Jeden Morgen einen Kilometer Schulweg

Ein Beitrag von Peter Färber (Freie Waldorfschule Kassel)

Bewährtes Projekt einiger Klassenlehrer der Freien Waldorfschule Kassel

Jeden Morgen einen Kilometer Schulweg am Druselbach

Die Freie Waldorfschule ist sehr naturnah gelegen. Der Habichtswald reicht bis etwa 200 Meter an das Schulgelände heran. Dort entspringt einige Kilometer oberhalb die „Drusel“. Dieser Bach fließt direkt durch unser Kindergarten- und Hortgelände und schlängelt sich dann etwa 1,5 km, von einem parkähnlichen Waldstreifen gesäumt, weiter. Durch die Stadt fließt die Drusel weitgehend untertunnelt bis zu ihrer Mündung in die Fulda.

Seit Jahren nutzen einige Klassenlehrer der Unterstufe diese besondere Lage unserer Schule und laufen morgens vor dem Unterricht mit den Kindern den schönen Weg am Bach entlang. Da sich etwa einen Kilometer unterhalb eine Straßenbahnhaltestelle befindet, ist der Treffpunkt auch gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Ich habe im Herbst der ersten Klasse damit begonnen und das Projekt täglich, bei Wind und Wetter, bis zum Ende des zweiten Schuljahres erfolgreich durchgeführt. Dazu mussten natürlich zuerst die Eltern mit „ins Boot“ geholt werden:

„Und was geschieht bei Regen?“ fragten einige Eltern besorgt, als ich ihnen das ,,Schulweg-Projekt" vorstellte. „Wir gehen bei Wind und Wetter, denn ich möchte die Kinder zu mehr Bewegung motivieren und sie dazu erziehen, dass man auch bei Regen und Kälte die Natur positiv und aufregend erleben kann. Dafür sind natürlich wetterfeste Kleidung und geeignetes Schuhwerk wichtig! Bei jedem Wetter draußen zu sein, stärkt ihre Abwehrkräfte und regt die Atmung und den Blutkreislauf an. Sowohl der Bewegungsdrang als auch das Mitteilungsbedürfnis der Kinder kommen schon vor dem Unterricht auf ihre Kosten. Sie können sich anschließend besser und ausdauernder auf die Lerninhalte konzentrieren.“

Der Ablauf

Jeden Morgen trafen sich die 29 Kinder meiner 2. Klasse zwischen 7.30 Uhr und 7.45 Uhr zwei Tram-Haltestellen unterhalb der Kasseler Waldorfschule. Viele Kinder wurden mit dem Auto gebracht, manche kamen mit der Straßenbahn. Täglich begleitete uns mindestens ein Elternteil der Klasse; darüber freuten sich die Kinder. Bis ich mit einer alten Kuhglocke läutete, spielten die Schulkinder begeistert auf der Wiese oder am Druselbach. Nun begrüßten sie mich, geben mir ihre Hand, setzten ihre Ranzen auf und los ging's...

Die Ersten düsen schon bis zur nächsten Sitzbank in ca. 100 Metern vor. Jedes Kind geht oder flitzt in seinem Tempo. An den besprochenen Haltepunkten warten wir auf die Letzten, die aber hin und wieder auch angespornt werden. Beim Überqueren der Straße wird der Verkehr durch die Erwachsenen gestoppt, dann ertönt der Ruf: „Die 2a geht jetzt über die Straße!“ So geht es weiter, bis wir uns an der Druselbrücke, 150 Meter unterhalb der Schule, zu zweit aufstellen und das letzte Stück wie ein ,,Zug" mit Lokomotive und angehängten Wagen zurücklegen. „Darf ich heute vorne gehen?", fragen die interessierten Kinder schon morgens bei der Begrüßung, denn diese Aufgabe ist sehr beliebt.

,,Psst, da sitzt ein Eichhörnchen" ruft ein Kind und bald haben es alle bemerkt, stehen mäuschenstill und beobachten, wie es den Baum entlang läuft und von Ast zu Ast springt. Alle Veränderungen der Natur durch die Jahreszeiten erleben die Kinder unmittelbar mit allen Sinnen. So konnten wir sogar einmal im Winter nach einer längeren Frostperiode den ganzen Schulweg über die zugefrorene Drusel laufen! Zu Beginn des Frühlings haben die Kinder unzählige Regenwürmer vom Weg aufgelesen und ins Gras gesetzt, damit sie nicht zertreten werden. Oft bringen die Kinder Blumen, bunte Herbstblätter, Vogeleier, Raupen oder Käfer mit ins Klassenzimmer. Die Kinder erleben hierbei die Natur als aufregendes und spannendes Element. Hier draußen muss kein Mangel an Sinneseindrücken durch Sensationen ausgeglichen werden.

 

Fünf Gründe, die mich bewogen haben, diesen Schulweg täglich mit den Kindern zu gehen:

1. Den Stoffwechsel anregen - die Abwehrkräfte stärken

Bei fast allen Kindern werden heute in den Einschulungs-Untersuchungen körpermotorische Mangelerscheinungen durch eine überwiegend motorisierte Fortbewegung und frühen Medienkonsum diagnostiziert. So war es mir aus gesundheitlichen Gründen wichtig, dass die Kinder morgens ihren Stoffwechsel erst einmal richtig ,,in Gang bringen" - der wird durch das rhythmische Gehen, das Tragen der Ranzen und den Anstieg zur Schute ordentlich angeregt.

Als langjähriger Hundebesitzer weiß ich aus eigener Erfahrung, wie gesund es ist, sich bei Wind und Wetter an der frischen Luft zu bewegen. Bei starkem Regen und Kälte würde ich sonst nicht vor die Tür gehen - und draußen trifft man bei solchem „Hundewetter" kaum andere Spaziergänger. Seitdem bin ich deutlich weniger anfällig für Erkältungskrankheiten. Der Körper passt sich den verschiedenen Temperaturen und Wetterbedingungen an; dadurch werden die Abwehrkräfte gestärkt. So freue ich mich, dass alle Kinder rote Wangen haben, wenn wir mit dem Unterricht beginnen!

 

2. Bewegungs-Rhythmus

Bei vielen Kindern, die ich beim Gehen beobachtete, fiel mir auf, dass ihr Gang schlaksig und unrhythmisch wirkt. Sie setzen ihre Füße nicht richtig auf dem Boden auf. Diese mangelnde ,,Erdung", wird häufig noch gesteigert durch weiche und gefederte Schuhsohlen. Nach etwa einem Jahr „Schulweg-Projekt" verbessert sich der Bewegungsablauf sichtbar. Alle Kinder setzen ihre Füße besser auf dem Boden auf und ihr Gang wirkt harmonischer. Der gleichmäßige Rhythmus des so erlernten Gehens überträgt sich auf die Atmung und den Puls. Ähnliche Erfahrungen machen Jogger durch regelmäßiges Laufen. Die Bewegung bringt die Atmung und den Puls in ein gleichmäßiges Schwingen. Das Wohlbefinden und die Motivation sich weiterzubewegen, werden dadurch gesteigert.

 

3. Verbesserung der Konzentration

Kurz nach der Einschulung bemerkte ich bei meinen Schülern und Schülerinnen einen sehr starken Bewegungsdrang; sie kamen nur schwer zur Ruhe. Die Konzentrationsphasen des aufnehmenden Lernens lagen zu Beginn des ersten Schuljahres bei maximal zehn Minuten. Durch unseren Schulweg kamen wir ca. 10 Minuten später im Klassenraum an. Diese Zeit holten wir jedoch schnell auf, da sich die Konzentrationsfähigkeit der Kinder schon bald auf das Doppelte gesteigert hatte: Anfangs waren es gut 20 Minuten, kurze Zeit später lagen wir bei einer halben Stunde! Diese Erfahrung wird durch wissenschaftliche Studien bestätigt.

Dass Bewegung in der Natur positiv auf die Konzentration von Kindern wirkt, hat der Wissenschaftler Faber Taytor der US-University von Illinois durch seine Forschung bewiesen. An dieser Untersuchung nahmen Kinder mit ADHS im Alter von sieben bis zwölf Jahren teil. Ein jeweils zwanzigminütiger Spaziergang führte entweder in die Innenstadt, in die direkte Nachbarschaft oder in einen Park. Anschließend absolvierten die Kinder einen einfachen Konzentrationstest. Dabei erzielten die Kinder, die sich im Park bewegt hatten, die besten Ergebnisse. Die Wissenschaftler verglichen die Effekte der „Dosis Natur" mit denen eines Medikaments. Taylor: „Wir waren überrascht, dass die Dosis Natur einen gleichen oder sogar einen größeren Effekt wie die Medikation hatte." Ungeklärt ist noch, wie lange diese Wirkung anhält.

 

4. Förderung von Resilienz durch Erlebnis-Reichtum

Auf unserem Schulweg am Druselbach erleben die Kinder die Natur und ihre Jahreszeiten unmittelbar mit allen Sinnen. In Waldorfschulen gibt es in fast allen Klassen einen ,,Jahreszeiten-Tisch", den der Lehrer und die Kinder der jeweiligen Jahreszeit entsprechend gestalten. Meines Erachtens sind die Sinneserfahrungen der Kinder häufig so arm geworden, dass ich die Erlebnissphäre der Kinder durch stärkere, aber nicht künstliche Reize bereichern wollte. Die Grundlage jeder ökologischen Erziehung ist das Kennenlernen und Liebgewinnen der Umwelt. Was man liebt, behandelt man auch sorgsam. Dann erübrigen sich viele Appelle. Meine Erfahrung zeigt, dass die Kinder durch den gemeinsamen Schulweg ihre natürliche Umgebung besser kennenlernen und auch mehr achten. Das stärkt ihre seelische Widerstandsfähigkeit, die Resilienz; in unserer technisierten und oft von familiären Trennungen gekennzeichneten Umwelt haben die Kinder diese innere Widerstandskraft dringend nötig.

Resilienz-Forschung

Resilienz bezeichnet zunächst in der Entwicklungspsychologie die Widerstandsfähigkeit von Kindern, sich trotz belastender Umstände und Bedingungen normal zu entwickeln. Resilienz ist eine Art seelische Widerstandsfähigkeit oder Unverwüstlichkeit, gewissermaßen das Immunsystem der Seele. Resilienz ist nicht angeboren, sondern im Laufe der Entwicklung erlernt. Folgende Faktoren fördern die Resilienz in der Kindheit:

  • Wir werden akzeptiert und geachtet, entwickeln ein gesundes Selbstwertgefühl.
  • Die Eltern sind unsere Vorbilder, zeigen uns, wie wir mit Problemen und Konflikten umgehen können. Wir machen positive Erfahrungen mit Freunden und anderen Menschen.

 

5. Bildung eines starken Kohärenz-Sinns

Unser Projekt gibt den Kindern die Möglichkeit, zahlreiche Erfahrungen mit verschiedenen Herausforderungen im Umgang mit der Natur zu machen. Während der Wartezeit am Treffpunkt und unter der Aufsicht der Eltern gehen die Kinder spielerisch den unterschiedlichsten Abenteuern nach, zum Beispiel:

  • Das Überspringen des Baches nach einer regnerischen Nacht.
  • Mit Augen, Füßen und dem Gleichgewichtssinn versuchen die Kinder feste Eisflächen im Bach zu erkennen.
  • Wer kommt zu der Entdeckungsreise in den Tunnel unter der Brücke mit?
  • Den steilen Abhang als Rutsche nutzen, ohne im Bach zu landen - das ist Spannung pur.

In diesen Unternehmungen werden die Einschätzung des eigenen Könnens, der Mut und die Stärke der Gemeinschaft ständig erprobt. Es sind Elemente, die unter anderem besonders das Selbstwertgefühl der Kinder wecken und dadurch die Bildung eines starken Kohärenz-Sinnes anregen.

Salutogenese (Gesundheitsforschung)

Salutogenese ist ein Gesundheitsmodell, das von dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky 1970 entwickelt wurde. In seinem Modell beschreibt Antonovsky, dass ein Zustand der absoluten Gesundheit oder der absoluten Krankheit im Lebenslauf eines Organismus nicht möglich ist. Ein Mensch kann nur relativ gesund oder relativ krank sein, denn im gesunden Zustand wirken bereits krank machende Prozesse und im kranken Zustand sind ständig heilende Prozesse wirksam. Antonovsky schildert die in der Natur und der psychosozialen Umwelt existierenden krankheits- und gesundheitsfördernden Faktoren, die auf den Körper und auf die Psyche des Menschen wirken. Die krankmachenden Faktoren nennt er Stressoren, die gesundmachenden generalisierte Widerstandsressourcen.

Ein zentraler Begriff der Salutogenese ist der „Kohärenz-Sinn“ (das Kohärenz-Gefühl): Damit ist das Bewältigungspotential gemeint, mit dem ein Mensch auf Probleme sowie Herausforderungen mit Flexibilität und Anpassungsvermögen zugeht. Er setzt eine persönliche Grundhaltung voraus, die Welt und sich selbst als zusammenhängend und sinnvoll zu erleben. Der Kohärenz-Sinn bildet sich insbesondere während der Kindheit und Jugend. Er entsteht dadurch, dass der Heranwachsende im Zusammenleben mit den Erwachsenen (seinen Vorbildern) und Gleichaltrigen möglichst viele unterschiedliche Erfahrungen im Umgang mit Herausforderungen, Stresssituationen und Krankheiten erlebt. Diese Erlebnisse bieten einen Reichtum für die Persönlichkeits-Entwicklung des Heranwachsenden. Sie sind eine Quelle für Nachahmung, Beobachtung und das eigene Ausprobieren.

 

Zwei Elternstimmen

Die Mutter eines Jungen:

Von allen Gründen, warum Herr Färber den „Weg am Druselbach" zum festen Bestandteil seines Unterrichts macht, finde ich persönlich den fünften: „Bildung eines starken Kohärenz-Sinns" am bedeutsamsten. Bei der Begleitung hatte ich immer wieder die Möglichkeit Situationen zu beobachten, bei denen der oben beschriebene Ansatz zu erkennen ist. Zwei Bespiele möchte ich darstellen.

1. Es war im ersten Schuljahr:

Ich beobachtete, wie einige Kinder, ohne sich viel Gedanken zu machen, immer wieder den Abhang zum Bach hinunterstürmten. Wir Eltern wurden dabei immer unsicherer, ob sie wohI im Bach nass werden oder ungünstig hinfallen könnten. Dabei blieben immer drei oder vier Kinder brav am Rand des Abhanges. Sie schauten begeistert, was die anderen da unten trieben. Selber trauten sie sich nicht, hinunter zu rennen. Meistens spielten sie Fangen, bis Herr Färber kam und alle Kinder einsammelte. Mit der Zeit konnte ich bemerken, wie diese Kinder eines nach dem anderen langsam Mut fassten und ebenfalls den Abhang bewältigten. Es war für mich ein schönes Erlebnis, den Triumph dieser Kinder in den glänzenden Augen und strahlenden Gesichtern zu sehen.

2. Das geschah vor kurzem:

Ein Kind fand in der Umgebung ein Vogelei auf dem Boden. Voller Freude sagte es allen anderen Bescheid. Viele Kinder versammelten sich um den Finder. Es wurde ernsthaft besprochen: „Kann man das Ei essen? Von welcher Vogelart stammt es? Sollte man das Nest ausfindig machen und das Ei zurücklegen?" Alle beobachteten das Ei in den Händen des Finders; seine Größe, Farbe, die Flecken und der Geruch wurden genau erkundet. Neben dem Gewicht wurden alle äußeren Eigenschaften herangezogen. Ich glaube, jeder Biologielehrer wäre von dem Beobachtungsvermögen der Kinder sehr begeistert gewesen! Dann wollten alle Kinder das Ei anfassen. Der Finder fand diese Idee nicht gut und rannte davon, die meisten Kinder folgten ihm nach. Plötzlich zerbrach das Ei in seinen Händen. Alle schauten traurig und zum TeiI erschrocken, wie das Eiweiß und das Eigelb in die Hand liefen und dann auf den Boden tropften; es blieben nur die Schalenstücke zurück. In diesem Augenblick gab es eine kurze Stille in der Gruppe - dann sagte der Finder: „Ich habe wohl das Ei zu stark gedrückt."

Die Mutter eines Mädchens:

Im Winter habe ich mir Sorgen gemacht, dass meine Tochter in den Bach fallen oder den Abhang hinunterrutschen und sich verletzen könnte; sie ist immer so stürmisch. Aber so etwas ist nie passiert. Außer einer dreckigen Hose oder verschlammten Schuhen gab es keine negativen Erlebnisse mit dem Schulweg. Schnell haben sich Eltern gefunden, die die Klasse an einem Tag begleiten wollten, ich war oft mittwochs dabei. Es tat gut zu sehen, wie selbstverständlich sich die Kinder in der Natur bewegten. Dabei kamen ganz unterschiedliche Charaktere zum Vorschein. Einige rannten gerne bis zum nächsten Treffpunkt voraus, andere genossen den gemütlichen Austausch beim Gehen und bummelten hinterher. Die Mädchen nahmen mich gerne an die Hand und erzählten mir die Neuigkeiten des Tages. Im Winter wärmten wir uns dabei die Hände und stapften mit den Füßen, damit uns warm wurde. Sehr gerne sammelten die Kinder Fundstücke vom Boden auf und zeigten sie mir. Im Frühling wurden Blumen gepflückt und Ketten gebunden. Im Sommer genossen wir die warme Morgensonne und die Kinder spielten Fangen auf der Wiese.

Der Bach hatte immer eine große Anziehungskraft und wurde jeden Morgen besucht. Die Kinder, besonders die Jungen, gingen gerne auf Entdecker-Touren im Gebüsch am Wegesrand. Äste wurden aufgehoben, um damit den Weg durch hohe Pflanzen zu bahnen.

Auch Herr Färber hat ab und zu mit einem Trupp einen Pfad durch die Büsche gesucht. Dieser ,,Abenteuerweg" war spannend und es boten sich immer wieder neue Perspektiven. Mir und den Kindern tat die morgendliche Bewegung gut. Die Kinder hatten Zeit sich auszutoben und wach zu werden. So begann der Schultag entspannt und erfrischt.

Ich denke, die Kinder haben auf diesem Weg viel mitgenommen: Neben den Veränderungen der Natur durch die Jahreszeiten, vielen Tierbeobachtungen, dem Entdecken von Tierspuren und allerlei Fundstücken haben sie auch sich und ihre Klassenkameraden auf eine ganz besondere Art und Weise kennengelernt.

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