Das «Viergetier» im Tierkreis

Aus: „Das Tier zwischen Mensch und Kosmos", von Frits H. Julius, Verlag Freies Geistesleben 1970

"Von alters her hat man die Tierkreiszeichen in drei Vierergruppen einge­teilt. In jeder Gruppe stehen die Wesen gleichsam auf den Balken eines Kreu­zes. Auf einem der drei Kreuze finden wir folgende Namen:

 

Skorpion

Wassermann               Löwe

Stier

 

Diese Konstellation wurde stets als eine der zentralsten, heiligsten und um­fassendsten Weisheitsüberlieferungen betrachtet. Um dies begreifen zu kön­nen, muss man bedenken, dass nach einer alten Tradition das Zeichen des Skorpions ursprünglich das Zeichen des Adlers war. Es soll eine Art Absturz erfolgt sein, bei dem der Adler in den Skorpion übergegangen ist. Außerdem muss man wissen, dass der Wassermann stets als das Zeichen des Menschen in seinem tiefsten Sinne galt.

 

Wir können nun die folgenden Namen auf das Kreuz schreiben:

 

 

Adler

Mensch              Löwe

Stier

 

Wir finden diese vier Namen in der Offenbarung des Johannes wieder, bei den vier geflügelten Tieren, die um den Thron stehen. Wir finden diese Wesen auch auf alten Bildern oder in Kirchen als die Symbole der vier Evangelisten. Wir wollen hier nur einen einzigen der vielen Aspekte zum Inhalt dieser Vierheit besprechen.

Was in der Natur in großartigen Formen neben- und auseinandergeordnet erscheint, finden wir beim Menschen in einem Wesen zusammengefasst. Im Menschen, so wie er vor uns steht, wirkt eine Dreiheit zusammen. Kann jeder Teil dieser Dreiheit sich mehr oder weniger für sich selbst verwirklichen, wie dies in der Natur der Fall ist, so entwickelt sich aus dem Kräftekomplex, durch den das Haupt geformt wird, der Adler, aus dem Kräftekomplex, der im Unterleib und den Beinen wirkt, das Rind und aus allem, wovon die Brust das Zentrum darstellt, der Löwe. Wir werden den Wert des auf diese Weise Behaupteten dadurch prüfen, dass wir es als Richtlinie gebrauchen.

 

Beim Adler

treten das Nerven-Sinnessystem und das Atmungssystem, deren Zentren beim Menschen im oberen Teil seines Organismus liegen, einseitig stark in den Vordergrund. Dieses Tier orientiert sich vor allem mit den Augen, die sehr scharf wahrnehmen und besonders weit reichen. Es arbeitet also vor allem mit dem Sinnesorgan, das beim Menschen am höchsten in seinem Orga­nismus liegt und das am meisten auf den Raum gerichtet ist. Daneben ist auch das Gehör beim Adler sehr gut entwickelt und reicht auch verhältnismäßig weit in den Raum hinein. Das Riechorgan ist nicht oder kaum entwickelt.

Beim Einatmen bleibt die Luft ebenso wenig wie bei den anderen Vögeln in der Lunge stecken, sondern dringt weiter in die Luftsäcke, die im ganzen Leib verteilt sind, und sogar bis in die hohlen Röhrenknochen hinein.

Demgegenüber spielt das unterste Organsystem, das Verdauungssystem und die hinteren Gliedmaßen, eine bescheidene Rolle. Selbst der Blutkreis­lauf ist weitgehend zurückgedrängt. Überall wo Luft eingelassen wird, hat ja das Blut keinen Zugang. Die Tatsache, dass der Schnabel hart und verhornt ist und dass die Beine dürr und trocken sind, deutet ebenfalls darauf hin, dass die Leben-erweckenden Blutwirkungen zurückgehalten werden. Das Blut muss bei diesem Tier sogar beinahe überall weit innerhalb des Umrisses seiner Ge­stalt bleiben, denn diese wird in hohem Maße durch das luftige Federkleid bestimmt.

Auch ein Vergleich der vorderen und hinteren Gliedmaßen zeigt uns, dass beim Adler der Nachdruck auf den vorderen liegt. Sie sind zu mächtigen Flü­geln entwickelt, mit denen verglichen die hinteren dürftig und klein sind.

Wenn wir die Gliedmaßen des Menschen miteinander vergleichen, fällt auf, dass die Arme in hohem Maße von der Bindung an die Erdenkräfte befreit sind. Dieses für die Arme Typische ist bei den Flügeln des Adlers auf die Spitze getrieben, so dass durch sie das ganze Tier beim Auffliegen und Segeln aus den Erdenkräften herausgelöst wird. Der Adler hat mit seinen Hinterbei­nen nur eine schwache Verbindung mit der Erde, mit den Vorderbeinen, die zu Flügeln geworden sind, überhaupt keine mehr.

 

Der Stier

ist ein Tier, bei dem die Organe und Teile, die beim Menschen am tiefsten liegen, über alle anderen dominieren. Besonders stark sind die Verdauungsorgane entwickelt. Im Zusammenhang damit ist der ganze Orga­nismus von einem starken, lebensvollen Blutstrom durchzogen. Dieser schießt sogar bis vorn in die Hörner hinein. Nicht nur die hinteren Gliedmaßen, sondern auch die vorderen sind ganz auf die Erdenkräfte abgestimmt. Sie ent­sprechen darin den Beinen des Menschen, sind in gewissem Sinne sogar eine Übertreibung von ihnen. Unter den Sinnesorganen tritt vor allem die Nase in den Vordergrund, während das Auge eine viel geringere Rolle spielt. Die Atmungsorgane nehmen im Vergleich mit denen des Adlers eine bescheidene Stellung ein.

 

Im Löwen

findet man ein wunderbares Gleichgewicht zwischen dem immer wieder aufgepeitschten Blutrhythmus und dem harmonisierenden, beruhigen­den Atmungsrhythmus. Die Sinnesaktivität ist geringer als die des Adlers, die Verdauung spielt eine geringere Rolle als beim Rind.

Der Adler lässt sich schwebend durch die Luft in die Höhe tragen. Man kann an der weiten Gebärde der Schwingen erkennen, dass er in der Hingabe an den freien Lichtraum lebt. Beim Schwebeflug breitet er seinen Körper so weit wie möglich in der horizontalen Ebene aus, die Beine hält er eingezogen. So bringt er zum Ausdruck, dass er eigentlich eine Abneigung gegen jede Verbin­dung mit der Erde hat.

Das Rind stützt sich mit seinen säulenförmigen Beinen schwer auf die Erde. Beim Fressen wendet es sich geduldig dem Gras zu, das mit einem Übermaß an reiner Lebenskraft aus der Erde sprießt. Zuerst wird es im Magen zu einer schweren, drückenden Masse gesammelt, dann erfährt es die intensive mecha­nische Bearbeitung durch das Kauen und Mahlen, um schließlich den lebendig-chemischen Kräften übergeben zu werden, die in den Verdauungssäften wirken.

Der Adler muss natürlich fressen, doch dies bedeutet für ihn ein Verlassen seines eigentlichen Gebietes. Er zeigt daher auch keinerlei Geduld, wenn er seine Beute fängt und verzehrt. Auf dem Jagdflug wird immer, wenn er ein Tier sich bewegen sieht, seine heiße Gier geweckt, die sich in krampfartigen Bewegungen der Klauen äußert. Plötzlich schießt er mit heftigem Flügelrau­schen herunter. Die Beute wird mit den Klauen gepackt, schnell hochgerissen und mit kräftigen Flügelschlägen zu einer hohen Stelle gebracht.

Der Adler gebraucht natürlich wie alle anderen Tiere seine Beine, um darauf zu stehen, ein Stückchen damit zu laufen und die Verbindung mit der Erde zu halten. Dies ist jedoch für dieses Tier nicht kennzeichnend. Umso bezeichnender ist das Vermögen, die Beute, also ein Stück Materie mit den Beinen aus der Verbindung mit der Erde losreißen. Beim Fressen wird die Beute, die er mit seinen Klauen gegen den Boden gedrückt hält, in kürzester Zeit zerhackt und Stück für Stück samt Haaren und Knochen verschluckt.

Vergleicht man dieses Verhalten des Adlers mit dem des Rindes, dann sieht man erst richtig, wie sehr dieses mit seinem ganzen Wesen auf alles, was aus der Erde emporsteigt, und auf die Materie im Allgemeinen gerichtet ist.

Der Löwe lebt auch auf dem Erdboden, aber doch ist sein Lebensstil nur dadurch möglich, dass er von der Arbeit profitieren kann, die von den Pflanzen fressenden Tieren verrichtet wurde. Seine Nahrung ist leicht verdaulich, so dass er weniger an die Materie gebunden ist als das Rind. Viele andere Kat­zentiere befreien sich sogar noch mehr von der Erde als der Löwe, indem sie in die Bäume klettern. Obwohl auch der Löwe auf der Erde lebt, lebt er doch eine Ebene höher als das Rind und die anderen Wiederkäuer.

Haben wir uns also durch den Vergleich von Bau und Lebensart ein Bild von dem charakteristischen Verhältnis dieser drei Tiere zur Umgebung ge­schaffen, so kann dies zum Schlüssel für das tiefere Verständnis einer bestimm­ten Seite des Menschen werden. Bei ihm gibt es nicht die starke Bindung an eine bestimmte, einseitige Umgebung, wie sie bei diesen Tieren stets zu finden ist. Wohl aber sind die verschiedenen Teile seines Leibes durch ein äußerst verschiedenes Verhältnis zur Umgebung gekennzeichnet.

Sein Unterleib lebt insofern gleich wie die Rinder, als er in erster Linie auf die Materie und die Erdenkräfte gerichtet ist. Seine Beine stemmt er gegen den Boden, und sie tragen die Last seines Körpers, wie die vier Beine des Rindes dies tun. Die Bauchorgane verarbeiten vor allem die Nahrungsmaterie. Sie sind mehr als die anderen Organe von Lebenskräften durchdrungen. Doch auch den Drang, den die Rinder in ihrem Kopf entwickeln, gewalttätig und aggressiv zu stoßen und zu schieben, finden wir beim Menschen in den Beinen wieder. Allein hieraus wird schon deutlich, dass die Beine des Menschen viel­seitiger sind als die Beine des Rindes. Diese werden hauptsächlich zum Lau­fen und Stehen gebraucht. Der Mensch dagegen kann mit Hilfe seiner Beine seine Auffassungen unterstreichen. Sie geben ihm die Möglichkeit, seine Emo­tionen im Bereich der Mechanik auszuleben.

Die Stellung der Brust und der Arme ist vergleichbar mit der des Löwen im Ganzen der Natur. Das Leben der Organe in diesem Teil des Leibes ent­faltet sich mehr oder weniger auf Kosten dessen, was aus dem Unterleib auf­steigt. Dadurch, dass im Unterleib die große Wechselwirkung mit der Materie erfolgt, können die Brustorgane viel freier der Materie und den Erdenkräften gegenüberstehen. Die Arme sind dementsprechend weniger an die Erde gebun­den als die Beine und dadurch viel geeigneter, in die Umgebung einzugreifen, so wie der Löwe mit seinen Pranken mehr eingreifen kann als das Rind mit seinen Beinen.

Beim aufgerichteten Menschen befindet sich der Kopf in einer Lage, die mit der des fliegenden Adlers vergleichbar ist. Er wird so hoch wie möglich und in einem möglichst schwebenden Zustand getragen. Auf jeden Fall hält er von sich aus Abstand zu den Dingen der Umgebung und vermeidet vor allem jeden Stoß.

Durch diese Umstände erhalten die Sinne umso mehr die Möglichkeit, ihre Aktivität in den freien Raum hinein zu entfalten. Während der Kopf sich in Bezug auf seine Haltung und Tätigkeit möglichst weit dem Erdeneinfluss entzieht, ist er der Substanz nach der am meisten irdische, der mineralischste Teil des Leibes. Vor allem ist er reich an Knochensubstanz und deshalb hart. Ferner scheidet er in dem üppigen Haarwuchs viel tote, hornartige Materie aus. Hinzu kommt, dass das Leben bringende Blut an verschiedenen Stellen und auf verschiedene Art zurückgedrängt wird. Um und innerhalb des Ge­hirns zum Beispiel ist zwar Flüssigkeit, die aber farblos und durchsichtig ist. Das Auge ist besonders durchsichtig und zudem so angeordnet, dass die Um­gebung in der Form des Lichtes einströmen kann. Im Ohr wird die Luft in den Schädel hineingenommen, und es ist so eingerichtet, dass die Luftschwingungen nach innen geleitet werden. In die Nase und die dazugehörenden Höhlen dringt die Luft nach innen. In den Mund kommen nicht nur Luft, sondern auch Flüssigkeiten und feste Stoffe hinein.

Nachdem wir so das Verhältnis der drei Teile des Menschenleibes zur Umgebung betrachtet haben, können wir wieder mehr von den drei Tieren ver­stehen. Wie müssen wir zum Beispiel die höchst merkwürdige Tatsache er­klären, dass das Rind seinen Kopf beim Stoßen und Drücken mehr oder weniger gleich gebraucht wie der Mensch seine Beine? Ein Drang, der beim Menschen nur im untersten Teil seines Leibes zum Ausdruck kommt, schießt hier bis in den Kopf hinein. Und wie können wir auf der anderen Seite verstehen, dass der Drang zum Greifen, der beim Menschen in den hoch eingepflanzten Armen zum Ausdruck kommt, beim Adler gerade ganz nach hinten und nach unten sich auswirkt? Der Adler greift mit seinen hintersten Gliedmaßen.

Beim Rind steigt das Kräftespiel, durch das der Leib und das Verhalten beherrscht werden, in erster Linie aus den Stoffwechselorganen auf. Dem­gegenüber sind die formenden Kräfte, die vom Kopf ausgehen, nicht stark. Im Zusammenhang mit diesem Übermaß an Stoffwechsel wird das Blut mit sol­cher Kraft nach vorn gestoßen, dass es sogar über den Kopf hinausschießt und erst in den Hörnern umkehrt. Das Stoßen des Rindes muss als direkte Fortset­zung dieses starken Blutstoßes betrachtet werden. Beim amerikanischen Bison mit seinem hohen Widerrist kommt diese Einseitigkeit des Kräftespiels be­sonders deutlich im Bau zum Ausdruck. Doch auch der eigenartige Eindruck, den ein gewöhnlicher Stier macht, entspringt nicht minder der vordrängenden, vom Blut getragenen Lebenskraft.

Achtet man auf einen sitzenden Adler, dann fällt vor allem in der Haltung der zusammengefalteten Flügel, aber auch in der ganzen Gestalt der Drang nach der Höhe ins Auge. Doch geht man auf einige Besonderheiten näher ein, dann erkennt man im Stand und in der Zeichnung der Federn und vor allem in den Klauen, die den Standplatz umklammert halten, die Äußerungen eines Kräftespiels, das von vorn nach hinten gerichtet ist. Beim Adler breiten sich die formenden, vertrocknenden Kräfte des Nerven-Sinnes-Systems fast unge­hindert über die ganze Gestalt aus. Von einem Aufsteigen der Lebenskräfte aus dem Stoffwechselsystem ist hier äußerlich nichts zu bemerken. Das Greifver­mögen der hintersten Gliedmaßen ist eine unmittelbare Fortsetzung dieses Kräftespiels.

Viel können wir lernen, wenn wir das Maul einer Kuh mit dem Schnabel des Adlers vergleichen. Wenn eine Kuh uns beschnüffelt oder beleckt, so kommen uns weiche, fleischige und feuchte Formen entgegen, die von überströ­mendem Leben durchzogen sind. Der Schnabel des Adlers ist in seiner Sub­stanz hart und trocken, dazu mit einer Spitze und scharfen Rändern versehen. Selbst das Innere des Schnabels, die Zunge, die Speiseröhre und der Magen sind mit einer verhornten Schicht bedeckt. Man muss bei diesem Tier weit nach innen gehen, um etwas Lebendiges zu finden. Überall zieht das Blut sich zurück und überlässt große Teile des Leibes dem Einfluss der Außenwelt. Der Umriss der Gestalt des Adlers wird fast ganz durch die Federn bestimmt. Unter diesem Umriss findet man in erster Linie warme Luft und erst ein Stück tiefer die Haut, und darunter ein Gewebe, durch das Blut strömt. Beim Fliegen reichen die Schwung- und die Steuerfedern sogar weit über den Bereich hinaus, den das Blut erreichen kann. Welch jämmerliches Bild wäre es, wenn ein Adler auf einen Zauberschlag all seine Federn verlöre! Die stolze Gestalt würde plötzlich zu einem dürren Gerippe. Und würde dies auch noch zusammenge­drückt, so dass alle Luft aus den Luftsäcken und Lungen verschwindet, bliebe wahrhaftig nicht mehr viel übrig. An vielen Stellen, die das Rind mit Blut er­füllen würde, finden wir beim Adler Luft. Überall sehen wir die Umgebung nach innen dringen und nur wenig Raum für die Entfaltung des eigenen Le­bens lassen. Beim Rind dagegen drängt das starke Leben in den Hörnern so­gar über die Grenzen des eigentlichen Leibes hinaus. Kein Wunder, dass beim Adler das Skelett hart und stark mineralisiert ist. Und die Federn werden zwar durch einen schnellen Wachstumsprozess nach außen getrieben, doch so­bald sie aus dem Leib herausgetreten sind, verdorren und vertrocknen sie.

Betrachten wir nun eine einzelne Feder und fragen wir uns, was diese in ihrem Aufbau zum Ausdruck bringt. Das Ganze wird durch einen Kiel getra­gen. Von ihm gehen viele linienförmigen Verästelungen aus. Jede Veräste­lung trägt wieder viele Verzweigungen. Bei den Flaumfedern bleibt es dabei. Sie bestehen hauptsächlich aus einem unbeschreiblich luftigen Spiel glänzen­der Härchen, die nach allen Seiten in den Raum hinausstehen. Bei den Deck- und Flügelfedern ist es, als greife noch etwas anderes ein und schaffe eine strenge Ordnung. Hier sind die feinsten Verästelungen mit zahlreichen Häk­chen versehen, durch die alles ineinander greift und zu Flächen geordnet wird. Jede Feder ist mit einem einzelnen Kiel im Leib befestigt, doch nach außen zu entfaltet sie sich in eine immer größere Zahl von Härchen und Häkchen. Wenn wir nun noch bedenken, dass ein Adler über eine sehr große Anzahl von Federn verfügt und dass sie alle jährlich erneuert werden, dann begreifen wir, dass dieses Tier große Mengen von Materie nach außen schiebt und zu einer unendlichen Anzahl sich kreuzender Linien werden lässt. Und welche Macht formender Kräfte wird zum Aufbau dieses Federkleides eingesetzt! Was spielt sich hier ab? Worauf deuten all diese Stäbchen und Härchen? Überall, wo ein Wesen der Formkraft des Lichtes ungehinderte Entfaltung erlaubt, ent­stehen strahlende, ausziselierte und meist aus Linien zusammengesetzte Struk­turen. Beispiele hierfür findet man bei vielen frei im Wasser schwebenden Tierchen, bei den gefiederten Samen des Löwenzahns und vielen anderen Pflanzen. Der Bau der Federn ist nun so, als habe das Licht auch hier seine formende Wirkung frei entfalten können. Das ganze Federkleid mit den mäch­tigen Schwung- und Steuerfedern besteht aus Substanz, die gleichsam dem Licht übergeben wird. Man sieht dies alles vielleicht noch besser bei solchen Vögeln, deren Federn zu farbigem Schmuck werden, wie beim Pfau.

Während wir zunächst gesehen haben, daß beim Adler die Außenwelt über­mäßig stark in den Leib hineindringt, sehen wir nun, wie dieses Tier auch große Mengen Substanz in das Kräftespiel der Umgebung hinauswachsen lässt. Wie anders wird die auffallende hornartige Substanz beim Rind gebildet! Dort finden wir das Zusammenklumpen dichter Massen in den Hörnern und den Hufen. Wo das Blut über den Kopf hinausschießt und Gefahr läuft, sich selbst in die Außenwelt zu versprühen, tritt ein Abschluss auf, indem die Haut zu einer festen Hornschicht verdickt wird. Während das Blut durch diese Hornschicht zurückgestoßen wird, setzt es dauernd neue Hornmassen ab, so dass das Horn immer weiter wächst. Und innerhalb des Hornes wird an dem Kno­chenkern gebaut, der mithilft, die Hörner immer weiter nach außen zu schie­ben. Hier verbindet sich nicht wie bei der Vogelfeder die Substanz mit dem Kräftespiel der Umgebung, sondern die Umgebung wird gleichsam beiseite geschoben.

Eine Art Höhepunkt auf dem Gebiet der Hornbildung, bei der die abschlie­ßende Funktion besonders stark ins Auge springt, findet man bei den Kaffern­büffeln.

Etwas Ähnliches wie bei den Hörnern haben wir in den Hufen vor uns. Auch hier eine Hornmasse, die von innen her gebildet und nach außen gescho­ben wird. Hier hält jedoch die Abnutzung durch das Laufen dem Wachstum das Gleichgewicht.

Beim Vogel wächst die Feder gleichsam in das Licht hinein. Beim Rind da­gegen werden die Hornschichten den stärksten mechanischen Kraftwirkungen ausgesetzt: die Hufe werden im Kampf gegen die Schwere, die Hörner zum Wegschieben des Gegners gebraucht.

Nachdem wir die Konstitution des Adlers und des Rindes so ausführlich be­trachtet haben, wollen wir den Löwen etwas kürzer behandeln. Die Lebens­erscheinungen beim Löwen sind einseitig auf das Überwiegen des rhythmischen Systems abgestimmt. Was fällt an seiner Lebensweise am meisten auf? Immer neuer Angriff und Sieg! Man versteht, dass dies so sein muss, wenn man die Rolle des rhythmischen Systems im menschlichen Organismus betrachtet. Wir konnten am Adler und am Rind ablesen, welcher Gegensatz hier zwischen den Kräften des Nerven-Sinnes-Systems und denen des Stoffwechselsystems herrscht. Im Menschen muss das rhythmische System stark genug sein, um die anderen Systeme und die Spannungen zwischen ihnen zu bändigen und in Harmonie zu bringen. Zu den wichtigsten Aufgaben des rhythmischen Systems gehört also die Ordnung durch dauernde Überwindung einseitiger Einflüsse. Beim Löwen ist das rhythmische System stärker entwickelt als die anderen Systeme, es verfügt also über eine Macht, die viel größer ist als sie zur Beherr­schung der entgegengesetzten Kraftwirkungen in seinem Körper nötig wären. So sucht er sich gerne starken Widerstand in Form von streitbaren Beutetieren, wie die Zebras, die er anspringt und von oben her mit den Zähnen und Pranken bezwingt. Für ihn ist die Mahlzeit mit ihrem ganzen Vorspiel wie eine Welle von Emotionen, die wild hochschlägt und wieder zur Ruhe gebracht wird. Doch der Löwe sucht nicht nur in seinem eigenen Leib die Harmonie immer wieder herzustellen. Durch die Dezimierung von Tieren, die über zu große Wachstumskräfte verfügen, trägt der Löwe auch viel zur Einhaltung des Gleichgewichts in der Natur bei.

Wir haben schon gesehen, dass auch im Gebrauch der Sinne beim Adler und beim Rind große Einseitigkeiten auftreten. Beim Adler tritt das Auge unter den drei auf den Raum gerichteten Sinnen am stärksten hervor, während die Nase kaum oder nicht als Sinnesorgan wirksam wird. Bei den Rindern dagegen ist das Riechorgan so gut entwickelt, dass sie ihre Nahrung damit unfehlbar finden und sogar nach Gift- oder Heilwirkung unterscheiden können.

Bei den Katzentieren tritt das Ohr in den Vordergrund. Sie können sich be­sonders gut mit Hilfe des Gehörs orientieren.

Wir können an solchen Tatsachen ablesen, dass die Nase eine besondere Verbindung mit dem Stoffwechselsystem besitzt, das Ohr mit dem rhythmi­schen und das Auge mit dem Nerven-Sinnes-System. Es ist sogar bis zu einem gewissen Grad möglich, aus dem Dominieren von einem dieser Sinne etwas über die Stellung und die Bedeutung jedes der drei Systeme in dem einen oder anderen Tier abzulesen.

Bei allem, was wir über die drei Tiere besprochen haben, hat sich die Regel, die Goethe in seiner «Metamorphose der Tiere» aufstellt, als sehr richtig er­wiesen. Immer wieder haben wir das starke Vorherrschen bestimmter Organe und ein Zurücktreten anderer Organe gefunden. Bei der Gegenüberstellung von Adler und Rind haben wir auch deutlich feststellen können, dass das, was bei dem einen Tier als Übertreibung auftritt, bei dem anderen gerade als Man­gel erscheint. Dies entspricht ganz der Regel, der alle Tierkreiswesen gehorchen.

Wir kommen nun im Zusammenhang mit dem Löwen zu einer Frage, die wir schon einmal im Zusammenhang mit den Raubtieren im Allgemeinen ge­stellt haben: Während die beiden anderen Tiere zwei Extreme darstellen, nimmt der Löwe eine mittlere Stellung ein. Gibt es nun doch ein Tier oder ein Wesen, mit dem der Löwe einen entspre­chenden Gegensatz bildet wie der Stier mit dem Adler? Entsprechend der Tierkreisüberlieferung müsste dies der Mensch als solcher sein. Beim Menschen sowohl wie beim Löwen hat das mittlere Organsystem eine besondere Bedeu­tung. Beim Menschen schafft es ein ideales Gleichgewicht zwischen den Spannungen, die die Kräfte des Kopfes und die des Stoffwechsels auslösen. Das rhythmische System ist bei ihm gleichsam nach innen gekehrt und in erster Linie auf den eigenen Organismus gerichtet. Das mächtige rhythmische System des Löwen dagegen ist vor allem nach außen gerichtet. Es sucht Spannungen und Konflikte mit anderen Wesen, um seine Gleichgewicht schaffende Kraft ent­falten zu können.

Das Tier im Allgemeinen verdankt seiner einseitigen Entwicklung zwar be­sondere Fähigkeiten im Umgang mit einer bestimmten Umgebung, doch zu­gleich wird es an diese gefesselt. Der Löwe übertreibt dieses tierische Prinzip. Für ihn sind die Tiere, die solch eine einseitige Begabung besitzen, die Um­gebung. Er erhöht gleichsam das Tierische, indem er mit seiner gewaltigen, nach außen gewendeten Kraft und Behendigkeit die anderen Tiere mit ihren starken Fähigkeiten noch überwindet.

Dem steht der Mensch gegenüber, der nicht nur alle Einseitigkeit vermeidet, sondern zudem auf körperlichem Gebiet von jeder Form von Macht absieht. Dadurch hat er gerade die Möglichkeit, in hohem Maße von der Bindung an eine bestimmte Umgebung frei zu bleiben. Er kann sich dadurch mit einem Teil seiner Umgebung willkürlich verbinden, ohne dass dabei seine eigenen Belange einbezogen sind. Er kann sich zum Beispiel für einen anderen Men­schen, für ein Tier oder sogar für deren inneres Wesen interessieren. Er kann seine Hände so gebrauchen, dass anderen Wesen geholfen wird.

Dies sind große Fähigkeiten, durch die er dem Löwen gegenübersteht. Seine Schwäche liegt in der geringen körperlichen Ausrüstung, in dem Mangel an Wehrhaftigkeit. Der Löwe ist ganz und gar Wehrhaftigkeit, das heißt, er ragt in dem Vermögen hervor, andere Tiere zu besiegen. Dem Löwen fehlt ganz die Fähigkeit, anderen Tieren, außer denen seiner eigenen Familie, zu helfen. Er ist ganz darauf angelegt, andere Wesen zu bezwingen und auszubeuten. Der Mensch hat die ungewöhnliche Fähigkeit, dem anderen Wesen in seiner Schwä­che zu helfen. Der Löwe ist gerade darauf gerichtet, andere Wesen schwach zu machen.

Wir können nun auf die Frage zurückkommen, ob es eine Tiergruppe gibt, die den Raubtieren gegenübersteht. Wir verdanken nun der Tierkreisstruktur einen Hinweis auf die Richtung der Antwort. Es müssen dies Tiere sein, denen die Fähigkeit, anzugreifen oder sogar sich zu wehren, fehlt und die im Zu­sammenhang damit in hohem Maße Nahrung für andere Tiere werden. Es sind also Tiere, die anderen gleichsam durch ihre Schwächen helfen. Wir wer­den noch vielen solchen Tieren begegnen. Eines der treffendsten Beispiele ist der Regenwurm.

Es gibt unter den Tieren eine Art Stellungs- und Aufgabenverteilung, das ist in diesem Kapitel deutlich geworden. Prüft man das hier Besprochene an dem, was man von dem großen Gegensatz von Licht und Schwere weiß, dann sieht man, dass der Adler sich resolut dem Lichtgebiet zugewendet hat und der Stier dem Schweregebiet. Und dies kann man immer wieder bei den Tieren finden: sie sind durch ihr Leben in ein bestimmtes Naturgebiet eingefügt, und dadurch treten bestimmte Organe oder Organsysteme besonders stark in den Vordergrund.

 

Wir können nun das wichtigste folgendermaßen zusammenfassen

 

 

LICHT

 

Kopf

Nerven-Sinnes-System

Adler «fußhändig»

Brust

Rhythmisches System

Löwe «handfüßig»

Unterleib

Stoffwechsel-Gliedmaßen-System

Stier «kopffüßig»

 

SCHWERE

 

 

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