Die erste Nebenübung

Ein Beitrag von Frank Ahlert

Mit den 6 Nebenübungen des anthroposophischen Schulungsweges hat uns Rudolf Steiner einen hervorragenden Weg für ein zeitgemäßes „Seelentraining" aufgezeigt. Schafft man es, diese Übungen manchmal, zeitweilig oder gar regelmäßig zu machen, so haben sie spürbare Auswirkungen. Neben einer geistigen Entwicklung bewirken sie für das Leben eine größere Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, will heißen: Freiheit. (Wir wissen, dass das Leben dadurch nicht unbedingt leichter wird).
Besonders die Denk- und Willensübung werden von den 6 Nebenübungen wohl am häufigsten praktiziert. Sie sind in ihrer Aufgabenstellung eng umrissen und daher relativ problemlos im Tagesverlauf unterzubringen. Theoretisch.

Im Folgenden soll eine fiktive Denkübung mit dem selben Thema über den Zeitraum von 3 Tagen konstruiert werden. Dabei werden vielleicht die Klippen, Nebenflüsse und vor allem die stehenden Gewässer dieser Übung deutlich. An sich klingt der Nutzen der Denkübung sehr logisch. Ihren wirklichen Wert erfährt man allerdings nur, wenn man die Übung eine Weile gemacht hat.

Möglicherweise entdecken Sie sich darin wieder oder Sie haben vollständig andere Erfahrungen gemacht, die hier nicht erwähnt werden.

 

Gedankenkontrolle

Die erste Nebenübung, die Gedankenkontrolle besteht darin, dass man wenigstens für kurze Zeiten des Tages nicht alles Mögliche durch die Seele irrlichtelieren lässt, sondern einmal Ruhe in seinem Gedankenlaufe eintreten lässt. Man denkt an einen bestimmten Begriff, stellt diesen Begriff in den Mittelpunkt seines Gedankenlebens und reiht hierauf selbst alle Gedanken logisch so aneinander, dass sie sich an diesen Begriff anlehnen.

 

Vorbemerkung

Es ist gut bei solchen Denkübungen, einen bewussten Anfang und auch ein bewusstes Ende zu setzen. Besonders am Ende hat die Denkübung manchmal die Tendenz auszufransen und sich im Assoziieren total zu verlieren. Aber selbst wenn dies geschehen ist - und es passiert durchaus häufig - sollte man an das „Ende" den Satz: „Hier ende ich!", setzen. Das gibt einen Rahmen, der für die Sache wichtig ist. Es ist ein bewusster Akt, der, gerade wenn die Denkübung ausfranst, unbewusst beim nächsten Mal zu mehr Aufmerksamkeit erzieht. Zudem kann man konkret auf etwas zurückschauen, was einen Anfang und ein Ende hat.

 

Schraubverschlüsse

Für die nächsten 3 Tage habe ich mir als Gegenstand meiner Denkübung Schraubverschlüsse ausgesucht. Sie sind einfach, d.h. nicht zu komplex und thematisch begrenzt.

 

Tag 1

Ich beginne. Seit Tagen habe ich so eine leere Bio-Milchflasche auf der Anrichte in der Küche stehen, die ich schon die ganze Zeit zurückbringen wollte. Sie hat einen dicken Hals und ist braun und sie hat oben einen Schraubverschluss. Drehen muss man ihn - aber nicht viel. Diese Flaschen brauchen nur einen kleinen Ruck und schon sind sie offen. Bei Wasserflaschen muss man eine ganze Weile drehen. Aber ich will ja zuerst über meinen Milchflaschenverschluss nachdenken. Er ist speziell und unterscheidet sich von den anderen Verschlüssen. Der Deckel allein nützt ja gar nichts. Er braucht ein Gegenüber, wo er genau reinpasst. Kann ich das denken? Deckel von unten, bzw. innen: bauchige Rille, die sich um - Vorstellung ist weg - schwierig - nochmal. Komischerweise komm ich mit meinen Gedanken jetzt nicht mehr herein in den Deckel. Nein, lieber zuerst das Gegenstück am Flaschenhals. Den sieht man ja auch viel öfters. Hier kann ich mir die bauchigen Führungsrillen besser vorstellen. Bei der Milchflasche geht es aber nicht so häufig herum - glaube ich. Spaßbad - Riesenrutsche - war schon witzig, welche Kurven wir durch den Slalomröhre machten - die grüne Röhre nehme ich nicht so gerne, weil sie zwischendurch ganz dunkel wird. Sabine war dabei - nette Frau - Hallo? Schraubverschlüsse! Unangenehme Überwindung - von der hübschen Sabine zu Schraubverschlüssen! Aufbau der Vorstellung: Flaschenhals - Führungsrillen - ganz wenige. Viele Rillen haben die Flaschen, die man länger drehen muss. Warum gibt es eigentlich Flaschen mit vielen und mit wenigen Rillen? Hat das einen Sinn? Pause - Gedanken kreisen, um das Problem. Einfall: Wenn man sich mehr anstrengt - also länger dreht, könnte die Flasche auch sicherer verschlossen sein. Ich denke das nochmal und prüfe. Könnte so stimmen. Die Flasche auf der Anrichte steht schon seit Tagen dort. Ich komme aber so selten zum Bioladen - und wenn doch, dann vergesse ich die Flasche immer wieder. Vor diesem Bioladen bekommt man aber auch immer so schlecht einen Parkplatz. Es gibt einen kostenpflichtigen und wenn ich über 20 € beim Bioladen einkaufe, kann ich eine Stunde frei parken. Für andere Besorgungen in der Stadt aber immer zu knapp. Schraubverschlüsse! Eigentlich schon genial. Wie hat man den früher Flaschen verschlossen? Korken. Wie man die hergestellt hat, weiß ich gar nicht. Ist ja jetzt auch nicht mein Thema. Es ist ein gutes Material, um Flaschen zu verschließen: wasserundurchlässig und ein wenig elastisch. Aber nicht zu viel. Nach unten verengt er sich zylindrisch ein Stück. Wenn man ihn in den Flaschenhals drückt, sitzt er fest. Wenn ich als Kind eine Weinflasche aufmachen durfte, dann wurde zuerst der Korkenzieher angesetzt. Wenn der nicht gut saß, konnte es sein, dass der Korken nur halb rauskam oder sogar bröselte. Das war ganz schlecht. Hat das eigentlich noch was mit meinen Schraubverschlüssen zu tun, was ich jetzt denke? Eigentlich fast nicht, obwohl es ja auch Verschlüsse sind. Aber ich war ja bei der Geschichte von Verschlüssen. Wie man es früher gemacht hat. Irgendwann wird jemand einen genialen Einfall gehabt haben. Nicht drücken, sondern drehen. Das gleiche Prinzip wie Nagel und Schraube. Hatte ich schon mal bei einer anderen Denkübung. Aber es ist ja das Wesentliche, also kann ich mich dabei ruhig ein wenig aufhalten. Das Prinzip des Drehens ist genial. Zumal man erst um die Ecke denken muss. Um die Festigkeit nach unten zu erreichen, also drücken, mache ich eine geführte Drehbewegung zur Seite. Toll! Schraubverschlüsse. Ich habe wieder den weißen Deckel von meiner Milchflasche vor mir. Hat der Deckel eigentlich überhaupt die Gegenrillung? Bin mir unsicher. Ich versuche mich zu erinnern. Der Deckel hat zwar einen nach innen gewölbten Rand als Einstieg in die Rillung des Halses, aber ich glaube ansonsten hat er keine andere Rillung. Bei Wasserflaschendeckeln ist das anders. Da sieht man von außen, wie die Blechdeckel ebenfalls mehrfach gerillt sind um den Flaschenhals. Hier ende ich.

 

Wenn Sie diesen Text relativ langsam lesen, werden Sie knapp 4 Minuten brauchen. Wenn Sie ihn denken, werden Sie wahrscheinlich nicht mehr als 3 Minuten dazu benötigen. „In der Kürze liegt die Würze!" Oder anders gesagt: „Weniger ist mehr".
Wie war es und wie oft hatte mich eine Assoziation im Griff? Etwa 2 ½-mal: die schöne Sabine im Spaßbad, das Parken beim Bioladen und wenn man es streng nimmt der bröselnde Korken in meiner Kindheit. Nicht lupenrein, aber auch nicht schlecht. Ergo: relativ normal. Ganz sicher war aber der erste Tag der einfachste. Hier ist jeder Gedanke neu. Man legt sich zurecht, was man weiß und hat den einen oder anderen guten Zugang zum Thema. Wenn der Gegenstand, über den man nachdenkt, einfach und überschaubar war, wird man das meiste, was man bedenken kann, zumindest einmal gedanklich berührt haben.

 

Worauf es nicht ankommt ist,

  • dass man etwas Kluges gedacht hat.
  • dass man viel wusste über den Gegenstand.
  • dass man kreativ in seiner Gedankenführung war.
  • dass man neue Erkenntnisse über den Gegenstand gewonnen hat.

Es kommt eigentlich ausschließlich darauf an, dass man versucht, dem selbst gesteckten Ziel immer wieder erneut zu folgen: mit den eigenen Gedanken am Gegenstand zu bleiben.

 

Tag 2

Ich beginne. Der Drehverschluss der Milchflasche ist weiß. Er könnte eigentlich auch andere Farben haben, aber bei diesen Milchflaschen ist er immer weiß. Was steht eigentlich oben drauf? Ich weiß es nicht - ich könnte es mir allenfalls denken. Vielleicht das Verfallsdatum, allerdings steht das eher auf dem Seitenaufkleber der Flasche. Ansonsten die Marke oder Ähnliches. Das Material des Deckels ist Blech - von außen beschichtet mit weißem Lack. Innen an der Deckeloberseite wird ein weicher Kunststoff sein. Wenn sich der Flaschenhals dagegen presst, muss es wasserdicht sein. Kunststoff - pressen - weißer Deckel - suchende Gedankenbewegung - ich drehe den Deckel, wenn er hinunterfällt, könnte er wie der dicke fette Pfannkuchen davon rollen. Halt! Ich bemerke, wie ich abzuschweifen drohe. Zurück zum Decken. Aber ich kann den Deckel natürlich in Gedanken rollen lassen. Ich sehen ihn über die Anrichte gegen die Wand rollen. Hier stößt er an und fällt auf seine Rückseite. Ich hatte gestern nicht nachgeschaut, wie er innen genau aussah, so weiß ich es also auch heute nicht. Ich könnte wiederum Vermutungen anstellen. Es würden zwei gegenüberliegende Ausbuchtungen ausreichen, die sich unter die Führungsrille des Flaschenhalses setzen könnten. Dann wäre es auch sinnvoll, wenn der Flaschenhals zwei gegenüberliegende Einsätze zu Rillung hätte. Ich werde nachher einmal nachschauen. Deckel - draußen vor dem Haus streiten sich zwei Kinder. Die gehen mir auf die Nerven. Ich erkenne das eine an seiner Stimmlage. Es ist der Junge der Nachbarn. Gestern hat es meinen deutlichen Gruß nicht erwidert. Beim nächsten Mal will ich auch nicht mehr grüßen. Halt - abgeschweift - wieder zurück zum Deckel. Suchbewegung - Korken - Deckel. Drücken - drehen. Meistens haben nur die Weinflaschen Korken. Auch Marmeladengläser haben diese Milchflaschenverschlüsse. In der Regel sind diese Deckel aber viel größer. Die Milchflasche hat sich diese Verschlussart als einzige Flasche bewahrt. Mir fällt zumindest keine weitere ein. Wenn man diese Gläser zum ersten Mal öffnet, gibt es immer so ein dickes Schnalzen. Bei der Milchflasche hat man das fast jedes Mal, wenn sie ein Weilchen im Kühlschrank stand. Das ist eine Frage des Druckes. Nun, was könnte man ansonsten mit einem Deckel machen? Er verhindert, dass oben etwas hereinfällt. Suchbewegung - eine verschlossene Flasche kann man auf den Kopf stellen und es wird nichts austreten - ich sehe einen Kasten mit 6 Milchflaschen vor mir. Der Deckel trennt das Innere vom Äußeren. Das kann man jetzt abstrakt denken. Er schafft einen geschlossen, abgeriegelten Raum. Es kann nichts heraus, aber auch nichts herein. Damit soll das Innere geschützt werden. Der Außenraum ist dem Deckel eigentlich ziemlich egal. Suchbewegung - ich merke, wie mein Inhalt dünn wird - ich wiederhole einiges. Weißer Deckel - aus Metall - drehen, nicht drücken. Ich sehe die Flasche vor mir, wie sie auf der Anrichte steht. Hier ende ich.

 

Tag 3

Ich beginne! Weißer Schraubverschluss. Er ist rund und passt genau auf den Flaschenhals. Er trennt außen und innen. Schnalzendes Geräusch beim Öffnen. Kühlschrank. Es kommt kein neuer Gedanke hinzu. Also versuche ich etwas anderes. Ich versuche mir zu vergegenwärtigen, wie sich der Deckel anfühlen muss, wenn er sich durch die Drehbewegung langsam auf den Flaschenhals presst. Ich drehe mich und es wird immer enger. Allerdings nicht beengter. Es ist ein gutes Gefühl, so als hätte man mit einem Schlüssel schmiegsam, leichtlaufend ein Schloss verriegelt. Der Deckel läuft also glatt geführt in die Rillung. Es holpert nicht, es stockt nicht. Es wird enger. Der Weg ist nicht weit. Ich erreiche den Endpunkt. Nun sitze ich satt unter Druck und es wäre viel Kraft notwendig, mich nun ohne Drehung nach oben zu reißen. Ein Mensch würde das gar nicht schaffen. Einen Korken kann man natürlich so rausziehen. Ich verharre in dem Gefühl der eingedrehten, satten Enge. Wenn man etwas träumt, steht man manchmal auch unter Druck. Ich erinnere mich schwach an den Traum von heute Nacht. Normalerweise träume ich nicht viel - zumindest erinnere ich mich nicht. Halt. Milchflasche - Deckel - Druck, kommt von drücken. Manchmal findet der Deckel nicht die Rille zum Einrasten. Bei Schrauben und einer Mutter ist es genauso. Da kann man sogar ein Gewinde zerstören, wenn man falsch ansetzt und nicht aufhört zu drehen. - Aufkleber - Verfallsdatum - Milch hält insgesamt nicht lange. Seit Neuestem erhitzen sie die Milch mit einer bestimmten Methode, damit sie länger hält - es ist mühsam, zum langweiligen Schraubverschluss zurückzukehren. Es erfordert Überwindung. Noch einmal erscheint er trotzdem vor meinem inneren Auge. Puh. Hier ende ich.

 

Ergebnis:

Der 3. Tag war der schwierigste. Es fällt einem wenig Neues ein. Oft ist es eine Wiederholung, selten eine Vertiefung. Der Moment der Langeweile ist häufig erlebbar. Das ist normal. Man zieht sich an den Haaren wieder zum Thema. Man hat es sich vorgenommen. Ich bestimme den Fluss meiner Gedanken und nicht umgekehrt. Der Wert dieser Übung besteht meines Erachtens darin, diese ICH-Kraft zu stärken. Wenn davon ein wenig in den Alltag übergeht, ist viel gewonnen.

 

Nutzen Sie die Kommentarfunktion, um Ihre Gedanken zu dieser Übung zu schildern.

Kommentar
05.01.2019 | Delia | Interessierte
Danke für diese spannende Beschreibung der Übung!
11.01.2019 | Rosemai | Großmutter
Wie er leibt und lebt! (Könnte man auch über sowas nachdenken? Warum "leibt" und "lebt"?) Sehr schön beschrieben. Ich glaub, ich hab das jetzt erst wirklich verstanden. Danke!
Ihr Kommentar