Als es nicht regnen wollte

"Wenn es nicht bald regnet, fall ich um", sagte der Regenschirm zum Spazierstock, der einen Schlangenkopf hatte und immer mitgenommen wurde. "Ich sterbe vor Langeweile! Dies hässliche schöne Wetter! Ich fühle, dass ich umfalle, wenn es nicht bald regnet."
Aber es regnete nicht. Am klaren Himmel stand die glühende Sonne und schien. Und wenn sie unterging, war es noch immer heiß und schwül. Die Blätter an den Bäumen waren verstaubt und dürr; die Blumen blühten auf und verwelkten gleich wieder; die Vögel suchten ängstlich nach Wasser. Selbst der Bach war ausgetrocknet. Auf der Landstraße marschierten mürrische, durstige Soldaten. Sie waren über und über mit Staub bedeckt. 
Der Regenschirm aber, oben im Ständer, fiel wirklich um vor Ärger und Langeweile. 
Am Nachmittag schossen die Soldaten: bum, bum. Da guckten ein paar neugierige Wölkchen ganz hinten am Himmelsrande hervor. "Was bumst denn da?" sagten sie und kamen näher. Und immer mehr Wolken kamen und wollten wissen, wo das Knattern herkäme. Sie konnten aber darüber nicht einig werden. Sie kamen ins Zanken und stießen mit den Köpfen aneinander. Und wisst ihr was? Wenn Wolken sich die Köpfe stoßen, platzen sie, und wenn sie platzen, regnen sie, und so kam es, dass an dem Tage ein tüchtiger Regen auf die Erde fiel. Die Blätter und Blumen atmeten frisch und tranken sich satt; der Bach rauschte, und der Regenschirm ging mit Fritzchen auf dem Hofe spazieren.
Er blähte sich vor Freude und dachte an den Spazierstock mit dem Schlangenkopf, der traurig in der Ecke stand, weil er nicht mitgenommen wurde. 

Paula Dehmel

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