Selbstgeschriebenes Schauspiel zur Industriellen Revolution

In der ersten Geschichtsepoche der 8. Klasse behandelten wir u.a. die Industrielle Revolution. Um ihre verschiedenen Stationen stärker zu veranschaulichen, bot sich meines Erachtens ein Schauspiel an, welches die Schüler selbst schreiben durften.

 

Textbuch

Nach einer Einführung in die Zeitsituation seitens des Lehrers erhielten die Schüler die Überschrift der Szenen, ihren groben Inhalt und z.T. die beteiligten Personen. Die Schüler begannen zu schreiben. Die unteren Szenen stammen von verschiedenen Schülerautoren. Wir wählten immer diejenige aus, welche uns am geeignetsten erschien.

 

Einstudieren

Dann ging es ans Einstudieren. Die Rollen wurden verteilt und jede Szene bekam einen Raum zugeteilt (Klassenraum, Handarbeitsraum, Saal, Freistundenraum). Ein Tages-Regisseur und ein Zeitwächter wurden bestimmt und los ging's. 30 Minuten pro Tag reichten, da die Schüler ein ununterbrochenes Wiederholen einer Szene noch nicht selbstständig leisten können. Anschließend setzen wir die Szenen zusammen.

Auf einer Monatsfeier führten wir unsere Industrielle Revolution auf. Unser Schauspiel dauerte 13 Minuten. Die Schüler waren hoch motiviert und nahmen dadurch die Inhalte tief in sich auf. Wir bekamen viele schöne Rückmeldungen.

Vielleicht kann dies als Anregung dienen, die Monatsfeiern neben Liedern, Gedichten und eurythmischen Darbietungen auch mit themenbezogenen Inhalten des Hauptunterrichtes zu bereichern.

 

 

Schauspiel zur Industriellen Revolution

geschrieben von einer 8. Klasse

 

1.  Szene: Bei der Spinnerfamilie Connors

Sprecher 1           

Wir möchten euch in dieser Monatsfeier etwas zeigen, was wir uns momentan in der Geschichtsepoche erarbeitet haben. Wir haben im Hauptunterricht ein Schauspiel geschrieben und dieses dann in Gruppen selbstständig einstudiert. Wir mussten sehr konzentriert arbeiten, weil wir nur 3 Tage Zeit hatten zum Einstudieren.

 

Sprecher 2           

Unser Stück handelt von der Industriellen Revolution. Dies ist die Zeit, in der die Menschen begannen, Maschinen zu erfinden, um größere Mengen an Ware produzieren zu können.

 

Sprecher 3           

Auf der einen Seite ist das gut, weil vieles dadurch günstiger und erschwinglicher wurde, auf der anderen Seite fanden viele Menschen keine Arbeit mehr, weil die Maschinen nur von wenigen bedient werden mussten. Unser Schauspiel zeigt die verschiedenen Stationen der Industriellen Revolution.

 

Sprecher 4           

Wir befinden uns im Jahre 1761 in England. Die Industrielle Revolution nahm ihren Ausgang im Textilgewerbe, dort also, wo so genannten Spinner Garn spannen und die Weber Stoffe webten. Wir besuchen zunächst die Familie Connors. Ihre 5 Kinder und auch die Großmutter verdienen ihren Lebensunterhalt mit dem Spinnen von Garn. Dazu kannte man die Handspindel und später auch das Spinnrad.

 

Mutter     

Nun mein liebes Kind, du bist nun alt genug, um nicht nur mit der Spindel zu spielen, sondern das Spinnen richtig zu erlernen. Amy, zeig Ruby, wie man es anstellen muss.

 

Amy

Mutter, denkst du nicht, dass Ruby mit ihren 5 Jahren nicht zu jung für die anstrengende Arbeit ist?

 

Vater

Wir brauchen jede Hand, damit wir unser tägliches Brot verdienen können.

 

Sohn

Aber Vater, wir bauen doch vieles, was wir essen in unserem Garten an. Zwar gibt es heuer dort nicht viel zu tun, weil wir gerade Winter haben, aber das Jahr über arbeite ich viele Monate für die gute Erde, auf dass sie uns reiche Ernte bringe.

 

Vater

Ach Sohn, was weißt du vom Leben. Das Leben eines Spinners ist hart. Wir arbeiten täglich bis zu 14 Stunden. Nur der Sonntag ist dem lieben Gott geweiht und wir dürfen ein wenig ausruhn. Vom Garn, das wir verkaufen, können wir den Schuster, den Arzt, Holz zum Heizen, Öl für die Lampe, ab und zu das Fleisch für die Suppe bezahlen. Wir brauchen also jede Hand die mithilft.

 

Amy

Vater hat wie immer recht. Ruby, komm, ich zeig dir, wie es geht. Du wirst ein wenig brauchen, bis du den Dreh raus hast. Also Geduld. Sieh her: Wenn du die Wolle nimmst und sie ziehst, dann geht sie leicht auseinander. Versuch es einmal. (Ruby zieht sie leicht auseinander) Nun wollen wir sie aber drehen, dann bekommen wir ein Garn, das man nicht mehr so leicht zerreißen kann. (Ruby versucht es erneut, sie kann es nicht mehr zerreißen, man sieht ihr die Anstrengung an)

Das Drehen übernimmt jetzt die Spindel. Sieh her, man muss sie so drehen, der gesponnene Faden wird immer länger und später muss man ihn unten aufwickeln. Aus einem solchen Faden, nachdem er gezwirnt wurde, macht der Weber Stoffe.

 

Vater

Sohn, lass uns morgen früh die zwei Stunden Fußmarsch zum Weber zur Stadt Liverpool nehmen, um unser Garn von diesem Monat zu verkaufen. Gott gebe es, dass wir einen guten Preis bekommen.

 

 

2.  Szene: Preisausschreiben

Sprecher 5

Wir befinden uns in einer Bar von Liverpool. Viele Leute sitzen dort und diskutierten über das Problem des Garnmangels. Textilien sind gefragt wie nie und die Spinner kommen mit der Herstellung von Garn nicht hinterher. In der Bar ist es sehr laut, die meisten haben Whisky- oder Biergläser in der Hand. Der Raum ist von Kerzenlicht erleuchtet.  Ein Mann mit langem Schnurbart nimmt einen großen Schluck aus seiner Whiskyflasche, die er schon zur Hälfte ausgetrunken hat und atmet tief ein.

 

Person 1

Man müsste die Kinder noch länger spinnen lassen, damit wir zu mehr Garn kommen. Manchmal sehe ich eine ganze Horde nutzlos stundenlang auf der Straße spielen.

 

James

Nein, das kann man nicht machen, das ist doch unmenschlich. Sie brauchen auch ein klein wenig Kindheit.

 

Person 2

Aber man könnte eine Maschine erfinden, die schneller spinnt, als wie dies mit einem Spinnrad möglich ist.

 

Person 3

Ach, halt's Maul! Wie soll denn das gehen?

 

Plötzlich platzt ein Zeitungsjunge mit Winterjacke, roten Backen und triefender Nase in die Bar. Man sieht, wie er sich freu in der Wärme zu sein.

 

Zeitungsjunge

Große Preisausschreibung der Society of Arts. Große Preisausschreibung der Society of Arts. Lest es selbst in der Zeitung!

 

Alle hören auf zu reden und stellen sich um den Jungen. Ein Mann kauft sich eine Zeitung und liest vor.

 

Person 4       

„Die britische Society of Arts spricht einen Preis aus, wonach eine Maschine gesucht wird, die sechs Fäden aus Wolle oder Baumwolle auf einmal spinnen kann, wobei zu ihrer Bedienung nur eine Person gebraucht wird."

 

James Hargreavers

Oh, würde mir doch eine Idee dazu einfallen. Ich könnte das Geld gut brauchen!

 

Die Leute reden durcheinander und zerstreuen sich ... wie soll das möglich sein? Hast du so etwas schon einmal gehört? ....

James Hargreavers ist der Vater einer armen Familie. Er kommt spät abends nach Hause. Seine Tochter arbeitet noch am Spinnrad. Sie ist müde und gähnt. Ihre Augen fallen immer wieder zu und ihre Finger können nicht mehr.

 

Jenny

Guten Abend, Vater.

 

James

Guten Abend, Jenny. Wie geht es dir? Bald hast du die Restwolle versponnen und kannst auch schlafen gehen.

 

Jenny

Warum müssen wir nur so hart arbeiten?

 

James

Wir brauchen das Geld, um überleben zu können. Mache den Rest morgen.

 

Müde steht sie auf, wirft dabei allerdings das Spinnrad um. Sie erschrickt.

 

Jenny

Oh, es tut mir leid! Ist sie kaputt?

 

James

Nein, aber warte. Wenn ich das Rad so drehen sehe, so kommt mir tatsächlich eine Idee.

 

James schaut auf das sich noch drehende Spinnrad und dann auf die Zeitung in seiner Hand. Auf einmal bekommt er eine Idee. Er nimmt Jenny in den Arm und flüstert ihr ins Ohr.

 

James

Bis morgen früh will ich eine Maschine bauen und sie dir zu Ehren Spinning Jenny nennen! Nun geh schön schlafen. (Zu sich:) Ich gewinne den Preis!

 

Sprecher 6

James Hargreaves steht in London vor der Society of Arts. Er hat alte zum Teil zerrissene Sachen an und steht in der Mitte vor all den edlen Leuten mit schwarzem Anzug und großen Hüten.

 

Edler 1

Was ist dein Vorschlag gegen das Problem des Garnmangels, Mr. Hargreaves?

 

James:                  

Ich überlegte mir eine Maschine, bei der ein Faden von einer Vorgarnspule über eine Spindel gezogen wird. Dann geht der Faden weiter über einen Pressbalken, der auf einem Wagen läuft. Der Wagen fährt als erstes von der Spindel weg, während die Presse offen ist. Wenn die gewünschte Festigkeit nun da ist, dreht man die Spindel, damit sich der Faden etwas lockert und so auf die Spule gerät. Mit der linken Hand bewegt man den Wagen und mit der rechten das Rad!

 

Edler2

Also ich finde die Idee sehr gut und Ihr?

 

Edler 1         

Mit gefällt die Idee auch sehr!

 

Edler 1

Ich glaube, dass ich in aller Namen sprechen, wenn ich sage, dass das Preisgeld Ihnen zuerkannt wird.

 

Sprecher 7    

Auf diese Weise wurde die Spinning-Jenny erfunden, die 8mal so viel und 8mal so schnell Garn für die Weber fertigen konnten. Es dauerte nicht lange, so verbesserte man die Erfindung und bald konnte man mit großen Spinnmaschinen bis zu 80 Spindeln gleichzeitig bedienen. Dafür wurde eine große Halle gebaut, die man Fabrik nannte.

 

3. Szene: Fabrik

Zwei Arbeiter treffen sich auf der Straße. Sie kennen sich.

John     

Hallo George, lange nicht gesehen, wie geht es dir und deiner Familie?

 

Georg

Hi John, schön dich hier zu treffen. Uns geht es nicht besonders gut. Wir haben in letzter Zeit sehr wenig zu essen, denn wir werden unser ganzes Garn einfach nicht mehr los.

 

John

(traurig) Uns geht es genauso. Seit diese Fabriken alles viel günstiger herstellen, wird es immer schwerer. Unser altes Handwerk stirbt aus. Ich werde mich wohl in einer Fabrik bewerben müssen, um in Zukunft mein Geld zu verdienen.

 

Georg

Nur zwei Straßen weiter von hier wurde eine Spinnfabrik fertig gebaut. Ich will mich morgen dort bewerben. Wollen wir gemeinsam hingehen?

 

John

Gute Idee, also um halb neun vor der neuen Fabrik.

 

Auf dem Marktplatz steht ein Tisch, an dem ein Mann sitzt, welcher mit einer Feder auf einem Papier herumschreibt. Vor dem Tisch ist eine sehr lange Schlange. Ein Mann tritt vor  und sagt:

 

Mann

Ich möchte mich gerne als Arbeiter bewerben.

 

Einsteller

(Er sitzt auf dem Stuhl und mustert den Mann und sagt dann:)
Ich zahle dir 2 Pfund die Woche.

 

Mann

(Macht einen entsetzten Gesichtsausdruck) Wie bitte, von 2 Pfund kann ich doch keine Familie ernähren!

 

Einsteller

Dann kannst du hier eben nicht arbeiten.

 

Mann 

Bitte, nur etwas mehr, ansonsten verhungern meine Kinder und meiner Frau.

 

Einsteller

Hör auf zu schwätzen. Der Nächste!

 

Mann

Teufel nochmal, ich brauche das Geld - ich arbeite dafür! (trägt seinen Namen in die Liste ein)

 

Einsteller

(erhebt sich) Damit es nicht jedesmal so ein Theater hier gibt, sage ich es für alle. Ich zahle jedem Mann 2 Pfund, jeder Frau 1 Pfund und 50 Pence und jedes Kind bekommt 90 Pence die Woche. Wem das zu wenig ist, der kann gehen.

 

4. Szene: Vater Connors mit Sohn beim Weber

Vater kommt mit dem Sohn auf die Bühne. Sie haben Leinensäcke auf dem Rücken, die voll mit Garn sind. Sie klopfen beim Weber.

Vater         

Gott zum Gruße, Webermeister. Wir bringen Euch bestes Garn von der Familie Connors. Sogar unsere Ruby, meine Jüngste, hat dabei schon mitgeholfen.

 

Weber

Mr. Connors, es tut mir leid. Ich kann Euer Garn von nun nicht mehr abnehmen.

 

Vater

Bei allem Respekt, Meister, aber Ihr beliebt zu scherzen!

 

Weber    

Gott behüte - leider nicht. Seit es die Spinnfabrik in Liverpool gibt, muss ich mein Garn von der Fabrik beziehen. Es ist um ein Vielfaches günstiger als das Eure, weil es von Maschinen gemacht ist.

 

Sohn

(zunächst sprachlos) Aber wovon sollen wir leben, wenn wir nicht mehr unser Garn verkaufen können. Wir haben nichts anderes, was wir zu Geld machen könnten?

 

Vater

Ihr müsst uns unser Garn abkaufen, wie soll ich meine Familie ernähren. Ich habe 5 Kinder?

 

Weber

Was soll ich sagen - mit den Maschinen hat sich die Welt verändert. Sie können so viel produzieren. Man hört davon, dass die Maschinen sogar bald durch Dampfkraft betrieben werden sollen. Auch wir Weber bekommen Angst, dass man große Webstühle erfinden wird, die uns arbeitslos machen.

 

Weberfrau

In Schlesien protestierten die Weber und gingen wegen Lohnkürzungen auf die Straße. Die Fabrikanten aber hätten geäußert: „die Weber möchten nur, wenn sie nichts anderes hätten, Gras fressen; das sei heuer reichlich gewachsen". Schließlich hätten sogar Soldaten auf die Weber geschossen.

 

Vater

(verzweifelt, rufend, weinend) Oh, gütiger Gott, wir werden Hungers sterben. Warum hast du uns verlassen. Gott, König und Vaterland - niemand hilft

 

Alle Schüler kommen von allen Seiten nach vorn auf die Bühne und sprechen schon im Gehen mit dramatischem Ausdruck:

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, 
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande, 
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch - 
wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!

Heinrich Heine

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