Diamantenrausch in Kimberley (Spannende Langfassung)

Es war an einem schönen Dezembertag des Jahres 1866. Der 15 Jahre alte Erasmus Jacobs gönnte sich eine Pause bei der Arbeit auf der Farm seines Vaters in Südafrika und saß an einen Baum gelehnt am Ufer des Oranje. Da fiel ihm ein Kiesel auf, der ungewöhnlich hell in der Sonne glitzerte. Weil er dachte, seine kleine Schwester würde vielleicht gern mit dem funkelnden Stein spielen, hob er ihn auf, steckte ihn in seine Tasche und nahm ihn mit nach Hause. Ohne es zu wissen, löste er damit eine Reihe wirtschaftlicher, politischer und sozialer Umwälzungen aus, deren Folgen bis zum heutigen Tag spürbar sind.

Als ein Freund der Familie namens Schalk van Niekerk, der sich ein bisschen mit Edelsteinen auskannte, Interesse an dem Stein zeigte, musste Erasmus ihn auf Geheiß seiner Mutter hergeben. Der glitzernde Kiesel sorgte in der nahe gelegenen Stadt Colesberg für große Aufregung und hitzige Debatten; ein selbsternannter Fachmann wollte seinen neuen Hut darauf verwetten, dass es sich um einen relativ wertlosen Topas handle. Aber es stellte sich bald heraus, dass es ein Diamant von 21 Karat war, der schließlich den Namen „Eureka" bekam. Er brachte 500 Pfund, fünfmal soviel wie ein komfortables Haus in England kostete. Darüber, ob die Familie Jacobs am Erlös beteiligt wurde, gehen die Berichte auseinander.

Ob Erasmus Jacobs nun von seinem Fund profitierte oder nicht, auf jeden Fall hatte die Welt durch ihn den ersten einer wahren Flut von Diamanten bekommen, die schon bald von Südafrika ausgehen sollte. Diamanten waren von jeher Kostbarkeiten gewesen, von denen jeder schon einmal etwas gehört, die aber kaum einer mit eigenen Augen gesehen, geschweige denn besessen hätte. Die Diamanten des Altertums, von denen die meisten aus Indien stammten, waren in die Sammlungen großer Herrscherhäuser gewandert. Nachdem 1725 in den Dschun­geln Brasiliens Diamanten entdeckt worden waren, hatte sich das Angebot auf dem Weltmarkt erheblich vergrößert; während Indien 20 Jahrhunderte gebraucht hatte, um Diamanten im Gewicht von zwölf Millionen Karat zu produzieren, holte man aus den Flussbetten Brasiliens im Laufe von anderthalb Jahrhunderten 16 Millionen Karat. Aber Diamanten waren immer noch ein Privileg der Wohlhabenden.

 

Cecil John Rhodes

Das sollte nun alles anders werden - dank Südafrika. Schon zehn Jahre nach Erasmus Jacobs' Fund sollten Südafrikas Minen mehr Diamanten liefern als die Brasiliens. Und innerhalb eines weiteren Jahrzehnts sollten jährlich drei Millionen Karat auf einen stets aufnahmebereiten, weltweiten Massenmarkt geworfen wer­den. Der Diamant sollte zum Edelstein für jedermann werden. Noch erstaunlicher aber war, dass von 1889 an praktisch die gesamte südafrikanische Diamantenpro­duktion durch die Hände eines undurchsichtigen, machthungrigen Engländers namens Cecil John Rhodes gehen sollte.

Als Cecil Rhodes im Jahre 1870 zum ersten Mal afrikanischen Boden betrat, hatte er keine hochgespannten Ambitionen. Er war ein schwächlicher, zurückhaltender junger Mann von 17 Jahren, der Sohn eines Vikars in Hertfordshire. Man hatte ihn zu Schiff nach Natal an der Ostküste Südafrikas geschickt, zu seinem älteren Bruder Herbert, der sich dort in der falschen Hoffnung niedergelassen hatte, als Baum­wollpflanzer zu Wohlstand und Ansehen zu gelangen. Für den jungen Cecil, der sein Leben lang an einem schwachen Herzen litt, erhoffte sich die Familie zweierlei von dem Afrika-Aufenthalt: Seine Gesundheit sollte sich bessern, und er sollte genug Geld verdienen, um sein Studium in Oxford finanzieren zu können. Rhodes ging in Durban an Land, knapp 1300 Kilometer nordöstlich vom Kap der Guten Hoffnung. Er wurde nicht von seinem Bruder abgeholt, sondern von einem Nachbarn, der ihm erzählte, Herbert Rhodes sei wie viele andere auch dem Diamantenfieber erlegen, das Südafrika erfasst hatte.

Obwohl das Lokalblatt von Colesberg über den Fund des Eureka-Diamanten berichtet hatte, war keine Sensation daraus geworden. Das änderte sich schlagartig, als der nächste Diamant entdeckt wurde, der ebenfalls in die Hände von Schalk van Niekerk gelangte. Im Jahre 1868 hatte ein junger Eingeborener vom Griqua-Stamm namens Swartboy unweit des Oranje einen großen, glasklaren Stein gefunden. Wie man sich erzählte, hatte Swartboy den Stein einem Farmer als Bezahlung für ein Nachtlager angeboten, war aber abgewiesen worden. „Geh doch zu Schalk van Niekerk", sagte der Farmer. „Der hat was für Steine übrig. Ich nicht."

Van Niekerk, der ganz in der Nähe wohnte, kaufte den Stein auf der Stelle, und zwar gab er dem fassungslosen Swartboy als Bezahlung den gesamten Viehbestand seiner Farm - 500 Schafe, zehn Kühe und ein Pferd. Als der 83,5karätige Stein - der später den Namen „Stern von Südafrika" bekam - zum Preis von 11.200 Pfund verkauft wurde, horchte plötzlich die Weltöffentlichkeit auf. Innerhalb weniger Wochen strömten Tausende von Männern nach Südafrika, um an den Ufern des Oranje und des Vaal nach Diamanten zu suchen.

Prospektoren, die in Kapstadt oder anderen Häfen ankamen, mussten bis zu 1000 Kilometer landeinwärts pilgern, um zu den Fundstätten zu gelangen. Mit dem Ochsenkarren dauerte die Reise mindestens 40 Tage, aber viele konnten sich nicht einmal diesen bescheidenen Luxus leisten und mussten den ganzen Weg zu den schlammigen, überfüllten und malariaverseuchten Siedlungen an den Ufern der beiden Flüsse zu Fuß zurücklegen. Die Prospektoren, von denen viele keinerlei Erfahrungen besaßen, steckten sich Parzellen von etwa zehn Meter im Quadrat ab und begannen, mit Schaufeln die oberen Erdschichten abzutragen, um in dem darunterliegenden Kies nach Diamanten zu suchen. Sie spülten die Erde mit Wasser weg und schütteten den übrigbleibenden Kies auf einen Tisch aus, um ihn Steinchen für Steinchen nach den kostbaren Diamanten zu durchsuchen.

Lebensmittel waren knapp und teuer, Unterkünfte wurden aus Zeltbahnen und Wellblech notdürftig errichtet, und der Erfolg ließ auf sich warten. Doch ab und zu kam es auch vor, dass einer das große Los zog, und das war für die anderen Grund genug, ihre fieberhafte Suche trotz der schier unmenschlichen Strapazen fortzuset­zen. Ein Engländer, der sechs Monate lang gegraben hatte, ohne etwas zu finden, gab sein Claim auf und ging. Tags darauf fand sein Nachfolger einen schönen Diamanten von 29,5 Karat. Solche Geschichten, die die Runde machten, stellten die Männer immer wieder vor die quälende Frage, ob sie noch ein bisschen tiefer graben oder sich lieber ein anderes Claim suchen sollten.

Der Pechvogel Herbert Rhodes blieb im Sommer 1870 erfolglos; er kehrte schon bald auf seine Farm bei Durban zurück und pflanzte mit Cecils Hilfe Baumwolle an. Aber die beiden unerfahrenen Farmer setzten die Pflänzchen zu dicht, und es gab eine Missernte. Damit bestätigte sich, was jeder, der Cecil Rhodes damals sah, sich auf Anhieb denken musste - dass er für den Beruf des Farmers denkbar ungeeignet war. Er lief in zu kleiner, immer schäbiger werdender Schuljungen-Kleidung herum und büffelte pflichtbewusst Griechisch und Latein. Er neigte zu jähen Zornausbrüchen, konnte aber auch in tagelanges Schweigen verfallen.

Ungefähr zu der Zeit, als Herbert Rhodes sich den Scharen der Prospektoren anschloss und an den Ufern des Vaal Schlamm siebte, fand ein Mann, von dem nur der Name Bam überliefert ist, 100 Kilometer von der nächsten Schürfstätte am Fluss entfernt einen weiteren Diamanten. Aus Erfahrung wussten die Prospektoren - von denen einige Veteranen des kalifornischen Goldrausches waren -, dass Kostbarkei­ten wie Gold und Edelsteine in Flussbetten zu finden waren. Erst später setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Steine nicht an den Flussufern entstanden, sondern vom Wasser dorthin transportiert worden waren. Bams Entdeckung war also keineswegs eine kuriose Ausnahme, sondern vielmehr ein wichtiger Schritt zur Auffindung der Primär-Lagerstätten aller südafrikanischen Diamanten.

Diejenigen, die Bams Hinweis folgten und sich tiefer ins Land hinein begaben, um dort zu schürfen, blieben eine Zeitlang so gut wie allein. Als dann jedoch in diesen Gegenden immer mehr Steine gefunden wurden, erhielten die Prospektoren rasch Kenntnis davon und strömten in hellen Scharen in das Gebiet. Die Schatzsu­cher wussten aber immer noch nicht, dass sie jetzt ganz in der Nähe des Gebiets schürften, in dem viele der Diamanten, die längs des Oranje gefunden wurden, wahrscheinlich zum ersten Mal an die Erdoberfläche gekommen waren.

Im Jahre 1871 steckte ein Mann namens Fleetwood Rawstorne ein Claim auf einer Farm in diesem vielversprechenden, im Landesinnern gelegenen Gebiet ab, zwischen Oranje und Vaal und östlich ihres Zusammenflusses. Rawstorne hatte kein Glück. Er verspielte sein erstes Claim und fand später auf einem zweiten kaum mehr als einzelne zweikarätige Diamanten. Die beiden Brüder, denen die Farm gehörte, waren ebenfalls Pechvögel, aber aus ganz anderen Gründen. Als Buren -Nachfahren der ersten holländischen Siedler in Südafrika - interessierten sie sich überhaupt nicht für Edelsteine und waren entsetzt über die Prospektoren, die in Schwärmen einfielen und in ihrer fieberhaften Suche nach Diamanten die Erde aufwühlten. Um sich in dieser hoffnungslosen Lage einigermaßen schadlos zu halten, verkauften die Brüder die Farm (die sie elf Jahre zuvor für 50 Pfund erworben hatten) für 6300 Pfund an eine Minengesellschaft und zogen weiter, um anderswo Ruhe und Frieden zu finden. Damit verzichteten Johannes und Diedrich de Beer unwissentlich auf zwei sagenhaft reiche Diamantenlagerstätten, von denen eine die berühmte Kimberley-Mine werden sollte; genauso wenig ahnten sie, dass ihr Familienname weltberühmt werden sollte.

Im Mai 1871 begab sich Herbert Rhodes, der von den Vorkommen im Inland gehört hatte, erneut auf die Diamantensuche, während Cecil auf der Farm blieb, um die Baumwollernte dieses Jahres einzubringen. Zwar hatten sie aus dem Fehlschlag des Vorjahres gelernt, und der Ertrag war diesmal gut, aber die Baumwollpreise waren gesunken, und im Oktober verließ auch Cecil die Farm und brach zu den Claims seines Bruders auf dem Gebiet der Kimberley-Mine auf.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen in dem neu entstandenen Ort Kimberley und seiner Umgebung waren noch chaotischer und primitiver als in den Camps an den Flüssen. Ein staubiges Durcheinander von Zelten und Wellblechhütten beherbergte Konzessionsbüros, Gesetzesvertretungen, Banken, Diamantenläden, Kneipen, Bordelle, Spielhöllen und die eine oder andere Kirche. Das buntzusammengewürfelte Volk der Diamantensucher war ständig in Bewegung, denn jeder sagte sich, dass ihn schon fünf Minuten Nichtstun um einen wertvollen Stein bringen konnten. Lebensmittel und Feuerholz wurden von den umliegenden Farmen geliefert, aber Industrieprodukte mussten mit Pferdewagen von der Küste über Land transportiert werden.

Die Diamantensucher, die zum großen Teil von den Schürfstellen an den Ufern des Oranje und des Vaal abgewandert waren, steckten ihre Claims ab und begannen auf ganz ähnliche Weise zu schürfen wie an den Flüssen. Der Hauptunterschied war, dass es hier kein Wasser zum Auswaschen der Erde aus dem Kies gab. Die Minen in diesem Gebiet wurden deshalb als dry diggings (trockene Schürfstellen) bezeichnet. Wie Cecil Rhodes später einmal bemerkte, sahen die Minen auf den ersten Blick aus „wie zahllose Ameisenhaufen, auf denen es von schwarzen Ameisen wimmelte, nur dass die Ameisen Menschen waren". Aber wenn Rhodes von dem, was er in Kimberley vorfand, nicht sonderlich angetan war, so wüssten die Diamantensucher, denen er begegnete, ihrerseits nicht so recht, was sie von diesem Neuankömmling halten sollten, der es sich trotz seiner erst 18 Jahre zutraute, die Claims seines Bruders Herbert zu beaufsichtigen. Der unstete Herbert ging jedoch schon bald nach Norden, diesmal auf Goldsuche, und verkaufte seine Schürfstellen seinem jüngeren Bruder, der in kürzester Zeit bewies, dass er sehr wohl in diesem rauhen Gewerbe seinen Mann stehen konnte.

Die Diamantensucher von Kimberley beschäftigten Eingeborene für die Erdar­beiten, aber es zeigte sich, dass nur wenige die schwarzen Arbeiter so rationell einzusetzen verstanden wie Rhodes. Er hatte sich von seiner Farm ein eigenes Team von Zulu-Arbeitern mitgebracht, und obwohl bei diesen stolzen Kriegern bezahlte Arbeit verpönt war, fühlten sie sich verpflichtet, hart für Rhodes zu arbeiten, weil dieser ihnen Geld geliehen hatte. Hinzu kam, dass nur wenige Prospektoren den Wert eines Steines so genau schätzen konnten wie Rhodes. „Ich verdiene im Durchschnitt 100 Pfund die Woche", schrieb er 1871 seiner Mutter, und in weniger als zwei Jahren hatte er mit den Diamantminen ein Vermögen von 10000 Pfund gemacht. An diesem Punkt verblüffte er seine Kollegen erneut, indem er seine Claims einem zuverlässigen Bekannten namens Charles Rudd anvertraute und sich nach England einschiffte, um sein Studium in Oxford zu beginnen. Da er dort von seinen Kommilitonen nicht akzeptiert wurde, flüchtete sich Rhodes zunehmend in Unfreundlichkeit und Arroganz.

Aber auch das Bewusstsein für seine angeborene Autorität vertiefte sich, und schon bald reiften in ihm fest umrissene Vorstellungen davon, was er im Leben erreichen müsse. Er wurde zu einem überzeugten Anhänger des Sozialdarwinis­mus, der unter anderem lehrte, dass sich in der gesellschaftlichen Hierarchie die angeborene Überlegenheit der Eliteklassen ausdrücke. Für ihn bedeutete dies, dass die „Tauglichsten" nicht nur überleben, sondern auch die Führerrolle übernehmen müssten. Fasziniert hörte er zu, wenn der Sozialtheoretiker John Ruskin die Studenten aufforderte, Englands Schicksal zu erfüllen. „Eines muss England unbedingt tun, wenn es nicht untergehen will", mahnte Ruskin. „Es muss Kolonien gründen, möglichst rasch und in möglichst vielen Teilen der Welt, getragen von seinen tatkräftigsten und angesehensten Männern." Dieser Traum von einem britischen Weltreich, in dieser ungestümen Studentenzeit geboren, wurde zur Grundlage eines beinahe mystischen Sendungsbewusstseins, das Rhodes dazu trieb, die gesamte südafrikanische Diamantenförderung unter seine Kontrolle zu bringen, um auf diese Weise das südliche Afrika für die angelsächsische Kultur und Zivilisation zu gewinnen. „Wenn es wirklich einen Gott gäbe", vertraute er einmal Freunden in Oxford an, „wäre es sicherlich sein Wille, dass ich möglichst große Teile Afrikas in britischem Rot färbe."

In den folgenden acht Jahren arbeitete Rhodes auf sein geisteswissenschaftliches Examen an der Universität hin, musste aber seine Studien mehrmals unterbrechen, um entweder aus Gesundheitsgründen oder wegen irgendwelcher Vorkommnisse in seinen Minen nach Afrika zurückzukehren. Während eines dieser afrikanischen Zwischenspiele legte Rhodes den Grundstein zu ungeheurem Reichtum und einer ebenso ungeheuren Machtposition im Diamantenbergbau.

Trotz der gewaltigen Mengen von Diamanten, die aus Südafrika auf den Weltmarkt gelangten - von 1872 bis 1874 waren es über eine Million Karat -, blieben die Preise eine Zeitlang stabil. Eine weltweite Finanzkrise im Jahre 1873 löste jedoch einen zwar langsamen, aber stetigen Preisverfall bei Diamanten aus, und dies ausgerechnet zu einer Zeit, als die Gewinnung der Edelsteine für die Minenbesitzer immer schwieriger und kostspieliger wurde. Die ersten Prospekto­ren in Kimberley fanden ihre Steine im yellow ground, verwittertem Gestein, das später den Namen Kimberlit erhielt. Als sie jedoch den unteren Rand des weichen yellow ground erreichten und auf den darunterliegenden bitte ground stießen, glaubten viele, ihre Minen seien erschöpft. Rhodes hingegen, der sich von den wenigen Geologen in Südafrika beraten ließ, neigte zu der Vermutung, dass der blue ground genauso reich an Diamanten sein müsse wie der yellow ground.

Wie sich bald herausstellen sollte, hatte er damit recht, und die Geologen fanden auch die Erklärung dafür. Der yellow ground war tatsächlich nur die oberste Schicht des diamantführenden Gesteins in den tiefen, trichterförmigen Pipes, die durch vulkanische Tätigkeit entstanden waren. Beim blue ground handelte es sich einfach um Kimberlit, der noch nicht durch Verwitterung zerkleinert oder verfärbt war.

Rhodes erkannte auch, dass die Kimberley-, die De-Beers- und andere Pipes nicht auf unbegrenzte Zeit von der Erdoberfläche aus, also im Tagebau, ausgebeutet werden konnten. Zu Beginn der Schürfarbeiten in der Kimberley-Pipe hatten die vielen hundert einzelnen Prospektoren insoweit zusammengearbeitet, als sie an den Rändern ihrer Schächte die Erde unangetastet ließen. So war dafür gesorgt, dass die einzelnen Schächte voneinander getrennt blieben und zwischen ihnen Erdmauern stehenblieben, auf denen man sich fortbewegen konnte. Es war vereinbart, dass diese Zwischenwände jeweils erst dann abgebaut und ausgebeutet werden sollten, wenn es nötig wurde, die Straßen insgesamt tiefer zu legen.

Es stellte sich aber heraus, dass die einzelnen Minenbesitzer ihre Schächte unterschiedlich schnell in die Tiefe trieben, so dass der richtige Zeitpunkt zum Einreißen der Zwischenwände oft verpasst wurde. Die Zwischenwände bröckelten daher oft ab und stürzten in die Schächte, wobei sie manchmal auch Arbeiter unter sich begruben. Nach einer Besichtigung der Kimberley-Pipe schrieb der englische Schriftsteller Anthony Trollope, es sei, „als hätte ein Architekt von diabolischem Genie ein Haus mit 500 Zimmern entworfen, von denen keines im gleichen Geschoß sein sollte wie ein anderes und die weder durch Treppen zugänglich noch mit Türen oder Fenstern versehen sein sollten".

Hinzu kam, dass die Oberfläche der Mine bei allen Höhenunterschieden zwischen den einzelnen Schächten sich insgesamt immer weiter absenkte. Die in das tiefer werdende Loch hinunterführenden Straßen, selbst solche, die breit und gut befestigt waren, wurden für einen sicheren Transport zu steil. So sah man sich schon bald gezwungen, Drahtseile vom Rand des Loches in jeden einzelnen Schacht hinunter zu legen; an diesen Drahtseilen liefen offene Fahrkörbe, in denen die Arbeiter und der Kimberlit transportiert wurden. Es dauerte nicht lange, und die ganze Pipe war von einem chaotischen Gewirr kreuz und quer verlaufender, rostender Kabel durchzogen, die einander im Weg waren. Außerdem hatten die Minenbesitzer mit schweren Überschwemmungen zu kämpfen, die durch die zwar seltenen, dann aber umso heftigeren Regenfälle und durch einsickerndes Grund­wasser verursacht wurden.

Entnervte oder bankrotte Claim-Inhaber gaben sich ringsum geschlagen, aber Rhodes, der sich weder durch die niedrigen Diamantenpreise noch durch den Ungewissen Wert des blue ground beirren ließ, begann, Claims - überwiegend in der De-Beers-Mine - so schnell aufzukaufen, wie er das Geld dafür auftreiben konnte. Während die anderen nur die ständig sich verschlechternde Situation sahen, glaubte er, seine große Chance erkannt zu haben: Wenn es gelang, die zahlreichen Claims in den kleinen Tagebau-Minen zusammenzufassen, konnte man versuchen, das nötige Kapital aufzubringen, um den Abbau in großem Stil zu finanzieren. Er brachte seine Anteile in eine neu gegründete Aktiengesellschaft ein, der er zu Ehren der Brüder Johannes und Diedrich de Beers den Namen „De Beers Mining Company, Limited" gab.

Rhodes' Ansehen in Kimberley wuchs, aber er kam auch immer mehr in den Ruf, ein Exzentriker zu sein. Er hatte die Angewohnheit, sein langes Schweigen durch jähe, leidenschaftliche Monologe zu unterbrechen, die jeden aufhorchen ließen, der in der Nähe war. Einmal verblüffte er die Umstehenden, indem er ausrief: „Ihr denkt, mir geht es ums Geld. Ihr könnt mir glauben, dass es mir völlig egal wäre, wenn ich schon morgen alles verlieren würde, was ich habe. Was mich reizt, ist das Spiel dabei." Es war schon bald klar, worum es ihm bei diesem Spiel ging. Er wollte unangefochtener Herr über die südafrikanische Diamantgewinnung werden.

Rhodes hatte unbegrenztes Vertrauen in seine Fähigkeit, andere Menschen zu beurteilen, zu führen und zu überzeugen. Diese Begabung nutzte er jetzt, um einen wichtigen Verbündeten zu gewinnen, einen Deutschen namens Alfred Beit, der als Agent einer Hamburger Diamantenhandelsfirma nach Kimberley gekommen war. Er besaß ein fast unfehlbares Gedächtnis und erkannte einzelne Steine, noch Jahre nachdem er sie in der Hand gehabt hatte. Außerdem war er versiert in Finanzdingen und ein gerngesehener Geschäftspartner in den Londoner und Pariser Zweigstellen des mächtigen internationalen Bankhauses Rothschild.

Eines Abends im Jahre 1879 zog Rhodes Beit, den er flüchtig kannte, in ein Gespräch. Die beiden Männer hatten noch nicht lange miteinander geredet, als Beit ohne falsche Bescheidenheit erklärte: „Über kurz oder lang werde ich die gesamte Diamantenproduktion kontrollieren."

„Da ich mir genau dasselbe vorgenommen habe", erwiderte Rhodes, „sollten wir uns besser zusammentun." Dieses spontane Angebot war einer von Rhodes' klügsten Schachzügen. Beit brachte nicht nur seine guten Verbindungen zu euro­päischen Banken und seine Kenntnisse des internationalen Finanz- und Diamanten­markts ein, sondern diente Rhodes auch als loyaler Kritiker und Freund.

Einen solchen Freund hatte Rhodes bitter nötig. In der rauhen Männerwelt der Diamantensucher von Kimberley machte er sich durch sein hochfahrendes Wesen immer unbeliebter, und besonderen Argwohn erregte er dadurch, dass er Frauen mied. Es gingen allerlei anzügliche Gerüchte über ihn um. Als ihn viel später Königin Victoria einmal fragte, ob er denn wirklich die Frauen nicht leiden könne, erwiderte er galant, er könne doch wohl kaum etwas gegen das Geschlecht haben, dem Ihre Majestät angehöre. Auf alle Fälle erleichterte ihm seine Neigung nicht den Umgang mit seinen Kollegen in den Minen, und auch dadurch, dass er ständig Claims aufkaufte, machte er sich nicht gerade beliebt.

 

Barney Barnato

Rhodes war jedoch nicht der einzige, der in Kimberley als Aufkäufer auftrat. Im Gegenteil, trotz all seiner ehrgeizigen Pläne war er noch nicht einmal der größte Unternehmer. Keiner profitierte so offensichtlich von dem Konzentrationsprozess - und keiner war ein so ernstes Hindernis für Rhodes' fieberhaftes Streben nach Vorherrschaft - wie der dreiste kleine Geschäftemacher Barney Barnato. Barnato, der eigentlich Barnett Isaacs hieß, begann seine kaufmännische Laufbahn im Alter von 14 Jahren als Straßenhändler im Londoner East End. Später trat er auch als Varietekünstler und Preisboxer auf. Im Alter von 18 Jahren beschloss er, reich zu werden, und investierte sein mageres Kapital in 60 Kisten Zigarren minderer Güte und eine Überfahrt mit dem Frachter nach Südafrika. Die Zigarren, so schlecht sie auch waren, brachten in Kimberley einen guten Preis. Von dem Erlös kaufte sich Barnato ein Pony und einen zweirädrigen Wagen und wurde ein kopje walloper - ein wandernder Diamantenhändler -, der sich zahlreiche Freunde unter den Diamantensuchern machte, indem er sie mit anrüchigen Geschichten aus seinem schier unerschöpflichen Vorrat beschenkte.

Barnato war fast ein Analphabet, aber er war zäh, unterhaltsam und gerissen, und schon bald konnte er seinen Umsatz steigern, indem er sich in einer Kneipe, die von den Diamantensuchern besucht wurde, einen Büroraum mietete. Er hielt immer Wort und übervorteilte niemanden, zahlte es aber jedem heim, der ihm etwas antat.

Barnato glaubte wie Rhodes an den Wert des blue ground und gab im Jahre 1876 3000 Pfund für vier Claims im Zentrum der Kimberley-Mine aus. Schon bald stieg seine Produktion auf Diamanten im Wert von 1800 Pfund wöchentlich. Er verkaufte Anteile an seinem Unternehmen, dem er den Namen „Kimberley Central Diamond Mining Company" gab, an europäische Investoren und kaufte immer mehr Claims dazu. Er beschäftigte zahlreiche Arbeiter, die er in nahe gelegenen Dörfern unterbrachte; außerdem baute er eine private Polizeitruppe auf, die den Diebstahl und den Schmuggel verhindern sollte, und war der erste, der einen tiefen Schacht in die Kimberley-Mine trieb.

Im Jahre 1885 verdiente Barnato bereits 200 000 Pfund jährlich - viermal soviel wie Rhodes - und machte auch keinen Hehl aus seinem Reichtum. Er baute sich ein Haus in einem exklusiven Viertel von Kimberley, fuhr einen Vierspänner und trug Anzüge, die zwar geschmacklos, aber teuer waren. Sein wachsender Wohlstand war seiner Popularität bei neidischen Konkurrenten zwar abträglich, aber auch in seiner Rolle als König der Kimberley-Mine war Barnato noch genauso freundlich und jederzeit zu Spaßen aufgelegt wie früher als kopje walloper.

Als größter Anteilseigner in der Kimberley-Mine, die viel ertragreicher war als Rhodes' De-Beers-Mine, stand Barnato der Erfüllung von Rhodes' Wunschtraum im Wege, die totale Kontrolle zu erlangen. Rhodes war trotzdem überzeugt, dass er Sieger bleiben würde, und zwar einfach deshalb, weil er sicher war, dass jeder Mensch seinen Preis hatte. Dieser unterschwellige Zynismus wurde auf überzeugende Weise bestätigt, als er 1881 nur deshalb ins Parlament der Kapkolonie gewählt wurde, weil er genügend Stimmberechtigte bestochen hatte.

Barnato war zwar mit Rhodes einer Meinung über die Notwendigkeit, die Minen zu konsolidieren und die Produktion zentral zu steuern, aber jeder von beiden wollte selbst der Mann an der Spitze sein. Barnato war auch noch aus einem anderen Grunde wenig geneigt, Rhodes entgegenzukommen; er wusste, dass Rhodes ihn verachtete und ihn in aller Öffentlichkeit als „schlitzohrigen kleinen Juden" bezeichnet hatte. Außerdem fand er, wie viele andere auch, Rhodes' Träume von der Ausdehnung des britischen Weltreichs absolut „meschugge".

Doch Barnato hatte eine Schwäche. Er war zwar reich und bei den gewöhnlichen Diamantensuchern beliebt, aber eines war ihm trotzdem nicht gelungen - von der aus Geschäftsleuten und Beamten bestehenden Gesellschaft Kimberleys als ihres­gleichen anerkannt zu werden. Ganz besonders war es ihm um die Anerkennung eines von Rhodes' engsten Verbündeten zu tun, eines jungen schottischen Arztes namens Leander Starr Jameson, der als einer der wenigen Akademiker in Kimberley offenbar gesellschaftlich tonangebend war. Jameson hegte seinerseits eine fast krankhafte Verachtung für Barnato und ließ ihn das oft genug auch in aller Öffentlichkeit spüren. Rhodes bewohnte mit Jameson dasselbe Haus, und weil er Barnatos Wünsche ahnte, lud er ihn einmal zu einer Besprechung zu sich nach Hause ein. Bei dieser Begegnung legte Rhodes seine Karten auf den Tisch: Er habe die Absicht, sagte er, Barnato aufzukaufen.

Aber Barnato mochte von der Umgebung noch so beeindruckt sein, einschüch­tern ließ er sich keineswegs. Anstatt einen Preis für seine Anteile an Kimberley Central zu nennen, deutete er kaltlächelnd die Möglichkeit an, Rhodes könnte im Kampf um das Monopol vielleicht auch selbst den kürzeren ziehen. Dieser musste sich widerwillig eingestehen, dass Barnato „eine harte Nuss" war, und Barnato bewunderte an Rhodes den gleichen Kampfgeist, der auch ihn selbst beseelte.

Nachdem Barnato seinen direkten Angriff abgeblockt hatte, nahm Rhodes das Unternehmen aufs Korn, das den nächstgrößten Anteil an der Kimberley-Pipe hielt - die Compagnie Franchise des Mines de Diamant du Cap de Bon Esperance. Rhodes machte der Gesellschaft ein Übernahmeangebot, aber der stets wachsame Barnato legte unverzüglich ein eigenes, höheres Angebot vor und gab Rhodes zu verstehen, dass er ihn in jedem Fall überbieten werde.

Rhodes sah, dass er auch auf diesem Weg nicht weiterkam, und lud ihn erneut ein, um noch einmal zu versuchen, ihm seine Anteile abzukaufen. Um seinen Rivalen einzuschüchtern, soll der stets auf Wirkung bedachte Barnato zu dieser Bespre­chung einen Koffer mitgebracht haben, der bis zum Rand mit den größten, schönsten Diamanten von Kimberley Central im Wert von einer Million Pfund, säuberlich nach Größe und Qualität sortiert, vollgepackt war. Ungerührt forderte Rhodes Barnato auf, seinen Preis dafür zu nennen, dass er aufhöre, den Kauf der Compagnie Franchise durch ihn, Rhodes, zu hintertreiben. Barnato lehnte ab.

Nun machte Rhodes ein überraschendes neues Angebot: Wenn Barnato stillhal­te, so dass er, Rhodes, die Compagnie Franchise zu dem ursprünglich gebotenen Preis erwerben könne, würde er das Unternehmen sofort an Barnato weiterverkau­fen - für eine gleich hohe Beteiligung am Aktienkapital von Kimberley Central. Das war ein brillanter Schachzug. Da er gehindert wurde, seine Anteile direkt zu vermehren, versuchte Rhodes, Einfluss auf Barnatos Unternehmen zu gewinnen, das durch die Übernahme der Compagnie Franchise noch mächtiger werden würde. Für Barnato war es zwar nicht ungefährlich, Rhodes diesen Einfluss einzuräumen, aber er konnte oder wollte sich andererseits nicht die Gelegenheit entgehen lassen, die Compagnie Franchise zu erwerben, ohne auch nur einen Penny dafür ausgeben zu müssen. Er ging sofort auf Rhodes' Offerte ein.

Voller Überschwang wegen des vermeintlich günstigen Abschlusses schickte sich Barnato an, Rhodes den Diamantenschatz zu zeigen, den er zu der Besprechung mitgebracht hatte. Während er ein Päckchen nach dem anderen aufmachte, wurde Rhodes plötzlich klar, dass es sich dabei nicht bloß um eine Art Musterkollektion, sondern mehr oder weniger um alle wertvollen Diamanten handelte, die Kimberley Central derzeit auf Lager hatte. Das brachte ihn auf eine Idee. „Barney", sagte er, „haben Sie schon einmal einen Eimer voll Diamanten gesehen? Davon träume ich schon seit langem, einmal einen Eimer voll Diamanten zu sehen." Rhodes ließ sich einen Eimer bringen, und ehe Barnato sich's versah, hatte er schon angefangen, die glitzernden Steine in den Eimer zu schütten. Der Haufen wurde immer höher und reichte schließlich fast bis zum Rand. Rhodes, der wie hypnotisiert wirkte, wühlte mit beiden Händen in den Steinen, und Barnato sah ihm voller Stolz zu.

Das Ausschütten der Diamanten in den Eimer war aber keineswegs ein spontaner Einfall, sondern vielmehr ein ungemein raffiniertes Manöver. Nachdem er sich einen ansehnlichen Anteil am Aktienkapital von Kimberley Central gesichert hatte, wollte Rhodes natürlich weiter so viele Aktien wie möglich erwerben, um auf diese Weise die Kontrolle über das Unternehmen zu erlangen. Er wusste, dass Barnato in jedem einzelnen Fall mitbieten würde, und entschied deshalb die erste Runde des Kampfes mit ein paar Handbewegungen für sich: Bevor die Diamanten, die jetzt wie Kraut und Rüben in dem Eimer lagen, nicht wieder sortiert und klassifiziert waren, was mehrere Wochen in Anspruch nehmen würde, konnten sie nicht verkauft werden; Rhodes hatte Barnato vorübergehend Kapital in Höhe von über einer Million Pfund entzogen.

 

Übernahme

Während Barnato dadurch die Hände gebunden waren, wurde Rhodes aktiv. Im Februar 1888 kaufte er innerhalb weniger Wochen mit Hilfe von Darlehen in Höhe von mehreren Millionen Pfund, die sein Adjutant Alfred Beit dank seiner guten Beziehungen zum Hause Rothschild beschafft hatte, so viele Aktien von Kimberley Central auf, dass er Barnato die Kontrolle über das Unternehmen entreißen konnte.

Rhodes gliederte Kimberley Central unverzüglich in seine De Beers Mining Company ein. Barnato, der immer noch einen großen Teil des Aktienkapitals von Kimberley Central hielt, stimmte der Fusion unter der Bedingung zu, dass ihm eine entsprechende Position in der durch den Zusammenschluss entstandenen Firma eingeräumt wurde, aber er sträubte sich mit Händen und Füßen, als Rhodes das neue Unternehmen zu einem Instrument seiner kolonialpolitischen Pläne machen wollte. Was, so fragte er, hat eine Diamanten-Produktionsgesellschaft mit dem britischen Imperialismus zu schaffen? Als Rhodes jedoch versprach, ihn zu einem angesehenen Bürger zu machen - durch die Mitgliedschaft im Club von Kimberley und sogar durch einen Sitz im Parlament der Kapkolonie -, lenkte Barnato ein. „Wenn Sie sich unbedingt einbilden, ein Kolonialreich aufbauen zu müssen", sagte er Rhodes, „werde ich Ihnen wohl den Gefallen tun müssen."

In rascher Folge kaufte Rhodes auch die zwei übrigen Minen im Gebiet von Kimberley für je etwa eine Million Pfund auf und wurde dadurch 1889 unum­schränkter Herrscher über mindestens 90 Prozent der Welt-Diamantenproduk­tion. Er zögerte keinen Augenblick, diese so hart erkämpfte Macht auszuüben.

Rhodes sah sich in einer Situation, die es bis dahin auf dem Diamantenmarkt noch nie gegeben hatte - es waren mehr Diamanten da, als selbst der expandierende Weltmarkt aufzunehmen vermochte. Die Preise hielten der beispiellosen Flut südafrikanischer Edelsteine nur dank eines Phänomens stand, das später zur Stütze des Diamantenhandels werden sollte - der Entstehung wohlhabender Industriege­sellschaften in Frankreich, Deutschland, Großbritannien und vor allem in den Vereinigten Staaten. Aber der Markt war schon mehrmals zusammengebrochen, und Rhodes wusste, dass die relative Preisstabilität nicht von Dauer sein würde.

Seine Reaktion auf die schwierige Marktlage bestand darin, den Verkauf von De-Beers-Diamanten auf eine Gruppe von zehn Händlern zu beschränken, die dann unter der Bezeichnung „Diamantensyndikat" zusammengefasst wurden. Angeblich wandte er jedoch auch ein recht einfaches Mittel zur Beschränkung der Produktion an: Alle neu gewonnenen Diamanten aus den Kimberley-Minen kamen in eine 5 mal 23 Zentimeter große Holzschachtel, die in der Hauptverwaltung des Unterneh­mens in einem Panzerschrank aufbewahrt wurde. Wenn die Schachtel voll war, legte Rhodes die Minen vorübergehend still.

 

Maßnahmen gegen den Schmuggel

Unterdessen ergriff er Maßnahmen zur Unterbindung des Schmuggels und Schwarzmarkthandels mit gestohlenen Edelsteinen, Praktiken, die von Anfang an unerwünschte Begleiterscheinungen der Diamantgewinnung in Afrika gewesen waren. Die Minenarbeiter hatten so raffinierte Mittel und Wege, die Edelsteine, die sie bei ihrer mühseligen Plackerei fanden, zu verstecken und dann an illegale Diamanten-Aufkäufer - in der Branche IDBs (illicit diamond buyers) genannt -, dass nur etwa die Hälfte der Diamanten aus den Kimberley-Minen jemals in die Tresore der Minenbesitzer gelangte. Die Behörde des Protektorats Griqualand West, des Distrikts, in dem Kimberley lag, hatte ein eigenes Gericht für die Aburteilung von Edelsteindieben geschaffen und eine Polizeitruppe aufgestellt, doch war diesen Maßnahmen nur wenig Erfolg beschieden.

IDBs übernahmen einen gestohlenen Edelstein nur selten direkt von einem Minenarbeiter. Stattdessen vergruben sie manchmal Geld (oder eine starke Droge namens dagga, die bei den Arbeitern noch begehrter war) in der Nähe der Minen; die Arbeiter vergruben ihrerseits die Steine, die sie unterschlagen hatten. Der Handel wurde dadurch perfekt gemacht, dass die Kontrahenten einander mitteilten, wo sich das Versteck befand. Die zwei benachbarten Burenrepubliken - Oranje-Freistaat und Transvaal - nahmen kaum Notiz von dem Diamantendiebstahl. Die IDBs, denen es gelang, gestohlene Steine aus Griqualand West herauszuschmuggeln, hatten dort nichts von der Obrigkeit zu befürchten.

Rhodes ging nun daran, das Übel an der Wurzel zu packen und den Diamanten­schmuggel am Ort der Entstehung zu unterbinden. Er führte eine Regelung ein, wonach Eingeborene, die in seinen Minen arbeiten wollten, für die Dauer ihres Arbeitsvertrags - drei bis sechs Monate - in hermetisch abgeschlossenen Dörfern untergebracht wurden. Die Kaufleute in Kimberley beschwerten sich über den Geschäftsrückgang, wurden aber von De Beers scheinheilig darauf hingewiesen, man wolle die Arbeiter nur vor den schädlichen Auswirkungen alkoholischer Getränke bewahren. Wenn die Arbeiter schließlich in ihre Dörfer zurück­kehrten, wurden sie nach allen Regeln der Kunst durchsucht; Aufseher fuhren ihnen mit den Fingern durchs Haar und untersuchten alle Körperhöhlungen.

Die letzte Woche vor Ablauf seines Arbeitsvertrags musste der Arbeiter in eine Hütte eingesperrt verbringen, unbekleidet und mit den Händen in dicken Hand­schuhen, die Boxhandschuhen ähnelten. Wenn der Mann nicht täglich auf die Toilette ging, schrieb der südafrikanische Autor Stuart Cloete, „wurde ihm ein Abführmittel verabreicht. Die Toiletten waren so eingerichtet, dass durch sie ständig Wasser über Siebe verschiedener Größen lief, und auf diese Weise wurden Tausende von Diamanten, die die Eingeborenen verschluckt hatten, zurückgewon­nen. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen gelang es den Eingeborenen immer noch, hin und wieder einen Stein zu stehlen. Beispielsweise brachten sie sich tiefe Wunden an den Beinen bei und versteckten darin die Diamanten. Die Betriebsärzte entdeckten bei der Untersuchung von Wunden und Schwellungen viele wertvolle Steine, denn nur bei den besten lohnte es sich, solche selbstauferlegten Qualen zu erdulden." Diese harten Maßnahmen hatten so großen Erfolg, dass Rhodes das bisherige System aufgeben konnte; er hatte nämlich mit Geheimagenten gearbeitet, die seine eigenen Diamanten von den Minenarbeitern zurückkauften.

Rhodes hatte das Glück auf seiner Seite. Er hatte bereits neben der De-Beers-Pipe senkrechte Schächte niedergebracht und unterirdische Stollen in den blue ground getrieben, so wie es Barnato in Kimberley getan hatte. Durch die Zusammenlegung der Minen war es nun möglich, die rationellere Gewinnungsmethode in noch größerem Stil anzuwenden. Das neue Unternehmen De Beers Consolidated senkte die Produktionskosten für Diamanten auf zehn Shilling je Karat und konnte wegen der fehlenden Konkurrenz den Verkaufspreis von 20 auf 30 Shilling heraufsetzen.

Rhodes' Verbündeter wider Willen, Barnato, wurde ebenfalls immer reicher; seine jährlichen Einnahmen aus seiner Beteiligung beliefen sich auf 300 000 bis 400 000 Pfund. Mit seinem neu erworbenen Reichtum machte er sich eilends nach Johannesburg in Transvaal auf, um sich an den märchenhaften neuen Goldfunden zu beteiligen, die im Gebiet eines Höhenzugs gemacht worden waren, der Witwatersrand - oder kurz Rand - hieß. Dort investierte er sein Geld in Claims und Grundbesitz, mit aller Macht auf die beherrschende Stellung hinarbeitend, die ihm in Kimberley versagt geblieben war. Im Laufe der Jahre wurde die Wahrung seiner Interessen auf den Goldfeldern für Barnato zu einer so schweren Belastung, dass er zeitweise unter Störungen seines Geisteszustandes litt. Im Juni 1897, auf der Überfahrt von Afrika nach England an Bord des Dampfers Scot, nahm er sich im Alter von 44 Jahren das Leben, indem er über Bord sprang.

Rhodes zeigte im Gegensatz zu Barnato anfangs wenig Interesse am Rand, und seine Partner mussten ihn fast mit Gewalt drängen, Anteile an den Goldgruben zu erwerben. Er räumte seinen Gold-Beteiligungen nie den Vorrang ein und versuchte auch nicht, eine Vormachtstellung im Rand zu erlangen, obwohl er schließlich doch einer der größten Minenbesitzer wurde und ironischerweise mit Gold sehr viel mehr Geld verdiente als jemals mit Diamanten.

 

Politische Laufbahn

Schon bevor er den Kampf um Kimberley Central gewonnen hatte, widmete Rhodes seine zwanghaft zu nennende Tatkraft seiner selbstgestellten Lebensaufga­be, der Eingliederung Afrikas ins britische Weltreich. Durch ein pulsierendes Aneurysma am Handgelenk unablässig an sein schwaches Herz erinnert, war er überzeugt, dass seine Tage auf dieser Welt gezählt waren, und arbeitete um so hartnäckiger an der Verwirklichung seines Zieles. Sein Sendungsbewusstsein ließ ihn sogar Gefahren missachten. Im Jahre 1884 reiste er allein zu einer Buren-Siedlung, deren bewaffnete Bewohner empört Englands Ansprüche auf Betschuanaland zurückwiesen, ein großes Gebiet an den Westgrenzen der beiden Burenrepubliken. Einmal sah er sich dabei einem erbosten Farmer gegenüber, der seine Pistole zog und rief: „Blut muss fließen!"

„Geben Sie mir erst ein Frühstück", sagte Rhodes, „und dann können wir über das Blut reden." Beschämt, weil er die traditionelle Gastfreundschaft der Buren vergessen hatte, nahm der Mann Rhodes auf seine Farm mit, beherbergte ihn eine Woche lang und bat ihn schließlich, Taufpate eines seiner Enkelkinder zu werden.

Im Jahre 1889 wandte Rhodes bei der Verfolgung seiner politischen Ziele die gleiche Gerissenheit wie bei der Verwaltung seiner Minen an. Er ersann ein neues Instrument des Imperialismus, The British South Africa Company, und ließ sich von der Regierung bestätigen, dass das Unternehmen nicht nur nach Gold und Diamanten schürfen, sondern auch neues Land kolonialisieren durfte. Mit seinem immensen Reichtum und den Vollmachten der Chartered Company, wie seine Gesellschaft bald nur noch genannt wurde, war Rhodes die führende Gestalt in der Kapkolonie. Als deren Regierung 1890 stürzte, wurde er Premierminister. Nun besaß er die ökonomischen, politischen und materiellen Voraussetzungen, um neue Gebietsansprüche geltend zu machen.

Unwiderstehlich angezogen von den im Norden gelegenen Territorien Matabeleland und Maschonaland, scheute er auch nicht vor zweifelhaften Unternehmungen zurück, um diese Gebiete unter die Kontrolle der Chartered Company zu bringen. Große Teile dieses Gebiets standen unter der Herrschaft eines Königs namens Lobengula, eines hünenhaften Mannes, den sein Volk auch bewundernd „Bluttrin­ker", „Kalb der Schwarzen Kuh", „Menschenfresser" und „Löwe" nannte.

Noch vor der Gründung der Chartered Company war es Rhodes gelungen, Lobengula zu einem Vertrag zu überreden, durch den der König Rhodes die Schürfrechte in seinem Hoheitsgebiet übertrug. Die Gesellschaft brachte nun Hunderte weißer Siedler dazu, sich in Lobengulas Reich niederzulassen, indem sie ihnen, ungeachtet der Tatsache, dass der Vertrag sich nur auf die Schürfrechte bezog, große Ländereien versprach, für die sie nichts zu bezahlen hätten. Der König war zornig, hielt sich jedoch zurück und befahl seinen Kriegern, den Eindringlingen kein Haar zu krümmen. Dann tötete jedoch eine Gruppe von Siedlern mehrere Untertanen Lobengulas, was Rhodes zum Vorwand nahm, einen Krieg vom Zaun zu brechen, in dem Söldner der Chartered Company Lobengulas Männer zu Hunderten mit Maschinengewehren niedermähten. Lobengula floh mit seinen drei Söhnen und einigen Getreuen nach Norden ins Gebiet des Sambesi-Flusses und starb schon bald darauf - an den Pocken oder, wie manche behaupte­ten, durch seine eigene Hand.

Mit der Eroberung von Lobengulas Territorium erreichte Rhodes den Zenit seiner Laufbahn. Er galt in aller Welt als genialer Baumeister eines Kolonialreichs. Die britische Postverwaltung bestätigte seinen Rang, indem sie anordnete, dass Sendungen in die neue Kolonie die Adresse „Rhodesien" tragen müssten. Rhodes war überglücklich: „Wer hätte es je erreicht", rief er, „dass ein Land nach ihm benannt wurde?" Aber sein Hochmut, der seit seinem Sieg über Lobengula keine Grenzen mehr kannte, sollte ihn schließlich zu Fall bringen.

Rhodes hatte von jeher die Buren wegen ihrer Bodenständigkeit und Genügsam­keit bewundert. Ganz besondere Hochachtung empfand er vor ihrem gestrengen Patriarchen Stephanus Johannes Paulus Krüger, dem Präsidenten der Republik Transvaal. Das hinderte Rhodes aber nicht, die Eingliederung der unabhängigen Burenrepubliken ins britische Weltreich zu betreiben, vor allem nachdem er große Anteile an den Rand-Goldminen erworben hatte.

Krüger vereitelte Rhodes' wiederholte Versuche, seine Schürfrechte in Transvaal zur Grundlage einer Föderation unter britischer Flagge zu machen. „Dieser Mann ist mir zu schnell", sagte der unbeugsame Krüger. „Er schläft nie, raucht nicht und hat mir den Norden geraubt." Rhodes, der immer mehr das Gefühl hatte, dass die Zeit ihm davonlief, beschloss 1894, sein Ziel mit Gewalt zu erreichen, und plante, in Johannesburg einen Staatsstreich der Goldminenbesitzer zu inszenieren - mit Hilfe einer Invasionsarmee, mit der sein Freund Leander Jameson von Betschuanaland aus in Transvaal einmarschieren sollte.

Als dann im Dezember 1895 der Tag kam, an dem der Umsturz erfolgen sollte, ging alles furchtbar schief. Präsident Krüger von der Republik Transvaal wurde rechtzeitig gewarnt- einer von Jamesons Soldaten, der die Telegraphenleitung nach Johannesburg kappen sollte, betrank sich und zerschnitt statt dessen einen Stachel­draht an einem Zaun -, und Krügers bewaffnete Farmer lauerten den 500 Angreifern auf, töteten 16 von ihnen und nahmen fast alle übrigen gefangen. Die Revolution der Johannesburger Goldgräber wurde im Keim erstickt, und ganz Europa empörte sich über den Jameson Raid, wie das fehlgeschlagene Unterneh­men genannt wurde. Mehrere Beteiligte wurden vor ein Burengericht gestellt und zum Tode verurteilt, doch Krüger wandelte die Todesurteile in enorme Geldstrafen um, die Rhodes prompt bezahlte. Rhodes, der das Land, dem er sich zutiefst verpflichtet fühlte, in eine äußerst peinliche Situation gebracht hatte, musste als Premierminister der Kapkolonie abdanken und übte fortan nur noch geringen politischen Einfluss in Südafrika und England aus.

 

Sein Ende

Sein Glaube an das britische Weltreich war jedoch unerschüttert, und mit dem letzten seiner zahlreichen Testamente gründete er eine Stiftung, die Stipendien für Studenten aus den britischen Kolonien, den Vereinigten Staaten und Deutschland gewähren sollte. Die Stipendien sollten ohne Ansehen von Rasse und Religion vergeben werden, und er drückte die Hoffnung aus, die Gelder würden bei den jungen Wissenschaftlern „eine wohlwollende Meinung von dem Land herbeifüh­ren, aus dem sie stammen". Doch selbst als Philanthrop konnte Rhodes seinen seelischen Zwiespalt nicht ganz verbergen: Als er gegen Ende seines Lebens einmal über die wünschenswerten Eigenschaften seiner Stipendiaten sprach, warf er den Akademikern „Überheblichkeit" vor, tat sportliche Leistungen als „Rohheit" ab und meinte, Eigenschaften wie Wahrheitsliebe, Pflichtbewusstsein, Mitleid mit den Schwachen, Freundlichkeit und Selbstlosigkeit führten nur zu „triefender Selbstge­rechtigkeit". Nur eine der genannten Voraussetzungen zog er nicht in Zweifel: die Fähigkeit, Menschen zu führen.

Rhodes selbst besaß unzweifelhaft solche Führungsqualitäten in reichem Maße, und er nutzte diese Begabung, um den Grundstein zu einem weltweiten Diaman­tenmonopol zu legen, das nun schon seit über einem Jahrhundert besteht und dessen Führungskräften es gelungen ist, alle Welt zu überzeugen, dass winzige Stückchen kristallisierten Kohlenstoffs ungeheuer kostbar sein können.

Rhodes starb 1902 - im Beisein von Jameson - in Muizenberg, einem Fischerdorf bei Kapstadt, wo er sich kurz zuvor ein Haus am Meer gekauft hatte. „So wenig getan", murmelte er zuletzt, „noch so viel zu tun." Damit meinte er nicht das Diamantengeschäft: „Das einzig Dumme an der Industrie", hatte er 1896 seinen Aktionären anvertraut, „ist, dass alles zur Routine und langweilig wird. Alles läuft ab wie ein Uhrwerk." Aber es lief schon bald nicht mehr wie ein Uhrwerk, und Rhodes' Nachfolger bei De Beers mussten sich mit einem Problem auseinanderset­zen, das sie seither ständig geplagt hat - immer neue Fluten von Diamanten, die das Fundament ihres Monopols zu unterspülen drohten.

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