Das Hochrad - ein Rad ohne Übersetzung

Um mit dem Tretkurbelrad höhere Geschwindigkeiten fahren zu können, vergrößerte man das Vorderrad. Das Übersetzungsprinzip war bis dahin noch nicht bekannt. So entwickelte sich 1870 das Hochrad. In vielen Städten wurde das Hochradfahren sogleich verboten, in Köln noch bis 1894.

1870 wurde von James Starley und William Hillmann das erste Hochrad mit dem Namen Ariel vorgestellt. Der Name bezog sich auf den Luftgeist aus William Shakespeares Der Sturm und sollte den „leicht wie Luft"-Charakter im Vergleich zu den herkömmlichen Tretkurbelrädern hervorheben. Das Hochrad fand großen Anklang bei der Bevölkerung, insbesondere in den höheren Schichten. Zu jener Zeit kostete ein solches Rad mit Vollgummireifen den Jahreslohn eines Arbeiters.

Bei einem normalen Hochrad sind die Pedale ohne Übersetzung starr mit der Achse verbunden. Es gibt keinen Freilauf und keine Rücktrittbremse. Die Größe des Antriebsrades bestimmt die erreichbare Fahrtgeschwindigkeit. Deshalb wird zur schnelleren Fortbewegung der Radius des Vorderrades so groß gewählt, dass es die Schritthöhe des Fahrers gerade noch erlaubt, die Tretkurbel jederzeit mit den Füßen zu erreichen. Dazu musste der Fahrer fast genau über der Vorderachse im Sattel sitzen. Dadurch bedingt kann der Fahrer während der Fahrt den Boden mit den Füßen nicht erreichen. Stürze können oft gefährlich werden. Üblicherweise ist eine Klotzbremse an der Radgabel angebracht, die mit einem Hebel von einem der Lenkergriffe aus bedient wird. Die Lenkergriffe sind normalerweise vom Lenkkopf aus nach unten gebogen. Der Sattel befindet sich weniger als 50 Zentimeter hinter dem Lenkkopf.

Das Aufsteigen erfordert Übung. Ein Fuß wird auf die Trittstufe über dem Hinterrad gestellt. Der Fahrer ergreift den Lenker, stößt sich mit dem anderen Fuß vom Boden ab, damit er mit dem Hochrad ins Rollen kommt, und schwingt sich dann in den Sattel und tritt in die Pedale.

Obwohl es wegen des umgekehrten Pendeleffektes leicht ist, langsam zu fahren, gibt es spezifische Unfallgefahren. Zum Anhalten stemmt der Fahrer sich rückwärts in die Pedale, während er die Klotzbremse betätigt, die auf den Reifen drückt. Der hochgelegene Schwerpunkt hat die Konsequenz, dass jeder plötzliche Halt durch einen Zusammenstoß oder ein Schlagloch den Fahrer über den Lenker schleudern kann. Zum besonders gefürchteten Kopfsturz kommt es, wenn der Fahrer dabei den Absprung verpasst und so mit den Beinen unter dem Lenker verhakt kopfüber zu Boden stürzt. Auf langen Gefällestrecken legen manche Fahrer ihre Beine über den Lenker. Dies erlaubt schnelle Abfahrten, lässt ihnen aber keine Chance zum Bremsen oder Anhalten.

Bis James Starley das Vorderrad mit seinem Rover Typ II verkleinerte, hielt sich das Hochrad hartnäckig als das populärste Rad, obwohl es schon früher Vorstöße in Richtung Niederrad gab.

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