Morgenröte der Wissenschaft

Was mit den Naturbeobachtungen des klassischen Alter­tums so verheißungsvoll beginnt, kommt mit dem Unter­gang des Römischen Reiches, mit politischen Wirren und nicht zuletzt durch den Einfluss der Kirche völlig zum Stillstand. Das Studium der heidnischen Philosophen wird ketzerisch. Erst mit Beginn der Renaissance sind die dunklen Zeiten des Mittelalters endgültig vorüber und die Naturwissenschaft blüht auf.

Von den uns hier interessierenden Dingen ist es zunächst der Magnetismus, der im Vordergrund der Betrach­tungen steht. Die Elektrizität als solche ist ja noch völlig unbekannt, während der Magnetismus im Kompass schon eine beachtliche Rolle spielt.

 

Pierre de Maricourt - erste Versuche

Am 8. August 1269 schreibt der Philosoph und Ingenieur im Heere Karls I. von Anjou, Pierre de Maricourt, im Feldlager vor Lucera in Süditalien einen Brief an seinen Freund. Dieser Brief enthält die älteste bekannt gewordene experimentalphysikalische Darstellung des Magnetismus. Welche Gründe ihn dazu bewegen, sich der eingehenden Beschäftigung mit dem Magnetismus zu widmen, wissen wir nicht. Für seine Experimente stellt er sich aus einem großen Magnet­eisenstein eine Kugel her und legt auf ihre Oberfläche kleine Eisenstäbchen. Diese Stäbchen richten sich zu seinem Erstaunen so aus, dass Linien „wie die Meridiane der Erde" entstehen, die sich in zwei Punkten schneiden. Damit findet er erstmals die magnetischen Pole der Erde, zunächst allerdings nur auf seinem Modell. Konsequenzen für die Kompassnadel zieht er daraus nicht. Weitere Untersuchungen führen ihn auf zahlreiche neue Tatsachen. Er findet neben der anziehenden Kraft auch eine abstoßende Kraft, nämlich immer dann, wenn sich gleichnamige Pole gegenüberstehen. Zerbricht er einen Magneten, so entstehen zwei neue mit gleichgerichteter Polarität.

Von seinen Feststellungen ausgehend, bemüht sich Maricourt auch um eine theoretische Erklärung der Vor­gänge und sagt, dass die Magneten auf der Erde ihren Magnetismus vom „Erdmagnetismus" haben. Dieses Wort begegnet uns hier zum ersten Male. Obwohl seine Experimente für damalige Zeiten erstaunliche Neuigkeiten zu Tage fördern, unterliegt er in einem Punkt dann doch einem uns etwas unverständlichen Irrtum. Er glaubt nämlich, dass sich die Magnetnadel des Kompasses auf den Polarstern einstellt. An das nächstliegende, an die Pole seiner Modellerde, denkt er da­bei nicht. 1558 erscheint der Brief in gedruckter Form.

 

Bernstein - Geromino Cardano

Bezüglich des Bernsteins gibt es in dieser Zeit wenig Neues. Die Bemerkungen hierüber erschöpfen sich in den uns bereits bekannten Tatsachen. Wiederholt werden zwar Parallelen zwischen der Anziehungskraft des Bern­steins und der des Magnetismus gezogen, aber erst der italienische Gelehrte Geromino Cardano macht sich um die Mitte des 16. Jahrhunderts Gedanken über das Wesen dieser beiden Kräfte.

Seine Erklärung nennt Gilbert später allerdings „nicht besser als das Geschwätz alter Weiber". Immerhin beobachtet Cardano, dass die An­ziehungskraft des Bernsteins auf Spreu durch ein da­zwischen gehaltenes anderes Material aufgehoben wird, während dies bei einem Magneteisenstein und Eisen nicht der Fall ist.

Da schon im Altertum menschliche Gefühle mit dem Magnetismus in Verbindung gebracht werden, ist es nicht weiter erstaunlich, wenn Cardano den Magnetstein, weil er das Eisen anzieht, als „weiblich" und das angezogene Eisen als „männlich" bezeichnet.

 

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar