Lebendiges Zeitbewusstsein

Ein Beitrag von Marcus Erb-Szymanski (Freie Waldorfschule Leipzig)

Die Jahresfeste und Monatsfeiern an unserer Schule

In alter keltischer Tradition gab es, so vermutet man, acht Jah­resfeiern: vier Monden- und vier Sonnenfeste. Die Mondfeste wa­ren die Hauptfeste, die Sonnenfeste sogenannte Nebenfeste. Dies deutet auf eine Vorherrschaft der Mondkultur, der wir noch heute die Einteilung des Jahres in - wie der Name schon sagt - Monate verdanken. Die Termine der Mondfeste waren abhängig von den Terminen des Vollmonds im entsprechenden Jahr, sie waren also nicht fix, sondern variabel. Die Termine der Sonnenfeste dagegen sind seit jeher manifest und strukturieren das Jahr vor allem für den modernen Menschen: Wintersonnenwende (Winteranfang), Tagundnachtgleiche im Frühjahr (Frühlingsbeginn), Sommerson­nenwende (Sommeranfang) und Tagundnachtgleiche im Herbst (Herbstbeginn). Der Abstand zwischen Sonnen- und Mondfesten lag bei ca. 40 Tagen, eine mythologisch wie astronomisch glei­chermaßen interessante Zeitspanne. Die wichtigsten Feste des Jahres sind immer entweder vierzig Tage vor oder vierzig Tage nach dem benachbarten Sonnenfest.

 

Für das ganze Jahr stellt sich der Kreis der Feste wie folgt dar:

  • Weihnachten - Wintersonnenwende ,Sonnenfest'
  • Maria Lichtmess 2. Februar - ,Mondfest'
  • Fasching, Rosenmontag bis Aschermittwoch - Mitte Februar
  • Ostern - der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Frühlingstagundnachtgleiche (ein Überrest von Mond­festtradition spielt hier noch herein, obwohl es sich inzwi­schen um ein ,Sonnenfest' handelt, ursprünglich wurde je­doch beim Mondfest der heidnischen Göttin Ostera gedacht)
  • Walpurgisnacht - vierzig Tage nach Frühlingsbeginn, ,Mondfest'
  • Christi Himmelfahrt - vierzig Tage nach Ostern
  • Pfingsten - fünfzig Tage nach Ostern (daher der Name)
  • Johanni am 24. Juni - Sommersonnenwende, ,Sonnenfest'
  • Maria Himmelfahrt am 15. August - vierzig Tage vor Herbstbeginn
  • Michaeli am 29. September - Herbsttagundnachtgleiche, ,Sonnenfest'
  • Reformationstag und Halloween am 31. Oktober, Allerheiligen am 1. November, Allerseelen am 2. November - fallen alle ter­minlich mit dem alten Mondfest zusammen
  • Martini am n. November (zugleich auch Faschingsbeginn) -vierzig Tage vor Weihnachten

 

Es ist natürlich kein Zufall, dass die christlichen Feste termin­lich mit den heidnischen übereinstimmen, sondern eine bewusste Angleichung der entsprechenden Konfessionen an überliefer­te Traditionen.

Betrachtet man ein Schuljahr ganz allgemein vor dem Hin­tergrund des Jahreskreises, fällt auf, dass sich letzterer auch auf die ganz prosaische Zeiteinteilung des öffentlichen Schullebens auswirkt. Nach Michaeli kommen die Herbstferien und gehen bis ungefähr Martini. Weihnachten sind Weihnachtsferien, zum folgenden ,Mondfest' endet die Faschingszeit und beginnen die Winterferien, zu Ostern wiederum haben wir Osterferien, um Pfingsten meist auch einige freie Tage und schließlich um die Mittsommernacht endet das Schuljahr mit den Abschlussfeiern und den Sommerferien. Das ,Mondfest' Mitte August lässt dann den Schulanfang bereits wieder herannahen. Grob betrachtet (im Einzelnen sind die Schulferien ja von Bundesland zu Bundesland verschieden und wechseln bisweilen auch ihre Termine) gehorcht das Schuljahr nicht weniger als das Kirchenjahr dem Jahreskreis, was natürlich in erster Linie mit dem Charakter der Jahreszeiten zusammenhängt. Was liegt da näher, als Monatsfeiern und Jah­resfeste mit diesem Tatbestand in Übereinstimmung zu bringen.

 

Zu den Monatsfeiern

Eine weitere Grundidee entspringt dem Wunsch, dass sich Schüler und Lehrer immer gemeinsam in die Ferien verabschie­den. Deshalb wurden die internen Monatsfeiern jetzt auf den je­weils letzten Schultag vor den Ferien gelegt. Es wird nicht mehr nur zwei, sondern fünf interne Feiern im Jahr geben und auch drei statt bisher zwei öffentliche Monatsfeiern. Diese finden dann am jeweils letzten Samstag vor den Ferien statt. Da die Ferientermi­ne ungefähr mit den Terminen der Jahresfeste korrelieren, wer­den die Monatsfeiern festbezogen sein. Neu an den Monatsfeiern ist, dass sie für individuelle Beiträge offen sind. Schüler, Lehrer und Eltern können sich je nach Gelegenheit mit einzelnen Dar­bietungen einbringen. Es geht natürlich weiterhin vorrangig dar­um, die einzelnen Klassen und ihre Unterrichtsinhalte wahrzu­nehmen, aber darüber hinaus soll auch die Gemeinschaftlichkeit anlässlich der Jahresfeste zelebriert werden. Über den konkreten Ablauf entscheidet in letzter Instanz ein für die Monatsfeiern zu­ständiger Kreis.

 

Doch jetzt ein Blick auf die Feste im Einzelnen:

Schulanfang

Den Schulbeginn feiern wir am Haus mit verschiedenen Fei­ern. Wenn wir auf die Sonnen- und Mondfeste schauen, kommt der Schulanfang terminlich dem Mondfest im August am näch­sten.

Die Schulanfangsfeier: Der große Moment des Schulanfangs findet in der Aula statt und neben der neuen ersten Klasse ist die neunte Klasse zugegen, deren Schüler als Paten den Kleinen zur Seite stehen, und die dritte Klasse, die das Programm gestaltet. Im Anschluss an die Feier haben die Erstklässler ihre erste Schulstun­de und ihre Eltern werden im Bistro mit einem kleinen Snack be­grüßt.

Die Schulbeginnfeier für die Unter- und Mittelstufe: Gleich nach der Schulanfangsfeier findet ebenfalls in der Aula für die Klassen zwei bis acht eine Schulbeginnfeier statt, in der die Klassenlehrer mit einer kleinen Ansprache die Schüler auf das neue Schuljahr einstimmen.

Die Schulbeginnfeier für die Oberstufe: Zeitgleich feiert die Oberstufe im Obergeschoss ihren Schulbeginn, wobei die zwölf­te Klasse die neunte als neues Mitglied in der Oberstufe willkom­men heißt.

Der erste Schultag: Den ersten Schultag eröffnet die Schulge­meinschaft morgens in der Aula, um die neue erste Klasse noch einmal herzlich in ihrer Mitte zu begrüßen, die neuen Lehrer vorzustellen und einen gemeinsamen Start zu haben.

Die Eingangsklasse feiert ihren Schulanfang aus verschiede­nen Gründen separat. Schließlich soll nicht zu viel schon vorweg­genommen sein, wenn die Kinder ein Jahr später in die neue er­ste Klasse aufgenommen werden.

 

Michaeli

Das erste Festdatum ist Michaeli, Sonnenfest und Herbstbe­ginn. Das Michaelifest findet traditionsgemäß am 29. September auf dem Schulgelände für die Klassen l bis 9 statt. Im Verlauf von vielen Stationen können die Kinder ihren Mut und ihr Geschick­lichkeit beweisen. Dabei spielen die Klassen 5 bis 9 Pate für die Kleinen und führen und helfen ihnen durch alle Stationen. Am Samstag vor den Herbstferien findet eine öffentliche Monatsfei­er statt mit einem Tag der offenen Tür. Thematisch ist die Feier soweit es möglich ist, auf Michaeli auszurichten, also von der Stim­mung her kraftvoll und dramatisch, wie es für die Zeit der wichti­gen Entscheidungen passt.

In die Michaeli-Zeit fällt auch die Projektwoche, die neuer­dings nicht in der Oberstufe, sondern auch in der Unter- und Mit­telstufe stattfindet. Tatkraft und Mut, neue Wege zu gehen, pas­sen sich gut in den Themenkreis St. Michaels ein.

 

Martini/Advent

Das Martinsfest wurde lange Zeit an der Schule gefeiert. Im Augenblick gibt es diese Feier nicht mehr. Zeitlich ist an gleicher Stelle der Herbstbasar zu finden, der Ende November die Adventszeit einläutet. Es gab schon Ideen, aus dem Herbstbasar einen „Martinsbasar" zu machen, aber darüber entscheidet der Fest­kreis der Schule, der am besten den Gestaltungsspielraum überblicken kann. Die Geschäftigkeit der Herbstzeit kulminiert mit diesem Datum und geht dann in die Innigkeit der Adventszeit über. Die Adventszeit wiederum beginnt in der Schule mit dem traditionellen Adventssingen, das jeden Montag nach den Ad­ventssonntagen für die Unter- und Mittelstufe im Foyer der Schu­le stattfindet.

 

Weihnachten

Das Weihnachtskonzert ist für den Schulalltag der Höhepunkt der Winterzeit. Die Mischung aus Innigkeit und Festlichkeit trifft als Stimmung genau das Wesen dieser Jahreszeit. Doch darüber hinaus ist die Weihnachtszeit charakterisiert durch Verinnerlichung und Vollendung. Deshalb ist das Weihnachtskonzert auch eine Zäsur, ein Innehalten, eine Besinnung auf all das, was sich im Verlauf des Jahres geformt hat. Das gilt auch für die interne Weihnachts(monats)feier, die Schüler und Lehrer gemeinsam am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien gestalten.

 

Epiphanias

Das zweifellos innigste Fest an unserer Schule ist das Dreikö­nigsspiel am Morgen des Dreikönigstages (bzw. am ersten Mor­gen nach den Weihnachtsferien), mit dem das neue Kalenderjahr für die Schüler der Unterstufe beginnt. Trotz aller Wiederholun­gen wird es jedes Jahr neu in seiner ergreifenden Schlichtheit von den Kindern geliebt. An der Aufführung sind oft Eltern und Leh­rer gemeinsam beteiligt.

 

Fasching

Als Kontrast zur Weihnachtszeit wird mit einer öffentlichen Faschings-Monatsfeier am Samstag vor den Winterferien Schü­lern, Eltern und Lehrern Gelegenheit geboten, dem Affen Zucker zu geben und einmal so richtig über einander zu lachen. Zum Ter­min des alten Mondfestes wird im Ausblick auf die Fastenzeit (daher kommt der Name Fasching) noch einmal mit aller Aus­gelassenheit das Ende der Winterzeit gefeiert. Die Faschingsmo­natsfeier wird als interne Monatsfeier am letzten Schultag vor den Winterferien wiederholt. Zu diesem Termin finden dann bei Bedarf die Faschingsfeiern in den einzelnen Klassen statt.

 

Ostern

Die öffentliche Ostermonatsfeier ist am Samstag vor den Osterferien zu erleben. Insofern sollte man besser von einer Pas­sionsfeier sprechen. Andererseits wäre darauf zu achten, dass die­se Feier nicht zu sehr ins Schwere und Schwermütige fällt. Man könnte sie auch als Frühlingsfeier gestalten und mehr das Leich­te, Milde und Lyrische betonen (als ähnlich „liebliches Fest", wie Goethe Pfingsten beschreibt). In jedem Fall ist es die Feier, mit der hoffnungsvoll der warmen Jahreszeit entgegen geblickt wird. Mit dem Frühling stellen sich neue Pläne, Vorhaben, Projekte und Klassenfahrten in Aussicht. In der Zusammenarbeit mit den El­tern bietet sich das Wochenende dieser Monatsfeier für einen ge­meinsamen pädagogischen Tag an und auch dieser könnte ein hoffnungsvoller Anfang für das sein, was im weiteren Verlauf der warmen Monate noch zu verwirklichen wäre. Als interne Monatsfeier wird die Frühlingsmonatsfeier am letzten Schultag vor Ostern wiederholt.

 

Pfingsten

Die Zeit nach Ostern ist geprägt von Prüfungen und Prakti­ka. In dieser Zeit geht es weniger ums Feiern als ums Arbeiten. Die Lehrer schreiben ihre Zeugnisse und die Schüler müssen an­wenden können, was sie im Verlauf des Jahres gelernt haben. Das Nach-außen-Gehen und sich fremden Anforderungen stellen in Form von Praktika, Projekten und Prüfungen ist die Ankündi­gung der immer näher kommenden Sommerzeit, in der man sich ganz der Außenwelt hingibt. Es ist eine andere Art von Hingege­bensein, als in den Ferien, wenn man in den Urlaub fährt, es ent­spricht mehr der arbeitsreichen Hingabe Johannes des Täufers, die mit tieferen Erkenntnissen verbunden ist und mit Demut ge­genüber allem Neuen. Hier werden Impulse aufgegriffen, die in den Sommerferien sich setzen und ausreifen können.

 

Johanni

Johanni ist das letzte Fest im Schuljahr. Gefeiert wird es mit dem Sommerfest, das alljährlich die dritte und vierte Klasse durch ihr eurythmisches Sommerspiel gestalten. Während das Som­merfest mehr die Unter- und Mittelstufe anspricht, haben die Oberschüler ihr Fest mit der Absolventenfeier, bei der die Zeug­nisse der Hauptschüler, Realschüler und Abiturienten überreicht werden. Ein gemeinsames Verabschieden erfolgt dann am letzten Schultag vor den Sommerferien mit einer letzten internen Monatsfeier. Der Charakter des Sommerlichen ergibt sich für diese Feier allein schon dadurch, dass in ihr weniger die Verbundenheit mit der Schule zum Ausdruck kommt als vielmehr der Abschied von derselben. Manche sitzen überhaupt zum letzten Mal mit im Saal und die anderen sind in Gedanken schon im Urlaub. Inso­fern ist diese Monatsfeier eine Art Kehraus im feierlichen Reigen der Jahresfeste.

 

Zusammenfassung

Der Gang durch das Schuljahr beginnt mit den Impulsen, die aus dem Sommer in die Herbstzeit hinüberwirken und in der Mi­chaeli-Zeit in Tatkraft und Mut umgewandelt werden. Diese Zeit kulminiert mit dem Herbstbasar und geht in die Adventszeit über. Mit Weihnachtskonzert und Weihnachtsfeier ist ein Innehalten verbunden und eine Vergegenwärtigung all dessen, was das vor­übergehende Jahr mit sich gebracht hat. Mit der Faschingsmo­natsfeier wird dann ein Raum geöffnet, um all das einmal auf die Bühne zu bringen, was sonst eher unterdrückt werden muss und nun mit Gelächter vertrieben werden kann. Dies kommt ei­ner Vertreibung des Winters gleich. Mit der Frühlingszeit und der Frühlingsmonatsfeier richtet sich der Blick hoffnungsvoll nach vorn auf neue Vorhaben und Pläne. Um Pfingsten herum gilt es, sich den Anforderungen der Außenwelt in Form von Prüfungen und Praktika gewachsen zu zeigen (vor allem für die Oberstufe, aber auch die dritte Klasse wird in dieser Zeit ihre Landbauepoche beenden). Und damit schließt sich der Kreis, wenn im Sommer mit dem Sommerfest, der Absolventenfeier und der Sommermo­natsfeier eine Art Abschied gefeiert wird. Für manche für immer; die anderen werden dann - hoffentlich - mit neuer Entschlus­skraft aus den wohlverdienten Ferien zurückkehren.

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