Firlefanz oder moderner Bildungsinhalt?

Linda Denz

Warum es sinnvoll sein könnte, in jedem Schuljahr eine Theaterepoche einzurichten?

Versuchen Sie sich einmal als jahrelang bekennender Nichtraucher ohne Vorwarnung in geselliger Runde unter Freunden eine Zigarette anzuzünden? Täuschen Sie einfach vor, Sie hätten jetzt das Rauchen angefangen. Für die meisten Menschen dürfte so ein Experiment wohl nicht so ganz einfach sein. Warum nicht? Es widerspricht dem Bild, welches Sie von sich haben und vielleicht widerspricht es auch dem Bild, von dem Sie wünschen, dass es andere von Ihnen haben.

Solche Bilder von uns und von anderen haben manchmal die Kraft über unser Wohlbefinden zu entscheiden. Als Erwachsener wundert man sich oft, warum ein Kind, das von einem anderen gesagt bekommt „Mein Gott, bist du dumm!“, darüber nicht einfach hinweggehen kann.

Warum? Es hängt mit unserer Persönlichkeitsentwicklung zusammen. Je bewusster wir unserer selbst werden, desto freier oder gedrängter, in jedem Falle aber konturierter nehmen wir Rollen ein.

Gerade letztens ging ich spazieren und sah an einem heißen Tag in einem Vorgarten einen kleinen Jungen und ein kleines Mädchen im Planschbecken spielen. Beider waren bekleidet wie Adam und Eva. Es ist das Alter der Unschuld, aber gleichzeitig auch eine Zeit annähernder Rollenlosigkeit. Es gibt fast nichts, was Kinder dieses Alter sich nicht „trauen“ würden, wenn wir es ihnen als Erwachsene nur überzeugend genug vormachten. Ihr eigenes ICH schläft gleichsam noch und man könnte fast sagen, es schlüpft ersatzweise dafür in unser ICH hinein.

Nur wenige Jahre später bekommen Sie einen pubertierenden Jugendlichen kaum mehr dazu, die selbstverständlichsten Dinge der Welt zu tun, weil er das für uncool hält. In Wahrheit „traut“ er es sich natürlich nicht mehr. Das Bewusstsein schießt in diesem Alter geradezu in das Gefühlsleben und im ersten Augenblick macht dies den Menschen wie erstarrt. Da weiß er zunächst gar nicht mehr, wie er sich verhalten soll. Wie immer im Leben ist die Negation das Einfachste. Aus innerer Unsicherheit wird mit äußerer Kraftdemonstration alles abgelehnt. Die Zeit der Rollenlosigkeit ist aber vorüber. Rollen werden im Gegenteil wie Zwangsjacken empfunden, aus denen man sich noch nicht befreien kann. In diesem Alter hat das ICH noch wenig die Möglichkeit, seine Rollen frei zu bestimmen.

Unsere Kultur hat es schon recht weisheitsvoll eingerichtet, wenn sie jedes Jahr ein Fest feiert, welches diesen Moment auf den Punkt bringt. Es ist das Faschingsfest. In einem Arbeitervortrag am 5. März 1924 hat Rudolf Steiner die Frage nach dem Hintergrund der Fastnacht beleuchtet (GA 353, 2. Vortrag, S.33ff):

Fragesteller: „Es wird nach dem Zweck der Fastnacht, des Faschings, gefragt, ob man dar­über etwas von Dr. Steiner hören könne? Woher das Fastnachtsfest komme, was es bedeutet?“

Dr. Steiner: (…) „Denn eigentlich würde das Fa­schingsfest tief eingreifen in das ganze soziale Leben, wenn es den ursprünglichen Sinn, den es zum Beispiel im alten Rom gehabt hat, wo es etwas früher gefeiert worden ist, wieder bekommen hätte.

Gehen wir gerade ins alte Rom zurück, dann finden wir das Fol­gende. Die Leute waren damals auch, wenn man so sagen darf, so eingeteilt, wie hier in der jetzigen Zeit: der eine war Staatsbeamter, der andere war Krieger, der dritte war Arbeiter und so weiter, und die Einteilung war damals mindestens im sozialen Sinne noch härter als heute. Denn derjenige, der Sklave war, konnte ja sogar als Mensch gekauft werden! So dass man sagen kann: Es war der Unter­schied der Menschen im alten Rom noch ein sehr, sehr bedeutender. Aber das Bewusstsein, dass man diese oder jene Stellung hat, das soll­te wenigstens für einige Tage des Jahres verloren gehen. Nicht wahr, heute redet man von der Demokratie und meint, zunächst allerdings mehr im theoretischen Sinne, dass alle Menschen gleich seien. Nun, das haben die Römer durchaus nicht irgendwie geglaubt, sondern bei denen war derjenige, der in irgendeinem höheren Stand geboren worden war, erst ein richtiger Mensch. Sie wissen ja, dass bis in unse­re Zeiten herein noch für gewisse Leute das Sprichwort gegolten hat: Der Mensch fängt erst beim Baron an. - Also diejenigen, die unter dem Baron sind, sind keine Menschen.

Im alten Rom war das natürlich außerordentlich stark. Wenn auch dazumal der Adel in der Weise nicht eingeführt war, wie er dann später erschien - denn das ist eine mittelalterliche Einrichtung aus der so genannten Feudalzeit -, so war aber doch ein großer Un­terschied der Stände im alten Rom üblich. Nun aber, ein paar Tage im Jahr hindurch sollten die Menschen gleich sein, sollte Demokra­tie herrschen. Das konnte man natürlich nicht so machen, dass die Menschen mit ihren gewöhnlichen Gesichtern kommen, sonst hätte man sie ja erkannt; da mussten sie Masken tragen. Da waren sie dann, was die Masken waren. Da gab es dann auch einen Menschen, der Faschingskönig war. Der konnte in diesen Tagen tun, was er wollte. Er konnte Befehle ausüben, während er sonst nur Befehle empfangen hat. Und das ganze Rom war in dieser Zeit ein paar Tage verrückt, von der Stelle gerückt; und die Menschen konnten sich auch ihren Vorgesetzten gegenüber anders benehmen, brauchten ih­nen gegenüber nicht höflich zu sein - also für einige Tage, um die Menschen gleich zu machen! Und diese Einrichtung hat natürlich dazu geführt, dass die Leute in diesen Tagen nicht gerade geweint und getrauen haben; denn das hat sie gefreut, dass sie ein paar Tage so leben konnten. Aus dieser Freude heraus ist dann die Faschings­lustbarkeit geworden: Die Leute haben nur tolle Streiche gemacht, wenn sie frei geworden sind für ein paar Tage. Und so ist die ganze Faschingsvergnüglichkeit entstanden.

Die Folge davon war, dass, weil das den Leuten sehr gut gefallen hat, es sich auch erhalten hat. Aber die Dinge erhalten sich, ohne dass man den ursprünglichen Sinn noch weiß. So bleibt nur der Fa­sching als die Zeit, in der man tolle Streiche macht - weil man da tol­le Streiche machen durfte. (…)“

Die Frage ist nicht, ob wir Rollen annehmen oder nicht. Jeder Mensch bedient sich im sozialen Miteinander fortwährend der verschiedensten Rollen. Dies ist nicht nur normal, sondern auch vernünftig und richtig.

Die Frage lautet vielmehr, ob unser ICH einerseits die Beweglichkeit und andererseits die Stärke besitzt, die eigenen Rollen so vielfältig und übergangslos zu wählen, dass wir unser Menschsein, unser ICH, unsere geistige Individualität auszudrücken vermögen.

Wie kaum auf einem anderen Gebiet wird die Bildsamkeit, Schmiegsamkeit, Beweglichkeit und Lebendigkeit so herausgefordert, als wie beim Theaterspiel: Hier übernimmt man eine Rolle, die man selber eben nicht hat. Hier tut man Dinge, die man im „normalen Leben“ nicht tut. Hier soll man sein, wie man nicht ist. Das ist eine innere Bewegung – eine Bewegung des ICH. Das ICH muss sich hineinversetzen, hineinschlüpfen und wiederum herausfinden in ständigem Wechsel. Eigene Rollengrenzen werden überschritten, erweitert, flexibilisiert.

Auf diesem Hintergrund darf man die indirekte Behauptung im Titel unterstreichen: Eine Theaterepoche pro Schuljahr ist in höchstem Maße wertvoll! Man wird nur die wertloseren Dinge ausmisten müssen – dann wird man auch genügend Platz haben :-)

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