Wahrheitsfindung - Eine Vortrags- und Übungsarbeit

Ein Beitrag von Christina Singer (Freie Waldorfschule Freiburg St. Georgen)

Welche Möglichkeiten der Konferenzgestaltung haben wir in Zeiten von Lockdown und Fernunterricht? Welche Inhalte und welche Form der Begegnung sind angemessen? In der Freien Waldorfschule Freiburg St. Georgen hatte sich eine Kollegengruppe mit einem Vortrag von Rudolf Steiner beschäftigt (Gesamtausgabe Nr. 134, 1. Vortrag vom 27. Dezember 1911), der dafür geeignet schien. Inhaltlich geht es in dem Vortrag um die Frage, wie die Wirklichkeit so wahrgenommen werden kann, dass der Diskurs darüber jenseits von Meinungen und Argumenten geführt werden kann. Konkrete Übungsschritte, die im Vortrag skizziert werden, sollten helfen, den allgegenwärtigen Polarisierungstendenzen, die auch vor unserem Kollegium nicht Halt gemacht hatten, entgegenzuwirken.

Zum Vortrag

Der Vortrag beschreibt einen Weg, wie über Intellekt und Verstand hinausgehende Denkweisen zu neuen, ungeahnten Erkenntnissen führen können. So könnten aus dem Alltagsbewusstsein heraus getroffene Urteile durch einen erweiterten Blick auf die Wirklichkeit ergänzt oder auch revidiert werden. Dieser Weg lässt sich in vier Schritten gehen:

1. Schritt: Staunen.

2. Schritt: Verehrung oder Ehrfurcht.

3. Schritt: weisheitsvoller Einklang mit den Welterscheinungen / der Wirklichkeit

4. Schritt: Ergebung in den Weltenlauf.

Der Vortrag ist gut verständlich und mit anschaulichen Beispielen versehen, so dass auch neue, weniger mit der Anthroposophie vertraute Kolleg*innen gut einsteigen konnten.


Methodisches Vorgehen

Wir trafen uns in sieben Kleingruppen zu 4-6 Menschen physisch präsent in der Schule sowie parallel dazu online in einer Gruppe mit etwa 20 Teilnehmenden.

In den präsent arbeitenden Kleingruppen wurde das Vorgehen individuell festgelegt. Es entstand dort eine sehr intensive, persönliche, praktische und erkenntnisreiche Arbeit. Manche Gruppen wählten ein Phänomen aus, an dem alle vier oben genannten Schritte geübt wurden. In anderen Gruppen legte jeder Teilnehmende selbst fest, woran er üben wollte. Interessant war auch, jenseits von konkreten Übungsinhalten die einzelnen Begriffe – Staunen, Verehrung, Einklang und Ergebung – zu meditieren und der inneren Bewegung / den inneren Bildern nachzuspüren, die diese hervorriefen.

Die Arbeit in der Online-Gruppe wurde einheitlicher angeleitet durch Impulsfragen und einen Austausch darüber in Online-Kleingruppen.

Vier Sitzungen zu 75 Minuten arbeiten wir auf diese Weise. Der Rückblick am Ende ergab: Die Arbeit in den Kleingruppen wurde als belebend, stärkend und verbindend erlebt. Aber auch innerhalb der Online-Gruppe kam es zu einem fruchtbaren und vertieften Austausch.

Auch wenn diese Arbeit gezeigt hat, wie viel wir noch lernen können, sind wir doch ein Stück vorangekommen, ganz im Sinne der Autorin und Juristin Juli Zeh, die die AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) durch folgende SOS-Regeln ergänzte:

Sensibilität im Umgang mit fremden Ängsten
Offenheit für abweichende Positionen
Sorgfalt beim Formulieren der eigenen Ansichten.

Hier finden Sie den Vortrag als pdf-Dokument zum Download. 

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