsamen Tag die Ruhe
zur Nacht in seiner kleinen Hütte hofft zu finden,
dem schenkts sein goldnes Spielzeug hin für dessen Wanderschuhe,
bückt selbst sich tief hinab, die Riemen fest zu binden.

Ein Sommerhaus, ein wunderschöner Garten dicht am Wald,
sie liegen dort im Abendlicht verlassen zwischen Bäumen. -
Am Horizont entschwindet eine eilige Gestalt,
Die es nun wagt, ihr Leben nicht mehr nur zu träumen.

 


Ganz versunken, immer nur in eine Richtung
wandelnd und die Bäume still betrachtend,
findet sich ein Jüngling auf des Waldes Lichtung,
müde, doch der nahen Dämmerung nicht achtend.
Schläft dort ein in mondenloser Nacht,
bis aus schweren Träumen er erwacht:
Welch Gewirr, Gewürm, Gewalle und Gewimmel
windet sich herab vom wolkenschweren Himmel!
Welche Fratzen steigen auf und nieder
aus dem Nebel - fahle Glatzen,
dürre Leiber renken ihre Glieder!

Starr und stumm, den Mund vor Schreck geweitet,
harrt er, dass die Wirrnis bald sich lichte.
Sinnt, was größ're Furcht ihm wohl bereitet:
seine halbe Blindheit – oder die phantastischen Gesichte.

Plötzlich, wie ein fernes Wetterleuchten in der Nacht,
fühlt er einen Funken Muts im Herzen sich entzünden.
Schon glimmt Hoffnung, die zur Flamme er entfacht,
sieht voll Zuversicht die Traumdämonen schwinden.
Wartet denn geduldig, dass die Zeit sich endlich raffe,
dass es tage – und der Sonne Licht ihm Klarheit schaffe.

Stunden später, in geschenkter Tageshelle,
wird gewahr er an der gleichen Stelle,
wie Natur, die nächtens Grauen ihm bereitet,
dort in Harmonie und Farbenpracht  sich breitet,
und die Welt mit Ordnung, Sinn und Schönheit ist gesegnet,
der er wach und offnen Auges nun begegnet. 

 

 

Habe ein Haus mir zu bauen beschlossen,
bald schon die Fundamente gegossen!
Winkel und Hammer - Lot, Richtscheit und Säge -
all meine  Handgriffe sorgsam  ich wäge.
Stämme zu starkem Gerüst ich mir richte.
Felsstein zu wehrhaften Wällen ich schichte,
Lehmstroh und Stakhölzer füllen die Fachung,
Schindeln aus Schiefer bedecken die Dachung.
Ziegel, so hart wie Granit, ich vermaure,
Auf dass mein  Haus lange Zeit überdaure!
Stolz sprech vom First ich den Richtspruch ins Rund,
Leere mein Glas nun - und schmetter's zu Grund:
„Möge dein Segen, Herr, über uns ruhn,
Schütze dies Haus – und lass Gutes uns tun!“

                                      

Hohe Türme will ich bauen,
feste Burgen, weitgespannte Brücken!
Meinen Händen, meinen Augen will ich trauen,
Lot und Richtschnur stets zum rechten Winkel rücken.
Was mein Geist ersonnen sollen meine Kräfte fügen
zu vollkommner Schönheit! - Jener  wird genügen
auch mein Plan, der zwar auf Maß und Zahl sich gründet,
doch in dem kein Platz für Mittelmäßigkeit sich findet.

 

 

Hab zuerst mit schwerem Werkzeug eine Gründung mir gesetzt,
Graben, Schalung, Sand und Kiesbett, den Beton zu guter Letzt.

Hab mit Winkel und mit Richtscheit dann die Mauern hochgezogen,
unterm Dach lädt nun zum Ausblick mich des Giebelfensters Bogen.

Tret ich abends durch die Türe, hab mein Tagewerk vollbracht,
weiß ich sicher mich hier drinnen, denn an alles ward gedacht:

Jeder Raum, den ich geschaffen, wird genutzt in seinem Sinne,
ob den Tag ich dort beende oder morgens früh beginne.

Stolz und Freude stets erfüllt mich, wenn mein Werk ich nun beschaue,  
denn dann weiß ich, dass mit Recht ich meiner eignen Kraft vertraue!

 

 

Nachts, in seiner kargen, kalten Zelle,
krank, doch bittend für die anvertrauten Seelen,
Nur beschienen von des Mondes Helle,
kniet der Abt, den schreckliche Gedanken quälen.

Warum, sinnt er, ist von meinen Brüdern keiner
halbwegs ebenbürtig mir in Geist und Wissen!
Und auch allzeit starken Glaubens ist nicht einer!
So viel tumbe Torheit lässt den Schlaf mich missen!

Bis zum Morgen wälzt im Büßerkleide
sich der stolze Abt und stellt die bangen Fragen:
Wer nur soll mir folgen, wenn ich scheide?
Wer wird bald die Bürde meines Amtes tragen?

Fiebernd liegt er auf den harten Steinen,
Kalter Schweiß von seinen Schläfen tropft,
Bis des Tages Licht beginnt zu scheinen,
und es zaghaft an der Zellentüre klopft:

Ein tritt jener jüngste der Novizen,
den sie heimlich nur den dummen Hannes nennen.
Stunden bleibt der bei dem Kranken sitzen,
Kühlt ihm Stirn und Schläfen, die wie Feuer brennen.

„Mag ich“ spricht der Jüngling „arm sein auch im Geiste,
mag mein Glaubenseifer manche Stunde müßig ruhn,
So erlaube dennoch, Vater, dass ich leiste,
was mein Herz mich hier und heute heißt für Euch zu tun.“

Flößt ihm Arzenei ein, spricht ihm Trost zu, immer wieder,
bettet ihn zum Schlummer der Gesundung in die Kissen,
Fleht voll Inbrunst aller Engel Hilfe auf ihn nieder
und - enteilt dann scheu auf bloßen Füßen.

Viele Jahre später wählten sie Johannes
seines milden Wesens wegen selbst zu ihrem Abte,
Zollten Ehre nun der Güte jenes Mannes,
den der Herr so reich mit Mitgefühl begabte.

 


Eine kleine Hexe übte
mitternachts in ihrem Garten,
bei des Feuers fahlem Scheine,
zu orakeln mit den Karten:

Jedes Ass“, so spricht sie leise,
„steht für IHN, der ewig bleibet.
Zwei steht für des Teufels Hörner,
der ins Herz die Zwei-fel treibet.

Drei sind aller guten Dinge,
und – fürwahr -  auch aller bösen!
Vier der Winde Himmelsrichtung
Und der Elemente Wesen.

Fünf gehört zu deinem Körper,
wie zum Rad Nabe und Reifen.
Ohne Zehen, ohne Finger
wirst du nur ins Leere greifen!

Sechs kann sich aus den Faktoren
1 x 2 x 3  - und eben
auch als Summe dieser Zahlen -  
1 +  2 + 3   - ergeben.

Heilig ist die Zahl der Sieben,
denn am siebten Tage ruhte
Gott von seinem großen Werke
und besah sich alles Gute.

Acht schwingt in verbundnen Schlaufen
auf und ab für alle Zeiten;
muss in ew'gen Kreisen laufen:
Sinnbild der Unendlichkeiten!

Einstmals waren es neun Welten,
welche unsre Ahnen kannten,
die sich zwischen Odins Asgard
und Hels Reich der Toten fanden.

Zehn, die letzte Zahlenkarte
hilft, Gewicht und Maß zu halten.
Jedenfalls bei uns auf Erden,
Wo solche Gesetze walten!“

Kichernd mischt die kleine Hexe
ihren Stapel nun von Neuem;
denn gleich will sie noch ein wenig
sich am Kartenzauber freuen!

Und so wirft die flotte Drude
Buben, Könige und Damen
in die Luft, ihr Sprüchlein murmelnd.
Rate, wo die nieder kamen!

Ei, sie flatterten von dannen:
Rabenkrähen, Dohlen, Eulen!
(Jene hörte man noch lange
hinterm Wald den Mond anheulen.)

                             


Wie in des Orakels Karten
vielerlei Figuren leben,
ist auf mannigfache Arten
auch mir selbst mein Sein gegeben:

So, wie einst ich voll Vertrauen
meiner Reise Anfang harrte,  
nah den Wolken, an der Klippe,
zeigt des kühnen Narren Karte.

Wenn ich mutig Kämpfe führe,
bange Furcht in Tatkraft wandle,
lebt in mir der Rote Ritter -
weil nach dessen Rat ich handle.

Wenn ich liebe, frei im Geiste,
Anmut suche zu gewinnen,
warmen Herzens Hilfe leiste,
gleicht dies den vier Königinnen.

Wird mein lebenslanges Lernen
einst in mir zu Weisheit reifen,
darf ich nach der höchsten Karte,
der des Hohenpriesters greifen.

Bild um Bild wird so mein Eigen,
wenn mein Leben ich gestalte
und am Schluss des goldnen Königs
Karte in den Händen halte.

Narr und König – jene beiden
deren Wesen so verschieden -
werden, Hand in Hand, die Teile
dann zu einem Ganzen schmieden!
                                               


Am Geländer, oben auf des Leuchtturms schmaler Krone,
steht in dunkler Nacht der Wärter, spricht zu seinem Sohne:
„Siehst du, hier den Wolken nah, dort draußen in der Ferne
unsres Feuers Widerschein wie Funken auf den Fluten?
Wie ein kurzes Blinzeln nur der ungezählten Sterne,
die wir dort im Raum nah der Unendlichkeit vermuten!“
Hebt der Sohn den Blick gen Himmel, spricht mit Unbehagen:
„Dies, mein Vater, drängt's mich schon seit Langem dich zu fragen:
Warum ist das wahrhaft Schöne nie für uns zu greifen?
Lässt's ein Fluch von Ferne nur uns mit den Blicken streifen?
Können wir nur in Gedanken seiner habhaft werden?
Finden wir der Schönheit Schein     und Schatten nur auf Erden?“

Stunden später führt der Vater, nun in Tageshelle,
ihn zum Fuß des Turms und lenkt den Blick auf Sand und Steine:
Zwischen tausenden von Muscheln findet sich die eine,
die sich sterbend öffnet und im Inneren die Quelle
ihres langen Leids als reines Wunder offenbart.
„Schönheit lebt, mein Sohn, um uns in mannigfacher Art;
Manches Mal genügts den Blick zu Boden nur zu wenden!“
Sprichts, und hält die Perle achtsam in den rauhen Händen.

 

 

Hörst du dort das kleine Bächlein rieseln,
über Wurzeln, zwischen Kieseln -
plätschernd leise?
Gestern noch schlief es in Wolken,
welche dann die Regengeister molken;
heute macht es sich nun auf die Reise...

Sieh, hier sprudelt es schon munter,
talwärts stracks den Hang hinunter,
kreuzt des Bergtrolls Felsengarten.
Seine Brüder nimmt es mit sich fort.
„Schaut nur dort!
Abenteuer warten!“

Schwellend wachsen sie, zu zweit, zu dritt
nun zum Wildgewässer an,
ihre Kräfte bündelnd wie ein Mann.  
Welch ein Ritt!
Nymphen, die auf seiner Welle talwärts fahren,
Gischt und Sonnenglitzer in den Haaren,
jubeln jeder Wasserlilie, jeder Uferblume zu.
Unten aber, dort im breiten Tale, ist auf einmal Ruh'!

Plötzlich, angesichts der neuen Weite
gießt behäbig sich der Fluss in ganzer Breite
in den See, der glänzend, wie ein Spiegel
in der Sonne liegt –
dem blauen Nass ein grün umsäumter Tiegel.

Warme Strahlen lassen sanft zum Himmel steigen,
Winzig kleine Wassertropfen, die da oben ihren Reigen
In den Wolken ganz von Neuem nun beginnen.
Und von Neuem wiederum – als Regen niederrinnen.

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