Ein Schuljahr „außer der Norm"

Magdalene Dycke ( Freien Waldorfschule Schopfheim)

Ein Experiment der 1. Klasse 2009/2010

Als nach meinem ersten achtjährigen Durchgang als Klassenlehrerin klar war, dass ich wieder mit einer ersten Klasse beginnen würde, stand für mich bald fest, dass ich für die gegenwärtige Kindergeneration eine andere Unterrichtsstruktur als die überwiegend „normale" an unserer Schule entwickeln wollte.

Schon in meinem ersten Durchgang versuchte ich, Elemente aus dem „Bochumer Modell" zu integrieren, den Vormittag für die Kleinen besonders hygienisch und mit viel Bewegungselementen zu gestalten, sowie einen Tagesabschluss einzuführen und vieles mehr. Außerdem legte ich im Laufe der acht Klassenlehrerjahre stets einen Schwerpunkt auf handwerkliches Tun, selbständiges Arbeiten sowie unterschiedlichste Projekte innerhalb und außerhalb des Schulvormittages.

Diesmal schienen mir die Ansätze von damals nicht ausreichend genug.

Die Einsicht in den Mangel vieler Kinder an Bewegung, Rhythmus, Naturerlebnissen, Ritualen, sozialen Herausforderungen, Raum für freies Spiel sowie Möglichkeiten, sich in autonomer Weise kreativ zu entfalten und vieles mehr, bewog mich dazu, die Vormittagsgestaltung des ersten Schuljahres neu zu denken.

 

Als „Leitmotive" für einen neuen Ansatz dienten mir folgende Gesichtspunkte:

  • Den Vormittag als Gesamtheit gestalten
  • Zeitraum für freies Spiel und autonomes Lernen schaffen
  • Rituale und Festeszeiten pflegen
  • Gemeinsames Frühstück bereiten und einnehmen
  • Nachreifung der basalen Sinne pflegen
  • Wöchentlichen Wandertag durchführen
  • Mobiliar des „Beweglichen Klassenzimmers" und Arbeitsform des „Lernkreises" einführen.

Nach dem das Kollegium mein neu erarbeitetes „Konzept" abgesegnet hatte, startete ich im Herbst 2009 mit 37 ErstklässlerInnen in meine zweite „Runde".

 

Konsequenz: ein langer Vormittag

Gleich zu Beginn der Planung für eine geeignete Zeitstruktur wurden zwei Tatsachen deutlich:

  • Ein Ausstieg aus dem regulären Stundenplanmuster ist unumgänglich
  • Der Vormittag muss insgesamt ausgedehnt werden, um die gewünschten Freiräume zu schaffen.

Durch das Angebot der Handarbeitskollegin, die Klasse täglich mindestens bis 10 Uhr zu begleiten, waren in dieser Hinsicht neue Möglichkeiten offen.

 

Schließlich entstand folgendes Zeitraster:

8.00 - 8.15 Uhr:       Morgenkreis / Rituale

8.20 - 9.00 Uhr:       Spielwerkstatt* / Handarbeit **

9.00 - 9.40 Uhr:       Englisch bzw. Eurythmie

9.40 - 10.10 Uhr:     Frühstück

10.15 - 10.40 Uhr     Hofpause

10.45 - 11.40 Uhr:    Epoche

11.45 - 12.15 Uhr:    Musik, Religion, Kreisspiele..

12.15- 12.45 Uhr:     Tagesabschluss und Märchen

 

Erläuterung:

*Das Fach „Spielwerkstatt" entstand aus dem Anliegen, Freiraum für Spiel, Bewegung und autonomes Lernen zu schaffen. Konkret stand diese Zeit je nach Wochentag unter einem speziellen Duktus (Montag: Spiele / Übungen zur Stärkung der Basalsinne. Dienstag: Spielstationen / Geschicklichkeitsspiele. Mittwoch: Freispiel (Bauen mit Möbeln, Holz, basteln, malen, lesen, rechnen,  stricken.....)Donnerstag: Geschicklichkeitsparcours. Freitag: Musik).

 

**Für den Handarbeitsunterricht wagten wir auch ein Experiment: je nach der Wochenanzahl zwischen zwei Ferienblöcken wurde die Klasse in Gruppen zwischen 6 und 8 Kinder aufgeteilt. Jede Kleingruppe hatte somit 6 Mal im Schuljahr jeweils eine Woche täglich 40 Minuten Handarbeit. Im Rückblick haben wir diese Variante als sehr sinnvollerlebt, da gerade beim Einführen des Strickens die Kinder nicht so lange Wartezeiten hatten und durch das tägliche Üben gut in den Arbeitsprozess einsteigen konnten. Jetzt, im 2.Schuljahr, hatten die Kinder keine Mühe, auf die herkömmliche Art mit 18 SchülerInnen einmal pro Woche während 90 Minuten zu arbeiten.

 

Epoche erst am späten Vormittag?

Die Frage nach einem günstigen Zeitpunkt der Epochenphase stellte sich mir natürlich von Anfang an. Durch die Regelung mit der Handarbeit und Spielwerkstatt war es rein logistisch nur zu dem späten Zeitpunkt nach der Hofpause möglich und es war natürlich ein Wagnis, mit Erstklässlern zu so einem späten Zeitpunkt mit der Epochenarbeit zu beginnen. Glücklicherweise stellte sich aber heraus, dass es für den größten Teil der Kinder problemlos möglich war. Ich hatte sogar bei vielen Kindern den Eindruck, dass sie die Zeit bis 10.30 Uhr, in der überwiegend gespielt und praktisch gearbeitet wurde, brauchten, um so richtig im Tag anzukommen. So waren sie nach der Pause an der frischen Luft und gut gesättigt nach dem gemeinsamen Essen (je nach Wochentag Milchreis, Grießbrei, Hirsebrei oder Müsli) vollkommen präsent und lernbreit. Natürlich gab es auch wenige Ausnahmen, die zum Teil in der jeweiligen Gesamtkonstitution angeschaut werden müssen.

 

Der Lernkreis als primäre Arbeitsform

Im Laufe des ersten Schuljahres stellte sich für mich heraus, welch vielfältige Arbeitsformen im Kreis möglich sind. In allen Epochen fanden die wesentlichsten Phasen im Kreis statt. Formen und Buchstaben laufen sowie mit Kindern oder Materialien legen und bewegen, großformatiges Zeichnen, ertasten und erfühlen, Partner- und Gruppenarbeit, Darstellung von Mengen und Zahlen, Rechnen in Aktion und durch Bewegung..... Jede Einführung eines neuen Themas findet im Kreis statt. Die frontale Sitzordnung war nur dann erforderlich, wenn Dinge von der Tafel abgenommen werden mussten, was bei uns aber nicht täglich der Fall war.

Im Gespräch mit einer Förderpädagogin tauchte  die Frage auf, ob die Arbeit im Kreis für Kinder mit labiler Seitigkeit oder Schwächen bei der Orientierung im Raum förderlich sei. In dieser Hinsicht gibt es sicherlich viel zu beachten und zu bedenken bei der Planung und Durchführung entsprechender Unterrichtsthemen. Insgesamt konnte ich bei meiner Klasse jedenfalls die größte Aufmerksam im Kreis erreichen und nutze mit Begeisterung die vielfältige und unkomplizierte Umsetzung unterschiedlichster Arbeitsmethoden.

 

Das Mobiliar

Was sind die Vorteile von Bänkchen und Kissen?

Kurz gesagt  ist aus meiner Sicht und nach der Erfahrung in den vergangenen 1,5 Jahren ein außergewöhnlich vielfältiges Arbeiten möglich. Sowohl die Bänkchen als auch die Kissen finden nicht nur als Mobiliar Verwendung, sondern werden täglich von den Kindern als Spielmaterial verwendet. Es wird damit gebaut, darauf balanciert, mit den Kissen gerechnet und Formen gelegt. Einfach und schnell sitzen sich Kinder bei der Partnerarbeit auf dem Bänkchen gegenüber und ohne Lärm und Aufwand sind Gruppenarbeitsplätze gerichtet. Außerdem fördert das Sitzen ohne Lehne eine gute Ausbildung der Rückenmuskulatur und beim schriftlichen Arbeiten kann die vom Kind bevorzugte Haltung auf dem Kissen eingenommen werden. Erstaunlich waren auch die Arbeitsergebnisse, bei deren Anfertigung die Kinder zum Teil liegend am Boden gearbeitet haben. Die Erfahrung zeigte hier, dass ordentliches Arbeiten nicht primär mit einer bestimmten Sitzposition zu tun hat (zumindest im frühen Grundschulalter).

 

Der wöchentliche Wandertag

Ein großes Anliegen war es für mich, den wöchentlichen Wandertag durchzuführen, auch wenn dadurch nur noch 4 reguläre Unterrichtstage in der Woche zur Verfügung standen.

Meiner Überzeugung nach wirkt es stärkend und heilend auf die Entwicklung der Kinder, möglichst viel zu Fuß in der Natur unterwegs zu sein.

Jeden Freitag machten wir uns bei Wind und Wetter um 9 Uhr auf den Weg: durch ein uraltes Eichenwäldchen hinauf auf die Höhen des Dinkelbergs, durch Streuobstwiesen und Felder bis zu einem ausgelichteten Waldstück, welches im Laufe des Jahres unsere „Heimat" wurde. Aus gerodetem Astwerk und Gestrüpp entstanden viele Hütten, die mit der Zeit ein richtiges „Dörfchen" bildeten. Es wurde auf hohe Bäume geklettert und darin geturnt, auf Baumstämmen balanciert, im Dickicht herum gestrolcht, im Sommer barfuß über Stoppelfelder gerannt, im Herbst durch lange Maisfelder gelaufen und Fallobst gegessen, im Winter auf dem Eis gerutscht und im Schnee getobt. Die Kinder beobachteten aufmerksam das erste Sprießen des Getreides sowie das weitere Wachstum der Halme, bis wir schließlich im Sommer zwischen den wogenden Getreidefeldern wanderten. Immer derselbe Weg, aber in steter Verwandlung und immer wieder neu.

Noch heute, im zweiten Schuljahr, ist es ein Fest, wenn wir mindestens einmal vor jeden Ferien diesen liebgewonnen Weg zu unserem vertrauten Platz gehen. Es ist wie ein „heim kommen", die Kinder kennen jeden Winkel und bemerken sehr wach die jahreszeitlichen oder sonstigen Veränderungen.

 

Wie bringt man den „Stoff" unter?

Interessanter Weise konnte ich feststellen, dass trotz des fehlenden Unterrichtstages inhaltlich nicht weniger gelernt wurde als ich es vor acht Jahren bei regulärem Schulbetrieb erlebt habe. Im Gegenteil: während der Tage im Schulhaus war in der Regel eine intensive Lern- und Arbeitsfreude zu beobachten, wobei in weniger Zeit mehr gearbeitet wurde. Was draußen in der Natur „gelernt" wurde, will ich hier nicht aufzählen. Es hat jedenfalls unschätzbaren Wert für die gesamte Entwicklung der Kinder!

 

Fazit

Insgesamt bin ich sehr froh und dankbar, dass es möglich war, im ersten Schuljahr dieses Experiment durchzuführen. Ohne die Hilfe und Unterstützung von KollegInnen und Eltern wäre dies sicher nicht so möglich gewesen. Sicher: es war anstrengend, es gab gute und schlechte Tage, positive und negative Erfahrungen, Hoffnung und Zweifel, ein immerwährendes Suchen nach Verbesserung. Im Rückblick überwiegt für mich und im Blick auf die Entwicklung der Kinder auf jeden Fall alles Positive.

Im zweiten Schuljahr mussten wir uns aus organisatorischen Gründen wieder in den allgemeinen Stundenplan der Schule eingliedern. Aber als „neues Fach" konnte  für meine Klasse die „Spielwerkstatt" einmal wöchentlich erhalten bleiben. Diese Stunde ist immer noch der Höhepunkt der Woche, auf den sich die Kinder enorm freuen. Wenn ich als Beobachterin im Hintergrund sehe, wie intensiv gespielt, gebaut und gearbeitet wird, soziale Prozesse durchlebt und geregelt werden,  bin ich oft sehr gerührt und glücklich über das, was alles möglich sein kann, wenn den Kindern Freiraum für autonomes Tun gegeben wird.

Im Rahmen der regulären Unterrichtsstruktur steht für mich nach wie vor das Lernen in und durch Bewegung, der Lernkreis sowie die Suche nach zeitgemäßen Lernformen im Vordergrund.

Ich hoffe, auch im dritten Schuljahr Möglichkeiten zu finden, die begonnene Arbeit fortzusetzen und danke allen, die mich auf diesem Weg ideell und praktisch unterstützen.

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