Phaethon, die Suche nach Identität oder Ohnmacht der Vernunft

Ein Text von Thomas Peek

Die folgende Mythe behandelt neben physischen und geistigen Bewegungsmustern vor allem seelische Regungen1. Manches wird nicht nur den Eltern von Teenagern bekannt vorkommen.

Viele Gedanken hierzu drängten sich im heißen Sommer 2018 auf2. Zählen die Bahnen der riesigen Himmelskörper des Sonnensystems doch zu den gewaltigsten Bewegungsmustern, die wir täglich und ohne Hilfsmittel wahrnehmen. Vor deren Auswirkungen wie Trockenheit, Hitzebränden, Fluten oder Stürmen versuchen wir uns zwar technisch immer ausgeklügelter zu schützen, bleiben ihnen jedoch zu oft ausgeliefert.

Phaethon war der Sohn des Sonnengottes Helios und der Nymphe Klymene. Als Phaethon einmal mit seinem Vater angab, wurde er in einem wohl pubertären Zwist verhöhnt: „Deiner Mutter glaubst du alles, du Idiot, und gibst mit einem falschen, eingebildeten Vater an!"3 Beschämt und zornig bestürmte Phaethon daraufhin seine Mutter. Er bat um ein untrügliches Zeichen seiner göttlichen Sohnschaft. Die „blickte (einfühlsam) zur hellen Sonne und sprach: Bei diesem Himmelslicht, das uns hört und sieht, ... schwöre ich dir, mein Sohn: Der Gott, den du erblickst, der Gott, der die Welt erwärmt, ist dein Vater!... Spreche ich die Unwahrheit, dann soll dieses Licht das letzte sein, das meine Augen sehen und er möge sich auf ewig vor mir verbergen. Aber es ist keine weite Reise zum Palast deines Vaters. Drängt dich dein Herz, so geh und frage ihn selber!" Phaethon ließ sich das nicht zweimal sagen, sondern reiste schnell dorthin, wo an jedem Morgen sein Vater, die Sonne, hervortritt.

Wie kann ein Teenager, der sich fragt, ob er der Sohn desjenigen ist, den er als Vater betrachtet, Sicherheit gewinnen über seine ererbte Identität? Für jemanden, der sich göttlicher Abstammung glaubt, steht besonders viel auf dem Spiel, wenn dieser Glaube ins Wanken gerät. Ein Wechselbad überhöhter Selbsterwartungen und Minderwertigkeitsgefühle ist jedenfalls vielen jungen Menschen anzumerken. Einige Eltern und Lehrer von Siebtklässlern kennen vermutlich ähnliche Selbstzweifel ihrer Kinder, die weit über übliche Vater-Sohn Konflikte hinausreichen. Vermutlich gibt es dagegen nur ein Mittel. Der Junge will eine eindeutige Tat vollbringen, die nur er als Helios Sohn zu tun in der Lage ist, er möchte seine erblichen Veranlagungen beweisen.

Kaum betritt Phaethon den Palast des Sonnengottes, erträgt er kaum dessen Glanz. Der Strahlende sitzt auf seinem Thron: „Zur Rechten und zur Linken waren die Götter von Tag, Monat und Jahr, von Jahrhunderten, und im gleichen Abstand standen die Stunden..." ( Met II, 25-30). Phaethon wird vom Sonnengott in dieser eindrucksvollen Umgebung herzlich begrüßt. Er berichtet von seinen Zweifeln und bittet den Erzeuger um einen Beweis seiner Abkunft. Helios umarmt den Sohn herzlich und versichert ihm mit heiligem Eid, feierlich das zu geben, was auch immer der sich erbitte. Ohne zu zögern wünscht sich also Phaethon, einen Tag lang die geflügelten Pferde mit dem Sonnenwagen des Vaters lenken zu dürfen. Phaethon erscheint diese Bitte nur logisch: Als Sohn des Sonnengottes müsste er doch einmal die tägliche Fahrt des Helios vollbringen können. Für Helios ist aber diese Bitte reiner Wahnsinn. „Unbesonnen ist mein Wort durch das deine geworden!", ruft er aus. Helios steckt in einem Dilemma: Soll er sein Versprechen einhalten? Das bedeutete für den geliebten Sohn den sicheren Tod. Aber sein Versprechen zurückzunehmen kann Helios auch nicht. Also bleibt ihm nur, Phaethon zu warnen und die Gefahren möglichst realistisch zu schildern. Schließlich bittet er geradezu flehentlich: „Lass es nicht so weit kommen... und ändere deinen Wunsch, noch ist es Zeit!" (Met II, 88-89). In der deutlichen Voraussicht drohender Gefahren handelt der Vater also verantwortungsbewusst und müsste deshalb seinem Sohn den Wunsch abschlagen. Helios begründet seine Ablehnung sogar, doch trifft er damit nur auf taube Ohren. Vielen Eltern wird ein trotziges Nichtverstehenwollen ihrer pubertären Kinder bekannt vorkommen, solange man es mit unerbetener Aufklärung versucht. Durch ein 'Ich weiß es (leider) aus Erfahrung besser als du' hätte Helios die trotzige Wunschwiederholung seines Sohnes geradezu herausgefordert. Helios wählt also einen einfühlsamen anderen Weg. „Natürlich verlangst du Beweise, um zu wissen, ob du von meinem Blut bist. ...Durch meine Furcht... beweise ich mich als dein Vater. Sieh mir ins Gesicht. Ach, könntest du bis in mein Herz blicken und darin die väterliche Furcht sehen! Schau dich nur um nach allem, was die reiche Welt in sich fasst und fordere irgendetwas aus all den herrlichen Gütern von Himmel, Erde und Meer. Kein NEIN sollst du hören, verzichte nur auf diese eine Forderung, ich bitte dich! Natürlich wirst du bekommen, was du verlangst. Jetzt wünsche aber klüger" (Met II, 90 -108). Statt also in Phaethons Herz zu schauen, bittet der Vater umgekehrt den Sohn, sich in Helios Lage zu versetzen. Ergreifend ist sein verzweifelter Versuch, Phaethons enge Fixierung auf diesen einen Wunsch aufzulockern und zu weiten. Jeder Wunsch der weiten Welt würde ihm erfüllt. Doch der Sohn ist bereits vor Angst, vor Minderwertigkeitsgefühlen und vor Unsicherheit zu sehr fixiert. Er ist völlig festgelegt auf seine einzige Forderung. „Er klammert sich fest an seinen Vorsatz und brennt vor Begier nach dem Wagen" (Met II, 103 - 104).

Tat Helios es aus väterlicher Liebe, um das Vertrauen und die Zuneigung seines Sohnes nicht gänzlich zu verlieren? Er wirkte jedenfalls tatkräftig mit am unabwendbaren Unheil, in das er seinen Sohn eilen sah! Helios konnte einfach nicht so handeln, wie ein Lehrer oder Therapeut es tun muss, indem er möglichst die Gefahren abwendet.

Der Sonnenwagen ist ein goldenes Wunderwerk mit Radspeichen aus Silber. Ihn zieren funkelnde Edelsteine. Sobald der Morgenstern seinen Platz am Himmel verlassen hat, ist die Zeit unaufschiebbar gekommen. Es bleiben dem Vater nur noch wenige Ratschläge: Salbe als Schutz gegen die strahlende Glut, Mahnungen, etwa kontrolliert die Zügel in der Hand zu halten oder dem durch ausgefahrene Räderspuren markierten Weg zu folgen. Vor allem solle Phaethon nicht zu hoch nach oben steuern, sonst könne er die himmlischen Wohnungen leicht in Brand stecken. Natürlich dürfe er auch nicht zu tief kommen, dann würde die Erde versengen. Zu schnell läuft auch die Zeit der Ratschläge ab. „Die Finsternis ist vertrieben, nimm also die Zügel ... oder wenn sich dein Herz doch noch umstimmen lässt, so nimm meine Warnungen an, solange du noch kannst ... Damit du es von einem sicheren Punkt aus sehen kannst, lass mich der Welt das Licht bringen" (Met II, 143-149). Doch der Sohn will selber der Lichtbringer sein. Er „greift mit Wonne die ... Zügel und dankt ... von oben dem Vater, der solchen Dank nicht will".

Der Weg ins Unglück verläuft anfangs noch unauffällig. Die feurigen Pferde galoppieren mit dem Ostwind durch die Wolken hindurch. Bald jedoch beginnt ihr Lauf zu schlingern. Die Pferde sind irritiert. Schon erreicht ihre Hitzestrahlung die ersten Sternbilder. Doch das eigentliche Unheil wird Phaethon selbst, ganz wie sein Vater es prophezeit hat. „Kaum erblickt er aus der Höhe die Länder tief unter sich, da erbleicht er, ihm zittern vor Schreck die Knie. Bei so viel Licht wird ihm dunkel vor den Augen. Schon wäre es ihm lieber, er hätte nie die Pferde seines Vaters berührt, schon bereut er die Frage nach seiner Herkunft..." (Met II, 178-184). Es ist zu spät!

Phaethon entgleiten die Zügel beim Anblick des Sternbildes Skorpion. Die Pferde brechen aus mit katastrophalen Auswirkungen. Der Erdboden verdorrt, als das Gespann unter die Bahn des Mondes gerät. Wiesen werden aschgrau, Wälder und Kornfelder fangen Feuer, selbst die Gebirge stehen in Flammen. Nicht einmal Phaethon hält noch die Hitze aus, er kommt sich vor wie im Inneren eines Ofens. Vor lauter Qualm kann er nichts mehr sehen. Die ganze Welt steht in Flammen! Der Meeresgott Poseidon wird zornig, als er die Tiefen des Meeres aufsuchen muss, um sich zu kühlen. Demeter, die Göttin der Landwirtschaft ist verzweifelt. Sie bittet ihren Bruder Zeus, sie doch endlich aus dem Feuer zu erlösen, das von allen Seiten bedrängt. „Wenn das Meer, wenn Erde und Himmel vergehen, dann sinken wir wieder in das alte Chaos zurück. Wenn also noch etwas übrig geblieben ist, entreiß es den Flammen und finde eine Lösung für alle!" (Met II, 283-300).

Zeus beruft die Götterversammlung ein. Auch Helios ist anwesend. Man wird sich einig: „Wenn Zeus nicht einschreitet, vernichtet dies das Weltall!" Als einzige Lösung bleibt also, den Wagenlenker selbst zu zerstören. Die Götter können nur noch „mit grimmigem Feuer die Flammen löschen". Zeus schleudert also seinen Blitz auf den heillosen Wagenlenker. Dessen Pferde galoppieren in verschiedene Richtungen, der Wagen zerbricht. Phaethon stürzt wie ein Meteorit „mit glühenden Haaren" herab durch den weiten Luftraum ... Fern der Heimat, am anderen Ende der Erde, nimmt ihn der gewaltige Strom des Totenreiches Eridanos auf und wäscht ihm das noch rauchende Antlitz ..." Wassernymphen werden Phaethon begraben und ihm einen Grabstein setzten mit der Inschrift: 'Hier ruht Phaethon. Er lenkte den Wagen des Vaters. Meisterte er ihn auch nicht, fiel er doch bei gewaltigem Wagnis'.

Sollte also der übermütige Brandstifter von der Nachwelt auch noch bewundert werden? Wer über einen der römischen Sarkophage mit Darstellungen des Phaethons nachdenkt, stellt sich unweigerlich diese Frage. Die meisten Auftraggeber solcher Sarkophage waren nahe Verwandte der in ihnen bestatteten wohl jungen männlichen Toten. Kann vielleicht die Frage aus Zeus Sicht beantwortet werden? Nicht umsonst sicherte sich der Göttervater erst durch die Zustimmung des Götterrates ab, ehe er mit vernichtender Kraft seinen Blitz auf Phaethon schleuderte. Ihn trieb dazu die Sorge um den Bestand der Welt. War es also auch eigene Hilflosigkeit, welche ihn zwang, den hilflosen Wagenlenker zu stürzen? Scheinbar hielten die Götter Phaethons Tod für den einzigen Ausweg aus dem Dilemma. Phaethons Eltern bedeuteten solche Überlegungen natürlich nichts. Der Sonnengott „verhüllt sich aus Trauer. Einen Tag lang liegt die Erde im Dunkeln, erleuchtet nur durch die immer noch lodernden Brände". Die Mutter „Klymene irrt, nachdem sie sich vieles von der Seele gesprochen hat ... trauernd und wie von Sinnen ... über den ganzen Erdkreis. Sie findet die Gebeine begraben und netzt mit Tränen den Namen, den sie liest..." (Met II, 329-339).

Eltern und Lehrer von Mittelstufenschülern erleben zuweilen existentielle Fragen, die am besten zunächst aufmerksam, aber sprachlos überdacht werden, auch wenn der Fragesteller auf spontane Antworten drängt. Zwischen schnellem pubertären Schlagabtausch empfiehlt es sich jetzt für Erwachsene innezuhalten. R. Steiner beschrieb dazu u.a. Übungen des Ausatmens und allgemein der Konzentration. Wer kennt es nicht, wenn am Morgen nach durchschlafener Nacht Antworten auf Fragen plötzlich da sind, wo am Abend zuvor noch Ungewissheit und Zweifel herrschten. Es scheint, als stellten sich sogar manche Fragen erst im Schlaf, nachdem sie im Trubel des Vortages zunächst keine Beachtung fanden. Für manche Antworten wird der Angesprochene auch länger benötigen.

 

  1. R. Steiner, Plato als Mystiker. In: GA 8, S. 64-66.
  2. Zu den seelischen, geistigen und physischen Bewegungen der Sonne im antiken griechischen Denken R. Steiner: GA 183, 4.Vortrag (24.08.1918) S. 60-61. Weitere Interpretationen: Christiane Hansen, Transformationen des Phaethon - Mythos in der deutschen Literatur (Berlin 2012).
  3. Ovid, Metamorphosen I, 751-775. Gekürzt zitiert als Met nach der Reclam Ausgabe von 1982.
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