Haltung und Bewusstsein

Aus: „Das Tier zwischen Mensch und Kosmos", von Frits H. Julius, Verlag Freies Geistesleben 1970

Frits H. Julius beleuchtet in dem folgenden Text die Beziehung von Haltung und Bewusstsein. Dabei weist er auf übergeordnete Qualitäten hin, die sich im Allgemeinen wieder finden lassen.

 

"Nicht nur unsere Haltung während des Wachens, sondern auch unsere Haltung während des Schlafens ist von der der Tiere grundsätzlich verschieden. Wir liegen ja meistens mehr oder weniger auf dem Rücken in einer Haltung, die bei den Tieren niemals oder fast nie vorkommt. Unsere Haltung beim Schlafen ist die denkbar hilfloseste, weil dabei die Gliedmaßen nicht auf den Boden gerichtet sind. In ihr spricht sich eine rückhaltlose Hingabe an die Schwere aus. Doch zugleich weist diese Haltung darauf hin, dass wir uns wäh­rend des Schlafens gegen die Erde abschließen und uns öffnen für das, was über uns ist.

Das Aufstehen des Menschen nach dem Schlaf ist ein wahres Abenteuer, der größtmögliche Übergang von Hingabe an die Erde zum Widerstand gegen die Erde. Das Sich-Erheben des Tieres aus der Schlafhaltung ist ein viel weniger ein­greifendes Ereignis. Es widersetzt sich der Schwere niemals so vollkommen und es gibt sich ihr niemals so vollkommen hin. Die meisten höheren Tiere knicken ja beim Schlafen ihre Beine mehr oder weniger unter den Leib. Der Kontakt mit der Erde wird also niemals ganz unterbrochen, und sie können sich fast unmittelbar erheben und in Bewegung setzen. Bei den meisten Tieren bleibt die Wirbelsäule auch dann zum großen Teil in der horizontalen Lage. Das Auf­stehen bedeutet bei ihnen kaum eine Veränderung der Haltung. [...]

Die streng aufgerichtete menschliche Haltung zeigt uns, dass in der mensch­lichen Entwicklung das Äußerste getan wird, um die Grundlage für den höch­sten Grad von Bewusstsein zu schaffen. Der bewußtseinsdämpfende Einfluss der Schwere wird so stark als nur möglich bekämpft, das Haupt sucht soviel wie möglich die Umgebung des Lichtes.

Wenn der Mensch sich im Schlaf mehr als die Tiere der Erde hingibt, so weist das darauf hin, dass er sein Bewusstsein tiefer absinken lässt, als dies bei den Tieren üblich ist. Die Haltungen des Menschen weisen im Vergleich mit denen der Tiere auf eine viel weitere Schwankung des Bewusstseins hin. Die Tiere werden weniger hell im Wachen, und sie schlafen weniger tief.

Es gibt jedoch noch einen anderen Unterschied in der Haltung bei Schlafen und Wachen, wobei die Tiere den Menschen oftmals weit übertreffen. Viele Tiere rollen sich zum Schlafen ganz zusammen. Eine Katze zum Beispiel wird, wenn es nicht zu warm ist, so zusammengebogen liegen, dass die Sinne fast ganz nach innen gerichtet sind und dass nichts, weder Kopf, noch Schwanz, noch die Pfoten, nach außen ragt. Alles weist darauf hin, dass bei solch einem Tier die Aufmerksamkeit so weit wie möglich auf den eigenen Organismus, weg von der Umgebung, gerichtet ist.

Wenn man gut auf seine inneren Erfahrungen achtet, so wird man bemer­ken, dass der Schlaf nicht nur auf der Verminderung des Bewusstseins beruht, sondern auch auf einem Drang, den eigenen Organismus zu genießen. Das Zusammenrollen muss darauf hindeuten, dass dieser Drang bei bestimmten Tieren besonders stark ist.

Ein auffallendes Kennzeichen dieser Haltung ist es, dass das Verhältnis zum Raum, wie es beim stehenden Tier gegeben ist, in jeder Hinsicht verändert wird. Kein einziger Teil des Leibes ist vertikal gerichtet, die Rechts-Links-Symmetrie ist völlig aufgehoben, und die Streckung von vorn nach hinten ist zur größtmöglichen Verkürzung geworden.

Es gibt viele Tiere, die keineswegs imstande sind, sich derartig einzurollen. Und doch verhalten sie sich, als ob sie es gern können möchten. Sie legen zum Beispiel Hals und Kopf nach hinten, den Schwanz nach vorn usw. Wir können zu einer sehr treffenden Charakteristik der verschiedenen Tier­arten kommen, indem wir auf die Unterschiede der Haltung sowohl im Schlaf als beim Wachen achten.

Die meisten warmblütigen Tiere erheben sich beim Erwachen auf die Beine und beginnen sich also sofort gegen die Schwere zu widersetzen. Viele Säuge­tiere und Vögel stoßen sich von der Erde ein gutes Stück ab, indem sie ihre Gliedmaßen strecken. Andere Säugetiere sind dazu viel weniger oder über­haupt nicht imstande. Die Amphibien können sich nur wenig erheben. Das gilt ebenso für die meisten Reptilien. Nur wenige Formen stehen hoch auf den Beinen oder können sich sogar auf die Hinterbeine stellen.

Im Allgemeinen werden die Tiere, die sich zum Schlafen stark zusammen­rollen, beim Aufwachen mehr Nachdruck auf die Streckung des Leibes legen, weniger auf das sich Erheben mit Hilfe der Beine. Die Schlangen können sich vielfach zusammenrollen und übertreffen damit alle anderen Wirbeltiere. Wenn sie aktiv werden, kommt es nur zu einer weitgehenden Streckung, aber zu keiner Erhebung des Leibes. Nur der Kopf wird oft gehoben. Demgegenüber stehen wieder andere Tiere, bei denen die Streckung beim Erwachen kaum eine Rolle spielt, da sie nicht imstande sind, sich zusammen­zurollen oder zu knicken. Ein Kaninchen zum Beispiel ist zu gedrungen, um sich stark beugen zu können, der Bau des Pferdes ist dazu zu steif.

Auch unter den stehenden Tieren kann es noch beträchtliche Unterschiede im Grad des Aufrichtens und des Sich-Erhebens über den Boden geben. Als Beispiel wählen wir das Pferd, das nicht nur besonders gut laufen und rennen kann, sondern darüber hinaus durch sein Vermögen hervorsticht, lange Zeit zu stehen. Ein Pferd kann stehend ruhen und sogar schlafen. Es scheint beinahe, als ob es diesem Tier widerstrebte, sich niederzulassen und sich damit der Schwere hinzugeben. Und doch! Zuweilen lässt es im Stehen den Kopf und auch die Ohren etwas hängen. Oft ist dabei eines der Hinterbeine etwas gebo­gen und entspannt. Erschreckt man das Tier nun, so wird das Bein mit einem Schlag gestreckt, der Kopf schießt in die Höhe, und die Ohren werden steil auf­gerichtet.

Man sieht, auch geringere Veränderungen des Bewusstseinsgrades als die zwischen Schlafen und Wachen können sich in der Haltung ausdrücken. Man kann ganz allgemein sagen: Bei einem Tier drückt sich eine Zunahme des Be­wusstseinsgrades dadurch aus, dass es den Leib erhebt, den Kopf in die Höhe streckt und die Ohren steil aufrichtet. Bei einem Wiesel, einem Kaninchen, einem Hasen kann dieses Aufsuchen der Vertikale so weit gehen, dass sie sich auf die Hinterbeine setzen und den Leib senkrecht strecken. Beim Kaninchen und noch mehr beim Hasen äußert sich der Drang zum Aufrichten bis in die Länge der Ohren. Eine Gebärde ist hier gleichsam zur Form geronnen; eine in den Vordergrund tretende Tätigkeit ist Leib geworden.

Es gibt auch Tiere, denen die Fähigkeit, den Kopf zu erheben, fehlt. Beim amerikanischen Bison ist der Kopf sogar immer nach unten gerichtet. Dieses Tier besitzt also eine Kopfhaltung wie ein vor sich hindämmerndes Pferd, auch wenn es völlig wach ist. Es scheint damit anzudeuten, dass es wenig Verbindung mit dem umgebenden Lichtraum hat, desto mehr aber mit dem, was aus der Erde emporsteigt. Man kann erwarten, dass das Bewusstsein, insofern es sich auf die nach außen gerichteten Sinne stützt, ziemlich dumpf ist. Dies stimmt tatsächlich mit dem überein, was Brehm von dem natürlichen Leben dieser Tiere beschreibt, vor allem von ihren Reaktionen auf die Jagdmethoden der Weißen.

Wieder andere Tiere tragen ihren Kopf stets möglichst hoch, wenn sie nicht fressen. Dazu gehören die Lamas, deren Kopfhaltung noch unterstrichen wird durch den langen Hals. Sie leben eigentlich fortwährend in der Haltung, die andere Tiere erst annehmen, wenn sie stark aufmerken. Die Lamas im Zoo ach­ten tatsächlich stark auf das Publikum. Die anderen Tiere interessieren sich vor allem für das Futter, das man mitbringt; diese Tiere aber zeigen hauptsächlich eine kräftige Antipathie, merkwürdigerweise nicht dadurch, dass sie sich zu­rückziehen oder verstecken, sondern indem sie herankommen und spucken.

Es gibt auch Tiere, die in ihrem ganzen Bau besonders großen Nachdruck auf die vertikale Richtung legen und in gewissem Sinne darin sogar den Men­schen übertreffen. Der Fischreiher ist dafür ein deutliches Beispiel. Für dieses Tier scheint es ein Vergnügen zu sein, wenn es am Ufer steht, sich möglichst lang und dünn zu machen und sich dabei so weit wie möglich aufzurichten. Das Tier nimmt dabei die Form einer überschlanken Vase an. Es ist in diesem Zusammenhang höchst interessant, dass ein vortrefflicher Beobachter und Be­schreiber der Tierwelt, William Long, eine Betrachtung über die auffallend starke Wachsamkeit des Reihers geschrieben hat.

Man kann in der Natur oft beobachten, dass große Einseitigkeiten vollkom­men ausgeglichen werden durch die entgegengesetzten Einseitigkeiten. Beim Reiher wird dies besonders deutlich. Man achte einmal darauf, wenn ein Reiher vorüberfliegt, welch mächtige Flügel und welch schweren, dunklen Flügelschlag er zeigt. Dasselbe Tier, das sich im einen Augenblick so verhält, als wolle es sich am liebsten in eine senkrechte Linie zusammenziehen, breitet sich im an­deren wieder so weit wie möglich in der horizontalen Fläche aus. Diese beiden Motive, das Suchen der Höhe und der Weite, beherrschen das ganze Leben des Reihers. Sein Nest baut er in den Gipfel eines hohen Baumes, so dass seine Jungen von Anfang an den freien Himmelsraum über sich und um sich haben. Dadurch sind sie weit mehr als auf dem Boden Wind und Wetter ausgeliefert. Bei Sturm kann das Nest meterweit hin- und herschwingen. Der erwachsene Reiher sucht immer wieder einen Standplatz an der weiten Wasserfläche und fliegt oft weite Strecken, um ihn zu erreichen.

Andere Beispiele von Tieren, bei denen die Vertikale vorherrscht, sind der Strauß und die Giraffe. Von beiden wird erzählt, dass sie mit den Augen außergewöhnlich wachsam sind. Von der Giraffe könnte man sagen, dass sie ein gewaltiger «Aufsteher» ist. Man stelle sich einmal vor, wie hoch sich der Leib der Giraffe nach dem Schlaf erhebt (bzw. wie weit die Erde zurückgestoßen wird) und wie weit der Kopf noch darüber hinausragt. Mit ihrem langen Hals übertreibt sie die Hal­tung, die zur Aufmerksamkeit gehört, mehr als irgendein anderes Tier. Der Kopf der Giraffe zeigt häufig einen aufmerksam-neugierigen Ausdruck, was völlig mit dem zuvor Gesagten übereinstimmt.

Wenn man, entweder in der Vorstellung oder beobachtend im Tiergarten, die Giraffe mit dem Bison vergleicht, so erlebt man starke Eindrücke. Wir haben den Bison als ein Tier kennen gelernt, das mit seinem Kopf dauernd auf das hingerichtet ist, was aus der Erde emporsprießt. Studieren wir seinen wei­teren Körperbau und seine Lebensgewohnheiten, dann wird deutlich, dass er in jeder Hinsicht besonders stark auf die Schwere und die Erdenkräfte im all­gemeinen abgestimmt ist. Seine Erscheinung vermittelt uns einen dumpfen und dunklen Eindruck.

Die Giraffe wendet sich sogar beim Fressen nicht zur Erde. Sie pflückt ihr Futter hoch über sich aus den Bäumen. Die Bäume gehören zu dem Pflanzen­typus, der sich mehr als die anderen über die Erde erhebt und in den freien Raum hineinwächst. Die Giraffe gehört in der Tat zu ihnen. Sie erhebt ihren Kopf und ihre wichtigsten Sinne weiter über die Erde als irgendein anderes laufendes Tier. Mit ihrem ganzen Wesen ist sie auf den Lichtraum gerichtet, obwohl sie sich auf die Erde stützt. Ihre Erscheinung vermittelt dann auch einen hellen Eindruck.

Während der Bison seinen Schädel kaum erheben kann, bereitet es der Giraffe ziemliche Mühe, in einem besonderen Spreizstand der Vorderbeine mit dem Kopf die Erde zu erreichen.

Es ist jedoch wichtig, auch auf diesem Gebiet nicht nur unbefangen den Er­scheinungen gegenüberzustehen, sondern auch vorsichtig mit den Folgerungen zu sein. Die Streckung in die Vertikale bezieht sich bei der Giraffe in erster Linie auf die Gliedmaßen und den Hals, während der Leib nur eine leicht ansteigende Lage einnimmt. Es ist keineswegs so, dass der ganze Leib aufge­richtet wird, zur Säule wird. In Übereinstimmung damit muss man annehmen, dass bei diesen Tieren die mehr periphere Sinneswachsamkeit in hohem Maße entwickelt wird, während es beim Menschen mit seiner aufrechten Haltung der Kern seines Wesens ist, der erwacht und zu hoher Bewusstheit im Denken gelangen kann."

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