Die Fünfte Jahreszeit - ist das wirklich Fasching?

Ein Beitrag von Eugen Riesterer (Rudolf Steiner Schule Hamburg Wandsbek)

Es wirkt schon etwas befremdlich, wenn am 11.11. um 11:11 Uhr die „Närrische Zeit" beginnt. Denn was danach folgt, ist alles andere als närrisch, sondern höchst besinnlich. Inmitten der Skorpion-Zeit, in welcher das Sterben in der Natur erlebbar wird, das die verschiedensten Toten-Gedenktage begleitet, ertönt der Faschingsruf.

Wenige Tage zuvor stimmen uns Allerheiligen und Allerseelen auf ein verehrendes Gedenken der Verstorbenen ein. Und bald nach Beginn der „Faschingszeit" folgen Totensonntag, Buß- und Bettag, endlich die Adventszeit, die mit der Sonnenwende und der darauf folgenden Weihnachtszeit schließt.

Faschingsstimmung? Mitnichten. Auch an Silvester ist von Fasching nicht die Rede, obwohl er im heutigen „Knallformat" noch am ehesten damit in Bezug gesetzt werden könnte.

Das Fest der Heiligen Drei Könige endlich rundet die Weihnachtszeit und beschließt die zwölf Heiligen Nächte. Und dann begegnet uns das Thema wieder: Fasching, Karneval, Fastnacht ...

 

Vom Martinsfest bis zu Mariä Lichtmess

Zu Beginn der „Närrischen Zeit" liegt noch ein anderes Fest, das Martinsfest. Mit diesem Fest beginnt die Laternenzeit, und hier wird deutlich, was sich in besonderer Weise durch die Fünfte Jahreszeit zieht: das Licht! Dieses Licht steht im Gegensatz zur sommerlichen Lichtfülle, die uns von außen umgab. Das Licht der Kerzen wird von uns selbst entzündet, ja regt uns dazu an, was wir im Sommer an Licht empfangen haben, nun verinnerlicht in uns zu tragen. Das Laternenlicht wird zum Licht am Adventskranz und findet seine Krönung gleich nach der längsten Nacht des Jahres, am Weihnachtsbaum.

Es ist dies ein Licht, das sich nicht in einer praxisorientierten Beleuchtung erschöpft, sondern uns gerade durch seinen Glanz und seine Stimmung über den dunklen Alltag erhebt. Ein Licht, das uns durch die dunkelste Zeit des Jahres begleitet, durch jene Zeit, in der es „fast Nacht" ist.

Damit bekommt der Begriff „Fastnacht" eine andere, aber sinnvolle Bedeutung: Es ist die Zeit, in der das äußere Licht am schwächsten ist, in der die „Fast-Nacht" herrscht! Sie beginnt mit dem Martinsfest und reicht bis Mariä Lichtmess, mit dem sie Anfang Februar wiederum endet. Und es leuchtet ein: An Mariä Licht-Mess kann man den Zuwachs an Licht eben schon wieder - messen ... Denn seit der Sonnenwende ist der Tag nun schon um eine Stunde gewachsen.

Diese Fast-Nacht dauert tatsächlich eine Jahreszeit lang, denn sie erstreckt sich in genau zwölf Wochen von Sankt Martin zu Mariä Lichtmess, und in der Mitte dieser Jahreszeit liegt das Weihnachtsfest mit dem Beginn der 12 Heiligen Nächte.

Jahrhunderte vor der Einführung des Weihnachtsbaums wurde in den Mysterienstätten zur Sonnenwendzeit die innere Sonne, die sog. „Mitternachtssonne" als geistiges Ereignis erwartet. Es war die Erfüllung allen Strebens nach dem „inneren Licht"; wer es schauen konnte, ging erleuchtet durch die 12 Heiligen Nächte. Dies ist das Ziel, zu dem uns das Licht der Kerzen führen soll, denn mit diesem ganz innerlich gewordenen Licht verklingen die Lichter der Kerzen, die uns in die dunkle Zeit geführt haben, und zugleich gewinnt das äußere Licht wieder an Wachstum.

Die Fastnacht-Jahreszeit hebt sich ab von den übrigen vier: Sie verbindet die Herbst- und Winterzeit, aber sie erschöpft sich nicht im äußeren Naturgang, sondern ruft dazu auf, das seelisch-geistige, innere Dasein von den äußeren Dunkel- und Todesprozessen abzuheben und aufzuhellen: „Hellau(f)!" - Die ursprüngliche Bedeutung dieses „närrischen" Rufs liegt im Dunkeln, bekäme aber als „Hell-auf!" auch in dieser Beziehung einen Sinn.

 

Schwermut oder innere Helligkeit?

Wenn man als Erwachsener vor dieser dunklen Zeit steht, kann man von schwermütigen Gefühlen ergriffen werden, die uns noch mehr in die Dunkelheit ziehen. Ganz anders die Kinder: Eine Fünfjährige jubelte einmal zu Beginn der Fast-Nacht: „Ich freu' mich schon so, jetzt kommt wieder das schöne Licht!" Für sie hat sich eine ganz andere Welt aufgetan, während wir uns nur allzu leicht von den äußeren Naturvorgängen, die in dieser Zeit nur Schwere und Dunkelheit kennen, bannen lassen. Aber es steht auch uns frei, uns dieser Licht-Welt zu öffnen.

Intensiv ist unsere Verbindung zur Außenwelt vor allem im Sommer. Das mächtige Licht zieht uns hinaus in die Welt, macht uns beschwingt und leicht. Die Dunkelheit der fünften Jahreszeit hingegen weist uns auf uns selbst zurück, lädt ein zu verinnerlichten Gesprächen, in gedämpfter äußerer Beleuchtung, bei Tee und Kerzenlicht. Die sommerliche Radtour oder Gartenparty eignet sich hierzu kaum, und im hellen - auch künstlich hellen Licht - ergibt sich eher nur ein konventioneller „Small Talk". Dennoch können wir uns auch ganz bewusst von äußeren Naturvorgängen unabhängig machen - von dem Licht des Sommers, das uns hinauszieht, ebenso wie von der Schwere der Fastnacht-Dunkelheit.

Die Laterne ist ein schönes Symbol: Sie macht einen lichterfüllten Innenraum nach außen sichtbar. Freilassender kann der Aufruf nicht sein, sein eigenes Inneres selbst zu erleuchten, sich selbst zu finden, sich die Richtung zu geben, den eigenen Lebensimpuls zu erkennen und zu verwirklichen.

So betrachtet, kann der Beginn der Laternenzeit reicher und bewusster erlebt werden, wenn man sich vor Augen hält, dass im Sterben des äußeren Lichts das kleine Licht der Laterne wie ein Keim auf das neue Licht hinweist, das in uns selbst der äußeren Dunkelheit etwas entgegensetzt, ja dies durch die Dunkelheit überhaupt erst kann! Und es vermag die Kraft in uns zu wecken, die uns über den Abgrund der Dunkelheit tragen kann.

Hell' auf!

Eugen Riesterer

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