Schüler gestalten und erleben Tafelbilder

Ein Beitrag von Thomas Peek (heilpädagogische Waldorfschule: Ita Wegman Schule Benefeld)

In die 4. Klasse der Ita Wegman Schule Benefeld wurden vor einiger Zeit mehrere Schüler aufgenommen, die bald ihre Begeisterung zum Malen entdeckten. Einige empfanden es als Wohltat, erst einmal sowohl künstlerisch, als auch kognitiv gefördert zu werden. Zunächst war aber der Umgang mit Wachsmalblöckchen und -stiften zu lernen und zu üben. Die Art und Weise Epochenhefte zu führen war ihnen neu und Aquarellmalen auf nassem Papier galt vorerst als Unmöglichkeit. Nach vielen Gelegenheiten zu üben entstanden bald beachtliche Werke und das Lob darüber beflügelte, es gab neuen Ansporn. Sobald viele Wachsmal- und Aquarelltechniken beherrscht wurden, mussten neue Herausforderungen folgen. Nach dem Vorbild des Lehrers wollten sie sich die Tafel erobern. Vorsichtig wurde also gefragt:" Wenn wir wieder einmal mit allen Aufgaben fertig sind, dürfen wir dann etwas an der freien Tafel malen? Wir möchten auch so ein Tafelbild schaffen!" Natürlich wurde das den Schülern erlaubt, unter zuvor genau abgesprochenen Bedingungen.

Rechts Tafelbild des Lehrers, links die Ergänzung durch zwei Schüler der 4. Klasse

 

Ende Februar war der Kranichzug über Norddeutschland zu beobachten. In den Mooren der Umgebung legten diese Vögel eine kurze Rast ein. Manchmal hörten wir die Kranichschreie während der stillen Arbeitsphasen des Unterrichtes. Passend zum Thema wurde im Rhythmischen Teil W. Buschs Gedicht „Der kluge Kranich" gesprochen. Als einige Schüler mit gefundenen Kranichfedern in den Unterricht kamen, wollten zwei andere unbedingt das Kranichbild an der Tafel ergänzen. Sie entdeckten von selbst die Technik, flächig mit der Kreidenbreitseite zu malen und die dominierende Wirkung von schwarzer Kreide auf hellem Hintergrund. Den Schülern war es auch wichtig, dass ein Kranich - Junges auf dem Bild erscheint (links im Vordergrund).

Man stelle sich dabei einen etwa 1,48 m kleinen Jungen vor, der mit seiner nur unwesentlich größeren Freundin immer wieder auf herbeigezogene Stühle steigt, um mit dem ausgestreckten Arm die Tafeloberseite beim Malen zu erreichen. Währenddessen dufte der Bildaufbau keinesfalls vernachlässigt werden, denn sonst stimmten am Ende die Proportionen nicht. Die Kinder stiegen also immer wieder auf die Stühle, malten weiter, kletterten bald wieder herunter, um sich aus der Entfernung ihres Bildes zu vergewissern und bestiegen die Stühle erneut. Ein höheres Maß an Körperbeherrschung, Willensstärkung und Ausdauer lässt sich selbst bei größten Papierformaten im Formenzeichnen schwerlich erreichen.

Im Herbst 2008 besuchten diese Schüler bereits die 5. Klasse. In ihrer ersten Epoche Geographie wurde umfassend der Weserverlauf behandelt. Ein Tafelbild zeigte die Kaliberge nahe der Werra, ein anderes den Zusammenfluss von Fulda und Werra bei Hannoversch Münden.

Zwei Tafelbilder aus der „Weserepoche"

 

Nun schon einigermaßen geübt im Umgang mit der Tafelkreide setzten sich zwei Schüler zum Ziel, eine möglichst detailgetreue Kopie des Tafelbildes vom Weserursprung zu erstellen. Und das mit beachtlichem Erfolg, wenn man beispielsweise die Wasserreflexe des Sonnenlichtes oder die Haltung der Angler betrachtet.

Oft wird gefragt nach dem grundsätzlichen Sinn von Tafelbildern. Einerseits sollen sie natürlich den berüchtigten Blick auf eine gähnend leere Tafel in angenehmer Weise versperren und gleichzeitig die Fantasie sowie den inneren Reichtum der Kinder berühren. Vor allem, um sich auf andere als rein kognitive Weisen, nur durch Vermittlung von Fakten einem Unterrichtsthema zu nähern, werden in vielen Klassen die themenbezogenen Tafelbilder auch in die Epochenhefte übertragen. Durch das Kopieren der Bilder an der Tafel war für die Kinder der Ita Wegman Schule große Neugier geweckt. Wie schon im Falle der Igel und Kraniche wollten sie nun alles ganz genau wissen und fragten immer wieder nach. Wie die beiden Quellflüsse der Weser heißen und welcher Zufluss auf ihrem Bild die Fulda, welcher die Werra ist, wurde mehrfach gefragt. Am folgenden Tag wussten die Kinder nicht nur beides ganz genau, fließend bezeichneten sie auch die Stadt am Zusammenfluss, konnten Hannoversch Münden sogar fast fehlerfrei buchstabieren. Da während der Erläuterungen mehrfach der Spruch: „Wo Fulda sich und Werra küssen..." gefallen war, zitierten sie ihn auswendig. Für heilpädagogische Schüler ist das ein bemerkenswerter Lernerfolg.

links das Tafelbild, rechts die Kopie durch Schüler der 5. Klasse

 

Man kann gespannt sein auf die nächsten Tafelbilder von Schülern. Das Medium Tafelkreide, mit den vielfältigen Möglichkeiten, großflächig oder punktuell zu malen, die Leuchtkraft der Kreiden unterschiedlich einzusetzen, Farben zu mischen, Umrisse nebulös anzudeuten oder scharf konturiert zu zeichnen bieten ein weites Spektrum an Möglichkeiten, Kinder in ihrem natürlichen Wunsch nach bildlichem Ausdruck zu fördern. Wer die jungen Künstler beim Malen an der Tafel beobachtet stellt sehr schnell Erfolgserlebnisse fest. Denn auch bei nur geringer Geduld und Ausdauer stellen sich Erfolgserlebnisse regelmäßig schnell ein. Einerseits lassen sich Ungenauigkeiten oder ein fehlgeleiteter Kreidezug schnell wegwischen und retuschieren, so dass nicht mühevoll übermalt werden muss oder von vorne zu beginnen ist. Andererseits sind auch Kinder, die sonst kaum oder nicht von ihren Arbeiten überzeugt sind beeindruckt von den Farbwirkungen im Großformat, die sie hervorriefen.

Viele Lehrer schenken ihrer Klasse das Tafelbild. So sind alle Tafeln der Waldorfschulen zum Schuljahresbeginn üblicherweise hervorragend, meist richtungsweisend bemalt. Mit zunehmenden Unterrichtsverpflichtungen während des Schuljahres tragen manche Tafelbilder allerdings eher skizzenhaften Charakter. Erfahrungsgemäß bemühen sich Schüler jedoch umso mehr, als auch ihr Lehrer mit den Unterrichtsvorbereitungen zu ringen hatte.

Die 12 Sonnenblumen unseres diesjährigen Begrüßungsbildes erkannten die Schüler selbst am ersten Tag des neuen Schuljahres als der Anzahl von Kindern in der kleinen heilpädagogischen Klasse. Dass die für den Spätsommer typischen Sonnenblumen als Symbol für die erste Pflanzenkundeepoche stünden, erfüllte sie mit Vorfreude. Allerdings läge eine lange Wegstrecke vor den Schülern, die nicht zu steil, aber bergan führe. Auf dem Weg dorthin könnten sie auf viele Entdeckungen gespannt sein und bis zum Ende wäre mit reicher Ernte zu rechnen.

Dieses Bild begriffen die Schüler sofort und es begleitete uns auf ihren ausdrücklichen Wunsch über mehrere Wochen.

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