Das morgendliche Ankleiden des Königs in Versailles

Der König ist gehalten, eine ganze Aristokratie zu beschäftigen; daher muss er sich fortwährend zeigen und seine Person zur Schau tragen, selbst während der intimsten Momente, selbst beim Verlassen des Bettes, sogar im Bette selbst. Des Morgens weckt ihn der erste Kammerdiener zu der von ihm bestimmten Stunde, und der Reihe nach treten fünf Gruppen von Leuten ein, um ihre Aufwartung zu machen. Zuweilen sind die geräumigen Wartesäle nicht genügend, die Menge der Höflinge zu fassen.

Zuerst kommt die „vertrauliche Gruppe", bestehend aus den königlichen Kindern, den Prinzen und Prinzessinnen von Geblüt, dem ersten Arzt, dem ersten Chirurgen und andern nützlichen Personen.

Dann folgt die „große Gruppe"; dabei befinden sich der Großkämmerer, der Großmeister und der Meister der Garderobe, die ersten Kammer-Edelleute, die Herzöge von Orleans und Penthievre, einige besonders begünstigte Seigneurs, die Ehren- und Kammerdamen der Königin und Prinzessinnen, sowie Barbiere, Schneider und ver­schiedene Diener. Man gießt dem König aus einer vergoldeten Schale Franzbrannt­wein auf die Hände und reicht ihm den Weihkessel; er bekreuzt sich und betet. Dann erhebt er sich vor der ganzen Gesellschaft aus dem Bette, zieht die Pantoffeln und den ihm vom Großkämmerer und vom ersten Kammer-Edelmann gereichten Schlafrock an und setzt sich auf den Ankleide-Sessel.

In diesem Augenblick wird die dritte Gruppe hereingelassen, die teils aus Günstlingen, teils aus einer Menge von Dienstleuten, wie Ärzten und Chirurgen, Intendanten der Lustbar­keiten, Vorlesern u. a. zusammengesetzt ist. Auch die Nachtstuhl-Inspektoren fehlen nicht; die Öffentlichkeit des Lebens des Königs ist so groß, dass keine seiner Hand­lungen ohne Zeugen ist. Im Momente, da man den König anzukleiden beginnt, nähert sich diesem der von einem Ordner benachrichtigte erste Kammer-Edelmann und nennt ihm die Namen der vor der Türe wartenden Edlen.

Diese treten als vierte Gruppe ein, die zahlreicher ist als die vorhergehenden. Sie umfasst außer den Mantel- und Büchsenträgern, den Tapezierern und übrigen Dienern die meisten hohen Beamten, den Groß-Almosenier, die außerordentlichen Almoseniers, den Kaplan, den Prediger, den Hauptmann und den Major der Leibgarden, den Obersten und den Major der französischen und den Hauptmann der Schweizer-Garden, den Ober Jägermeister, den Oberwolfsjäger, den Großprobst, den Groß­meister und den Meister der Zeremonien, den Oberbrot­meister, die Gesandten, die Minister und Staatssekretäre, die Marschälle von Frank­reich und einen Teil der übrigen hervorragenden Noblesse und Geistlichkeit. Die Huissiers bringen Ordnung in die Menge und gebieten Ruhe. Der König wäscht sich die Hände und entkleidet sich allmählich. Zwei Pagen ziehen ihm die Pantoffeln aus; das Hemd wird beim rechten Ärmel vom Großmeister der Garderobe, beim linken vom ersten Diener der Garderobe entfernt und einem andern Garderobe-Beamten übergeben, während noch ein anderer Garderobe-Diener das frische Hemd in weißer Taffet-Hülle herbeibringt.

In diesem feierlichen Augenblick, dem Gipfelpunkt der Handlung, wird die fünfte Gruppe eingelassen, die alles umfasst, was bisher fehlte. Das Hemd hat ein ganzes Zeremoniell zu durchlaufen. Die Ehre, es darreichen zu dürfen, gebührt den Söhnen und Enkeln des Königs, in deren Ermangelung den Prinzen, in deren Ermangelung dem Großkämmerer oder dem ersten Kammer-Edelmann. Endlich ist das Hemd überreicht - ein Diener entfernt das alte; der erste Kammerdiener ergreift den rechten, der erste Diener der Garderobe den linken Ärmel, während zwei andere Diener den Schlafrock als Vorhang vorhalten, bis das Hemd festsitzt. Hierauf hält ein Kammerdiener dem König einen Spiegel vor; im Notfalle leuchten zwei andere. Andere bringen die Kleider herbei; der Großmeister der Garderobe reicht dem König das Gilet (die Weste) und den Rock, zieht ihm das blaue Band an und schnallt ihm den Degen um. Der dem Krawatten-Departement zugewiesene Diener bringt einige Halsbinden in einem Körbchen; der König wählt eine, die ihm vom Garderobemeister umgebunden wird. Der Vorstand der Taschen­tücher-Abteilung präsentiert drei seiner „Untergebenen" auf einem Teller, der vom Großmeister der Garderobe dem Könige zur Auswahl vorgelegt wird. Schließlich gibt der Garderobemeister diesem seinen Hut, seinen Stock und seine Handschuhe. Nun begibt sich der König in den Alkoven, kniet auf einem Fußkissen nieder und betet abermals, während ein Almosenier leise sein quaesumus („wir bitten") murmelt.

Nach alldem erteilt jener Tagesbefehle, bestimmt das Programm des Tages und betritt mit den hervorragenden Personen sein Kabinett, wo er zuweilen Audienzen erteilt. Die übrigen warten vor demselben, um ihn, wenn er herauskommt, zur Messe zu begleiten.

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