Baumtagebuch (3)

Ein Beitrag von Christina Singer

Angeregt durch die Baumtagebuch-Anleitung von Sven Saar führte ich dieses Projekt, in dem die Schülerinnen und Schüler auf eigenständige, individualisierte und selbstverantwortliche Art und Weise lernen und arbeiten können, in meiner 6. Klasse durch. 

Meine Erfahrungen skizziere ich im Folgenden: 

Regelmäßiges Erinnern:
Es war wichtig, neben den etwa alle zwei Monate herausgegebenen Arbeitsaufträgen, wöchentlich ein Mal das Projekt ins Bewusstsein zu rufen, damit auch wirklich alle Schülerinnen und Schüler mit dem Projekt verbunden blieben. Wir taten das in der Verfügungsstunde. Dies konnte zeitlich sehr unaufwändig durch Impulsfragen meinerseits geschehen („Auf wessen Baum bleibt der Schnee gerade liegen?", „Wessen Obstbaum blüht denn inzwischen schon?"), durch Hinweise ("Am Wochenende soll es einen richtigen Herbststurm geben - beobachtet bitte euren Baum heute und nach dem Sturm und dokumentiert die Veränderungen.") oder durch gegenseitiges Zeigen des Baumtagebuchs in seinem aktuellen Zustand. Auf diese Weise gaben sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig Anregungen zum Forschen und Gestalten. 

Dokumentationsformat:
Ein praktisches Dokumentationsformat erleichtert die Forschungsarbeit. Wir verwendeten Sichtmappen, also Mappen, in denen die Zeichnungen, Beschreibungen und Fotos aber auch gepresste Blätter, dünne Rindenstücke o. Ä. in Klarsichtfolien aufbewahrt und nach Bedarf immer wieder neu sortiert und ergänzt werden konnten. 

Auch der Lehrer forscht
Um den Forschergeist der Schülerinnen und Schüler anzuregen, war es sehr hilfreich, dass auch ich einen Baum beforschte. Auf diese Weise konnte ich nicht nur besser einschätzen, welcher Aufwand für einzelne Aufgaben einzuplanen war, sondern trug auch meine eigene Begeisterung über interessante Entdeckungen, unerwartete Vorkommnisse oder gelungene Zeichnungen in die Klasse hinein. 

Zur Auswahl des Baumes:
Ich ließ den Schülern frei, welche Art von Baum sie für ihr Projekt auswählten. Vorteil dieser freien Wahl ist, dass sich viele Schüler einen Baum aussuchten, zu dem sie einen unmittelbaren Bezug hatten und von vorneherein eine hohe Motivation, sich mit diesem Baum näher zu befassen: Eine Magnolie, die so wunderschön blüht, eine alte Birke aus dem eigenen Garten, eine Buche, deren Zweige bis an den Balkon heranreichen, ein japanischer Zierahorn mit feuerroten Blättern, ein Apfelbaum, zur eigenen Geburt gepflanzt... Auf der anderen Seite bedeutet dies eine große Vielfalt, die vom Lehrer ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erfordert, damit sich nicht falsche Forschungsergebnisse einschleichen: Auch wenn man die Frucht der Magnolie nicht kennt, kann man sie trotzdem finden. Und auch wenn die Blüte der Hainbuche nicht als solche erkannt wurde, muss es sie doch gegeben haben, wenn später Früchte entstehen. Wichtig ist, dass am Ende des Projekts bei allen Schülern die tiefe und erfahrungsbezogene Erkenntnis entstanden ist: Jede Pflanze, die blüht, ist fähig zu fruchten und jede Frucht ist aus einer Blüte entstanden. Spannend war an dieser Stelle zu erfahren, dass ein alleinstehender Olivenbaum selten Früchte trägt. Denn auch wenn seine Blüten zwiegeschlechtlich sind, ist die gegenseitige Befruchtung mehrere Olivenbäume aufgrund der unterschiedlichen Erbanlagen erfolgreicher. - Fazit: Je größer die Vielfalt der Bäume, desto forschungsintensiver wird das Projekt auch für den Lehrer und desto spannender und reichhaltiger werden die Erkenntnisse für die Klasse insgesamt. 

Zum Standort des Baumes:
Je freier der Baum steht und je weniger bewaldeter Hintergrund zu sehen ist, desto besser kann er in seiner Gesamtheit (Form, Farben, Astgerippe im Winter usw.) beobachtet werden. Gleichzeitig ist es sinnvoll, dass die untersten Äste des Baumes erreichbar sind, um Blätter und Früchte sinnlich zu erleben (anfassen, riechen, schmecken) und detailliert wahrzunehmen. Die Schüler können hier die Erfahrung machen: Um etwas umfassend zu erforschen, ist sowohl der distanzierte Blick als auch das unmittelbare Erleben relevant. 

Rückblick und Präsentation des Projekts:
Im letzten Drittel des Jahres war es für die Motivation wichtig, dass wir uns vonahmen, unsere Forschungsergebnisse und die schön gestalteten Baumtagebücher nicht nur uns gegenseitig, sondern auch einem externen Publikum vorzustellen. Damit jeder einzelne über sein Projekt sprechen und Ergebnisse zeigen konnte, teilte sich die Klasse in 5er-Gruppen auf. Zunächst machten wir einen Rückblick (hierzu ein Arbeitsblatt) auf unser Baumprojekt innerhalb der Klasse, um all das zu würdigen, was wir innerhalb des Jahres geschafft, gestaltet und an Erkenntnissen dazugewonnen hatten. Erst danach ging es an die Vorbereitung der Präsentationen nach einem klaren Leitfaden (hierzu ein Arbeitsblatt), der es den Schülerinnen und Schülern erlaubte, selbständig zu arbeiten. Für die Präsentationen ging jede Gruppe selbständig, d. h. ohne Lehrer, in eine vorher angefragte Klasse. (Wir präsentierten auf diese Weise den beiden vierten Klassen, den beiden fünften Klassen und der parallelen sechsten Klasse). Die Rückmeldungen waren gemischt, so dass ich beim nächsten Mal manche Gruppen als Lehrerin doch begleiten würde. Insgesamt war das Präsentieren ein wichtiger und würdiger Abschluss.

Laubfärbung der Linde (Herbst)
 

Die Linde wird lichter (Herbst)

"Skelett" des Flieders (Winter)
 

"Skelett" der Walnuss (Winter)

Mirabellenzweig in der Vase (Frühling)
 

Der Mirabellenzweig beginnt zu grünen und zu blühen (Frühling)
 

Hainbuche in vollem Laub (Sommer)
 

Apfelernte (Sommer)
 

Die vielfältige Nutzbarkeit der Birke
 

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