Annehmliches und gesundes Leben - die Leere der Seele

Gesamtausgabe 120, 9. Vortrag, 26. Mai 1910

Rudolf Steiner schildert in diesem Vortrag u.a., welche Konsequenzen es für das Seelenleben des Menschen hat, wenn man quasi durch ein immer gesünderes und bequemeres Leben die äußeren Einfallstore von Karma beseitigt.

[...] Wie ist es nun mit dem karmischen Verlauf, wenn wir durch irgend­welche Maßnahmen in die Lage kommen, den Menschen daran zu hin­dern, diesen Ausgleich zu suchen?

Nehmen wir an, dass wir durch gewisse hygienische Maßnahmen dahin wirken, dass gewisse Ursachen, gewisse Dinge, für die vielleicht der Mensch vermöge seiner karmischen Zusammenhänge Neigung haben muss, überhaupt nicht da sein können. Denken wir uns, es gelänge durch hygienische Maßnahmen, gewisse Krankheitserreger auf einem bestimm­ten Gebiet zu bekämpfen. Nun haben wir uns bereits vor die Seele geführt, dass es keineswegs im Belieben der Menschen steht, solche Maß­nahmen zu treffen. Wir haben gesehen, wie in einem bestimmten Zeit­alter zum Beispiel die Neigung zu Reinlichkeitsgesetzen daher entsteht, weil einfach diese Neigung, die in der Zwischenzeit verschwunden war, jetzt bei der umgekehrten Wiederholung in der Entwickelung wieder auftaucht. Daraus haben wir gesehen, dass es in den großen Gesetzen des Menschheitskarma überhaupt liegt, dass in einem bestimmten Zeit­punkt der Mensch dazu kommt, diese oder jene Maßnahmen zu treffen.

[...] Aus dem vollbewussten, ver­nünftigen, verständigen Leben, das sich der Mensch zwischen Geburt und Tod aneignen kann, kommen ja solche Maßnahmen nicht, sondern sie kommen aus dem Gesamtgeist der Menschheit. Und Sie brauchen sich nur einmal vor Augen zu halten, wie diese oder jene Erfindung oder Entdeckung auch erst dann auf tritt, wenn die Menschheit wirklich dafür reif ist. Ein kleiner Überblick über die Geschichte der Entwicke­lung der Menschheit auf der Erde kann Ihnen da so manches bieten.

[...] Denken wir uns also den Fall, eine Anzahl von Menschen würde sich durch karmische Verwicklung gedrängt fühlen, bestimmte Einflüsse aufzusuchen, welche ein karmischer Ausgleich sein würden. Durch hygienische Maßnahmen sind nun einstweilen diese Einflüsse oder Ver­hältnisse hinweggeräumt worden, die Menschen können sie nicht mehr suchen. Darum aber werden diese Menschen nicht befreit von dem, was in ihnen als karmische Wirkung herausgefordert wird, sondern sie werden gedrängt, andere Wirkungen aufzusuchen. Seinem Karma ent­kommt der Mensch nicht. Er wird durch solche Maßnahmen nicht ent­lastet von dem, was er sonst aufgesucht hätte.

[...] Heute werden in der Tat eine ganze Menge von äußeren Einflüssen und Ursachen hinweggeräumt, die sonst aufgesucht worden wären zum Ausgleich gewisser karmischer Dinge, welche die Menschheit in früheren Zeitaltern auf sich geladen hat. Dadurch aber schaffen wir nur die Möglichkeit hinweg, dass der Mensch äußeren Einflüssen verfällt. Wir machen ihm das äußere Leben angenehmer oder auch gesünder. [...]  Indem ihnen durch ein gesünderes Leben größere physische Annehmlichkeit bereitet wird, in­dem ihnen das physische Leben erleichtert wird, wird die Seele dadurch in der entgegengesetzten Weise beeinflusst; sie wird so beeinflusst, dass sie nach und nach eine gewisse Leerheit, eine Unbefriedigtheit, eine Un­erfülltheit empfinden wird. Und wenn es so fortgehen würde, dass das äußere Leben immer angenehmer, immer gesünder würde, wie man es nach den allgemeinen Vorstellungen im rein materialistischen Leben haben kann, dann würden solche Seelen immer weniger Ansporn haben, in sich selber weiterzukommen. Eine Verödung der Seelen würde in gewissem Sinne parallel einhergehen.

Wer sich genauer das Leben ansieht, kann das heute schon bemerken. In kaum einem Zeitalter hat es so viele Menschen gegeben, welche in so angenehmen äußeren Verhältnissen leben, aber mit öden, unbeschäftig­ten Seelen einhergehen, wie es heute der Fall ist. Diese Menschen eilen darum von Sensation zu Sensation; dann, wenn das Pekuniäre reicht, reisen sie von Stadt zu Stadt, um etwas zu sehen, oder wenn sie in der­selben Stadt bleiben müssen, eilen sie jeden Abend von Vergnügen zu Vergnügen. Die Seele bleibt aber darum doch öde, weiß zuletzt selber nicht mehr, was sie aufsuchen soll in der Welt, um einen Inhalt zu be­kommen. Namentlich wird durch ein Leben in rein äußeren, physisch annehmlichen Zuständen der Hang erzeugt, nur über das Physische nachzudenken. Und wenn diese Neigung, sich nur mit dem Physischen zu beschäftigen, nicht schon lange vorhanden wäre, so würde auch nicht die Neigung zum theoretischen Materialismus so stark geworden sein, wie es in unserer Zeit der Fall ist. So werden die Seelen leidender, während das äußere Leben gesünder gemacht wird. [...]

Die Seelen können nur bis zu einem gewissen Grade leer bleiben; dann werden sie wie durch die eigene Elastizität nach der andern Seite hingeschnellt. [...]

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