Grillen

Eine Ansprache aus der Freien Waldorfschule Leipzig

Sehr geehrte Herrschaften, meine lieben Schüler,
verehrte Mitstreiter, werte Gäste!

Der gütigen Weisung unseres Kollegiums habe ich es zu verdanken, alle hier Anwesenden zum heutigen Schuljahresauftakt 2013/14 begrüßen zu dürfen. - Ich freue mich um so mehr darüber, als dass insbesondere Ihr Schüler mir während der langen Sommerferien doch sehr gefehlt habt. Und obwohl Ihr bestimmt viel erlebt habt in den vergangenen sechs Wochen, nehme ich dennoch an, dass auch Ihr Schüler uns Lehrer in dieser langen Zeit schrecklich vermisst habt. Wir können uns also gemeinsam darüber freuen, dass es bis zu den nächsten Sommerferien nun fast ein ganzes Jahr dauern wird.

- Was wir bis dorthin an spannenden Dingen miteinander erleben werden, darüber werden Euch nun im Einzelnen Eure Klassenlehrer Auskunft erteilen. Und da ich nun einmal hier stehe, beginne ich praktischerweise gleich selbst mit meiner zweiten Klasse.

Meine Lieben, wir haben im vergangenen Jahr nun schon einiges gelernt, allerdings haben wir uns noch ein paar Kleinigkeiten für dieses Schuljahr aufgehoben. Ihr wartet ja schon sehnlichst darauf, die kleinen Buchstaben kennen zu lernen und das Einmaleins zu lernen, und ich kann Euch sagen, dass außerdem noch allerhand spannende Erlebnisse auf Euch zukommen. - Am meisten freue ich mich selbst aber auf die Geschichten, die ich Euch in diesem Schuljahr erzählen darf. Von wundertätigen Menschen werdet Ihr zum Einen hören, die unglaubliche Dinge vollbracht haben; und zum Anderen werde ich Euch von den Tieren berichten, vom schlauen Meister Reineke, dem stolzen Adebar oder dem räuberischen Isegrimm. Für heute habe ich allen Anwesenden eine solche Geschichte mitgebracht.

 

Die Geschichte von der Grille und der Ameise

Unter den vielen verschiedenen Tieren des Waldes und der Wiese lebten auch eine Grille und eine Ameise. Diese beiden Tiere führten ihr Leben auf ganz unterschiedliche Weise.

Die Ameise arbeitete hart während des ganzen Sommers, baute ihr Haus und legte Vorräte für den Winter an. Die Grille aber war den gesamten Sommer über damit beschäftigt, zu singen und zu lachen und damit die Herzen der Menschen und Tiere zu erfreuen. - Als nun der Winter hereinbrach, da hatte die Ameise es in ihrem Haus behaglich warm, und genug zu essen war auch da. Die Grille dagegen, die weder für eine Unterkunft noch für Nahrungsvorräte hatte sorgen können, sie fror und hungerte entsetzlich. So ging sie eines Tages hinüber zum Häuslein der Ameise und bat um ein wenig Nahrung und Schutz vor dem eisigen Wind. Die Ameise aber sprach: „Was hast Du denn den ganzen Sommer über getrieben, als ich Vorräte gesammelt und mein Haus gebaut habe?" - „Mit meinem Gesang habe ich die Gemüter aller Geschöpfe erfreut", antwortete die Grille. - „Dann tanze nun", sprach die Ameise und schickte die Grille wieder fort.

Liebe Gäste, wir können uns denken, wie das mit der Grille wohl ausgegangen ist. - Es möge sich ein jeder im Saale einmal kurz überlegen, ob er lieber ein Grillen- oder ein Ameisenleben vorzöge. Und dann möge sich in einem zweiten Gedanken ein jeder vorstellen, wie er sich als Ameise gegenüber der Grille verhalten würde. - Auch mit solcherlei Fragen werden wir, liebe Zweitklässler, uns in den kommenden Monaten beschäftigen. Ganz sicher aber werden wir uns ein ganzes Jahr lang die Zeit nehmen, uns mit den verschiedenartigen Grillen in unserem Kopfe befassen. Ich lade alle hier Anwesenden und unsere gesamte Schulgemeinschaft ebenfalls so herzlich wie auch nachdrücklich dazu ein.

In diesem Sinne wünsche ich Euch/Ihnen allen ein erfreuliches und spannendes Schuljahr!

Maximilian Oettinger

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