Baumtagebuch (1)

Ein Beitrag von Johanna Mülleder (Freie Waldorfschule am Kräherwald / Stuttgart)

Im fünften Schuljahr ist innerhalb der Naturkunde die Pflanzenkunde Thema. Die Schüler werden von verschieden entwickelten "Pflanzengruppen" hören. Um eine Pflanze aber wirklich kennen zu lernen, muss man ihre Entwicklung über eine ganze Vegetationsperiode mit einbeziehen. Aus diesem Grund habe ich die Schüler über das ganze fünfte Schuljahr ein Baumtagebuch führen lassen.

Jeder wählte sich seinen Lieblingsbaum aus und malte, zeichnete und beschrieb ihn. Alle zwei bis vier bzw. im Winter auch sechs Wochen gab es dann von mir eine Beobachtungsaufgabe...

Ein Beispiel: Texte und Bilder von Sophie aus der 5a

 

Der Kastanienbaum

Im Herbst 2005

Er steht bei uns in der Nachbarschaft. Ich kenne ihn schon seit ich auf der Welt bin. Vor ca. 250 Jahren ließ Herzog Eberhard Ludwig das Ludwigsburger Schloss erbauen. Auch die schöne Gartenanlage und der Park mit den vielen Kastanienbäumen wurden angelegt. Mein Baum, den ich mir ausgesucht habe, ist bestimmt auch schon 250 Jahre alt. Seine Wurzeln sind fest in der Erde verankert. Der Stamm ist so breit wie zwei ausgebreitete Armspannen von mir. Das Muster des Stammes erinnert mich an die Nordsee: Wenn die Flut zurückgeht und die Ebbe kommt und das Meer den Sandboden mit tiefen Rinnen und Furchen durchzieht.
Ganz oben am Stamm zweigen viele Äste ab, sie ragen hoch zum Licht. An den großen Ästen zweigen kleine ab. An diesen hängen die Blätter. Sie sehen jetzt im Herbst besonders schön aus, wenn rote, grüne und gelbe Blätter herunterfallen und die Sonne den Baum anstrahlt.

 

Im Winter 2005

Im Winter ist der Kastanienbaum ganz kahl, man kann jedes kleine Ästlein sehen. Ab und zu huschen ein paar Eichhörnchen über den Baum, sie jagen sich gegenseitig. Manchmal finden sie auf dem Boden noch eine alte Kastanie. Wenn es regnet, sehen die Rinde und die Äste vom Baum fast schwarz aus. Als noch Schnee lag waren die großen Äste mit Schnee bedeckt. Das sah schön aus. Weil er im Winter keine Blätter trägt kann man durch seine Krone den Himmel sehen.

 

Am 1. April 2006

Jetzt ist der Kastanienbaum immer noch kahl, doch die Rinde ist nicht mehr so dunkel wie im Winter. Es kommen auch wieder mehr Eichhörnchen. Ich freue mich schon, wenn die grünen Blätter an den Ästen heraus sprießen und wenn der Baum Blüten trägt. Jetzt hängen noch braun-grüne Knospen an den Ästen. Sonst hat sich eigentlich nicht mehr verändert.

Am 29. April 2006

Es hat sich ganz schön was verändert seit Anfang April. Es sind zarte grüne Blätter gewachsen, sie hängen noch etwas schwach herunter. Die Blüten sind auch gewachsen, aber sie blühen noch nicht, denn der Winter war so lang dieses Jahr. Die Blüten des Kastanienbaumes sehen aus wie Kerzen: Unten dick nach oben immer dünner.

 

Im Mai 2006

Inzwischen sind ca. 3 Wochen vergangen und der Kastanienbaum stand in seiner vollen Blütenpracht. Die weißen Blütenkerzen leuchteten weit sichtbar auf dem grünen „Blätterhintergrund". Jetzt sind die Blütenblätter verwelkt und der Wind hat einige schon weggepustet. An den Blütenstängeln sieht man schon vereinzelt den Ansatz von Kastanien. Es sind noch kleine grüne Kugeln, sie wachsen neben der Blüte. Wenn man sie spaltet, sieht man fünf bis sechs kleine weiße Samenkörnchen.

 

Im Juni 2006

Es sind nur noch verwelkte braungrüne Stängel am Kastanienbaum. Die Blüten sind schon längst daran abgefallen. Aber wenn man genau hinsieht, kann man sehen, dass an kleinen Stängeln die Früchte hängen. Sie sind schon größer und stacheliger wie im Mai. Die Blätter sind auch ein bisschen größer geworden.

 

Die Rinde im Juli 2006

Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass die Rinde der Kastanie nicht aus einer ganzen Fläche besteht, sondern aus mehreren kleinen Teilen, die von links unten diagonal nach rechts zeigen. Diese Teile sehen ein bisschen aus, wie viele kleine Inseln, auf denen sich winzige Tierchen, Moose und Flechten wohlfühlen.

 

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