Reinkarnation - Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem entstehen

Aus: Bausteine zu einer anthroposophisch orientierten "Faust" Deutung,  Rudolf Steiner, Straßburg 23. Januar 1910

Rudolf Steiner beleuchtet u.a. in diesem Vortrag, wie sich neue Erkenntnisse nur langsam durchsetzen, am Anfang oft sogar bekämpft werden, später dann aber zum Allgemeingut werden.

[...] Und nur vorbereitend soll eine dieser Erkenntnisse besprochen werden, eine von jenen Erkenntnissen, die, wenn nicht verrückt, so doch absonderlich und träumerisch dem heutigen Menschen oftmals vorkommen müssen. Es ist die Erkenntnis, die nichts anderes ist als eine Belebung eines uralten Erkenntnisvorganges, seine Fortsetzung auf höherem Gebiet, eine Wahrheit, welche für ein niedrigeres Gebiet vor verhältnismäßig kürzerer Zeit erst errungen worden ist.

Die Menschheit hat im allgemeinen für große Ereignisse der geistigen Welt ein kurzes Gedächtnis, und deshalb denkt man heute so wenig daran, dass im 17. Jahrhundert nicht nur Laien, sondern selbst Gelehrte daran geglaubt haben, dass aus Flussschlamm niedere Tiere, ja sogar Würmer und Fische sich entwickeln würden. Der große Naturforscher Francesco Redi war es, der zuerst darauf aufmerksam machte, dass kein Regenwurm, kein Fisch aus dem toten Flussschlamm herauswächst, wenn nicht vorher ein Regenwurm-, ein Fischkeim darinnen ist. Er hat den Satz ausgesprochen, dass Lebendiges nur von Lebendigem kommen kann, und daraus erkennt man, dass es nur eine ungenaue Betrachtungsweise ist, wenn man glaubt, es könne aus dem leblosen Flussschlamm herauswachsen das Lebendige eines Fisches oder Wurmes. Genauere Betrachtung zeigt, dass wir zurückgehen müssen zu dem lebendigen Keim, und dass dieser lebendige Keim nur aus seiner Umgebung die Kräfte heranziehen kann, die da sind, um das zur größten Entfaltung zu bringen, was Lebendiges im Keime ist.

Das, was Redi gesagt hat, dass Lebendiges sich nur aus Lebendigem entwickelt, das gilt heute in der Wissenschaft als etwas Selbstverständliches. Als Redi damals den Satz ausgesprochen hat, entging er nur mit knapper Not dem Schicksale des Giordano Bruno. So geht es mit der Entwickelung der Menschheit. Erst muss eine solche Wahrheit so errungen werden, dass diejenigen, die sie zuerst aussprechen, verketzert werden, dann wird sie zur Selbstverständlichkeit, zum Gemeingut der Menschheit. Das, was Redi für die Naturwissenschaft getan hat, das soll für den Geist durch die Geisteswissenschaft heute geschehen dadurch, dass jener Satz, den Redi ausgesprochen hat für die Naturwissenschaft, übertragen wird aus den Erkenntnissen des erweckten Geistesauges und Geistesohres heraus auf das seelische Gebiet.

Und da heißt dieser Satz: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem entstehen. - Das heißt, es ist eine ungenaue Betrachtungsweise, wenn wir einen Menschen ins Dasein treten sehen, zu glauben, dass alles, was ins Leben tritt, bloß aus Vater und Mutter und den Vorfahren herstammt. So wie wir zurückgehen müssen beim entstehenden Regenwurm zum lebendigen Regenwurmkeim, so müssen wir von dem Menschen, der sich herausentwickelt aus dem Keim zu einem bestimmten Wesen, zurückgehen zu einem früheren geistigen Dasein und müssen uns klar sein, dass dieses Wesen, das durch die Geburt ins Dasein tritt, von seinen leiblichen Vorfahren nur heranzieht die Kraft zu seiner Entfaltung, wie der Regenwurmkeim die Kraft aus der leblosen Umgebung heranzieht. Und in entsprechender Ausdehnung wird dieser Satz: Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen -, zu dem andern Satze: Das gegenwärtige Leben, das durch die Geburt ins Dasein tritt, führt nicht nur zu physischen Ahnen zurück, sondern führt durch die Jahrhunderte zurück auf ein früheres Geistig-Seelisches. - Und wenn Sie sich tiefer darauf einlassen, werden Sie sehen, dass ganz wissenschaftlich gezeigt wird, dass es nicht nur ein, sondern wiederholte Erdenleben gibt, dass das, was jetzt zwischen Geburt und Tod in uns ist, die Wiederholung eines Geistig-Seelischen ist, das schon in früheren Daseinsstufen da war, und dass unser jetziges Leben wiederum der Ausgangspunkt für folgende Leben ist. Geistig-Seelisches kommt von Geistig-Seelischem, geht zurück auf Geistig-Seelisches, das da war vor der Geburt, das aus der geistigen Welt heruntersteigt und sich in physischen Verkörperungen auslebt. Wir sehen jetzt ganz anderes, wenn wir zum Beispiel als Erzieher gegenüberstehen einem Kinde, das stufenweise die Kräfte entfaltet. Wir sehen bei der Geburt, wie ein Unbestimmtes auf seinem Antlitze ist, wie aus seinem Inneren heraus immer bestimmter und bestimmter sich entfaltet, was nicht aus der Vererbung stammt, sondern was aus früheren Leben kommt. Wir sehen, wie dieses Zentrum des Geistig-Seelischen durch die Talente von der Geburt an immer weiter und weiter sich entfaltet.

Das hat heute Geisteswissenschaft zu sagen in Bezug auf die wiederholten Erdenleben. Es mag heute eine Träumerei sein, wie es als eine Träumerei galt, was Francesco Redi im 17. Jahrhundert sagte. Aber was heute als Träumerei gilt, wird eine Selbstverständlichkeit werden in nicht gar zu ferner Zeit, und der Satz: Geistig-Seelisches kommt von Geistig-Seelischem -, wird Allgemeingut der Menschheit werden.

Heute behandelt man die Ketzer nicht mehr so wie früher. Man liefert sie nicht mehr dem Scheiterhaufen aus, aber man betrachtet sie als Toren und Träumer, die aus beliebiger Phantasie heraus sprechen. [...] Wir würden sehen, wie die Bande, die geschlungen werden von Mensch zu Mensch, von Seele zu Seele auf allen Gebieten des Lebens, jene Züge des Herzens, die von Seele zu Seele gehen, die sonst nicht zu erklären sind, erklärt werden können dadurch, dass sie geknüpft worden sind in früheren Lebensverhältnissen. Und wie das, was wir heute knüpfen an inneren Geistesbanden, nicht aufhört, wenn der Tod über das Dasein hinzieht, sondern wie das, was als Lebensbande von Seele zu Seele zieht, unsterblich ist wie die menschliche Seele selber, wie das mitlebt durch die geistige Welt hindurch und wiederum aufleben wird in andern, zukünftigen Erdenverhältnissen und neuen Verkörperungen. Und nur eine Frage der Entwickelung ist es, dass die Menschen sich auch erinnern werden an ihre früheren Erdenerlebnisse, an das, was sie geistig-seelisch durchgemacht haben in früheren Erdenleben und Daseinszuständen. [...]

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