Von Mazarin zu Colbert (ERZÄHLUNG)

Mit Kardinal Mazarin, dem Leiter der französischen Politik, geht es zu Ende. In seinem Schlosse zu Varennes lässt sich der Kranke im Sessel durch die Gärten tragen, die eben das erste Grün treiben; er ist geschminkt und gepudert, um die leichenfahle Blässe des nahenden Todes zu verbergen.

Mit geschlossenen Lidern, ein Gespenst seiner selbst, ruht der Mann, der das Werk Richelieus zu Ende ge­führt hat, in den Seidenkissen. Seine Gedanken umfas­sen noch einmal dieses bewegte, großartige Leben, das sich nun zum Absturz neigt. Gaukelnde Bilder der Vergangenheit ziehen an ihm vorüber...

Er hört den Trommelschlag der aufständischen Fron­deure, das Brüllen der Kanonen Condes, der an der Spitze des Heeres der Rebellen vor Paris zog. In seinem Lager standen der Adel, der Todfeind Richelieus, die Herzöge, Prinzen, Marschälle, Erzbischöfe, Grafen und die großen Landherren; die stolzen, übermütigen Le­hensträger beugten sich nicht der Macht des neuen Staa­tes und des jungen Königtums.

Es war ein Ringen, wie jenes, das sich kurz vordem in England abgespielt hatte, nur dass in Frankreich Kardinal Mazarin die Sache des absoluten Staates ver­focht und dass die französischen Stände ohne die religiöse Begeisterung, ohne die wahrhafte Anteilnahme des Volkes für den Eigennutz der Feudalen gegen die Krone fochten.

Mazarin stand auf schwankendem Boden. Er, der Ita­liener, der Fremde und Verhasste, der Repräsentant der absoluten Gewalt, hatte immer nur die Macht be­sessen, die ihm das Vertrauen der alternden Anna von Österreich, der Königinmutter, geschenkt hatte; durch sie war er alles. Aber auch der junge, kluge König hatte begriffen, was Mazarin für Frankreich und die Krone bedeutete. Königinmutter und König hielten ihm die Treue, weil sie wussten, dass sein tödlicher Kampf gegen die Mächte der Spaltung ihre eigene Sache war.

Es waren bittere und gefährliche Tage gewesen, als Mazarin vor dem allgemeinen Volksaufstand, vor den Heeren des Hochadels und der Armee Condes nach Köln fliehen musste; als alles ungewiss war und der junge König an der Spitze des treugebliebenen stehen­den Heeres über die verbrannte Erde Frankreichs gegen die Empörer zog. Damals hatte Ludwig erkannt, welche Gefahr der eigennützige, herrschsüchtige und hochmütige Adel bedeutete; er brachte Tod und Ver­wüstung für die Nation, Ohnmacht für den Herrscher. Von Köln aus lenkte der Kardinal das große Spiel durch Geheimkuriere an den König und die Königin; selbst als Flüchtling war Mazarin der allmächtige Minister Frankreichs geblieben.

Langsam waren die Früchte der Geduld und Härte gereift! Die Fronde der Großen war zusammengebro­chen. Mazarin zog wieder an der Seite der königlichen Familie in Paris ein. Der absolute Staat war Sieger geblieben, und äußere Erfolge hatten seinen Triumph erhöht.

Das Bündnis mit Cromwell gelang, das niederbre­chende Spanien wurde auf allen Schlachtfeldern ge­schlagen und musste seine Niederlage im Pyrenäen­frieden besiegeln. Das Werk war vollendet, Frankreichs Thron wie auf Felsen gegründet. Der Frieden mit Spanien bedeutete nicht nur Gebietszuwachs im Süden und Norden, nicht nur die endgültige Lösung aus den Fesseln Spanien-Habsburgs; er war auch das Siegel unter der Auflösung der spanischen Weltmacht und das Fanal kommender französischer Größe.

Auch dieses Werk war mit Schmerz und Leid getan worden; das gebrochene Herz eines schönen Mädchens, die zertretene Liebe des jungen Königs waren der Preis für den Friedensschluss, für das Zustandekommen des neuen Bündnisses mit Spanien gewesen.

Maria Mancini, die engelsschöne Nichte Mazarins, war die große Liebe des jungen Königs gewesen, sie sollte mit ihm den Thron teilen. Es gab furchtbare Szenen; titanisch rangen der Wille des weitblickenden Staats­mannes und des selbstbewussten Herrschers mit­einander.

Mazarin hatte gesiegt, Maria Mancini ging in die Verbannung nach La Rochelle, und Ludwig schloss eine politische Ehe mit der langweiligen, bigotten Theresia, der Infantin von Spanien.

Das Letzte ist vollbracht, das Fundament steht fest. Nun kann die befreite Seele den Weg ins rätselhafte Jenseits antreten.

Ach, wie viel lässt Mazarin hinter sich! Er hat seit der Niederwerfung der Fronde ungeheure Schätze gehäuft, viele sagen, er sei der reichste Mann des Abendlandes. Und auch dies überfliegt sein geistiges Auge noch ein­mal, aber es geschieht schon mit der Flüchtigkeit eines Mannes, der aufbricht und weiß, dass er nichts mitneh­men wird.

Er ist Herr zweier Herzogtümer mit all ihren Ein­künften, dazu kommt der Wert seiner Landgüter, Schlösser, Waldungen und Salzrechte, der Zölle, Ab­gaben und Sondersteuern - Colbert, der Vermögens­verwalter, meint, es seien alles zusammen an die 400 Millionen Goldfranken. An Pensionen gehen ihm jährlich 1,2 Millionen aus der Staatskasse zu, 90 Mil­lionen in gemünztem Gold lagern in den Kellern des Louvre, den er wie ein zweiter König von Frankreich bewohnt, die Einkünfte aus zweiundzwanzig Abteien treten hinzu, unzählbar sind die Kunstschätze, die antiken Plastiken, die Gemälde berühmter Meister und die goldenen, silbernen und edelsteinbesetzten Tafel-und Prunkgeräte. Die Bibliothek allein umfasst 400.000 Bände wertvollster Werke.

Was gilt das alles in diesem Augenblick vor dem leichten Flug eines Vogels, der, aus dem Süden heim­kehrend, im Geäst sieb niederlassen und singen wird, während Mazarin, den Besitzer so vieler Herrlich­keiten, die Nacht ohne Wiederkehr umfängt? Wenn die Vögel aus dem Süden kommen, wird er tot sein, haben die Ärzte gesagt.

Noch eines ist zu tun; unter den zahllosen Feinden hat er einen Mann unterschätzt und zu stürzen ver­gessen; einer lebt noch, der wie ein Blutegel an den Adern des Staates sitzt: der ehemalige Generalproku­rator des Pariser Parlamentes und jetzige Oberfinanz-Intendant Fouquet. Er hat die Steuereinkommen des Landes gepachtet, gibt dem König, was er für gut be­findet, behält, was er begehrt. Er ist der Allgewaltige der Finanzen.

Fouquets Schloss Vaux bei Melun, seine Meierhöfe, seine Stadtpaläste, die Teppich- und Gemäldesamm­lungen, die großen Goldvorräte sind in vielen Jahren aus der fleißigen Arbeit eines unglückseligen Volkes erpresst worden. Man muss Fouquet stürzen, ihn aus­tilgen, er ist eine Gefahr für die Krone,

Der Kardinal winkt einem Lakaien und schreibt den Namen seines Sekretärs Jean Baptiste Colbert auf einen Zettel. Colbert stammt aus Reims, er ist ein Mann ohne andere Empfehlungen, als die seines unbestechlichen Blickes für wirtschaftliche Vorteile, ein Genie der Buch­führung, der glänzende Verwalter großer Einkünfte. Mazarin hat ihn entdeckt und zu seinem Vertrauten gemacht. Nun steht er am Lager des Todkranken.

 

Colbert

„Colbert", flüstert der Kardinal mühsam und ange­strengt, „Sie wissen, dass Nicolas Fouquet, Überinten­dant der Finanzen, die Hälfte der Bretagne beherrscht, dass die Flotte in San Malo von ihm bezahlt ist, dass er sich Belle-Isle vor der bretonischen Küste gekauft und unter ungeheuren Kosten zur stärksten Seefestung hat ausbauen lassen. Sein Schloss Vaux hat 50 Millionen ge­kostet, für den Blumengarten hat er weitere 10 Mil­lionen aufgewendet. Ich habe in langen Jahren einen Akt angelegt, der seinen Namen trägt; es sind inter­essante Papiere darunter. Eines davon beweist, dass der Intendant für 40 Millionen Goldfranken Rentenscheine ausgegeben hat, von denen der König an baren Ein­künften nur vier Millionen erhielt. Sie werden sehen, der Akt ist sehr umfangreich."

Colbert steht stumm mit verkniffenem Gesicht. Neid und die Missgunst des Emporkömmlings spiegeln sich auf seinen Zügen; aber vielleicht ist es auch der Hass des Mannes aus dem Volke, das von Gras, Wurzeln und Rinde lebt, um Parasiten wie Fouquet zu nähren, viel­leicht ist es auch der Zorn vieler ausgesogener Ge­schlechter, der sein Antlitz verzerrt.

„Ich werde Ihnen den Akt Fouquet vererben, Col­bert", sagt der Kardinal, „außerdem habe ich dafür gesorgt, dass Sie Finanzminister des Königs sein wer­den." Er sieht das beglückte Aufleuchten in den Augen des Mannes und hebt abwehrend die Hand.

„Machen Sie sich keine allzu großen Hoffnungen, Col­bert! Dieser König wird keinen Premier brauchen, wie es Richelieu und Mazarin waren, er wird keinen Star­ken neben sich dulden." Mazarins Atem geht mühsam, erschöpft lehnt er sich zurück, sein Blick folgt einer fernen Wolke, die lang­sam am Horizont verschwindet.

Wenige Tage später stirbt der Kardinal unter schrecklichen Leiden, die er mit Geduld und Gleichmut erträgt. Sein riesiges Vermögen legt er durch Testa­ment in die Hände des Königs.

 

Ludwig XIV.

Ludwig XIV., der dreiundzwanzigjährige Herr Frankreichs, sinkt, erschüttert vom Heimgang seines großen Helfers, an die Brust des Marschalls Grammont.

„Ich habe einen großen Freund verloren!", schluchzt er, „von nun ab werde ich allein sein ..."

Die Höflinge, Minister und Prinzen seiner Umgebung werfen sich triumphierende Blicke zu. Ein König, der sich nach einer Stütze sehnt, wird leicht zu regieren sein. Sie haben nicht begriffen, was Ludwig XIV. gemeint hat: „Von nun ab werde ich allein zu herrschen haben!"

Zum ersten Mal hat der junge Fürst die Einsamkeit der Gekrönten gespürt.

 

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