Unsere Seelengesten im Jahreslauf

In den heutigen Lebensverhältnissen wird die geistige Seite des Jahres­kreislaufs nur vage vom Menschen wahrgenommen. Frühling, Sommer, Herbst und Winter - diese vier Hauptjahreszeiten erschließen sich ihm unmittelbar meist nur in ihrem äußeren Aspekt. Die mehr innerlichen Prozesse, welche das geistige Leben der Erde betreffen, entziehen sich zunächst der Beobachtung und können nur mittelbar durch ihren Einfluss auf das innere Wesen des Menschen erfasst werden.

 

«vita activa»

Aufmerksamer und feiner Selbstbeobachtung ist es jedoch möglich, den Einfluss wahrzuneh­men, den die geistige Seite des Jahreskreislaufs, des Lebensrhythmus der Erde, auf den Mittelpunkt dieses Innenlebens des Menschen, das durch die Denktätigkeit erworbene Bewusstsein vom eigenen Selbst, ausübt. Ein wacher Blick wird ohne große Schwierigkeiten bemerken, wie unsere rein gedanklichen Fähigkeiten vom Frühling an und weiter zum Sommer hin nachlassen und wie auch unser Selbstbewusstsein in gewissem Sinne schwächer, dumpfer wird. Je näher der Sommer herankommt, desto weniger schließen wir uns in uns ab, wir stehen nicht mehr im Gegensatz zur Welt, sondern gehen bis zu einem gewissen Grade über die Grenzen unseres eigenen Wesens hinaus, verbinden uns mit der Natur um uns herum. In unserem Selbstbewusstsein erwacht der Trieb, sich in ein natur­haftes Bewusstsein zu verwandeln. Dieser Prozess ist dem des Einschlafens ähnlich; zwar schwindet in diesem Falle das Bewusstsein nicht vollständig, es verändert jedoch sein Tätigkeitsfeld. Dieses verschiebt sich vom Be­reich des Denkens hin zu dem des Willens, indem mit dem Nachlassen der Denktätigkeit und dem Schwächerwerden des Selbstbewusstseins die Tä­tigkeit der Sinne auflebt und die Neigung zu aktivem, tätigem Leben stärker und kräftiger wird. So lebt der Mensch im Sommer mit seinem ganzen Wesen mehr im Wahrnehmen, das formend auf seinen Willen wirkt. Die Aktivität des Denkens dagegen sowie des auf ihm beruhenden Selbstbewusstseins lässt in dieser Jahreszeit nach, sie tritt zurück.

 

«vita contemplativa»

Das entgegengesetzte Bild bietet sich uns während der zweiten Jahreshälfte von der Sommersonnenwende über den Herbst bis zum Winter. Da beginnt die Kraft des Wahrnehmens abzunehmen und zugleich mit ihr die auf dem naturhaften Bewusstsein beruhende Kraft des Willens, während das Denken in zunehmendem Maße erstarkt, die Gedanken wieder leicht herbeiströmen und sich fast von selbst zu logischen Bezügen verbinden. Mit dem Abgeschlossensein, dem Losgelöstsein von der umgebenden Welt erkraftet auch das Selbstbewusstsein, und das Innenleben wird rei­cher und aktiver auf Kosten des Interesses für die äußeren Vorgänge, wobei die Neigung zu Beschaulichkeit sowie äußerer Passivität zunimmt.

So bewegt sich der Schwerpunkt des Menschenwesens zur Herbstzeit deutlich von außen nach innen, und wir haben im Jahreslauf ein harmoni­sches Wechselspiel dessen, was im Mittelalter «vita activa» und «vita contemplativa» genannt wurde.

 

Entnommen dem Buch „Der Jahreskreislauf als Einweihungsweg ..." von Sergej O. Prokofieff

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