Adler und Stier

aus: „Die Bildersprache des Tierkreises" von Frits H. Julius, J.CH. Mellinger Verlag 1991

Wir sprachen von dem großen Gegensatz Licht und Schwere und lernten dabei den Adler kennen als ein Wesen, dessen ganzes Leben und Streben der Höhe zugewandt ist, der Ferne und der Schwerelosigkeit des Licht­gebietes. Solange er fliegt, gibt es nichts an ihm, was der Tiefe zugekehrt wäre. Seine Ständer sind hochgezogen, seine Krallen zusammengekrümmt. Während des Schwebens bestreicht er eine mächtige Fläche parallel zur Erdoberfläche; mit seinem Flügelschlag weist er hin auf die Endlosigkeit des ganzen Weltenumkreises. Natürlich hat auch der Adler einen Körper, der aus Materie, und häufig sogar aus sehr irdischer, starrer Materie auf­gebaut ist, aber er lebt, als wolle er sich am liebsten für immer der Erde entziehen lassen durch die Höhenkräfte.

Wodurch ist es möglich, dass ein Wesen ein bestimmtes Gebiet in harmo­nischer Weise zu bewohnen vermag? Dadurch, dass es sich einfügt in das Kräftespiel dieses Gebietes und sich von ihm formen lässt. Der Adler trägt eine Last irdischer Materie in ein Gebiet, dem diese nicht mehr angehört. Es ist ihm dies möglich, weil sein Körper während des Fluges strahlende Formen annimmt, die sich vor allem in Flächen ausbreiten, und außerdem dadurch, dass er die Materie der Federn sich in ein feines Spiel von Linien, Häkchen und Spitzen auflösen lässt. Nur ein sehr geringer Teil seines Körpers ist blut­durchströmte Substanz. Den größten Raum nehmen warme Luft und Federn ein. Das Tier ist völlig durchzogen von einer Anzahl geräumiger Luftsäcke, die vor allem während des Fliegens einen kräftigen Luftstrom durch die Lungen ein- und ausströmen lassen und die wieder zusammenhängen mit den Lufträumen der hohlen Knochen. Nach außen hin halten die Federn überdies noch eine gehörige Luftschicht fest. Vor allem aber wird beim Fliegen die Fläche, die die Vogelgestalt einnimmt, sehr stark vergrößert durch die großen Schwung- und Schwanzfedern. Eines der Grundprinzipe der Natur ist: Überall, wo der feste Stoff unter dem Einfluss der gestaltenden Kräfte des Lichtes steht, bilden sich äußerst lösliche, strahlende Formen. Meistens ist dabei auch eine Linienstruktur zu beobachten.

Das Rind hat kaum eine einzige Linie mit dem fliegenden Adler gemein­sam. Seine Füße sind der Erde zugewandte, tragende Säulen, sein Körper ist eine einzige Zusammenballung schwerer Materie.

Auch durch seine Sinnesorgane ist der Adler ungewöhnlich stark auf die Weite der Lichtregion hinorientiert. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie von seiner Höhe aus alle irdischen Dinge übersichtlich werden. Was für uns ein großer Gegenstand ist, erscheint ihm als kleine Einzelheit in­mitten einer farbigen Fläche tief unter ihm. Und doch kann er seine Auf­merksamkeit wieder ungewöhnlich stark auf etwas ganz Bestimmtes, Ein­zelnes richten. Auch seine Sinne für Gleichgewicht und Bewegung müssen ungemein gut funktionieren. Sein Gehör ist vortrefflich, wenn es auch im Vergleich zum Auge etwas hinter diesem zurückbleibt.

So sehen wir, wie den Adler ein außergewöhnlich waches Sinnessystem-Leben auszeichnet, das der Weite des Raumes zugewandt ist. Die Sinne jedoch, mit denen die verborgenen Kräfte des Stoffes wahrge­nommen werden, Geruch und Geschmack, sind bei ihm schlecht entwickelt.

Vergleichen wir in dieser Hinsicht den Adler mit der Kuh, so fällt uns auf, dass der Kuh der Lichtraum nur wenig bewusst zu werden scheint, dass sie dafür aber eine stärkere Verbindung mit den tieferen Qualitäten des Stoffes haben muss. Eine Kuh unterscheidet durch den Geruch, welches Gewächs giftig für sie ist, und sucht sich sogar ihre eigenen Heilkräuter aus.

Der Adler leistet nur sehr Geringes auf dem Gebiet der Stoffumwand­lung. Er macht es sich schon dadurch bequem, dass er eine leicht verdauliche Beute tötet. Die Federn, die er hervorbringt, bestehen aus einer sehr toten Substanz und haben für andere Organismen kaum eine Bedeutung. Seine Ausscheidungen sind außerordentlich mineralisiert. Selbst seinen toten Körper gönnt er gewissermaßen keinem anderen, denn es gibt eigentlich kein Tier, das ihn fangen und töten könnte, und von Natur aus wird er sehr alt.

Auf diese Weise tritt er wirklich nur sehr wenig ab an die Lebensprozesse im Naturganzen. Er trägt viel bei zum Abbau der lebendigen Substanz in der Natur und nur wenig zu deren Aufbau. Er nimmt viel und gibt wenig auf dem Gebiete des Lebens.

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