Der Erzählstoff in der Waldorfschule

»Zeichnung ist Sprache für das Auge, Sprache Malerei für das Ohr.«

Joseph Joubert

 

Eine Text von Annegret Gareau

Im Lehrplan der Waldorfschulen wird dem Erzählen ein besonderer Stellen-wert zugeschrieben. Während zu Beginn des Hauptunterrichts die sprachlich-musikalische Tätigkeit im Vordergrund steht und für das nachfolgende mündliche und schriftliche Arbeiten am Epochenthema die nötige Bereitschaftweckt, darf der Schüler zum Abschluss in die sich fortsetzende Erzählung eintauchen. Durch das natürliche Medium der Sprache, in der sich die menschliche Persönlichkeit zeigt, werden beim Schüler lebendige Bilder geweckt. Sie sind wandelbar und machen im Entwicklungsverlauf des Kindes zum Erwachsenen vielfältige Metamorphosen durch. Der Erzählstoff wird dadurch für das Kind zu einer Hilfe in der seelischen Entwicklung.

Wie alle Unterrichtsinhalte richtet sich auch die Wahl des Erzählstoffes nach der Empfänglichkeit und dem inneren »Hunger« der Kinder und Jugend-lichen. Es gibt ein »Märchenalter« und andererseits Jahre, in denen histori-sche Geschehnisse sowie Biographien von Menschen, die das Werden der Geschichte mitbestimmt haben, auf stärkstes Interesse stoßen. Mit dem Erzählen soll nicht ein Lernziel erreicht werden, sondern die Menschenbildung gefördert werden.

 

Märchen, Fabeln, Geschichten aus dem alten Testament

Wer selbst als Kind das Glück hatte, dass ihm Märchen erzählt wurden, erinnert sich vielleicht noch an das Geheimnisvolle und doch auf unergründlichen Wegen Verständliche, das diesen Stunden ihre ganz besondere Stimmung verlieh.

Märchen sind reine Bildersprache, in denen das jüngere Kind noch Wahr-heiten erahnen kann, während Weisheit und Moral, in Begriffen ausgedrückt, es nicht erreichen.

Noch ganz bildhaft und dennoch schon in einer ganz anderen Erzählform erschließen sich die Kinder im 2. Schuljahr menschliche Eigenschaften durch Fabeln. Das Kind kann sich mit dem starken Stier oder dem stolzen Pfau mit Leichtigkeit identifizieren. Durch List gewinnt der Fuchs den Käse aus dem Schnabel einer eitlen Krähe. So begegnet der Schüler in der Fabel einem Spiegel menschlicher Einseitigkeiten wie Hochmut, Tücke, Gier und bildet daran Gefühlsurteile. Während das Kind in der Fabel die menschlichen Unar-ten belacht, sich über sie empört oder gar traurig wird, lernt es durch die Heiligenlegenden die Größe des wahren Menschen zu ahnen und als Vorbild in seine Gefühle zu schließen.

Um das 9. Lebensjahr schwindet das bis dahin ganz selbstverständliche Gefühl des Einsseins mit der Welt. Das Kind erlebt sich nun bewusst als Einzelwesen. Die mit diesem Entwicklungsschritt entstehenden existentiellen Fragen nach der Herkunft von Mensch und Schöpfung versucht der Waldorflehrplan unter anderem mit dem Erzählen von Geschichten aus dem Alten Testament zu begleiten. Diese spiegeln in wunderbarer Weise die seelische Situation des Kindes dieses Alters wider. Es fühlt sich ausgestoßen aus der Geborgenheit der ersten Kindheit. Nun hört es, wie die Welt erschaffen wurde und wie die ersten Menschen wegen Missachtung des göttlichen Gebotes das Paradies verlassen mussten, aus der geistigen Geborgenheit ins Erdenbewusstsein gestoßen wurden.

 

Von germanischen und griechischen Göttersagen zur Geschichte

Das zehnjährige Kind hat den Umbruch der 3. Klasse durchschritten und erlebte schmerzlich, dass es nicht in der Geborgenheit seiner Umwelt verweilen kann.
Stattdessen gilt es nun, sich diese entdeckungsfreudig und tatkräftig neu zu erschließen. Dabei kann der Schüler in seiner Eroberungsfreude über seine Grenzen hinausschießen. Nun können die germanischen Götter im Unterricht leben. Nicht mehr ein Vatergott, sondern eine Vielzahl von Göttern bestimmt die Geschicke auf der Erde. Der Kampf zwischen Gut und Böse wird im Reich der Götter ausgetragen. In gewaltigen Bildern zeigt das große Drama der Götterdämmerung, wie der Mensch sich vom Götterwillen emanzipiert. In den germanischen Rittersagen hat der Schüler Gelegenheit, die Kämpfe der Helden mitzuerleben. Da werden Willenskräfte freigesetzt. Wir kennen zwar unser Schicksal nicht, aber es lohnt sich für das Gute zu kämpfen.

Die gesamte Schulzeit ist dadurch charakterisiert, dass sich das Kind allmählich nach außen wendet, dass es beginnt, die Außenwelt aus einer gewissen Loslösung, Distanzierung heraus zu betrachten. Um das elfte Lebensjahr herum lebt das Kind in einer Ausgewogenheit zwischen der noch vorhandenen Fähigkeit, sich die Welt mit seinem Gemüt aus dem Herzen heraus zu erschließen, und der aufkeimenden Möglichkeit, sich dieser denkend gegenüberzustellen. Mit dem Erzählen der griechischen Mythen und Sagen einerseits sowie durch das Vertrautmachen mit den historischen Anfängen der alten Weltkulturen andererseits versucht der Lehrer nun wiederum, diesen Entwicklungsschritt zu begleiten. Abermals begegnen den Schülern in den griechischen Göttersagen großartige Bilder, mit denen sie sich auf nichtintellektuelle Weise Wahrheiten erschließen können. Gleichzeitig wird durch das allmähliche Hinführen vom Mythos zur Historie den erwachenden Denkkräften Rechnung getragen.

Diesen eingeschlagenen Weg fortsetzend, wird der Sechstklässler von den sagenhaften Uranfängen Köms nach und nach auf den Boden der Geschichte, der durch Quellen und Chroniken belegten Historie, geführt. Im Unterschied zu mythologischen Erzählungen, in denen Begebenheiten als Bilder geistiger Geschehnisse dastehen, sind wir nun zur Wiedergabe historischer Berichte aufgerufen. Lebensgewohnheiten, Stadt- und Landschaftsbilder und vor allem die handelnden Persönlichkeiten werden plastisch und individuell geschildert, so dass sie lebendig vor dem inneren Auge der Kinder auftauchen. Durch den starken moralischen Gehalt der Geschichten aus dem Mittelalter, der ganz im Bild verwoben ist, eignen sich diese Erzählungen, nicht um die Kinder Moral zu lehren, sondern Moral in ihnen zu begründen.

 

Vom Leben fremder Völker und herausragender Menschen

Aus dem Kind beginnt um das 13. und 14. Lebensjahr allmählich die junge Frau oder der junge Mann zu werden. In der Zeit der Pubertät erwacht einerseits ein Interesse für die ganze Erde und ihre Bewohner, gleichzeitig fühlt sich der junge Mensch aber wie nie zuvor losgetrennt von seiner Umwelt und auf sich selbst zurückgeworfen. Diese neue Lebenssituation bewirkt Verunsicherung und Chaotisierung beim Jugendlichen. Der Lehrplan trägt dieser Entwicklungsphase Rechnung, indem die Schüler ihre Urteilsfähigkeit durch Beobachtung und Wahrnehmung der Welt schulen. Neue Fächer wie Chemie, Ernährungslehre und Algebra bieten hierfür ein geeignetes Übungsfeld. Das Leben fremder Völker als Erzählstoff öffnet dem Schüler neue Horizonte. Er hört, wie ein Volk mit den gegebenen Tatsachen der Natur, des Klimas, kurz seiner Umgebung fertig werden muss und sich daraus ein sozial lebbares Umfeld einrichtet. Liegt der Schwerpunkt in der 7. Klasse darauf, verschiedene Völker kennen zu lernen, beginnt der Schüler der 8. Klasse anfänglich, sich kausale Zusammenhänge zwischen den Naturgegebenheiten und der Entwicklung der Völker zu erschließen. Wie die Kraft der Individualität Neues erschaffen und Veränderungen zum Guten bewirken kann, erfahren die Schüler anhand von ausgewählten Biographien. Das Ringen des einzelnen Menschen um Selbstgestaltung und Selbstverwirklichung im Dienste der Gemeinschaft nährt den aufkeimenden Idealismus der Jugendlichen und kann helfen, sie vor dem Abgleiten in Abgründe zu bewahren, denen viele Aufwachsende ausgesetzt sind.

Es wurde aufgezeigt, wie das Kind während seiner ersten acht Schuljahre von den Märchen, Fabeln, Legenden und Mythen zur nachweisbaren Historie hingeführt wird. Vertieft man sich in den Gang der kindlichen Entwicklung, bemerkt man, auf welch wunderbare Weise das Erzählen die Entwicklungs-und Bewusstseinsstufen, die das Kind durchlebt, hilfreich begleiten kann.

 

Literatur: G. Kniebe, Aus der Unterrichtspraxis an Waldorf-und Rudolf-Steinerschulen, Dornach 1996. K.R. Niederhäuser, Anregung zum Erzählen in Haus und Schule, Basel 1973.

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