"Was müsste sich an der Kuh verändern, damit sie ein Adler wird?"

Ein Beitrag von Felix Goetze (Gründungslehrer der Rudolf Steiner Schule Hamburg-Altona)

Die obige Frage, die aus der Tierkundeepoche in der 4. Klasse stammt, soll weiter unten durch zwei Schüler beantwortet werden.

 

GRUNDLEGENDE BEMERKUNG
 

Den Tieren begegnet das Kind in der Waldorfschule, den Bedürfnissen seines Alters und seiner Entwicklung entsprechend, in verschiedener Weise schon von der 1. Klasse an (Märchen, sinnige Erzählungen, Fabeln, Landbau).

Die erste naturgeschichtliche Tierkundeepoche erlebt es in der 4. Klasse. Der Mensch steht am Anfang der Betrachtung. Er ist sozusagen der Leitfaden, der in die Naturreiche hineinführt. In dem Menschen sind die Tiere gleichsam auf einer höheren Stufe zusammengefasst. Er ist kein höheres Tier! Durch die nur ihm eigene Aufrichtekraft seines Ich stehen dem Menschen die Hände zur freien und auch selbstlosen Tat, kurz, zur Arbeit zur Verfügung. Die Tierkunde dient der Willensbildung des Kindes. Der Mensch ist nicht seinen Trieben ausgeliefert wie das Tier. Das Gefühl der Würde, das sich aus dem Menschsein ergibt, führt zu Lebenssicherheit und Verantwortungsgefühl (auch dem Tier gegenüber).

 

ZU DEN AUFSÄTZEN

Erst durch den Vergleich, das Erleben der unterschiedlichen Lebensäußerungen der verschiedenen Tierarten, wird in den Kindern ein lebendiges Bild von dem Wesen eines Tieres entstehen. Die isolierte Darstellung wie auch die abstrakte Definition lassen das Leben erstarren. Je lebendiger und charaktervoller der Unterrichtsinhalt dargeboten werden kann, umso leichter kann sich jedes einzelne Kind nach Fähigkeit und Eigenart mit der Sachlichkeit eines Sachverhaltes verbinden.

Während im ersten Aufsatz vor allem das Bemühen um eine korrekte Wiedergabe des Unterrichtsinhaltes spürbar ist, können wir im zweiten Aufsatz ein etwas spielerisches Umgehen mit dem Thema erkennen.

 

1. AUFSATZ

Wenn sich die Kuh in einen Adler verwandeln sollte, dann muss der müde Blick der Kuh verschwinden und sich in einen scharfen und weiten Blick verwandeln. Dazu müssten die großen, sanften Kuhaugen zu kleinen, stechenden Adleraugen werden. Das Fell der Kuh muss sich in viele Federn verwandeln, die dem Adler Wärme geben, vor allem aber die Gestalt. Die Quaste am Ende des Kuhschwanzes müsste sich in gespreizte Schwanzfedern verwandeln, und der lange Schwanz der Kuh müsste sich kleiner und breiter machen. Es wäre nötig, dass die langen, staksigen Hinterbeine zu kurzen Beinen des Adlers werden und aus den Hufen der Kuh die scharfen Krallen werden. Aus dem weichen Maul des Rindes, das den ganzen Tag in Bewegung ist, muss ein harter, starker Schnabel aus Horn, der nur in Bewegung ist, wenn der Adler seine Beute verschlingt und der ihm beim Nestbau hilft, hervorgehen. Die lange, runde, bewegliche Zunge der Kuh muss eine kurze Vogelzunge werden. Die platten, zermalmenden Zähne der Kuh müssen verschwinden. Die Kuh, die nur Grünfutter frisst, müsste, wenn sie sich in einen Adler verwandeln würde, ihre 4 Mägen, den Pansen, den Labmagen, den Netzmagen und den Blättermagen, hergeben und sie gegen einen Magen, der nur Fleisch vertragen kann, eintauschen. Es wäre auch noch nötig, dass der sehr lange Darm der Kuh (der 22-mal so lang ist wie das Tier selbst) sich in einen normalen Vogeldarm verwandelt. Die Vorderbeine der Kuh müssten sich ausbreiten, leicht und beweglich werden und sich in Flügel verwandeln. Aus dem ruhigen, dumpfen Tier, wie die Kuh es ist, muss ein wachsames, spähendes Tier werden, das viele Stunden ohne eine einzige Bewegung auf dem Felsen sitzen kann und dem Treiben in der Bergwelt zusieht.

Es gibt aber noch einen sehr großen Unterschied zwischen Adler und Kuh: Die Kuh gibt alles, was sie hat, z. B. die Milch, das Fell, das Fleisch u.s.w. Und der Adler lebt als Raubvogel und nimmt sich, was er braucht. So, wie die Kuh nur auf der Weide lebt, so zieht es den Adler in die Lüfte.

 

2. AUFSATZ

Es war einmal eine Kuh, die stand auf einer saftigen grünen Wiese. Als sie nach oben blickte, sah sie einen Adler vorüberfliegen, und sie dachte: "Ach, wäre ich doch ein Adler!" und als sie so dachte, verwandelte sich der große, dicke Kopf in einen schmalen Adlerkopf, und ihre großen Ohren wurden ganz, ganz kleine. Aus den stumpfen, wässrigen Augen wurden scharfe, spähende Augen, ihr feuchtes Maul verwandelte sich in einen krummen, spitzen Schnabel, und ihr plumper schwerer Körper wurde zu dem kugelförmigen und leichten Körper des Adlers. Aus ihrem glatten Fell wurde ein dickes Gefieder, aus ihren Vorderfüßen wurden Flügel, ihre Hufe verwandelten sich in Krallen, und ihr langer, dünner Schwanz in einen breiten, kurzen. Als sie fertig gedacht hatte, ging sie an einen Bach, um etwas zu trinken, und dabei spiegelte sie sich im Wasser und erkannte sich gar nicht mehr wieder, denn sie sah, dass sie ein Adler war. Da erhob sie sich in die Lüfte und flog davon mit mächtigem Flügelschlag.

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