Die Diener des Logos

Von Georg Kühlewind aus „Die Diener des Logos“

Als Erkenntnisaufgabe ist das Christentum unglaublich und un­möglich: die Menschheit hat das unter anderen in der Persönlich­keit Tertullians zum Ausdruck gebracht. Außerdem ist das Chri­stentum auch noch sehr unbequem für die menschliche Egoität; den­ken wir an die haarsträubenden Sätze der Bergpredigt: wirst du geschlagen auf die rechte Backe, so halte auch die linke hin; will dir jemand den Rock nehmen, so lass ihm auch den Mantel; oder denken wir an die Feldpredigt im Lukas-Evangelium: liebet, die euch nicht lieben; gebet denen, von denen ihr nicht zurückzubekommen hoffet; schließlich: liebet nicht nur eure Nächsten, sondern eure Feinde. Alles, was mit der Idee der Charis zusammenhängt, mit dem Tun aus Überfluss, mit dem Tun, d. h. Schaffen des „Überflüs­sigen", das nicht sein muss, mit dem Tun, d. h. Schaffen des Guten, ohne auf Erwiderung zu warten, ohne jegliche Aussicht auf Lohn, ist unbequem, ist „hart" für das Ego-Bewusstsein. Der „Lohn" im Jenseits, das müssen wir einsehen, ist nur für den von Bedeutung, der fähig ist an ihn zu glauben, und dieser Glaube ist nicht einfach, sondern er ist selbst ein aktives Erkennen schöpferischen Charak­ters, ist Intuition, deren Wesen sich das Alltagsbewusstsein nicht nä­hern kann. Eine aktive, individuelle Erkenntnistat war für das Er­kennen des Christentums notwendig, war notwendig zum Erfassen dieser unglaublichen und unmöglichen Lehre; und auf diese Erkennt­nistat konnte sich eine zweite, eine moralische Intuition gründen, die dem unbequemen, unangenehmen moralischen Teil der Lehre nachkam, so dass der Glaubende fähig wurde einzusehen, was die Evidenz der moralischen Lehre ist — wie du willst, dass die Men­schen dir tun, also tue du ihnen, d. h. warte nicht, fang an; denn ohne die Erfahrung der moralischen Evidenz war es ebenso wenig möglich ein Christ zu sein, wie ohne die Erkenntnisevidenz in Bezug auf die „Wunder", auf die Jordan-Taufe und vor allem auf die Tatsache der Auferstehung. Die Erkenntnisschwierigkeiten zeigen sich bei Nikodemus, die moralischen an der Geschichte des reichen Jünglings.

Und doch hat sich das Christentum sehr rasch, fast explosiv ver­breitet. Trotz seines Programms, das für das Alltagsbewusstsein verblüffend unpopulär war, und trotz der abschreckenden Aussich­ten auf schwere äußere Verfolgung wurden in kurzer Zeit breite Massen von ihm bewegt, und das konnte dann den Grund zur abendländischen Kultur bilden. Der Grundimpuls wird fast gleich am Anfang mit anderen Impulsen vermischt, gleich zur Zeit der ersten Ausbreitungswelle; man denke an die Missbräuche, an die Deka­denz, dem er vom 4. Jahrhundert an allgemein zum Opfer fiel, deren Zeichen sich aber hie und da schon im 2. Jahrhundert zeig­ten. Die Frage ist: Wodurch konnte sich diese, sowohl erkenntnismä­ßig als auch moralisch paradoxe und unpopuläre Lehre so schnell verbreiten? Wenn wir von den heutigen naiven, an das heutige Bewusstsein angepassten, aber auch so nur mit Mühe zu verdauenden „Erklärungen" absehen, so scheint diese Verbreitung selbst pa­radox zu sein.

Aus den Erzählungen in den Evangelien geht hervor, dass Jesus von Anfang an wusste, wie sein Schicksal auf Erden enden werde. Er musste es wissen, weil das Mark, das Zentrum, das Keimhafte die­ses Schicksals die Auferstehung war. Zeichen für dieses Vorauswissen und das Wollen dieses Schicksals ist z. B. sein Verhalten gegenüber dem „Verräter" und ist seine Antwort auf die Frage des anderen Judas, warum er sich nicht der Welt offenbare? Auch als er den Jüngern voraussagt, was geschehen werde, und Petrus daraufhin zu ihm sagt, er solle sich „schonen", erklingt das „Hebe dich ab, Satan, von mir" und „Es ist besser, dass ich weggehe". Als Petrus ihn bei der Verhaftung mit seinem Schwert beschützen will, wehrt er ab: „Könnte ich nicht eine Legion von Engeln rufen?", und ruft sie nicht. Zuletzt dann seine Haltung vor Pilatus, der ihn retten will und dem er es schwer und unmöglich macht. All dies weist darauf hin, dass der Tod, dass das Misslingen in der Welt ein wesentliches, ja entscheidendes Element dessen war, was er erreichen wollte. Was geschehen ist — „es musste geschehen" —, war in den Augen der Welt, war für „diese Welt" ein Misslingen, ein Besiegtwerden. In seinen Aus­wirkungen aber war es die extreme Verwirklichung der moralischen Lehre: In der Welt der Vergangenheit auf alles, auf das Leben, auf Erfolg, auf weltliches Königtum zu verzichten bedeutet, dass die Idee, die Lehre, in deren Namen dies geschieht, als moralische Kraft weiterlebt und in der Zukunft Wirklichkeit wird — genauer: aus dem, aus dem Verzicht, wird die Zukunft. Eine moralische Intuition von großem Ausmaß verwirklicht sich nicht in der Vergangenheits­welt, sie wird nicht einmal nur in die Welt der Gegenwärtigkeit, des lebendigen Erkennens geschrieben, sondern aus ihr wird Zu­kunft. Es gibt keine andere Zukunft, nur die auf solche Weise ver­anlagte; zu ihrer Verwirklichung geht der Keim nicht in der Ver­gangenheitswelt auf. Eine heute schon vorausberechenbare „zukünf­tige" Sonnenfinsternis ist keine Zukunft, sie ist Vergangenheit, des­halb eben berechenbar. Zukunft ist, was nicht Abklingen einstiger moralischer Taten — Schöpfungstaten — ist. Aus diesem Zukünfti­gen wird später das, was „ist", dann klingt es wieder ab; einst war es moralische Intuition, dann wird es Gegebenheit, Geschenk, Um­gebung.

So wird es als menschliche Verhaltensweise von Paulus und den anderen Verbreitern des Christentums dargestellt und dargelebt. Sie übernahmen sie von dem Menschen-Urbild, und von ihnen ha­ben die Christen sie übernommen. Das Christentum war das evidenz-erfüllte Verstehen und zugleich Verwirklichen des Verhaltens, demgemäß der Mensch nichts für sich will, sondern für die anderen Menschen und Wesen lebt und arbeitet. Die Intuition, dass es mög­lich ist, nach dem Neuen Gebot der Liebe zu leben, dass nur so le­bend und diese übermenschlich große Intuition ins menschliche Maß übersetzend der Mensch Mensch sein kann, weil das die Essenz des Menschendaseins ist: die Ausbreitung dieser alle Erwägungen des Alltagsbewusstseins hinwegfegenden Evidenz war die Verbreitung des Christentums. Diese Intuition hat sich verbreitet: die Evidenz der Liebe und des Opfers als die einzige Möglichkeit, an der Schöpfung weiterzuschaffen. Die Märtyrer waren nicht des Lebens über­drüssig, sie handelten im Sinne des Keimsetzens für andere Men­schen; nur dadurch wird die äußere Geschichte der Verbreitung des Christentums verständlich. Das war damals und das wäre heute das Christentum, nichts anderes: das allgemeine Verhalten gemäß dem Neuen Gebot; nichts oder nichts Wesentliches geht dann in die Vergangenheitswelt, alles bleibt als Keim der Zukunft, erschöpft sich nicht in der Änderung des Heutigen, obwohl es sie scheinbar anstrebt. Die primäre Veränderung geschieht in der Menschenseele, alle weitere folgt aus ihr. Die menschliche Seele gehört nicht der Vergangenheitswelt an. Die Reiche der Himmel sind in der Tat in­wendig.

Aus all dem folgt, dass die Diener des Logos, die Ihn von Anfang an gesehen haben und Ihn auch heute sehen und für Ihn leben, in dieser Welt nichts zu erwarten haben: weder Erfolg noch Anerken­nung noch irgendeinen Lohn; es darf in ihnen nicht das Gefühl der Auserwähltheit entstehen. Denn niemand außer ihnen selbst hat sie auserwählt, auch nicht eine Vorstellung von Heldentum: denn es ist keines, nur Dienst; es ist Gesetz, dass als stärkere zukunftbau­ende Kraft wirkt, was in der Vergangenheitswelt nicht „gelingt". Daher wartet auf die Diener des Logos nichts „Gutes", keine Er­widerung, keine „Belohnung", nur Feindseligkeit, Verfolgung, Schwierigkeiten. Alles „Gute", das eine „Befriedigung" bewirkte, würde das wirkliche Ergebnis vermindern. Das Erlernen der „ergeb­nislosen", „sinnlosen" Taten, das in jeder geistigen Schulung gelehrt wird, bekommt hier seinen wahren Sinn. Es gibt auch keinen jen­seitigen Lohn; wer hieran glauben kann mit aktivem, schöpferi­schen Glauben wie an die Auferstehung, hat nichts anderes mehr notwendig.

Auch die Geisteswissenschaft kann sich, wenn sie bleiben will, als was sie ursprünglich gemeint war, nicht anders verbreiten — mutatis mutandis — als einst das Christentum; denn sie ist nichts anderes. Für die Diener des Logos gibt es keine „Triebfeder", kei­nen Beweggrund, keinen Lohn oder sonst „Gutes"; der einzige An­trieb ist, dass ich es will.

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