„Alles, was an Großem in der Welt geschah, vollzog sich zuerst ...

Eine Ansprache aus der Freien Waldorfschule Leipzig

Liebe Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse,

auch im Namen eurer Klassenlehrerin Frau Weißhuhn möchte ich euch ganz herzlich im 8. Schuljahr begrüßen.

Ihr seid nun auf der Zielgeraden auf dem Weg zur Oberstufe angelangt und kennt schon die Meilensteine, die auf euch warten: Jahresarbeit, Klassenspiel und natürlich der Unterricht.

Ein thematischer Schwerpunkt des Jahres wird der Blick auf die Biographien verschiedener Persönlichkeiten sein und mir ist in diesem Zusammenhang eine Frau in den Sinn gekommen, die euch alle seit der Kindheit längst bekannt ist, wenn ich euch Namen wie Pippi Langstrumpf, Kalle Blomkvist oder Ronja Räubertochter nenne. Astrid Lindgren - sie sagte einmal:

„Alles, was an Großem in der Welt geschah, vollzog sich zuerst in der Phantasie eines Menschen." Und Phantasie ist es, die auch euch beflügeln und helfen soll, alle Herausforderungen zu meistern. Was ist das für eine Frau, die so schöne Kinderbücher schrieb?

Alles begann so: Im November 1907 erblickte sie in einem alten, roten Haus, das von Apfelbäumen umgeben war, das Licht der Welt. Der Hof, auf dem sie lebte, hieß - und so heißt er noch heute - Näs, und er liegt ganz in der Nähe einer kleinen Stadt in Smäland namens Vimmerby.

Astrid hatte drei Geschwister und lebte ein glückliches Bullerbü-Leben. Sie gingen in Vimmerby zur Schule, die nur eine Viertelstunde entfernt war. Aber wie auch die Bullerbü-Kinder wurden sie irgendwann einmal erwachsen, und es wurde Zeit, in die Welt hinauszuziehen. Astrid ging nach Stockholm und machte eine Ausbildung zur Sekretärin. Sie bekam dort eine Anstellung, heiratete und bekam zwei Kinder - Lars und Karin. Die beiden wollten immer, dass sie ihnen Geschichten erzähle. Und sie erzählte Geschichten.

Als sie zur Schule ging, bekam Astrid immer zu hören: „Du wirst bestimmt mal Schriftstellerin, wenn du groß bist". „Ich glaube, das hat mir Angst gemacht. Und ich habe mich nicht getraut, zu schreiben, obwohl ich irgendwo tief in mir drin spürte, dass mir das Schreiben Spaß machen könnte." Doch diese Frage kehrt immer wieder: Wie kam es eigentlich, dass Sie anfingen zu schreiben? Und daher erzählte sie, wie alles begann:

"1941 lag meine 7-jährige Tochter Karin mit einer Lungenentzündung im Bett. Jeden Abend, wenn ich an ihrem Bett saß, quengelte sie auf typisch kindliche Art: „Erzähl' mir was!" Und als ich sie eines Abends ziemlich erschöpft fragte: „Was soll ich dir denn erzählen?", da antwortete sie: „Erzähl" mir was von Pippi Langstrumpf!" Sie hatte den Namen gerade in dem Augenblick erfunden. Ich fragte sie nicht, wer Pippi Langstrumpf war, sondern fing einfach an, zu erzählen. Und da dies ein so komischer Name war, bekam auch das Mädchen eigenartige Züge. Karin und später auch ihre Spielkameraden zeigten von Anfang an eine bemerkenswerte Zuneigung für Pippi. Ich musste immer und immer wieder von ihr erzählen. Und das ging mehrere Jahre so weiter.

Eines Tages im März 1944 schneite es in Stockholm. Als ich am Abend nach Hause ging, lag auf dem Bürgersteig Neuschnee, darunter jedoch eine glatte Eisschicht. Ich rutschte aus und verstauchte mir den Fuß so stark, dass ich eine Zeit lang das Bett hüten musste. Um mir die Zeit zu vertreiben, fing ich an, die Pippi-Geschichten aufzuscheiben.

Im Mai 1944 wurde Karin 10 Jahre alt. Da kam mir die Idee, die Pippi-Erzählung ins Reine zu schreiben und ihr das Manuskript zum Geburtstag zu schenken. Und dann beschloss ich, eine Kopie an einen Verlag zu schicken. Genau, wie ich es mir gedacht hatte, bekam ich das Manuskript zurück. Natürlich gab es da Leute, die das Buch schockierend fanden und glaubten, dass sich in Zukunft alle Kinder so aufführen würden wie Pippi. „Kein normales Kind isst beim Kaffeekränzchen eine ganze Torte auf", schrieb jemand entrüstet. Und das stimmt ja auch. Ein normales Kind hebt aber auch kein Pferd hoch. Doch wer dazu in der Lage ist, kann vielleicht auch eine ganze Torte verdrücken.

Im folgenden Jahr, 1945, veranstaltete derselbe Verlag einen Wettbewerb zum Thema Kinderbücher. Ich schickte das Pippi-Manuskript in etwas umgearbeiteter Form ein... und gewann den ersten Preis!" Da war der Stein ins Rollen gekommen. Pippi wurde ein Erfolg, 1946 veranstaltete Raben & Sjögren einen neuen Wettbewerb. Diesmal ging es um Detektivgeschichten für Jugendliche. Da schrieb Astrid Lindgren „Kalle Blomkvist" und bekam dafür einen geteilten ersten Preis. Das war das letzte Mal, dass sie an einem Wettbewerb teilnahm. Doch geschrieben hat sie weiter. An die 40 Bücher.

Astrid Lindgren schreibt, um das Kind in sich selbst zu unterhalten und hofft, dass auf diese Weise auch andere Kinder ein wenig Spaß haben. Sie sagt, sie wisse nicht, wie ein gutes Kinder-buch sein soll, aber man muss nur selbst einmal Kind gewesen sein - und sich dann erinnern können, wie das ungefähr war.

Wie gesagt: Astrid Lindgren versucht nicht bewusst, die Kinder, die ihre Bücher lesen, zu erziehen oder zu beeinflussen. Doch sie hofft, mit ihren Büchern ein ganz klein wenig zu einer menschenfreundlichen, lebensbejahenden und demokratischen Grundeinstellung der Kinder beitragen zu können. „Danke, dass Sie eine düstere Kindheit erhellt haben", stand auf einem kleinen Zettel, den ihr eine unbekannte Frau einmal zusteckte. Das reichte ihr. „Wenn ich auch nur eine einzige düstere Kindheit erhellen konnte, bin ich zufrieden..."

Liebe 8. Klasse, Phantasie und Freude an den kommenden Aufgaben wie Klassenspiel und Jahresarbeit sowie dem Übergang in die Oberstufe sollen euch beflügeln und für neue Herausforderungen motivieren. Ihr könnt viel bewegen und manchmal wird euch auch ein wenig schlecht vor Aufregung oder gar Freude über das Erreichte sein, aber gerade das macht das Leben schmackhaft.

Mit einem Zitat von Astrid Lindgren dazu möchte ich schließen: „Jedes Jahr haben wir ein bisschen Bauchschmerzen in der Kirschenzeit. Und dann haben wir keine Bauchschmerzen mehr, bis die Pflaumen reif sind."

Benita Hochmuth

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