Die Wäsche

"Ich schien auf einen Garten herab", erzählte die Sonne. "Um den Rasenplatz herum tanzten weiße Gestalten einen Ringelreihen. Einige von ihnen hatten zwei Beine und weiter nichts, andere nur zwei Arme, und andere hatten weder Beine noch Arme. Kannst du raten, was das für eine Gesellschaft war?"
Es war die Wäsche! Im Hause war gewaschen worden. Nun hatte man die Wäsche hier zum Trocknen aufgehängt. Sie tanzte wirklich, und der Tanzmeister war der Wind. Er blies und blies: "So müsst ihr es machen, so." Jedem einzelnen Stück zeigte er es. Die Hosenbeine strampelten. Die Jacken warfen ihre langen Arme hoch. Die langen Handtücher hüpften und tanzten mit. 
Es war sehr lustig. Gut war's nur, dass die Klammern die lustige Gesellschaft am Platze festhielten. Das hätte sonst ein schönes Durcheinander gegeben. Der Wäsche war es freilich gar nicht recht. Eines der kleinen Taschentücher rief: "Lass mich doch los, du alte Klemmzange, du!" Es zerrte und wollte sich losreißen. Aber die Klammer hielt fest. "Hier bleibst du, bis du trocken bist", sagte sie. "Wenn die Sonne so weiterscheint und der Wind so weiter bläst, wird das gar nicht mehr lange dauern."
Allein die Wäschestücke wollten gar nicht so schnell trocken werden. Denn hier draußen im Sonnenschein zu tanzen, das war doch viel schöner, als in der engen Schublade zu liegen, oder gar unter das heiße Plätteisen zu kommen.
"Hopsa", rief ein übermütiges Höschen und warf das eine Bein hoch. Schwupps, da blieb es über der Leine hängen und konnte nicht mehr herunter. Sein Nachbar, das lange Handtuch wollte ihm helfen. Bums, da lag es auf der Erde. Die Klammer hatte nicht fest genug gehalten. O weh - nun musste es die Reise ins Waschfass noch einmal machen: das war ihm gar nicht angenehm. Das übermütige Hosenbein musste nun oben bleiben und warten, bis jemand kam und ihm herunterhalf. 
Das dauerte gar nicht lange. Vom Haus her kam die Waschfrau. Sie trug einen Korb. Den stellte sie auf den Rasen. Als sie das umgeschlagene Hosenbeinchen sah, holte sie es schnell herunter. 

Sophie Reinheimer

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