Ein Quantensprung

Ein Text von Marcus Kraneburg

Die Bewusstseinsentwicklung der vergangenen 100 Jahre

Wenn wir in die jüngere Zeit der Menschheitsgeschichte blicken, so entdecken wir im 20. Jahrhundert eine Epoche, die Ihresgleichen sucht. Kein anderer Zeitraum veränderte den Alltag der Menschen so radikal! Diesem Jahrhundert gelang der faszinierende Spagat zwischen einem gewöhnlichen mitteleuropäischen Bauern, der den Pflug noch mit einem Pferd über das Feld zog, und einer bemannten Raumfähre, die 1969 auf dem Mond landete. Das Jahrhundert begann mit einem Alltag ohne Strom und endete in einer Welt hochkomplexer digitaler Steuerungssysteme. Nie zuvor wandelte sich die Welt in kürzerer Zeit so radikal. Vergegenwärtigen wir uns, dass erst in den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts die Elektrizität Einzug in die Haushalte hielt. Das ist noch nicht lange her. Waschmaschine, Spülmaschine, Herd, Staubsauger und das Bügeleisen haben unser Leben und insbesondere unser Lebensgefühl stärker verändert, als wir oft vermuten. Ein großer Befürworter der Globalisierung, Hans Rosling, nahm einmal in einem Vortrag eine Waschmaschine mit auf die Bühne. Er erzählte, wie er als sechsjähriger Junge in den frühen sechziger Jahren Zeuge eines wahrhaft ungeheuerlichen Wandels wurde. Seine Eltern packten eine Waschmaschine aus, ein Wundergerät, für das die Familie viele Monate gespart hatte. Sogar die Großmutter war für diesen magischen Moment vorbeigekommen. Sie bestand darauf, den Knopf für das erste Waschprogramm zu drücken. Rosling erzählte weiter: „Meine Großmutter hatte acht Kinder großgezogen. In ihrem ganzen Leben hatte sie mit Feuerholz Wasser gekocht und unendlich viel Wäsche mit der Hand gewaschen, und nun sollte sie sehen, wie Elektrizität diese Aufgabe übernahm. Und als sie den Knopf drückte, blieb sie eineinhalb Stunden auf einem Stuhl vor dem Gerät sitzen und sah sich das ganze Programm an, vom Einweichen bis zum Schleudergang! Sie war hypnotisiert!" Diese „elektrische Revolution" ist in Bezug auf ihre Auswirkungen vergleichbar mit der Industriellen Revolution des 18./19. Jahrhunderts. Egal ob wir heute die Allgegenwärtigkeit des Internets, die Bereiche der Telekommunikation, der Unterhaltungsmedien oder ob wir unsere Mobilität ins Auge fassen - die Welt ist kaum mehr wiederzuerkennen.

Besonders aber hat sich der Mensch selbst verändert. Die Bewusstseinsentwicklung der letzten 100 Jahre verlief im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Zwar vollzog sich dieser Wandel leiser als bei der Kulturentwicklung - doch gerade unser Verhältnis zur Welt hat sich in gleicher Radikalität verändert. Unsere Seelen sind andere geworden. Schwindelerregende Emanzipationsprozesse fanden statt. Die Rolle der Frau hat sich gewandelt, die Bindung des Menschen an Religion, Familie, Partei und Staat haben sich gelockert und sind nicht selten ganz hinweggefegt worden. Dies alles hat bewirkt, dass der Mensch freier geworden ist. Er hat das gesellschaftliche Korsett vergangener Tage vielfach abgeworfen. Insbesondere an der Frage des Glaubens, die früher das Leben der Menschen stark dominierte, wird dies deutlich. Die Kirchen haben einen großen Teil ihrer einstigen Autorität verloren. Die Suche nach Glauben hat sich individualisiert. Neben dem Christentum und dem Islam, dem Buddhismus, Hinduismus und Judentum sind viele esoterische Strömungen und Abzweigungen wählbar. Selbst der Atheismus wurde zur vertretbaren Glaubensrichtung. Unser heutiges Seelenleben ist ungebundener als früher. Wir erleben dies zu Recht als befreiend. Allerdings gibt es auch Schattenseiten: Der seelisch ungebundene Mensch neigt zur Bindungslosigkeit. Daher wurde zur grundlegendsten Erfahrung des 20. Jahrhunderts die Einsamkeit.

Anhand zweier Lebensbereiche wird unser verändertes Verhältnis zur Welt besonders deutlich: Das ist unser Arbeitsalltag und unser Beziehungsleben. Beide Gebiete haben sich so fundamental gewandelt, dass Menschen ihretwegen nicht selten aus ihrer Lebensbahn geworfen werden. Nie zuvor wurde der berufliche Alltag als derart belastend erlebt. Oft ist er gekennzeichnet durch hohe Verantwortung, aber fehlende Anerkennung, durch Informationsüberflutung einerseits und Informationsdefizit andererseits. Ebenso tragen erwarteter Perfektionismus, Termin-, Zeit- und Leistungsdruck erheblich zur mentalen Belastung bei. Das halten immer weniger Menschen auf Dauer unbeschadet aus. Nicht selten ist Burnout die Folge - manchmal bis zur Arbeitsunfähigkeit.

Parallel dazu veränderte sich auch unser Privatleben. Häufiges Scheitern von Beziehungen und die Flucht vor Einsamkeit berühren heutzutage fast jede Biographie. Als Einzelphänomen gab es dies natürlich schon früher, als Lebensgefühl einer Generation ist dies neu. Die Veränderung von Beziehung spiegelt sich nicht zuletzt auch in den Scheidungsraten wider. Dramatisch haben sie in den westlichen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts zugenommen. In Deutschland lag sie 2003 bei 40 %. Die Singlebörsen feiern Hochkonjunktur.

Beide Beispiele klingen im ersten Moment alles andere als hoffnungsvoll. Und so stellt sich die Frage, wohin die Entwicklung uns führen wird? Werden wir langsam zu einer nervlich überspannten, beziehungsunfähigen Gesellschaft vereinzelter Individuen? Wäre vor diesem Hintergrund nicht sogar ein Kulturpessimismus gerechtfertigt? Gerade dem soll in dieser Schrift entschieden widersprochen werden. Die gegenwärtige Entwicklung des Menschen ist sinnvoll - ja, sogar zielvoll. Mit großen Lettern möge dies über dieser Schrift stehen.

 

Der viergliedrige Mensch

Will man tiefer in das Thema einsteigen, so kommt man nicht umhin, das Wesen des Menschen zunächst genauer zu unterscheiden. Die Anthroposophie bietet hierzu eine gute Hilfe. Sie differenziert den Menschen in vier so genannte Wesensglieder. Man erkennt schnell, dass diese Gliederung mit den vier Naturreichen der Erde korreliert. Jedes Reich bringt etwas ihm Eigenes in die Entwicklung ein. Erst im Menschen sind alle Aspekte der vier Naturreiche vereint. Schauen wir uns dies genauer an:

  • Als unterstes und einzig sichtbares Glied besitzt der Mensch einen physischen Leib. Wir pflegen, bewegen und nähren ihn und der Körper dankt uns dies im besten Fall mit einer guten Gesundheit. Wir wollen uns „in unserer Haut" wohlfühlen. Seiner Natur nach entstammt der physische Leib dem untersten Reich, dem Mineralreich.
  • Unsere Leiblichkeit wird von Lebenskräften durchzogen. Diese bilden das zweite Wesensglied des Menschen. Von den Lebenskräften hängt es ab, ob etwas lebendig oder tot ist. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung entwickelte sich das Leben nicht aus dem Mineralischen. Lebenskräfte bilden ein eigenes, ganz unabhängiges Reich. Allerdings ergreifen und gestalten Lebenskräfte die mineralische Welt. Das Mineralische verliert dann seine Eigennatur und stellt sich in den Dienst des Lebendigen. Wenn am Ende eines Lebens die Lebenskräfte eine Leiblichkeit verlassen, stirbt der Organismus und die Zellstruktur zerfällt in ihre mineralischen Bestandteile. In den Naturreichen erscheint die Lebenskraft erstmalig in der Pflanzenwelt. Daher sprechen wir ab dieser Stufe von der „belebten" Natur.
  • Als drittes Wesensglied entdecken wir das Seelenleben. Die Seelenwelt ist ein ganz und gar inwendiger Raum, der von Gefühlen wie Sympathie und Antipathie durchflutet wird. Diese spannen sich zwischen Lust und Unlust, Wohlbehagen und Unwohlsein und zwischen Freude und Schmerz. Erst ab dem Tierreich finden wir die Entwicklungsstufe des Seelenhaften erreicht.
  • Der Mensch jedoch ist das einzige Wesen, das von seinem Seelenleben selbst etwas weiß und es reflektieren kann. Erst im Menschenreich treffen wir die Möglichkeit an, selbstbestimmt zu handeln. Wir verdanken dies dem vierten und obersten Wesensglied, unserem ICH. Der Mensch gewinnt mit seinem ICH ein Bewusstsein seiner selbst.

 

Wir erhalten somit die folgende Gliederung des Menschen:

4. ICH Menschenreich
3. Seelenleben Tierreich
2. Lebenskräfte Pflanzenreich
1. Physischer Leib Mineralreich

 

Ein neuer Einschlag - die Dampfmaschine

Das Verhältnis dieser vier Wesensglieder untereinander ist nicht statisch, sondern in stetem Wandel begriffen. Es beeinflusst ganz wesentlich, wie wir denken, fühlen und wie wir handeln. Normalerweise verläuft ein solcher Wandel langsam und daher fast unmerklich. Dies gilt nicht für die letzten 100 Jahre. Während dieser Zeit hat sich die Gewichtung der einzelnen Wesensglieder so ungewöhnlich stark verschoben, dass sie sich regelrecht neu konfiguriert haben. Fundamental hat sich der Mensch in seiner physisch-seelisch-geistigen Konstitution gewandelt. Die Folgen zeichnen sich in unserem Bewusstsein ab. Wir machen uns oft nicht klar, wie anders wir heute denken, fühlen und handeln. Allein die rasante Individualisierung des Menschen veränderte unseren Blick auf die Welt vollkommen. Mit den vier Wesensgliedern haben wir einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis der heutigen Bewusstseinssituation in der Hand. Betrachten wir dies nun im Detail.

Gleich zu Anfang sei gesagt, dass wir ein wenig Geduld benötigen werden, um die wesentlichen Zusammenhänge herauszuarbeiten. Aber im Gegensatz zu Archimedes finden wir einen Punkt, an dem wir den Hebel für unser Thema ansetzen können. Wir schreiben das Jahr 1712. Einem gewissen Thomas Newcomen - und schon sein Name ist bezeichnend - gelang es zum ersten Mal, eine außerordentlich wichtige Erfindung praktisch nutzbar zu machen. Er ließ nämlich Grubenwasser mit einer Dampfmaschine aus einem Bergwerk pumpen. Die Dampfmaschine ist in vielerlei Hinsicht eine Erfindung, die wir gar nicht hoch genug einschätzen können. Nicht nur den äußeren Fortschritt impulsierte sie in höchstem Maße, sondern sie bewirkte geradezu einen Wendepunkt in der Bewusstseinsentwicklung der Menschheit.

Warum ist diese Erfindung so außergewöhnlich? Sie ist es aus dem Grunde, weil die Dampfmaschine erstmalig eine vollkommen andersartige Kraft in den Arbeitsstrom der Menschheit leitete. Die Energie fossiler Brennstoffe ist lebloser Natur. Bis dahin verrichtete der Mensch die anstehende Arbeit mithilfe seiner Muskeln: Entweder waren es die eigenen oder er nutzte die Kraft der Tiere. Darüber hinaus ersannen wir mit der Zeit auch Möglichkeiten, den Naturelementen ihre Kraft durch Wind- oder Wasserräder zu entlocken. Bis zur Erfindung der Dampfmaschine gab es aber nur einen "Motor", der Veränderung im weitesten Sinne bewirkte. Dies war die Lebenskraft. Sie lag sowohl der Muskeltätigkeit als auch den Naturelementen zugrunde. Selbst bei den Wind- und Wasserbewegungen ist dies der Fall. Man bedenke, dass auch die Erde als Ganzes ein lebendiger Organismus ist. Die Wind- und Wasserrhythmen entsprechen sozusagen dem Ein- und Ausatmen anderer Lebewesen. Insofern war die Lebenskraft bis zur Erfindung der Dampfmaschine der Hauptantrieb aller Bewegung. Von ihr ging Wandel und Veränderung aus. Lebenskraft herrschte über Wachstum, über Geburt und Tod, über Werden und Vergehen. Sie regulierte letztendlich alle Lebensprozesse der Erde.

Mit der Dampfkraft jedoch betrat nun ein gänzlich neues Element die Erde. Die Energien fossiler Brennstoffe unterscheiden sich ganz gewaltig von den Lebenskräften der belebten Natur. Sie besitzen nämlich keinerlei Wachstumskräfte mehr. Dies ist ihr wesentlichster Unterschied. Von fossilen Energien geht weder Leben aus, noch tragen sie welches in sich. Zwar können sie Maschinen ungemein kraftvoll antreiben, aber Wachstum bringen sie keines hervor. Sie produzieren gleichsam "tote Energie". Was folgt daraus? Ungeheuer viel. Die massenhafte Produktion toter Energien wirkt sich dramatisch auf die Situation der Lebensenergie aus. Auf der physischen Ebene leuchtet dies sofort ein. Jeder weiß, dass die zunehmende Nutzung fossiler Brennstoffe den CO2-Ausstoß proportional erhöht. Dieses Gas ist maßgeblich für die Schädigung der Erdozonschicht verantwortlich. Immer größere Löcher wurden seither in dem Lichtschild der Erde gemeldet. Zugleich stellen wir eine Erwärmung der Erde fest. In der Folge schmilzt das Eis an den Polen und der Meeresspiegel steigt. Dramatisch deutlich zeigen sich hieran die zersetzenden Wirkungen lebloser Energien.

Auf der physischen Ebene springen uns diese Wirkungen leicht ins Auge. Weniger gilt dies für die Ebene der Lebenskräfte. Doch gerade hier liegen die eigentlichen Ursachen für die genannten Veränderungen. Frage wir uns also, welche Bedeutung die massive Freisetzung fossiler Energien für alles Lebendige, für das Leben an sich hat? Was bewirken leblose, tote Energien in der Lebenssphäre der Erde? Zunächst wird man ganz einfach feststellen müssen, dass sie das sensible Lebenskräftegleichgewicht stören. Lebenskräfte werden in ihrer Wirksamkeit zurückgedrängt und geschwächt. Suchen wir nach einem passenden Vergleich. Was geschähe, wenn wir in ein Aquarium mit klarem Wasser ein paar Tropfen Milch hinzugäben? Schnell würde sich das ganze Wasser eintrüben. Hierzu bedarf es sogar nur verhältnismäßig wenig Milch. Ähnlich müssen wir uns vorstellen, dass die toten Energien fossiler Brennstoffe das "Lebenskräftemeer" der Erde und des Menschen "eintrüben". Leblose Energien unterwandern Lebensprozesse. Dabei bringen sie nicht nur kein Wachstum hervor, sondern sie bewirken das genaue Gegenteil. Sie greifen aktiv in die gegenwärtige Lebenssphäre ein und beschleunigen den Rückbau lebendiger Strukturen. Das Ozonloch ist u.a. ein Beispiel dafür. Tote Energien generieren also Abbau- und Zersetzungsprozesse. Vor diesem Hintergrund markiert die Erfindung der Dampfmaschine einen Wendepunkt im Lebenshaushalt der Erde.

Die Auswirkung in Bezug auf die Lebenskräfte wurde bislang kaum erkannt. Zu wenig nimmt man sie als ein eigenes Reich unabhängig vom Physischen wahr. Für die physische Natur hat die Wissenschaft hochsensible Messinstrumente entwickelt. Die Welt der Lebenskräfte ist für sie heute noch wenig greifbar. Ganz neue Kategorien wären hier zu entwickeln. Die Erforschung des Lebendigen wird in Zukunft eine wissenschaftliche Schlüsseldisziplin einnehmen müssen.

 

Die innere Natur fossiler Brennstoffe

Wenn wir uns mit der inneren Natur fossiler Brennstoffe beschäftigen, so ist ihr Entstehungsprozess besonders von Bedeutung. Die fossilen Energieträger sind hoch energetische Geschenke der Vergangenheit und lagern überwiegend in den Tiefen der Erde. In ihnen konzentriert sich eine geradezu märchenhafte Kraft. In jedem Barrel Öl - das sind 159 Liter - befindet sich so viel gespeicherte Energie, dass ein Mann 20 Jahre lang täglich 14 Stunden körperlich arbeiten müsste, um dieselbe Leistung zu erbringen. Das ist unglaublich. Diese sagenhafte Arbeitsleistung hat uns die Erdgeschichte gleichsam geschenkt.

Kohle bildete sich im Verlauf von Jahrmillionen durch langsame Verdichtung aus pflanzlichem Material. Diesen Prozess nennt man Inkohlung. Was geschah aber mit der Lebenskraft, die die Pflanzen ursprünglich hat wachsen lassen? Wurde sie in den fossilen Brennstoffen konserviert? Diese Vermutung liegt zunächst nahe. Bei intensiverer Betrachtung wird man jedoch schnell einsehen, dass sich die Begriffe „Lebenskraft" und „Konservierung" gegenseitig ausschließen. Lebendiges ist immer in Bewegung. Es verändert sich ständig. Es wächst und rankt, sprudelt und quirlt, kriecht und jagt, gedeiht und entschwindet. Starrheit und Stillstand sind dem Leben fremd. Das Leben selbst lässt sich nicht speichern. Es existiert immer nur gegenwärtig.

Etwas anderes hingegen konnte in den fossilen Brennstoffen gespeichert werden. Gemeint ist jene Kraft, die sich als Abdruck des Lebens in den organischen Strukturen manifestiert hat. Richten wir unsere Aufmerksamkeit wie durch ein Vergrößerungsglas auf diesen Sachverhalt. Es gibt einen schmalen Zeitkorridor, in dem das Leben einen Organismus bereits verlassen hat, seine Strukturen in der Materie aber noch nicht zerfallen sind. Für einen Moment bleibt quasi ein "Korso des Lebens" ähnlich den hauchdünnen Papierwänden eines verlassenen Wespennestes zurück. Zwar ist das Leben schon aus der Materie entwichen, aber die Energetisierung der Materie ist immer noch sehr hoch. Wir können diese Energie als strukturelle Energie bezeichnen. Sie zerfällt mit der Zersetzung eines Organismus' relativ schnell. Unter bestimmten Bedingungen kann sie jedoch konserviert werden. Beispielsweise geschieht dies in einem Moor. Fehlt bei der Zersetzung der lebensspendende Sauerstoff, so zerfällt die strukturelle Energie nicht "ordnungsgemäß". Stattdessen findet ein Umbau ihrer inneren Natur statt. Unumkehrbar trennt sich die strukturelle Energie von ihrem Lebenspool. Anschließend kann sie kein Leben mehr aufnehmen - im Gegenteil: sie vernichtet es sogar. Ein Tropfen Erdöl verseucht ca. 600 Liter Trinkwasser. Mineralische Öle enthalten ein ganzes Cocktail giftiger Stoffe. Sie sind nur sehr schwer abbaubar und schädigen die im Wasser lebenden Mikroben.

Bei einer sauerstoffarmen Zersetzung von Organismen geht bildhaft gesprochen ein Riss mitten durch das Wort „Lebenskraft": Das Leben trennt sich von seiner Kraft. Während das Leben entschwindet, bleibt die Kraft zurück. Fossile Brennstoffe haben also zwei Eigenschaften, die in ihrer Kombination alles andere als unbedenklich sind: Sie sind leblos und zugleich überaus kraftvoll. Die Erde hat sie wohl nicht ohne Grund zunächst in ihren Tiefen „vergraben".

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, in welchem Ausmaß wir solch zersetzende Energien bereits freigesetzt haben, seien hier wenige Zahlen zur Kohleförderung genannt. Um das Jahr 1800 lag der Kohleverbrauch weltweit jährlich bei etwa 10 Millionen Tonnen. Schon einhundert Jahre später war der Bedarf auf 760 Millionen Tonnen gestiegen und seit 2009 fördern wir jährlich weltweit rund 7 Milliarden Tonnen Kohle. Diese Menge zu einem Berg aufgehäuft ergäbe Jahr für Jahr ein stattliches Gebirge von etwa 2 km Höhe. Unser Gesamtenergiebedarf wird jedoch nur zu einem Viertel von Kohle gedeckt. Erdöl fördern wir beispielsweise in noch höherem Maße.
Die Freisetzung so unvorstellbar großer Mengen lebloser Energien brachte in gleichem Maße die oben beschriebenen Zersetzungskräfte in Umlauf. Das Kräftegleichgewicht zwischen den Lebenskräften einerseits und den leblosen Energien auf der anderen Seite begann sich zu verschieben. Todeskräfte nahmen überproportional zu und unterminierten damit den Lebenskräftepol. Hingegen nahm das „Immunsystem" der Erde ab und ihre Vitalität wurde geringer.

 

Ein erstes Zwischenergebnis

Aber nicht nur die Lebenskräfte der Erde wurden geschwächt. Dasselbe Schicksal ereilte auch die Lebenskräfte des Menschen. Dem Menschen des 21. Jahrhunderts stehen weniger Lebenskräfte zur Verfügung, als dies früher der Fall war. Selbst wenn wir wollten, können wir uns dieser Entwicklung nicht entziehen. Sie ist gesamtmenschheitlich. Gleich einer Erbschaft unserer Zeit werden uns geringere Lebenskräfte schon mit in die Wiege gelegt.

Diese Erkenntnis ist von weitreichender Bedeutung. Insbesondere die Pädagogik wird darauf Rücksicht nehmen müssen. Sie wird nicht so tun dürfen, als hätte sich das Menschwesen nicht verändert. Unmittelbar beeinflusst wurde die Imaginationsfähigkeit des Menschen, aber auch Gruppen- und Gemeinschaftsbildung. Sie waren bisherige Pfeiler der Pädagogik und insbesondere der Waldorfpädagogik. Sie verlieren aber immer mehr an Tragfähigkeit und Stützkraft. Es wird einem späteren Kapitel vorbehalten sein, auf die Konsequenzen für die Pädagogik genauer einzugehen.

 

Zunahme der Bewusstseinskräfte

Es mag aufgrund der bisherigen Ausführungen der Eindruck entstanden sein, dass der Rückgang an Lebenskräften für den Menschen negativ zu beurteilen sei. Wenn wir jedoch die Entwicklung mit einem größeren Blick betrachten, ist dem durchaus nicht so. Das Gegenteil ist sogar der Fall. Es mag erstaunen, aber aus der Minderung der Lebenskräfte zieht unsere seelisch-geistige Natur notwendige - ja, sogar zukunftsweisende Entwicklungsimpulse. Gerade die Minderung an Lebenskraft war eine entscheidende Voraussetzung für eine grundlegende Umgestaltung der Menschenwesenheit. Was ist damit gemeint? Erst durch die Schwächung unserer Lebenskräfte wurde es möglich, dass ein anderes Wesensglied des Menschen an Stärke zunahm. Ähnlich einer Balkenwaage, bei der sich die eine Seite absenkt, gewannen jetzt die Bewusstseinskräfte enormen Einfluss. Sie stärkten die ICH-Sphäre, also das 4. Wesensglied des Menschen. Das ICH entwickelte sich zum dominierenden Faktor in unserem Wesensgliedergefüge.

Zwischen dem 2. und 4. Wesensglied besteht eine ausgesprochen enge - ja, geheimnisvolle Korrelation. Beide Glieder verhalten sich unter bestimmten Voraussetzungen umgekehrt proportional: Werden die Lebenskräfte schwächer, so nehmen die Bewusstseinskräfte zu. Diese Gesetzmäßigkeit ist insbesondere auf übergeordneten bzw. überpersönlichen Feldern wirksam. Sie gilt überall dort, wo der Mensch keinen willentlichen Einfluss nehmen kann. Ein Beispiel dafür sind die Altersphasen einer jeden Biographie. Betrachtet man die Lebenskräfte von Kindern, so sind sie gegenüber denen alter Menschen viel stärker. Eine Wunde heilt zügig und ein gebrochenes Bein ist schnell wieder belastbar. Die Gedankentätigkeit, also die Bewusstseinskräfte, schlummern in diesem Lebensalter noch. Daher wird im Sandkasten auch nicht philosophiert, sondern es werden Burgen gebaut und Kuchen gebacken. Ebenso wenig ist es Sache der Jugend, ewig lang über die Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns nachzudenken. Später beginnen sich die Verhältnisse umzukehren. Spätestens im letzten Drittel des Lebens bemerkt man immer deutlicher, dass die Leistungsfähigkeit des Körpers abnimmt. Die Lebenskräfte ziehen sich zurück. Aber die Bewusstseinskräfte nehmen zu. Viel früher können wir die Wirkungen unserer Handlungen abschätzen. Auch unsere Lebenserfahrungen werden reicher und wir erringen im besten Fall ein Stück Lebensweisheit.

Die oben beschriebene Gesetzmäßigkeit zwischen Lebens- und Bewusstseinskräften gilt jedoch nicht in den Bereichen, auf die der Mensch willentlichen Einfluss hat. Beispielsweise könnte man hier jede sportliche Aktivität nennen. Hält man seinen Körper in Schwung und regt man damit seine Lebenskräfte an, so ist dies die beste Grundlage für einen beweglichen Geist. In solchen Fällen werden die Bewusstseinskräfte über die Lebenskräfte gefördert. Auch während der frühkindlichen Erziehung, in Kindergarten und Schule geht es entscheidend darum, die Lebenskräfte bestmöglich zu stärken. Dadurch bildet man die Grundlage für eine gesunde seelisch-geistige Entwicklung.

Auf der überpersönlicher Ebene jedoch zeigt sich die Abhängigkeit von abnehmenden Lebenskräften und zunehmenden Bewusstseinskräften in oben skizzierter Weise in vielerlei Gestalt. Sie hat sich sogar im Bau mancher Organe manifestiert. Im Gehirn, dem Spiegel unseres Bewusstseins, wurden die Lebenskräfte beispielsweise in Form des Blutes ganz zurückgedrängt. Wie ein Mantel umgibt das Blut in den Kapillaren die Nervenmasse. Eindringen darf das Blut ins Gehirn unter keinen Umständen. Beim Auge haben wir ein ganz ähnliches Verhältnis zwischen dem Glaskörper und dem Blut.

 

Gesamtmenschheitlicher Aufwachprozess

Heute übernimmt das 4. Wesensglied immer deutlicher die Regie. Worin äußert sich die enorme Steigerung der Bewusstseinskräfte? Zunächst können wir feststellen, dass die Menschen wesentlich wacher geworden sind. Sie reflektieren stärker - auch und gerade in Bezug auf sich selbst. Das Epizentrum unseres Bewusstseins - unser ICH - tritt immer stärker hervor. Wir befinden uns heute in einem ungeheuren gesamtmenschheitlichen Aufwachprozess. Erst in der Gegenwart erwacht die Menschheit vollständig zu einem selbstverantwortlichen ICH. So gesehen stehen wir im 20./21. Jahrhundert am Beginn einer wirklichen "Neuzeit". Ein beispielloser Individualisierungsschub setzte ein. Dies ist im Familienleben, in der Freizeit- oder auch in der Lebensgestaltung deutlich wahrnehmbar. Der Drang zur Individualisierung wird überall zum besonderen Merkmal unserer Zeit. Die subjektiven Bedürfnisse des Einzelnen stellen sich immer mehr in den Vordergrund. Die eigene Meinung wird immer zentraler. Die Menschen fühlen sich geradezu gedrängt, die eigenen Gedanken bei jeder passenden und auch unpassenden Gelegenheit zu äußern. Das Gemeinsame, das WIR, tritt dabei zu Gunsten des ICH langsam in den Hintergrund. Oder anders ausgedrückt: Während die ICH-Kräfte erstarken, schwindet proportional und gleichsam auf natürliche Weise „der Sinn für die Gemeinschaft". Dies soll nicht als Kritik verstanden werden. Wiederum ist zu betonen, dass es sich vielmehr um eine normale, ja sogar notwendige Begleiterscheinung jenes gesamtmenschheitlichen Aufwachprozesses handelt.

 

Ist der Mensch glücklicher geworden?

Was ist nun aber mit dieser Entwicklung für die Menschheit gewonnen? Was hilft es uns, dass die Lebenskräfte ab- und die Bewusstseinskräfte zunehmen? Zunächst kann man sagen, dass das Leben zumindest äußerlich erheblich bequemer geworden ist. Wir haben die Welt mit unserem wachen Verstand so gründlich erforscht, dass wir sie uns auf vielen Gebieten dienstbar gemacht haben. Will man heute beispielsweise schnell mal duschen, so öffnet man einfach einen Hahn an der Wand, der uns, solange wir wollen, mit Wasser gewünschter Temperatur versorgt. Eigentlich müssten wir jedes Mal darüber staunen. Früher hat man das Wasser erst mühsam in Kesseln und Töpfen auf einem Holzherd erhitzen müssen. Dieses "Früher" ist noch nicht so lange her. Heute erleben wir Möglichkeiten der Lebensgestaltung in nie da gewesener Freiheit.

Hat dieser Kulturfortschritt jedoch bewirkt, dass die Menschen zufriedener oder gar glücklicher geworden sind? Die Sehnsucht nach einem bequemeren Leben war ja schließlich wesentlichster Antrieb der meisten Erfindungen. Bei ehrlicher Einschätzung wird man die Frage jedoch verneinen müssen. Im Gegenteil, die starke Zunahme von psychosomatischen Erkrankungen und Depressionen in der Gegenwart spricht eine andere Sprache. Das Leben ist fortwährend schneller und zugleich komplexer geworden. Stress ist eine "Errungenschaft" der modernen Zeit. Hinzu kommt, dass unsere seelischen Rückzugsfelder erheblich kleiner geworden sind. Die früheren Lebenskonstanten wie Religion, Ehe, Familie und Staat geben uns heute nicht mehr die notwendige Sicherheit. Manch einer sehnt sich nach einer einfacheren oder beschaulicheren Welt zurück.

Ziel und Sinn dieser Entwicklung liegen also offensichtlich nicht in der Zunahme von Glück und Zufriedenheit. Eine Erkenntnis von großer Tragweite! Unsere Konsumwelt versucht uns ja fortlaufend mit dem Versprechen auf ein glücklicheres Leben zu locken. Gleich einer Fata Morgana projiziert die Werbung das Glück auf ihre Produkte. Und selbstverständlich geben wir diesen Versuchungen auch häufig nach. Selbst viele esoterische Strömungen betonen, dass ein gutes Leben nur ein glückliches Leben sei. Sie geben Ratschläge, wie man sich glücklich wünscht, indem man seine Wünsche beim Kosmos aufgibt; wie man Reichtum unausweichlich anziehen muss oder eine beglückende Partnerschaft führt. Mittlerweile hat sich so etwas wie ein „Recht auf Glück" fest in unserem Lebensgefühl verankert. Das war in früheren Generationen keinesfalls so. Man wähnte sich zufrieden, wenn man einigermaßen am Leben blieb. Wenn sich darüber hinaus etwas glücklich fügte, so betrachtete man dies als Geschenk. Maximales Glück ist also nicht der Sinn des Lebens. Worin besteht dann aber der Nutzen der hinzugewonnenen Bewusstseinswachheit?

 

Freiheit und Liebe

Die Stärkung der Bewusstseinskräfte wird uns in nie gekannte Höhen führen können. Es geht um nichts Geringeres als die Verwirklichung der höchsten Begriffe des Menschseins: Freiheit und Liebe. Sie erst erheben den Menschen wahrhaft über die anderen Naturreiche. Selbst wenn wir ihre wahre Bedeutung heute nur erst erahnen, sprechen sie dem Menschen doch von einer großen Zukunft. In der Gegenwart verwechselt man sie noch häufig gerne mit persönlicher Willkür oder besitzergreifendem Verlangen. Ihrer inneren Natur nach sind sie jedoch gänzlich frei von Egoismen. Man würde Liebe falsch verstehen, wenn man meinte, sie wäre gleichbedeutend mit Glücklich-Sein. Andere Eigenschaften sprechen sich viel deutlicher in ihr aus. Besonders auf die Leidensfähigkeit macht die Bibel im „Hohelied der Liebe" aufmerksam (1. Korinther 13). Dort heißt es:

[...] Die Liebe ist langmütig und freundlich; die Liebe eifert nicht; die Liebe treibt nicht Mutwillen; sie blähet sich nicht; sie stellet sich nicht ungebärdig; sie suchet nicht das Ihre; sie lasset sich nicht erbittern; sie trachtet nicht nach Schaden; sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit; sie freuet sich aber der Wahrheit. Sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. [...]

Freiheit und Liebe sind Begriffe von jener Art, die immerzu wachsen, je mehr sich unser Blick weitet. Sie werden für uns immer größer und bedeutsamer, ja verheißungsvoller. Sie beschreiben keinen Zustand, der von außen gleichsam beglückend oder befreiend an uns herantritt, sondern sie meinen vielmehr eine innere Fähigkeit, zu der sich unser ICH immer weiter aufschwingen kann. Freiheit und Liebe widerfahren uns nicht passiv, sondern sie bedeuten die höchste Aktivität unseres innersten Wesens, unseres ICH. Der Aufstieg zu diesen beiden mächtigen Gipfeln menschlicher Entwicklung ist schmal und steil. Aber je höher man gelangt, desto klarer zeigt sich, dass es sich in Wahrheit nur um einen einzigen Gipfel handelt. Freiheit und Liebe treten in ihrer reinen Form nie getrennt auf. Das eine kann ohne das andere nicht sein. An ihrer Spitze verschmelzen beide zur untrennbaren Einheit.

Manche Menschen gehen den Aufstieg dieses Berges rasch an. Andere gestalten ihn gemächlicher oder trödeln vielleicht sogar. Eines ist auf dem Hintergrund des bisher Gesagten jedoch deutlich: Auf dem Weg zum Gipfel befindet sich die ganze Menschheit und umkehren - selbst wenn jemand es wollte - kann man nicht. Die Zunahme der Bewusstseinskräfte (4. Wesensglied) vollzieht sich parallel zur Abnahme der Lebenskräfte (2. Wesensglied) gesamtmenschheitlich.

 

Es schließt sich der Kreis - ICH und Gemeinschaftsbildung

Wenn wir die Entwicklung der Menschheit diesbezüglich gleich einer Spur zurückverfolgen, so können wir ihr Ziel durchaus erkennen. Der Mensch hat sich individualisiert und er wird dies in Zukunft noch viel stärker tun. Immer größere Kraft wird er allein aus seinem Bewusstsein schöpfen müssen und können. Die anderen Lebenskraftquellen werden weiter versiegen. Berücksichtigt man dies nicht, so wird man heutige Gemeinschaftsbildung immer weniger verstehen, an ihr möglicherweise sogar verzweifeln. Ideen und geistige Impulse tragen die Gemeinschaften nicht mehr in alter Weise. Einst wurden sie gehalten von satten Gemütskräften, die ihrerseits von üppigen Lebenskräften genährt wurden. Wie auf einer gemeinsamen Welle fühlten Gemeinschaften sich getragen. Heute muss der Einzelne diese Energie in sich selbst aufbringen, ohne sich auf Tradition, Gewohnheit oder Gemeinschaft stützen zu können. Unser ICH muss geistig gesehen die Selbständigkeit erlangen. Gerade dafür sind die immer wacheren Bewusstseinskräfte notwendig.

In den Erzählungen vom Baron Münchhausen gibt es ein Bild, das die Fähigkeit eines autonomen ICH ungemein treffend beschreibt. Eines Tages versinkt der Baron mit seinem Pferd langsam in einem Sumpf. Keine Hilfe ist in Sicht. Trotzdem rettet er sich ganz allein aus dieser hoffnungslosen Situation. Wie macht er das? Er zieht sich ganz einfach selbst mitsamt seines Pferdes am eigenen Schopf aus dem Sumpf.

Im ersten Moment ist man verblüfft und kurz darauf fühlt man sich vielleicht sogar auf den Arm genommen. Allerdings beschreibt das Bild genau die Fähigkeit, die unser ICH in Zukunft immer stärker ausbilden soll. Was für die physische Welt ein Unsinn wäre - im Geistigen ist es Realität: Einen festen Standpunkt hat ein ICH nur in sich selbst. Nur wer in der Lage ist, sich allein auf sich selbst zu stützen, wird in einer zukünftigen Welt Halt und Sicherheit finden.

Heute unterliegt unser ICH noch vielerlei Abhängigkeiten - mögen sie offenkundig oder versteckt sein. Wir „benötigen" sie oftmals als Stützen, die unserm ICH den vermeintlichen Halt geben. Wir gehen jedoch einer Zukunft entgegen, in der sich unser ICH in immer größerer Autonomie „haltlos" wird halten können müssen. Dafür ist die beschriebene Entwicklung notwendig. Unsere Bewusstseinskräfte werden immerzu wacher und wacher werden, dafür nehmen unsere Lebenskräfte zunächst ab. Selbstverständlich ist dies - wie die Gegenwart oft überdeutlich zeigt - ein steiniger, ein gefährlicher und für den einzelnen Menschen oft auch schmerzhafter Weg. Die Möglichkeiten abzustürzen oder abzurutschen sind beängstigend groß und die Abgründe überaus tief. Natürlich könnte man die Gefahren dieses Weges in erschreckenden Farben schildern. Dies soll an dieser Stelle jedoch bewusst nicht geschehen. Stattdessen wollen wir vielmehr das Ziel dieser Entwicklung ins Auge fassen. Wir gehen einer verheißungsvollen Zukunft entgegen. Es liegt vor uns ein Weg, auf dem sich der Mensch zu einem wahrhaft freien Menschen und zu einem wahrhaft liebenden Menschen entwickeln kann. Dies ist der Sinn und das Ziel menschlicher Entwicklung auf der Erde.

Bild: Theodor Hosemann (1807-1875)

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