Das Stein-Labyrinth

Ein Beitrag von Silke Engesser (Integrative Waldorfschule Emmendingen)

Warum findet man Labyrinthe eingelegt in den Boden gotischer Kathedralen, mit Steinen aufgelegt auf einsamen Inseln im nördlichen Eismeer oder in den Bergen Mexikos und der Hochebene von Nasca, gezeichnet in alten Klosterhandschriften oder indonesischen Baumrindenbüchern. Warum galt es als Gefängnis des Minotaurus und in der gleichen Erzählung auch als Tanzplatz von Theseus und Ariadne? Wer hat es zu welchem Grund in Felsen oder Ton überall in der Welt geritzt, und warum wurde es in einem großen Umzug beim Begräbnis der römischen Kaiserin Drusilla genauso wie bei der Stadtgründung von Konstantinopel begangen?

"Im Geistigen
ist die direkteste Verbindung
zweier Punkte nicht
die Gerade."

Seit Oktober 2006 hat unsere Schule ein Stein-Labyrinth. Bedingt durch den Umzug unserer Schule im Jahre 2005 in neue - "alte" Schulgebäude mit einem traumwandlerisch schönen parkähnlichen Gelände, entstand unter anderem der Wunsch ein begehbares Labyrinth zu bauen.

Durch vielfältige Überlegungen zum Thema Labyrinth und den Besuchen von schon vorhandenen klassischen und neueren Labyrinthen in Kirchen und im Freien, entschlossen wir uns (zwei Mitarbeiterinnen der Schule) für die Form des kretischen Labyrinths mit Steinen. 1000 Steine sollten es dafür sein! Viele Menschen unserer Schulgemeinschaft trugen dann in Folge Steine aus der näheren und auch weiteren Umgebung zusammen. Vor allem den Kindern unseres Schülerhortes und einer "Griechenland-versierten" Mitarbeiterin ist zu verdanken, dass das Labyrinth schließlich so schnell wachsen konnte und im Oktober das erste Mal gemeinsam begangen werden konnte.

"WARUM" ein Labyrinth

In dem Symbol des Labyrinths zeigt sich der Weg der menschlichen Biographie und auch der menschlichen Erkenntnis. Unser "Ziel" ist die Mitte, aber nur selten gelangen wir direkt dorthin. Wir machen Umwege, kommen der Sache sehr nahe und plötzlich ist unser Ziel ganz ungewollt wieder unendlich weit weg, ohne es erreicht zu haben. Trotzdem ist es "unser" Weg und wollen wir weiterkommen, so müssen wir ihn weitergehen. Im Stehen bleiben oder gar Umkehren liegt keine Lösung.

Das Labyrinth fasziniert und erfreut, es weckt Ängste und Neugier, es ist unergründlich und einfach, es verwirrt und kommt dennoch unserem Bedürfnis entgegen, Ordnung in das Chaos zu bringen. Nie lässt sich das Labyrinth bis ins Letzte erklären, immer bleibt ein merkwürdiger, undurchdringlicher Rest, ein Geheimnis.

Das Labyrinth will zum Gebrauch erweckt werden! Bei uns wird es eingebaut in Geschichten, Spiele, Tänze, Meditationen, Rituale usw.

Bei Nacht kann es durch Kerzen erleuchtet werden, bei Tag kann es rückwärts beschritten werden oder im sog. Pilgerschritt erkundet. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten und Varianten, die oft von den Schülern erfunden oder bereichert werden.

Silke Engesser
(engesser.integrative-waldorfschule-em@web.de)

Falls Sie das Labyrinth besuchen wollen:
Es befindet sich in der Integrativen Waldorfschule Emmendingen
(in der Nähe von Freiburg im Breisgau).
Parkweg 24.

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