Marktplatz I

Ein Beitrag von Carsten Schulte (Freie Waldorfschule Cuxhaven)

Diese Rechenepoche mit dem Titel "Markplatz" habe ich in der 3. Klasse durchgeführt. Angeregt wurde ich dazu durch ein Gespräch mit einem befreundeten Klassenlehrer der seinerseits so etwas während seiner Hospitation an einer niederländischen Waldorfschule miterlebt hat.

 

 

Grund:

Ich wollte das schriftliche Addieren und Subtrahieren spielerisch festigen und zur Motivation und Begründung für die, die es nie glauben wollen ("Warum machen wir das eigentlich?") die Fähigkeiten der SchülerInnen in eine Alltagssituation überführen.

 

Dauer:

Eine Woche, jede Gruppe zwei Tage im Wechsel, letzter Tag zum Zusammenfassen, Meinungsbild, Stimmungsrunde (kann sehr ergiebig und lehrreich sein und lange dauern!)

 

Voraussetzung:

Eine kleine Klasse (meine umfasst 24 Kinder), mindestens zwei Helfers (damals ein Stuttgarter Praktikant, sehr motiviert und wegen seines Dialektes eine zusätzliche, vergnügliche Bereicherung - aus Lutscher wurde "Luuutscha") und ein begeisterter Elternvater, der jeden Morgen zum Großmarkt fuhr und uns mit Nüssen, Obst, Gemüse und allerlei Leckerem versorgte.

 

Vorbereitung:

Eine Exkursion auf dem Wochenmarkt. Aufgabe: Den Handel beobachten, Preise notieren, selber etwas einkaufen und das aufschreiben. In der Klasse über die Erfahrungen sprechen, auf extra Tafel die gefundenen Preise notieren. Sie sind wichtig, um den latenten, in jedem von uns schlummernden Wucherer in die Schranken zu weisen.

Die Tische wurden im Halbkreis gestellt und in der Nacht zuvor mit Hilfe des vorbildlichen Praktikanten zu Marktständen verwandelt. Viel braucht es nicht. Ein Baldachin aus Stoff, der auf zwei Leinen gehängt werden, die über der Tischplatte gespannt werden. Die Leinen sind an zwei, einem umgekehrtem Y gleichem Holzstreben, welche zu beiden Schmalseiten des Tisches mit Schraubzwingen (Stolpergefahr, daher nach innen drehen) befestigt wurden, befestigt. Holz- oder Pappkisten mit niedriger Wandhöhe gibt´s überall, auf Märkten, Kellern, Supermärkten.

Jedes Kind und der Lehrer bekommen einen Bogen Spielgeld (gibt´s nach Vorbestellung bei jeder Bank, ich habe sie bei der Sparkasse bekommen). Jeder Schüler hat ein DIN A5 großes Epochenheft, beidseitig geführt. Das heißt auf der einen Seite steht EINKAUF und über die Schmalseite gedreht VERKAUF

Das Spielgeld wurde feierlich, gemeinschaftlich gezählt und die großen Schweine von mir eingesammelt. Das hätte nur zur Verwirrung des Geistes und der Moral ;-) geführt. Sollen ja nicht mehr Geld als ihr geliebter Klassenlehrer in der Tasche haben.

Die Klasse wurde in zwei Gruppen unterteilt. Die Käufer und die Verkäufer. Die Verkäufer gingen paarweise zusammen. Kassen und Portmonees in ausreichender Anzahl. Anstatt Metallkassen gehen auch Keksdosen oder Keksschachteln mit Unterteilungen. Gerne bauen sich die Schüler eigene Kassen und geschickte Schülerinnen klebten und falteten sich eigene Geldbörsen.

 

Rhythmischer Teil:

Morgenspruch, Zeugnissprüche, Kopfrechnen der im Kreis vor den Marktständen sitzenden Kinder. Situation Kiosk. Nachdem die pädagogische Fachkraft es vorgemacht hat, bekommt ein Kind eine Schürze um, eine Spaghettizange in die Hand und darf aus einem Sortiment aus Nüssen, Süßigkeiten in Maßen und was man sonst für ein paar Cent kaufen kann, seine persönliche Wunschtüte zusammen stellen. Dabei hält es jeden Artikel hoch, sagt den zuvor festgelegten Preis, der Lehrer notiert ihn an der Tafel und steckt ihn in eine Butterbrottüte. Nach ungefähr 10 Artikeln ist Schluss, der als erster richtig zusammen gerechnet hat, bezahlt seinen Kauf und muss ihn unter seinen Freunden im Guten verteilen. Der Lehrer hört per Stillmeldung (ins Ohr geflüstert) die verschiedene Ergebnisse ab. So rechnet jeder, nimmt sich die Zeit, die er braucht und wird nicht ausgelacht, wenn´s nicht richtig war. Wer drängelt oder schummelt kriegte einen Klaps mit der Zuckerstange. Dann ging mein Praktikant mit der Käufergruppe in ein anderes Klassenzimmer und übte ein Gedicht, welches er auf der Monatsfeier mit den SchülerInnen vortrug. Ich baute in der Klasse die Markstände auf.

 

Durchführung:

Nach ca. 15 Minuten kommen die Käufer rein, die Verkäufer sitzen gespannt hinter ihren Ständen. Haben Preisschilder beschrieben, die Ware ausgelegt, sich Verkaufsstrategien überlegt (Sonderangebote, Staffelungen). Die Schüler handeln, Einkäufe und Verkäufe müssen mit Warennennung und Betrag notiert werden, das beugt der aufkommenden Hektik, dem Fieber der Gewinnmaximierung und des Raffens vor. So ist das, was sie sehen ein schönes Abbild der Gesellschaft! Hausaufgabe ist das fehlerfreie Zusammenrechnen.

 

Abschluss:

Am fünften Tag schuf der Lehrer den Evaluationskreis, den Thing, die Meinungsrunde oder was auch immer. Die Schüler sollen sich nach einem zuvor besprochenen Schema äußern. Das kann sein: Ausreden lassen, nicht direkt kommentieren, zuerst das Positive (pos./ neg. Runde) und dann im Anschluss einen Rat an die nächstfolgende Klasse, was sie besser machen könnten (Sie erraten es, die unvermeidbare Negativrunde; "Was ich dir schon immer mal sagen wollte, Leopold").

 

Es hat sich gelohnt!

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