Visionssuche

Marian Fritzsche hat im Rahmen einer Diplomarbeit die „Visonssuche“ („Vision Quest“) als Möglichkeit zur Gestaltung von Lebensübergängen beleuchtet. Die „Visionssuche“ hat ihren Ursprung in den Riten vieler alter Kulturen und versucht, die Schwellenübertritte des Lebens für die heutige Zeit bewusst zu gestalten.

 

Der hier veröffentlichte Text ist ein Auszug der Diplomarbeit von Marian Fritzsche.

Geschichtlicher Hintergrund

Im englischen Sprachraum wird der Begriff Vision Quest verwendet, welcher auf Deutsch Visionssuche heißt.

Quest war im europäischen Mittelalter der Name für eine suchende Wanderschaft oder Wallfahrt ins Unbekannte. Die Geschichte von Parzival und dem heiligen Gral kann als eine heilige Suche nach spiritueller Einsicht bezeichnet werden, wie sie von den Rittern, im 12. und 13. Jahrhundert vollzogen wurde.

Christliche Missionare waren vor über 200 Jahren bei den Indianerstämmen Nordamerikas einem Ritual begegneten, bei dem „Männer und Frauen unterschiedlichen Alters fastend und rituell geschmückt für vier bis zehn Tage in der Wildnis verschwanden, um danach mit großer Ehrerbietung und Festen vom Stamm wieder in Empfang genommen zu werden...“ (Koch-Weser / v. Lüpke: a.a.O., S. 161). Die Missionare erinnerte dieser Brauch an mittelalterliche Sagen und Legenden und in Anlehnung daran gaben sie diesem Ritual den ihnen vertrauten Namen Vision Quest.

Bis zum Jahre 1970 blieb die Visionssuche durch ein Verbot der amerikanischen Regierung, welches den Indianern die Ausübung eigener Zeremonien untersagte, allgemein unbekannt. Die Hippie- und New Age Bewegung, die sich den indianischen Traditionen zuwandte, bewirkte ein Gesetz, das die Freiheit der indianischen Religion garantierte und somit auch ein Wiederaufkeimen dieses Rituals ermöglichte.

Das amerikanische Ehepaar, Steven Foster (gestorben im Mai 2003) und Meredith Little, das vor dreißig Jahren das Ritual der Visionssuche wiederentdeckte und für unsere Zeit und Kultur zugänglich machte, gründete die School of Lost Borders, eine Schule für die sogenannte „Wildernessarbeit“. In ihrer Tradition stehen auch die meisten der europäischen Visionssucheleiter.

Das deutsche Ehepaar Verena und Haiko Nitschke hat die folgende Definition von der Visionssuche gegeben:

„Die Visionssuche ist ein uralter in vielen Kulturen verbreiteter Ritus zur Gestaltung von Lebensübergängen. Im Kern geht es darum, sich - bei guter Vorbereitung und mit tiefgreifender Nachbereitung - drei oder vier Tage und Nächte unter freiwilliger Befolgung einiger Tabus (Alleinsein, Fasten, keine feste Behausung) in der Natur aufzuhalten.“ (Verena und Haiko Nitschke: e & l (2001), S. 6)

 

Ablauf einer Visionssuche

Eine Visionssuche dauert etwa acht bis vierzehn Tage und kostet bei den derzeitigen Anbietern für Jugendliche zwischen vierhundert und eintausend Euro (bei der Visionssuche, von der ich berichte, zahlt jeder Teilnehmer fünfhundert Euro für elf Tage und bringt für die Vorbereitungszeit sein Essen selber mit).

Die Visionssuche gliedert sich in drei Abschnitte, die bei allen archetypischen Übergangsritualen zu finden sind:

  1. Ablösungsphase
  2. Schwellenphase
  3. Wiedereingliederungsphase.

Die Gestaltung der einzelnen Phasen wird je nach Anbieter unterschiedlich aussehen. So wird die Schwellenzeit bei Jugendvisionssuchen auf drei oder weniger Tage begrenzt.

Im Folgenden stelle ich ein Modell dar, welches ich selbst auf einer Jugendvisionssuche kennen gelernt habe und das von Sylvia Koch-Weser und Geseko v. Lüpke in ihrem Buch „Vision Quest“ beschrieben wird.

 

1. Ablösungsphase (Vorbereitungszeit)

Der erste Tag bietet nach Ankunft und Begrüßung, Zeit zum Kennenlernen in der Gruppe. Da am nächsten Tag die so genannte „Medizinwanderung“ gemacht wird, bereitet man sie am ersten Abend mit der Gruppe inhaltlich vor.

Am zweiten Tag findet die Medizinwanderung statt. Morgens bei Sonnenaufgang gehen die Teilnehmer in die Natur hinaus und verbringen einen ganzen Tag bis zum Sonnenuntergang draußen. Dabei geht es nicht um das Erreichen eines Ziels im Sinne einer anstrengenden Wanderung. Vielmehr kann man versuchen, alleine ganz auf sich gestellt, ohne Essen (nur mit Wasser) und abseits großer Ablenkungen zu sich zu finden und eine sensiblere Aufmerksamkeit für die Umwelt zu entwickeln. Am Abend kehrt man wieder zurück in die Gemeinschaft.

Man kann auch die Zeit auf einen Vormittag verkürzen und dann zusammen essen und am Nachmittag die Erlebnisse austauschen. Ein Teilnehmer berichtete zum Beispiel, dass ihm überall die Schnecken aufgefallen seien, bis ihm nach etwa 3 Stunden bewusst wurde, dass so eine Schnecke die Langsamkeit symbolisiere: Sie hat alles bei sich (ihr Zuhause), während man sich selbst oftmals unbewusst im eigenen Aktionismus flieht. Manch einer stellt sich vielleicht die Frage, wo er gerade im Leben steht und welchen Schritt er gehen soll.

Wichtig ist, dass man sich gemeinsam Zeit nimmt, auf das Erlebte zurückzuschauen, wenn man davon berichten möchte. Dies kann auch noch am nächsten Tag geschehen.

Am dritten Tag beginnt man mit verschiedenen Sensibilisierungs- und Partnerübungen:

  • Suche im Wald einen Gegenstand, der für dich Symbolkraft besitzt.
  • Lasse dich mit geschlossenen Augen führen und ertaste Gegenstände des Waldes. In der Naturpädagogik gibt es eine Fülle von Anregungen.

Anschließend ist wiederum viel Raum für das Schweigen, für das Gespräch am Lagerfeuer, für Rückblicke in die eigene Kindheit. Alle sitzen dabei im Kreis und es gibt einen Stab oder einen Stein, der bei den Indianern Talkingstick genannt wird. Wer den Talkingstick in der Hand hält, darf reden und die anderen hören zu. Dieser Ritual ist auch als Counceling bekannt: Zuhören ohne selber zu kommentieren.

  • Wie bin ich aufgewachsen?
  • Wie war/ist mein Verhältnis zu meinem Vater/meiner Mutter?
  • Gibt es besondere Erlebnisse (Tod, Scheidung, Gewalt)?
  • Tabuthemen wie Ängste, Liebe, Sex und Drogen haben hier ihren Raum.
  • Auch Träume der letzten Nächte können erzählt werden.

Für viele Jugendliche ist es eine neue Erfahrung, mit Erwachsenen über ihre Themen zu reden. In der Mittagspause bemalen sich die Jugendlichen gegenseitig mit Körperfarbe. Man kann dazu auch Tonerde nehmen.

Am vierten Tag ziehen alle gemeinsam zum Basislager, welches während der Schwellenzeit der Stützpunkt der Visionsleiter sein wird. Das Gebiet der Visionssuche wird grob markiert und eine Einweisung in das Sicherheitssystem und das Fasten gegeben. Am Abend bekräftigt jeder in einem Satz seine Absicht, wofür er hinausgeht, z.B.:

  • Ich gehe hinaus, um mich selber mehr lieben zu lernen.
  • Ich gehe hinaus, um mit der Vergangenheit abzuschließen und die Personen, die mich begleitet haben, zu würdigen.
  • Ich gehe hinaus für mich selbst, um zu erkennen wer ich bin und was ich in Zukunft machen will.

Von besonderer Bedeutung in der Vorbereitungszeit ist die Klärung aller äußeren Rahmenbedingungen:

  • Klärung von Sicherheitsaspekten (gefährliche Pflanzen und Tiere in der Region, Verhalten bei Gewitter und Notfällen und Reaktionen des Körpers in Bezug auf das Fasten)
  • Anleitung zum Aufbau einer Plane, die als Schütz gegen Regen und Sonne dient.
  • Die Suche nach dem eigenen Platz an dem jeder seine Zeit jenseits der Schwelle verbringt.
  • Einführung in die Gestaltung von eigenen Ritualen während der Schwellenzeit.

 

2. Schwellenphase

Die eigentliche Visionssuche beginnt. Am Morgen um sieben Uhr treten die Teilnehmer nacheinander in den Schwellenkreis und gehen dann für drei Tage und Nächte (bei Jugendlichen auch kürzer) hinaus. Jeder hat genügend Wasser bei sich, jedoch keine Nahrung. Die anderen sind nun unsichtbar (nach einer alten Regel). Es gibt auch kein Radio, Handy oder Zigaretten. Jede Person nimmt ihr eigenes Thema mit und hat nun Raum, für sich eine Antwort zu finden. In der letzten Nacht werden die Teilnehmer wachen und um eine Vision bitten.

Hermann Hesse legte Siddharta folgende Worte in den Mund: Ich kann Warten, Schweigen und Fasten.

Wer sich überfordert fühlt und abbricht muss sich nicht als gescheitert fühlen.

Er hat erkannt, wo seine Grenze liegt und hat seine eigene heilige Entscheidung getroffen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Das Gefühl versagt zu haben, hängt dann mit den eigenen Erwartungen und Ansprüchen zusammen und kann als ein weiterer Spiegel dienen, in den man blickt.

 

3. Wiedereingliederungs- oder Integrationsphase

Am Morgen der Rückkehr übertreten die Teilnehmer erneut die rituelle Schwelle und werden zum Teil auch von ihren Eltern begrüßt (diese sind am Tag zuvor angereist). Gemeinsam wird das Fasten aufgehoben und mit viel Sorgfalt und Ruhe der weitere Ablauf abgesprochen. Jeder bekommt ein Kuvert mit Briefpapier und schreibt einen Brief an sich selbst, der eingesammelt und in einem halben Jahr zurückgeschickt wird.

Die Eltern überlassen ihre Kinder sich selbst und setzen sich mit dem Thema auseinander, was es für sie heißt, einen jungen Erwachsenen mit neuem Status in der Familie zu haben. Am Abend wird das „Spiegeln“ erklärt.

Am ersten Nachbereitungstag hat jeder Teilnehmer die Möglichkeit im Kreis von Eltern/Freunden und den Ältesten (wenn die Leiter sich selbst noch nicht so bezeichnen, sind noch andere Menschen dabei, die in ihrem Alter zu wirklicher Reife gekommen sind und ihre Weisheit den jüngeren Mitgliedern zur Verfügung stellen) seine Geschichte der drei Tage zu erzählen.

Die Visionssucheleiter spiegeln die Geschichte, wobei es darauf ankommt, eine bestätigende Haltung einzunehmen und zuzuhören. Es wird dabei nicht interpretiert oder die eigene Meinung geäußert.

Die Eltern haben auch die Möglichkeit etwas zu sagen und ihre Liebe, Achtung und ihren Stolz auszudrücken („Ich traue dir jetzt zu, dein eigenes Leben zu leben!“). Im Kreise aller ist solch eine Bekräftigung sehr wirksam und bezeugt, dass eine Wandlung geschehen ist und ein junger Erwachsener sich an den Beginn eines neuen Weges gestellt hat.

Am nächsten Tag werden immer noch die Geschichten erzählt, so dass die Erlebnisse auch nicht zu schnell überlagert werden. Am Abend wird gefeiert, gelacht und gespielt und es werden kleine Geschenke ausgetauscht und Dankesworte gesprochen.

Am letzten Tag heißt es Abschied nehmen und jeder Teilnehmer erhält noch einen Ratschlag, wie er vielleicht mit dem Erlebten umgehen kann, wenn er wieder zu Hause ist. Die Rückkehr in den Alltag ist wohl der schwierigste Schritt der Integration. Werden aus den Visionen Wirklichkeiten werden?! Nach Gipfelerlebnissen und möglicherweise tiefen Erfahrungen muss jeder bereit sein, sich in die Gewöhnlichkeiten des täglichen Lebens wieder hineinzufinden.

Da ein Ritual wie die Visionssuche bisher kaum verbreitet ist, herrscht bei manchen Menschen Unverständnis und die zarten Keime, die wachsen wollen, können leicht zerstört werden. Die Visionssucheleiter stehen den Jugendlichen auf jeden Fall noch ein Jahr bei Fragen und Problemen zur Verfügung. Nach einem Jahr wird den Teilnehmern empfohlen, durch eine zweite Medizinwanderung auf ihre Visionssuche und das daraus Erwachsene zurückzublicken. Für manche Menschen werden noch Jahre später Dinge sichtbar, die damals angestoßen wurden.

 

Sinn und Gewinn einer Visionssuche

Stefan Wolff, der seit achtzehn Jahren mit Jugendlichen arbeitet und auch Visionssuchen leitet, hat in der Zeitschrift „erleben & lernen“ (Ausgabe 5/2001) folgende Aspekte zusammengestellt, die als positiver Grund einer Visionssuche zu beurteilen sind:

  • Verloren gegangenes Urvertrauen kann entwickelt und wieder hergestellt werden
  • Das Selbstbewusstsein wird gestärkt
  • Soziales Bewusstsein und Sinn für die Gemeinschaft wird entwickelt
  • Die Suche nach dem Sinn des Lebens wird ernstgenommen und dieser kann durch die gemeinsame Arbeit gefunden werden
  • Unterstützung und Anerkennung in sich und in die Gemeinschaft nach suizidalen Krisen
  • Bewusster Abschluss der Kindheit und Übertritt in die Erwachsenenwelt
  • Die Geschlechtsidentität kann sich entwickeln
  • Die Erfahrung der eigenen Sexualität und die Freude am eigenen Körper
  • Finden und wertschätzen des eigenen Wesens und damit der anderen Gruppenmitglieder
  • Ein konstruktiver Umgang mit den sogenannten negativen Emotionen wie Wut, Trauer und Aggression wird gelernt
  • Eine bewusste Ablösung vom Elternhaus findet statt
  • Unterstützung während der Adoleszenz, auf die man sich verlassen kann
  • Ein Bewusstsein für die Umwelt und Natur stellt sich ein
  • Die Verbindung zu Instinkt und Intuition wird gestärkt
  • Entscheidungssicherheit und Handlungsstärke in schwierigen Lebenssituationen werden herausgebildet
  • Achtsamkeit gegenüber sich selbst, den anderen und der Natur kann wachsen
  • Die Visionssuche ist kein Überlebenstraining, sondern ein behutsames Sich-an-nähern und Wieder-an-binden an die Quellen unseres Lebens
  • Diese Anbindung verwurzelt Entwurzelte, nährt vom Leben Unterernährte, schenkt Vertrauen den Angstvollen und schafft Frieden in sich selbst

Die beiden Visionssucheleiter Max Peschek und Anna Gensberger sehen in den komplexen Herausforderungen (Umgang mit Gefühlen, Belastungen wie Entzug und Einsamkeit) die Basis für die Bewältigung des eigenen Lebens. Die Jugendlichen haben eine innere Struktur entwickelt, um auf sich selbst gestellt zu leben.

„Wir wollten wissen, wer ihr seid, waren neugierig auf Eure Erfahrungen. Denn ihr seit diejenigen, die in 10 bis 20 Jahren unsere Welt gestalten werden, wenn unsere Generation zurücktritt. Ihr seid diejenigen, die die Zukunft machen. Und wenn wir euch so sehen, haben wir das Vertrauen, dass es gut weitergeht.“ (Stephan Wolff: e & l (2001), S. 9)

 

Teilnehmer und ihre Beweggründe

„Die Themen mit denen ein Mensch auf Visionssuche geht sind so vielfältig wie die individuellen Lebensgeschichten.“ (Koch-Weser / v. Lüpke: a.a.O., S. 100)

Wer sich für eine Visionssuche entscheidet, hat meist einen tieferen Grund dafür, denn Hunger, Schmutz, Angst und Regen sind nicht gerade sehr attraktive Aussichten und man kann wohl keinen Natururlaub mit ein bisschen Selbsterfahrung erwarten. Meist handelt es sich bei den Themen der Teilnehmer um Wandlungsprozesse von biologischen Lebensübergängen (Geburt, Tod, Mutter-/ Vaterschaft, Krankheit, Alter) und sozialen Veränderungen (Heirat, Trennung, Scheidung, Berufswechsel, Pensionierung, Umzug), was folgende Beispiele ein wenig verdeutlichen sollen.

  • Ein Mann, der bisher als Junggeselle gelebt hat, will diese Zeit bewusst beenden, um die Rolle eines Ehemanns und Familienvaters anzunehmen.
  • Eine Frau will nach der Trennung von ihrem Mann und dem Auszug der Kinder ihr Gefühl der Leere überwinden und eine neue Aufgabe im Berufsleben finden.
  • Eine junge Frau möchte sich nach einem sexuellen Missbrauch von der Opferrolle befreien und ihre derzeitige Partnerschaft bekräftigen in der sie den Wunsch hat Kinder zu bekommen.

Ein Grund kann die innere Gottsuche sein. Ein Jugendlicher möchte den Mythos und Sinn seines Lebens begreifen und hat den Wunsch nach Verschmelzung und Ganzheit, weshalb er mit seiner Sehnsucht in die Natur geht, um das Unbeschreibliche und Unaussprechliche zu berühren.

„Ohne Vision stirbst du ab. Du fühlst dich schwach, unfähig etwas zu träumen, zu entwerfen, zu wünschen. Ohne Vision fühlst du dich getrennt von der puren Lebensfreude. Ohne ekstatische Augenblicke vollkommener Leichtigkeit kannst du nicht überleben. Du fängst an, sie im Suff, in Drogen, in Hilfskonstrukten wie Erfolg, gesellschaftlicher Anerkennung, Bestätigung, in sexuellen Exzessen zu suchen. Und du hast mit den Nebenwirkungen zu tun, ohne die Wirkung je gespürt zu haben. Wenn dein Leben so tot ist, dass du morgens nicht weißt, wozu es gut sein soll aufzustehen, ist es Zeit, auf Visionssuche zu gehen.“ (Franziska Luisa: „Drei Wünsche“, S. 174)

Die Visionssuche versteht sich somit als eine Methode, welche nicht auf ein bestimmtes Thema festgelegt ist, sondern will mit dem arbeiten, was an Fragestellungen aus der ganzen Persönlichkeit heraus vorhanden ist. Da sich Visionssuche auch an spezielle soziale Gruppen richtet, möchte ich die davon umschreiben, welche bei den Anbietern in den Mittelpunkt gerückt sind.

 

1. Jugendvisionssuche

Die Zahl der Angebote ist durch eine erhöhte Nachfrage von Jugendlichen, Eltern und Institutionen gewachsen. Die Visionssuche ist ein klassisches Initiationsritual für Jugendliche und man kann bei vielen Erwachsenen, die auf Visionssuche gehen, sehen, dass sie eine solche Initiation nachholen. Die Grenzen zur Erwachsenenwelt in unserer Gesellschaft sind verschwommen und es fehlen Vorbilder und Rollenmuster. In der Jugendpsychologie spricht man von „Identitätsdiffusion“ und bezeichnet damit das Unvermögen, sich auf Werte, Entscheidungen und Ziele einzulassen. Dieser Prozess ist auch gekennzeichnet durch wachsende Passivität, Abgabe der Eigeninitiative (Arbeitslähmung), Regression auf frühere Entwicklungsstufen oder das Leben in Phantasiewelten. Drogenmissbrauch und die Suche nach Sicherheit in totalitären Gruppen können dann die Folge dieses Mangels an Identität sein. Und Erwachsene stehen dann oft hilflos diesen Phänomenen gegenüber ohne wirklich helfen zu können. (vgl. Jürgen Frick in Koch-Weser / v. Lüpke: a.a.O., S. 100)

Da sich viele Jugendliche an der Welt unreifer Erwachsener orientieren, versuchen sie sich selbst zu initiieren und nehmen Kino- Fernsehidole zum Vorbild oder suchen z.B. in Extremsport und Aktion eine Herausforderung, um ihren Mut, ihre Kraft und Ausdauer unter Beweis zu stellen.

Vor allem in den USA, aber auch in Europa gibt es Schulen, die eine Visionssuche am Ende der Schulzeit anbieten. Die Schüler werden auf diesen Abschluss vorbereitet und er ist nichts Außergewöhnliches.

 

2. Visionssuche für Führungskräfte

Für Manager wird die Visionssuche meist als Teil oder Kern eines umfassenden Trainings angeboten. In der Visionssuche kann es zu folgenden Fragen kommen (Koch-Weser / v. Lüpke: a.a.O., S. 113):

  • Worin besteht der Sinn jenseits von funktionaler Leistung?
  • Wie sind Persönlichkeit und Beruf verbunden?
  • Was bin ich jenseits der Aufgabe?
  • Wem gegenüber trage ich Verantwortung?
  • Was trägt mich durch die hohen Anforderungen und die Einsamkeit des Führens hindurch?
  • Was ist meine Identität, was nährt meine Seele?


„Der Manager als >ganzer Mensch< ist gefragt. Die Führung von Mitarbeitern stellt an Manager der Zukunft neue Herausforderungen, die durch Fähigkeiten wie Delegieren, Koordinieren, Motivieren oder Organisieren nicht mehr angemessen zu erfüllen sind; sowohl im Hinblick auf die Aufgabe, als auch für die seelische Gesundheit des Managers selbst. Gefragt sind Manager, die sich selbst und andere führen können, die neben ihrer Fachkompetenz mit dem zunehmenden Sinnverlust umgehen und in Netzwerken agieren können. Dazu kommt die Bereitschaft, sich mit Leidenschaft, Mut und Ausdauer für ihre Ziele einzusetzen, gepaart mit der Fähigkeit, Visionen zu entwickeln und sie im Team motivierend und konfliktbereit einzusetzen.“ (Paszek in Koch-Weser / v. Lüpke: a.a.O., S. 112)

 

3. Visionssuche für Schwerkranke

Als ein besonderes Angebot ist die Visionssuche für Schwerkranke und Sterbende anzusehen. Die Auseinandersetzung mit dem Tod wird hier zu einem bedeutenden Thema. Die Struktur ist im Allgemeinen offener und kann in enger Absprache mit den Teilnehmenden geplant und durchgeführt werden. Dieses Angebot kann auch von Ärzten begleitet werden.

Eingebetet in der Natur werden die Ängste oft kleiner und der Kreislauf von Entstehen und Vergehen hilft die eigene Vergänglichkeit anzunehmen und den Tod nicht als etwas Endgültiges zu betrachten. Wer mit dem Tod Frieden schließt, ihn würdigt und bewusst Abschied nimmt, kann einen leichteren Übergang über die letzte große Schwelle schaffen. Eine Krankheit wirft Fragen nach dem Sinn auf und fordert uns auf, in Eigenverantwortung heilende Antworten für Körper, Geist und Seele zu finden.

 

4. Visionssuche für Randgruppen

Die Resozialisierung von straffälligen Menschen, welche aus sich heraus eine Vision entwickeln müssen für ihre Zukunft in der Gesellschaft, kann durch ein Übergangsritual begleitet werden. „Viele der Menschen, mit denen ich arbeite, sprechen davon, dass sie sich fühlen, als ob sie den Körper eines Mannes und den Geist eines kleinen Kindes hätten.“ (Steve Todd in Koch-Weser / v. Lüpke: a.a.O., S. 115)

In Südafrika gibt es ein achtzehnmonatiges Resozialisierungsprogramm, welches mit schwer kriminellen Straßenkindern arbeitet. Ein Workcamp, eine Visionssuche und die Eingliederung in ein Wohnheim und der Wiederanschluss an die leibliche Familie sind feste Bestandteile. „Mehr als 90% der Teilnehmer leben seitdem ohne Kriminalität und Drogen in festen Arbeitsverhältnissen...“ (Steve Todd in Koch-Weser / v. Lüpke: a.a.O., S. 115) In der Vor- und Nachbereitung haben die jungen Straftäter meistens zum ersten Mal die Möglichkeit, über die Traumata ihres Lebens zu sprechen.

 

Prozess der Wandlung

Den Prozess der Wandlung und Verwandlung finden wir überall in Mikrokosmos und Makrokosmos vor, wie zum Beispiel im Jahreslauf der Natur, der sich in Zyklen vollzieht. Es lässt sich sogar behaupten, dass das einzig Bleibende der Wandel ist. Schon die Lebensphasen von Schwangerschaft, Kindheit, Erwachsenwerden, Lebensmitte, Alter und dem Tod garantieren das. Wenn wir die Übergangsprozesse des Lebens nicht als ein Versagen verdrängen, können wir sie wieder würdigen und mit Ritualen begleiten, die mal leicht und lustvoll sind oder auch schwer und nachdenklich. Denn wo diese Rituale fehlen, entwickeln sich sonst oft Symptome wie Krankheit (nach Innen gestaut) oder Gewalt (Entladung nach Außen) in der Gesellschaft.

„Wendepunkte sind Phasen in unserem Leben, in denen aus dem Alten das Neue geboren wird, in denen wir gewordene Formen verlieren, um neue Gestalt zu finden, in denen wir das Bekannte in Frage stellen und uns öffnen für das Unbekannte. An Wendepunkten geben wir den Halt auf, den wir am Gewordenen hatten, um dem zu begegnen, was werden will. An Wendepunkten nehmen wir Abschied von der Person, die wir waren, und begrüßen die Person, die wir gerade werden. Wo immer wir hingegen diese Chance nicht wahrnehmen, deprimieren wir die Person, die wir werden, zu Gunsten der Person, die wir waren.“ (Psychotherapeut Wolf Büntig in Koch-Weser / v. Lüpke: a.a.O., S. 104)

 

Jugend heute?

Ein Phänomen unserer Zeit scheinen die fehlenden Anknüpfungspunkte für jugendliche Ideale zu sein. Henning Köhler spricht von einem Peinlichkeitsgefühl, das bei der heutigen 68ger-Generation entstanden ist, die ihre Utopien gegen verhärtete realistische Wertvorstellungen ausgetauscht hat.

Dass die Jugendlichen mit ihren Idealen nicht alleine dastehen und diese im Inneren verstecken, können Erwachsenen verhindern, die ihnen das Gefühl vermitteln, Ideale zu haben und im Leben immer auf der Suche nach neue zeitgemäßen Antworten zu sein. Für mich ist Herr Rauer solch ein Vorbild, der im Alter noch ganz beflügelt ist von seinen Idealen. Albert Schweitzer war ebenfalls ein Mann, der von der Macht der Ideale zu berichten wusste. Die von ihm gemachten folgenden Aussprüche sind mir seit meinem zwanzigsten Lebensjahr in Erinnerung:

„Wachset in Eure Ideale hinein, dass das Leben sie euch nicht nehmen kann.“ „Wenn die Menschen das würden, was sie mit vierzehn Jahren sind, wie anders wäre die Welt.“ „Wo Kraft ist, ist Wirkung von Kraft. Kein Sonnenstrahl geht verloren.“

Für den Erwachsenen sollte deutlich sein, dass die Jugendkrise ein Befreiungsakt ist. Für den Schmerz während der Loslösung machen die Jugendlichen zwar oft die Eltern verantwortlich, aber nur so lange bis sie auch eigenen Beinen stehen. Hier kann eine Visionssuche die Möglichkeit bieten, beide Seiten zu einem liebevollen partnerschaftlichen Verhältnis finden zu lassen. Die Zeit der Elternschaft wird gewürdigt und gleichzeitig der neue Schritt ins eigene Leben bekräftigt und verstanden.

 

Ihr sagt: Der Umgang mit Kindern ermüdet uns. Ihr habt Recht.
Ihr sagt: Denn wir müssen zu ihrer Begriffswelt heruntersteigen.
Hinuntersteigen, uns herabneigen, beugen, kleiner machen.
Ihr irrt Euch. Nicht das ermüdet uns.
Sondern - das wir zu ihren Gefühlen emporklimmen müssen.
Emporklimmen, uns ausstrecken, auf die Zehenspitzen stellen,
hinlangen. Um nicht zu verletzen.

Janusz Korczak

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