Johann Gottlieb Fichte

In einfühlsamer Weise und zugleich verdichteter Form schildert Barbara Nordmeyer das Leben und Wirken Johann Gottlieb Fichtes.

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... Doch wiederum schlagen alle Pläne fehlt, wiederum wirft ihn das Schicksal auf sich selbst zurück. Da schreibt er an seine Braut das großartige Wort, das man sich zum Leitwort seines Lebens machen kann: »Da ich das Außer-mir nicht ändern kann, beschloss ich das In-mir zu ändern.« Das sieht in der Praxis so aus:

»Um 5 Uhr stehe ich auf, was mir anfangs, weil ich zeitlebens spät aufgestanden bin, sehr schwer ward; desto dringender suchte ich es von mir zu erzwingen, weil ich dadurch zugleich mich zur Selbstüberwindung zwingen wollte. Von da bis 11 Uhr (die halbe Stunde ausgenommen, die ich zum Ankleiden brauche) studiere ich. Von 11 bis 12 Uhr gebe ich einem jungen Menschen eine griechische Stunde. Ich suchte sie mit Fleiß, um durch das ewige Denken für mich nicht die Gabe, andern etwas vorzutragen, zu vernachlässigen und nach der Arbeit des Kopfs auch der Lunge etwas zu thun zu geben. Von 12 bis 1 zu Tische, in einer erträglich artigen und unterhaltenden Gesellschaft. Von 1 bis 2 in einem der Stadt nahen Garten spazieren gegangen und meistens dabei nicht viel Ernsthaftes gedacht. Von 2 bis 3 etwas Leichtes gelesen oder Briefe geschrieben, wenn solche zu schreiben sind. Von 3 bis 4 gebe ich einem Studenten Privatunterricht über die Kant`sche Philosophie (dies war die Gelegenheit, die mich zum Studium derselben veranlasste). Dies ist nun freilich von einer Seite eine kopfangreifende, von der andern aber eine Arbeit, die zum Deutlichmachen, also für die Einbildungskraft gehört und also zur Herstellung des Gleichgewichts unter den Seelenkräften beiträgt. Von 4 bis 6 Uhr wird bei jeder Witterung nicht spazieren gegangen, sondern gelaufen und der Einbildungskraft völlig freier Lauf gelassen: durch Felder, durch Wälder gestürmt - besonders wenn es sehr regnet oder windig ist. Von 6 Uhr bis zur Dämmerung wird wieder ein wenig studiert. Die Anwendung der ersten Dämmerung kennst Du schon. Sobald Licht kommt, wird ernsthaft fortstudiert, aber nicht länger als bis 10 Uhr. Urtheile selbst, ob eine solche Ordnung sehr gesundheitzerstörend ist. Auch befinde ich mich wirklich, was ich theils dem frühen Aufstehen, theils der ernsthaften Kopfarbeit zuschreibe, so wohl, dass ich vor Gesundheit jauchzen möchte, den ganzen Tag völlig bei guter Laune bin und an meinem ganzen Tage keine verdrießliche Minute kenne. Hierzu kommt aber noch eine Übung, die die Gesundheit des Leibes und der Seele in gleichem Grade befördert. Ich suche nämlich völlig Herr über mich selbst zu werden und lege mir in dieser Absicht jetzt etwas auf, was ich nicht gern thue, versage mir jetzt etwas, was ich gern gehabt hätte, blos darum, weil ich es gern gehabt hätte, kündige jeder aufkeimenden Leidenschaft, sowie sie sich blicken läßt, den Krieg an, und so werde ich dann dieser Störer unserer Ruhe und unserer Gesundheit immermehr entledigt.«

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