Robert Koch - Feldzug gegen den Tod – epidemische Krankheiten

Die Begleiterscheinungen des Krieges von 1870/71 haben die all­gemeine Aufmerksamkeit auf eine Existenzfrage der Menschheit gelenkt: die Bekämpfung der epidemischen Krankheiten.

Was bedeutet der gewaltige Fortschritt der Technik und der Naturwissenschaften, wenn zuletzt doch immer tödliche Krank­heiten Sieger über das Leben bleiben, wenn die Völker unter die­ser unerbittlichen Geißel leben müssen? Seit dem Polenaufstand von 1830/31 überfallen immer wieder Cholera und Typhus die europäischen Großstädte. Im Krimkrieg von 1853 bis 1856 ha­ben die Seuchen schrecklicher als Bajonette und Kanonen gehaust, und nun wüten wieder Ruhr, Diphtheritis und Typhus in den deutschen und französischen Lazaretten.

Diesen Triumph des Todes muss eine Welt erleben, die sich den letzten Geheimnissen der Natur näher wähnt als je eine vor ihr; eine Menschheit, die selbst den Gräbern der Vorzeit ihre Ge­heimnisse entreißt. Vor wenigen Jahren hat Heinrich Schliemann das sagenhafte Troja ausgegraben. Engländer wühlen im uralten Boden Ägyptens und Mesopotamiens. Seit Alfred Nobel das Dy­namit erfunden hat, sind neue, ungeheure Sprengkräfte in die Hand der Menschen gegeben. Ozeane und Gebirge gehorchen dem Willen, der nach völliger Beherrschung der Erde strebt. Baron Lesseps hat den Durchstich der Landenge zwischen dem Roten und dem Mittelmeer vollendet und den Sueskanal gebaut. In zehnjähriger Arbeit haben sich die Menschen durch das Massiv des Mont Cenis gewühlt und eine Eisenbahn von zwölf Kilometer Länge unter dem Felsmassiv der Zentralalpen durchgeführt. Was kann es noch geben, das der forschende und unternehmende Geist nicht bezwingen könnte?

Lion Foucault, ein französischer Forscher, misst im Laborato­rium die größte Geschwindigkeit, die es gibt, die des Lichts! Und W. Huggins bestimmt die Sterngeschwindigkeiten. Das Weltall öffnet sich vor dem Forscherauge der Menschen und muss mehr und mehr seine Geheimnisse entschleiern. Wie das unendlich Große, so wird auch das unendlich Kleine erforscht: die Chemie nähert sich dem Kern der Elemente - dem Atom, und schon hat der Russe Dimitri Iwanowitsch Mendelejew das Periodische Sy­stem der Elemente entdeckt, der achtundneunzig Grundstoffe, aus denen alle Materie besteht. Das ewige Geheimnis der Schöpfung und des Lebens scheint der Enthüllung nahe.

 

Cholera, Pocken, Diphtherie, Malaria, Tollwut

Aber es gibt keine Theorie und noch weniger eine wirksame Hilfe gegen die Schwindsucht, keine Rettung vor Cholera, Pocken, Diphtherie, Malaria, Tollwut, gelbem Fieber oder Typhus. Die Menschheit, die von Kontinent zu Kontinent telegrafiert und ihre Fernrohre auf entfernte Weltsysteme richtet, vermag nicht einmal dem Katarrh wirksam zu begegnen, der in jedem Luftzug droht.

Groß ist der Mensch - aber größer und stärker noch ist der allmächtige Tod.

Wen würden solche Gedanken mehr bedrängen als die Mili­tärärzte, die in dieser Zeit jeden Tag das Elend der Seuchenkran­ken erleben, ohne helfen zu können! In Neufchäteau ist ein La­zarett für Typhuskranke eingerichtet, und dicht daneben liegt ein großer Soldatenfriedhof. Die Ärzte kommen sich in ihrer Ohnmacht wie Diener, Handlanger des Todes vor; wie Männer, deren einzige Aufgabe es ist, den Sterbenden den Weg hinüber leichter zu machen. Sie haben kein wirksames Mittel gegen die Seuche, denn niemand kennt das Wesen dieser grausamen Tod­bringer.

 

Der junge Doktor Robert Koch

In einem deutschen Feldlazarett tut der junge Doktor Robert Koch als Freiwilliger Dienst wie so viele andere. Vor fünf Jahren hat er in Göttingen promoviert, ist Assistent in einem Hamburger Irrenhaus geworden und hat bei Kriegsausbruch ge­heiratet.

Verzweifelt ob der Ohnmacht der Ärzte, hält er alles für Schar­latanerie, was die Medizinmänner treiben! Es wäre an der Zeit, meint er, dass die Wissenschaft den Kreuzzug gegen den Tod be­gänne; denn sie stehe erst am Anfang ihrer Erkenntnisse von Krankheit und Heilung. Der Stabsarzt, dem er seine Enttäuschung klagt, kommt aus einer Klinik in Deutschland. Er blickt den kleinen Assistenten von der Seite an.

»Haben wohl noch nichts von dem Streit um Louis Pasteur ge­hört, Kollege? Wenn Sie ihm glauben wollen, so haben Sie die Lösung: alles kommt von winzigen Tierchen - Mikroben - Bak­terien - Bazillen!«

»Louis Pasteur? Der Franzose? Man hält ihn für eine recht zweifelhafte Größe! Mikroben, sagten Sie?«

»Ja, kleinste Lebewesen! Richtige Teufelchen! Am besten, Sie abonnieren, wenn Sie wieder daheim sind, eine medizinische Zeitschrift. Es ist nicht uninteressant, was man über Pasteur darin lesen kann.«

Er lässt den Kollegen stehen und geht zu den weißgetünchten Baracken hinüber, aus denen unaufhörlich das Wimmern und Klagen der Sterbenden dringt.

 

Anfang 1871

Anfang 1871 wird Robert Koch aus dem Wehrdienst entlas­sen, weil der Rackwitzer Magistrat ein Reklamationsgesuch für ihn eingereicht hat. Er kehrt zurück nach Wollstein bei Bomst, in ein entlegenes Nest im preußischen Osten. Hier hat er seine Fami­lie und seine Praxis als Kreisphysikus zurückgelassen, und hier wartet die Pflicht auf ihn.

Es ist ein recht harter Sprung aus der großen Welt geschicht­licher Entscheidungen zurück in die Verlassenheit einer Land­praxis im Posenschen. Doktor Robert Koch hat einstmals von wei­ten Reisen, von Palmenküsten und weißen Tropenstädten ge­träumt. Er wollte in der Göttinger und Hamburger Zeit Schiffsarzt werden, um hinauszukommen und die Welt zu sehen. Dann aber war Emma Frantz, die hübsche Jugendgespielin aus den Clausthaler Tagen wiederaufgetaucht. Sie wollte nur die Frau eines Mannes sein, der eine sichere Existenz und festen Boden unter den Füßen hatte. Aus abenteuerlichen Fahrten nach Tahiti, Japan oder Indien war eben Wollstein geworden.

Nur die Sehnsucht nach dem Unerfüllbaren, der Drang aus der Beschränkung heraus in ein volleres Leben sind ihm geblieben. »Ich hasse meine Praxis, diesen ärztlichen Schwindel«, sagt er in dieser Zeit häufig zu seiner Gattin, »nicht als ob es mir gleichgül­tig wäre, wenn die kleinen Kinder an der Diphtherie sterben müssen. Aber die Mütter kommen weinend zu mir, flehen mich an mit erhobenen Händen, ich möchte ihr Kind retten. Und was kann ich tun? Ich kann Medizinen verschreiben, Maßregeln an­ordnen, den Leuten Hoffnung einreden, wo ich weiß, dass es keine Rettung gibt. Wie aber soll ich die Diphtherie heilen, wenn ich ihre Ursachen nicht kenne, wenn die größten Doktoren Deutsch­lands sie nicht kennen?«

Und so lebt er Tag für Tag das aufreibende, eintönige Leben eines Landarztes, der bei Wind und Wetter über die schlechten Straßen kutschiert, Rezepte verschreibt, Pulse fühlt und trostreiche Reden führt. Kein Abenteuer kommt mehr in Sicht. Keine Erlebnisse, die das Dasein tausendfach verstärkt spüren lassen! Nur ein blasser Himmel, eine melancholische Landschaft zwischen Seen, Sumpf, Föhrenwäldern und ärmlichen Dörfern.

 

Mikroben - Louis Pasteur

Ein paar Zeitschriften tragen die Stimme der Welt in das Arzt­haus von Wollstein. Natürlich ist auch eine medizinische Fachzei­tung darunter. In einer der Nummern stößt Robert Koch, etwa ein Jahr nach seiner Heimkehr vom Kriege, wieder auf den Na­men Louis Pasteur. Das erste Wort, das er liest, fesselt ihn. Louis Pasteur soll schon vor vier Jahren geäußert haben:

»Es liegt in der Macht der Menschen, alle ansteckenden Krankhei­ten vom Erdboden verschwinden zu lassen.« Der Artikelschreiber berichtet von erfolgreichen Versuchen des französischen Chemikers, der die Theorien des berühmten Ju­stus Liebig widerlegt und als Ursache der Gärung winzige Lebe­wesen - Mikroben - festgestellt habe.

Seltsamer Mensch, dieser Louis Pasteur! Vielleicht nicht das, was man in dem nüchternen, exakt arbeitenden Laboratorium einer deutschen Universität als Wissenschaftler bezeichnen wür­de, aber unzweifelhaft ein Genius, der mit der Kraft einer großen, intuitiven Erkenntnis die kühnsten Theorien entwickelt. Ohne besondere Beweise dafür zu haben, hat er den Gedanken ausge­sprochen, dass Mikroben, welche die Fäulnis im Obst, im Fleisch oder jedem anderen lebenden Organismus verursachen, auch die Krankheiten bei Menschen und Tieren zum Ausbruch brächten.

Demnach wären die kleinsten unter den Lebewesen diejenigen, welche die größten mordeten! Pasteur hat - wie der Artikel be­richtet - bereits begonnen, sich mutig den unsichtbaren Feinden entgegenzuwerfen. »Meine Versuche über die Gärung haben naturgemäß auch zu anderen Forschungen geführt, denen ich mich hingeben will, ohne viel an den Ekel oder die Gefahren zu denken, denen sie mich aussetzen...« Dann zitiert er den großen Lavoisier:

»Das öffentliche Wohl und die Interessen der Menschheit adeln auch die widerlichste Arbeit und gestatten dem aufgeklärten Menschen nur, an den Eifer zu denken, der notwendig ist, alle Hindernisse zu überwinden.«

Mikroben! - denkt Robert Koch -, und er erinnert sich an ge­wisse Vorlesungen in Göttingen, die über die Geschichte der Me­dizin gehalten worden sind: Schon die Pestärzte von Perugia und Salerno haben die Pestseuche auf winzige Würmer oder unsicht­bare Tierchen zurückgeführt, die mit der Luft übertragen werden. Um 1600 hat der Holländer Antony van Leeuwenhoek das Mikro­skop erfunden und kleinste Lebewesen im Wasser festgestellt, die dem bloßen Auge unsichtbar sind, aber doch beweisen, dass es Leben in solch winzigen Maßen gibt.

Robert Koch schließt die Augen. Hier öffnet sich ein wahres Dschungel voller Gefahren und Rätsel - seltsamer als alle tro­pischen Geheimnisse, nach denen er sich lange gesehnt hat. Liegt nicht auch in der kleinsten Welt das große Abenteuer verborgen?

 

Es ist tief in der Nacht.

Doktor Koch ist den ganzen Tag in sei­nem holpernden Wagen von Bauernhof zu Bauernhof gefahren und hat seine vielfältigen Arztpflichten erfüllt. Nun sitzt er beim grellen Schein der unabgeschirmten Petroleumlampe hinter einem primitiven Bretterverschlag. Die Tische sind im offenen Viereck aneinandergerückt und mit Glasschalen, Reagenzgläsern, Flaschen und Phiolen bedeckt. Auf dem Abstelltischchen zur Rechten stehen Drahtkäfige, in denen weiße Mäuse unruhig in dem grellen Licht hin und her laufen.

Robert Koch kauert auf dem runden Hocker. Er beugt sich tief über das Okular des Mikroskops, das ihm seine Frau zum Ge­burtstag geschenkt hat. Sein Antlitz mit dem wenig gepflegten Bart und den scharfen Brillengläsern trägt einen strengen, nach innen gewandten Ausdruck: er ist ganz gespannte, aufmerksam­ste Beobachtung. In diesen Nachtstunden - den einzigen, die ihm nach anstrengender Tagesarbeit für seine Arbeit bleiben - erlebt er die unerhörtesten Abenteuer in einer neuentdeckten Welt, die nur wenige vor ihm betreten haben.

Er hat die Spur einer Mikrobe aufgenommen, die um diese Zeit reißender als alle Wölfe in die Herden der Bauern eingebrochen ist. Man hat aus Frankreich gehört, dass die Schafzucht dieses Landes beinahe ruiniert ist, seit Anthrax oder der Milzbrand die Tiere massenweise tötet. Und nun wütet die Epidemie auch im Wolisteiner Bezirk.

Aber - ist es überhaupt eine Mikrobe, ein Kleinstlebewesen, das die unheimliche Krankheit verursacht?

 

Seltsame Stäbchen zwischen grünlich-roten Blut­körperchen

Unter dem Mikroskop zeigen sich in dem schwarzen Blut ver­endeter Tiere zwischen den kleinen, runden, grünlich-roten Blut­körperchen seltsame Stäbchen. Manche zittern und schwimmen im Blutwasser, andere sind wie Ketten aneinandergeschlossen und bilden Knäuel von Fäden. Keines dieser Lebewesen ist grö­ßer als ein tausendstel Millimeter. Pasteur hat sie lange vor ihm gesehen und beschrieben, auch die Franzosen Davaine und Rayer haben diese gefährlichen Dickichte erforscht. Sie haben geglaubt, es handle sich bei den Stäbchen um Bazillen - lebende Keime - des Milzbrandes. Aber keiner von den Franzosen hat den schlüs­sigen Beweis für diese Theorie erbracht.

Das will nun Robert Koch tun.

Wenn es lebende Wesen sind, so muss man ihr Wachstum be­obachten können: sie müssen, auf ein anderes Tier übertragen, wiederum die Milzbrandkrankheit hervorrufen. - Ohne weitere Ausrüstung als ein Mikroskop beginnt Dr. Koch eine Reihe wohl­überlegter Experimente.

 

Mäuseversuche

Er macht einen kleinen Holzspan keimfrei, taucht ihn in das von Stäbchen wimmelnde Blutwasser verendeter Schafe und be­streicht damit einen kleinen Einschnitt an der Schwanzwurzel weißer Mäuse.

Mit Spannung wartet er auf die nächste Nacht, die ihn wieder in seinem winzigen Laboratorium sieht. Die geimpften Mäuse liegen steif und starr mit graugewordenem, gesträubtem Fell auf dem Rücken. Als er ihr Blut untersucht, findet er unübersehbare Mengen von Stäbchen. So ist also bewiesen, dass sich die Wesen vermehrt haben, dass sie lebendig sind.

Viele Versuche folgen, und jedesmal sind die Ergebnisse die­selben. Nun erhebt sich ein neues, beinahe unlösbares Problem. In dem Blutserum der verendeten Mäuse schwimmen Mikroben aller Art. Die Glasplatten des Objektträgers und die Luft sind von Kleinstlebewesen gesättigt. Wenn die Stäbchenbazillen wirklich die Erreger des Milzbrandes sind, muß man ihre Lebensgewohn­heiten in einer Reinkultur studieren, völlig getrennt von allen übrigen Beimischungen.

 

Reinkultur - gläsernes Gefängnis

Tage, Wochen, Monate vergehen. Die Petroleumlampe in dem Bretterverschlag scheint Nacht für Nacht; die Augen des Doktors entzünden sich. Er grübelt und grübelt, bis er die Lösung findet.

Er überträgt einige Stäbchen in das reine Augenwasser, das er von einem toten Ochsen gewonnen hat, bringt den Tropfen auf eine keimfreie Glasplatte und bedeckt ihn mit einer anderen Glasplatte, die in der Mitte eine Wölbung hat. Die Haftränder der beiden Gläser bestreicht er mit Vaseline. Nun kann kein fremdes Lebewesen in das gläserne Gefängnis der Stäbchen dringen.

Die folgenden Stunden wendet er keinen Blick von seiner Mi­krobenkultur. Kleine Milzfetzen schwimmen in dem Augenwas­ser, und einige Dutzend Stäbchen haften daran. Aber nichts rührt sich, alles bleibt tot.

 

Robert Koch blickt dem Tod über die Schulter

Soll alle Mühe umsonst, der lange Weg der Versuche vergeb­lich gewesen sein? Die Lampe brennt, die Nacht geht weiter, der Ostwind rüttelt ums Haus. Da, um Mitternacht geschieht es! Die Stäbchen begin­nen sich zu vermehren. Sie bewegen sich, schieben sich vor, deh­nen sich zu endlosen Ketten und Fäden, wachsen, verknäueln sich. Robert Koch erlebt ein unerhörtes Schauspiel: er blickt dem Tod über die Schulter.

Der Beweis für die Wirkung der Milzbrandbazillen ist erbracht: die Stäbchen leben, werden zu Knäueln farblosen Garnes, sie umschlingen und verstopfen die Gewebe; sie müssen - auch in den Körpern großer Tiere - in einigen Tagen den gesamten Organismus ausfüllen, verseuchen, durch ihre Millionenzahl ver­nichten.

Endlich hat der Mensch die Fährte des Bakterientodes aufge­nommen - nicht nur, wie Pasteur, intuitiv, gefühlsmäßig und in grandioser Vision, sondern wissenschaftlich, nüchtern, unwider­leglich.

Wieder gehen Monate dahin, in denen Robert Koch Fieber misst, Pillen verschreibt und Zähne zieht. Aber sein ganzes Den­ken kreist um die Bakterienwelt, die sich hinter der Bretterwand seines Ordinationszimmers verbirgt. Er spricht mit Bauern über seine Entdeckung.

»Wenn Ihre unsichtbaren Keime es sind, Herr Doktor, die unsere Herde töten, so sagen Sie doch, wie es kommt, dass die Schafe auf der einen Weide gesund sind, auf der anderen hinfallen wie die Fliegen, wenn das Gras auch noch so schön ist? Keime soll es doch überall in der Luft geben.«

 

Wie überträgt sich die Seuche?

Ja, nun ist die entscheidende Frage gestellt! Wie überträgt sich die Seuche? Längst hat eine Kette von Versuchen bewiesen, dass die Stäbchen am hängenden Tropfen unter der Glashaube nur eine sehr kurze Lebensdauer haben, dass sie vor allem beim Nachlassen der normalen tierischen Körpertemperatur absterben.

»Wie geht es zu, dass die Milzbrandbakterien im Freien von kran­ken Tieren lebendig zu gesunden hinüberkommen, während sie auf den Glasplättchen rasch welken und sterben?«

 

Ausdauer und Zufall

Diesmal sind es Ausdauer und Zufall, die Robert Koch weiterhel­fen. Eines Tages entdeckt er an einer alten Kultur, wie sich die Stäbchen mit kleinen Perlen bedecken - wie sich das Leben der Bakterie gleichsam in Sporen zurückzieht, ehe es stirbt.

Ein rascher Geistesblitz zeigt ihm den Weg. Er überträgt eine eingetrocknete Sporenkolonie auf das frische Augenwasser eines Ochsen. Und siehe da! Binnen kurzem sind die Perlchen, die Sporen, zu Stäbchen geworden.

Einige Wochen später hat er den unanfechtbaren Beweis er­bracht: die Sporen treten niemals bei einem lebenden Tier auf, sondern erst bei dem toten. Aber auch da nur, wenn eine gewisse Temperatur nicht unterschritten wird. Damit ist auch schon das Gegenmittel für die Ausbreitung der Seuche gegeben: man muss die Kadaver milzbrandverdächtiger Tiere in so großer Tiefe ein­graben, dass die Kälte des Bodens die Entwicklung von Sporen verhindert und die Weide gesund bleibt. Ein weiteres Experiment erhärtet diesen Befund. Robert Koch legt eine kranke Milz in den Eisschrank und streicht nach ein paar Tagen den Stoff seinen Mäusen ein. Keine einzige erkrankt; die Bakterien sind tot.

 

Sensation für die Medizinische Fakultät der Universität Breslau

Die Medizinische Fakultät der Universität Breslau steht vor einer Sensation. Der berühmte Botaniker Professor Cohn hat im Verein mit seinem Kollegen Cohnheim, einem Arzt von europäischem Ruf, zu einer Reihe von Vorlesungen eingeladen, die ein unbe­kannter Landarzt aus einem Städtchen irgendwo in der Provinz Posen halten soll. Er wird darüber sprechen, dass Mikroben die Ursachen bestimmter Krankheiten sind!

Man ist sehr skeptisch hingegangen, bereit, den Provinzler mit den Argumenten jahrhundertealter Tradition zu erschlagen. Aber diese drei Tage bringen den Umsturz aller bisherigen medizini­schen Anschauungen über die Krankheitsursachen. Die neue Wis­senschaft der »Bakteriologie« ist ins Leben gerufen.

Robert Koch ist kein guter Redner, er steht in seinem altmo­dischen Gehrock, mit Goldbrille und dunkelblondem Bart vor dem erlauchten Auditorium. Was man hört, sind ruhige, nüchterne Er­klärungen und Angaben über Versuchsanordnung und Zweck der Vorführung. Alles andere besagen die Versuche selbst. Man sieht und erlebt, was er demonstriert. Es ist kein Zweifel mehr mög­lich!

In einer Kette von wohlüberdachten Experimenten führt er der Fakultät vor, wie die ansteckende Krankheit entsteht, wächst und tötet.

»Die ältesten Professoren der Pathologie finden seine Manipu­lationen mit den Bazillen, den Sporen und dem Mikroskop so überlegt und routiniert, als wäre er ein sechzigjähriger Ordina­rius. Sie alle waren förmlich erschlagen ...«

 

Robert Koch - wer ist das?

Professor Cohnheim stürzt aus dem Hörsaal in sein Laboratorium hinüber, in dem seine Assistenten arbeiten. »Jungens, alles liegen- und stehenlassen! Herüberkommen! Seht dem Doktor Koch zu, der Mann hat Großes gefunden!«

»Koch? Wer ist das?« fragt der Erste Assistent, ein gewisser Paul Ehrlich.

»Ganz gleich, wer er ist - einer der ganz Großen der Mensch­heit! Wir alle müssen uns vor ihm verkriechen!« Die Schar der jungen Ärzte drängt in den Hörsaal. Da steht der mittelgroße, verhältnismäßig junge Mann mit der großen Glatze und spricht die sehr bestimmten Worte:

»Die Gewebe der an Anthrax verendeten Tiere, gleichviel ob sie frisch gefallen, verwesend, getrocknet oder ein Jahr alt sind, kön­nen Anthrax erzeugen, aber nur, wenn sie Bazillen oder Sporen von Bazillen enthalten. Angesichts dieser Tatsache kann es kei­nem Zweifel unterliegen, dass diese Bazillen die Ursache des Milz­brandes sind ...«

Alle, die ihm bis hierher gefolgt sind, haben das Gefühl, dass die Menschheit in einen neuen Abschnitt ihres Kampfes gegen töd­liche Krankheiten eingetreten ist; denn das Experiment mit Milz­brand ist nur ein Musterfall für andere Infektionen. Robert Koch wird stürmisch gefeiert.

 

Ein Gehalt von 150 Mark

Die Professoren Cohn und Cohnheim sind großmütige und selbst­lose Männer der Wissenschaft. Sie denken nicht daran, den klei­nen Landarzt beiseite zu schieben und sich seiner Entdeckungen zu bemächtigen. Ihre Dankbarkeit gegen Robert Koch drückt sich zunächst darin aus, dass sie ihm eine Stelle als Breslauer Stadtarzt und damit ein Gehalt von 150 Mark verschaffen.

Das ist freilich sehr wenig; denn Robert Koch hat Frau und Kind, und die erhoffte Privatpraxis bleibt aus, weil die Versuche keine Zeit lassen, sich um Patienten zu bemühen. Aber die Pro­fessoren von Breslau rühren unermüdlich die Trommel und schicken Briefe an alle Welt, vor allem suchen sie den »Papst der deut­schen Mediziner«, Geheimrat Rudolf Virchow, den Leiter des Berliner Gesundheitsamtes, für ihren Schützling zu interessieren.

Robert Koch wird von alledem kaum berührt. Verstrickt in das Abenteuer der Mikrobenjagd, macht er in den Breslauer Jahren weitere Fortschritte, kommt anderen Krankheitserregern auf die Spur und lernt, die verschiedenen Bakterien zu färben und damit deutlicher zu machen.

 

Methoden gegen die Zweifler

Und er muss sie deutlich machen, denn die breite Öffentlichkeit ist immer noch nicht überzeugt. Witzblätter und Tageszeitungen glauben die neuen Entdeckungen mit Spottworten abtun zu kön­nen. Robert Koch weist jedoch den Weg, wie man den Zweiflern begegnen kann.

»Nie wird man die Welt von der mörderischen Tätigkeit der Un­holde überzeugen, wenn man sie nicht durch Fotos jedem Men­schen vor Augen führen kann. Durch ein Mikroskop können nicht zwei Menschen auf einmal sehen: Zeichnungen weichen voneinander ab und erzeugen dadurch Streit und Verwirrung. Aber ein Foto lügt nicht: zehn Menschen können die Kopien des­selben Bildes zu gleicher Zeit betrachten und sehen dann alle dasselbe. So gibt es keinen Streit.«

 

Er fotografiert Reinkulturen von Bakterien.

Endlich, im Jahre 1880, trifft aus Berlin die Mitteilung ein, der große Virchow sei bereit, Doktor Koch zu empfangen. Der Bakterienmann wird als außerordentlicher Beirat in die Reichsgesundheitsbehörde berufen und siedelt nach Berlin über.

Er arbeitet auch in Berlin - nun in einem besser eingerichteten Laboratorium - täglich sechzehn oder achtzehn Stunden. Denn er ist inzwischen überzeugt,

»dass jede Art von Mikroben nur eine bestimmte Art von Erkran­kungen erzeugen kann, so wie jede Krankheit auf eine bestimmte Art von Mikroben zurückgeht...«

Die Aufgabe ist ganz klar: man muss zuerst die Erreger entdecken, färben, sichtbar machen und in ihren Lebensgewohnheiten beobachten. Sind ihre Geheimnisse enthüllt, so werden sich auch Mittel und Wege für ihre Bekämpfung, zumindest für die Ver­hütung der Ansteckung finden. All das setzt unendliche Klein­arbeit, Tausende von Einzelversuchen, Geduld und wissenschaft­liche Exaktheit voraus.

 

Der Ehrgeiz der ge­samten Wissenschaft ist entflammt.

Doch nun ist Robert Koch nicht mehr allein. Seine Entdeckungen haben durch das Telegrafennetz den Weg in die Presse der ganzen Welt gefunden, und in Amerika, Russland, Europa, in allen Ländern und an allen Universitäten werden sie nach seiner Methode wei­ter verfolgt.

Der Ruhm Robert Kochs rührt an Louis Pasteurs ältere Rechte. Er hat als erster das Tor ins Reich der Mikroben aufgestoßen. Gewiss hat es auch noch andere gegeben, die sich vor Pasteur auf die­se gefährlichen Wege begeben haben. Der ungarische Arzt Philipp Semmelweiß hat schon im Jahre 1847 im Leichengift die Ursache des Kindbettfiebers entdeckt und ist mit Chlorwaschungen dage­gen vorgegangen.

 

Pasteur und Koch - zwei ganz verschiedene Forschertypen

Aber erst Pasteur hat die Aufmerksamkeit der Welt auf die kleinen Lebewesen gelenkt und sie als Erreger aller Krankheiten bezeichnet. Was Robert Koch wissenschaftlich be­wiesen und exakt erforscht hat, ist von Pasteur in genialer Schau lange vorher erkannt worden. Er ist ein ganz anderer Forschertyp als der deutsche Arzt.

»Pasteur, das ist der richtige Hypothesenschmied, in dessen Kopf geniale Theorien und phantastische Einfälle sich unaufhörlich jagen und aus dessen Mund sie dann plötzlich losgehen wie Rake­ten bei einem ländlichen Feuerwerk, die nach eigenem Belieben losplatzen, ohne dass der Feuerwerker es vorher weiß.«

Weiß Gott, als dieses Geschrei mit dem deutschen Landdoktor anhob, hat es Louis Pasteur förmlich vorwärtsgetrieben. Er ist heute Professor für Chemie an der Sorbonne, kein eigentlicher Mann vom Fach. Aber nun ist es Zeit, den alten Ruhm zu er­neuern.

 

Das Gegenmittel - Immunität

Und er schafft es mit dem sagenhaften Glück, das sich an die Fersen aller wahrhaft Berufenen heftet. Eine zweite Sensation: auch der Weg zur Unschädlichmachung der Mikroben wird gefun­den. Vor einigen Jahren, bei der Bekämpfung der Anthrax, ist Pa­steur plötzlich intuitiv die Erkenntnis gekommen, die alle Unter­suchungen auf neue Bahnen gelenkt hat:

»Ist einmal eine Kuh an Milzbrand erkrankt gewesen und hat sie ihn überstanden, so können ihr alle Milzbrandbazillen in der Welt nichts mehr anhaben, sie ist nunmehr gegen Milzbrand im­mun.«

Von diesem Augenblick an lautet die entscheidende Frage: »Wie kann man Tieren die Krankheit in so ungefährlicher Form ein­flößen, dass sie nur leicht daran erkranken und dann für immer dagegen immun bleiben?«

In Pasteurs genialem Gehirn steigt eine Erinnerung auf. Hat nicht der große englische Arzt Edward Jenner, als er vor Jahr und Tag ein Mittel gegen die Pocken suchte, auf das Geschwätz einer Bäuerin gehört, die ihm die Schutzkraft der Kuhpocken ge­gen Menschenblattern rühmte? Hat Jenner nicht daraufhin die un­gefährlichen Kuhpocken geimpft und tatsächlich die tödlichen Menschenpocken verhindert?

 

Impfen!

Man muss die Krankheit einimpfen - eine harmlose, geschwächte Form der Mikrobe übertragen und so die Ausbrei­tung der zerstörenden Keime aufhalten. Aber zunächst will das Experiment nicht glücken. Auch ist es schwer, die notwendigen Kulturen von Mikroben in ausreichen­der Menge zu züchten.

Das Laboratorium Pasteurs in der Rue d'Ulm ist ein Wirrwarr von Flaschen, Reagenzgläsern, Käfigen und Chemikalien. Ge­nialische Unordnung herrscht in den Räumen. Die armen Assi­stenten arbeiten sich Tag und Nacht mit wahrer Hingabe durch den Wust hindurch; denn der Meister denkt sprunghaft, beginnt bald diese, bald jene Versuchsreihe. Er wird von immer neuen Ideen bestürmt, von plötzlichen Eingebungen zu neuen Methoden getrieben.

 

1880 - wieder hilft der Zufall

Im Jahre 1880 befasst sich Pasteur mit einer von Dr. Peroncito entdeckten punktförmigen Mikrobe, dem vermutlichen Erreger der Hühnercholera. Seine ihm leidenschaftlich ergebenen Assi­stenten, der geniale Emile Roux, der stille, ernsthafte Doktor Thuillier und der unermüdliche Chamberland, erfüllen ihm in achtzehnstündiger Tagesarbeit die unmöglichsten Wünsche. Sie zie­hen Flaschen voll Bakterienkulturen, schaffen zahllose weiße Hüh­ner als Versuchstiere heran und impfen, impfen, impfen.

Die Hühner sterben. Alles ist vergeblich, die Hühnercholera erwürgt ganze Völker des nützlichen Federviehs.

Dann greift der Zufall ein.

Inmitten des Chaos von alten Mikrobenkulturen, Flaschen und Destillierkolben findet Pasteur eine wochenalte Kultur der Punkt­bakterie. Sollten nicht noch einige der Mikroben leben? Er impft einige Hühner mit der abgestandenen Kultur.

Als er anderntags nachsieht und die verendeten Tiere aus den Käfigen nehmen will, findet er die zuletzt geimpften munter pickend im Stall. Die geschwächte Kultur hat sie nicht getötet, son­dern ...? Wäre es möglich?

Er ruft die Assistenten: »Thuillier! Chamberland! Roux! Man muss sofort eine Anzahl Hühner impfen.«

Die frischen, tödlichen Kulturen werden auf sechs Hühner übertragen, dann werden sechs der bereits geimpften und gesund­gebliebenen Tiere mit derselben Kultur infiziert.

Am anderen Tag liegen die sechs Vögel, die zum erstenmal ge­impft worden sind, tot im Käfig. Die andern sechs aber sind so munter wie zuvor. Die Assistenten wissen nicht, was das besagen will. Pasteur gerät in Ekstase.

»Begreift ihr, was das bedeutet?! Wir haben das Gegenmittel entdeckt!

>Wir brauchen nichts weiter zu tun, als unsere giftigen Mikroben in den Flaschen alt werden zu lassen. Wenn die Mikroben alt werden, sind sie zahm. Sie geben die Krankheit, aber sie geben sie nur schwach. Das Tier erholt sich und kann künftig den töd­lichen Mikroben widerstehen. Was ich da entdeckt habe, ist die Impfung mit Bazillen, eine Impfung, weit allgemeiner verwend­bar, weit sicherer, weil wissenschaftlicher begründet als die Imp­fung gegen die Blattern, die Jenner eingeführt hat und deren Ba­zillus noch niemand gesehen hat. Meine Entdeckung kann man auf den Milzbrand anwenden, auf alle Epidemien, auf alle Seu­chen ... Auf - hinaus, Freunde, wir werden Menschenleben ret­ten!<«

Die Akademie, die Fachwelt und die Zeitungen sind in Aufruhr. Große Verheißungen dringen aus der Rue d'Ulm in die Welt:

 

»Dieselbe Mikrobe, die tötet, schützt auch vor dem Tode!«

Das Institut Pasteur züchtet bereits abgeschwächte Kulturen von Bakterien: solche, die eine Maus töten und ein Meerschweinchen retten; solche, die ein Meerschweinchen töten und ein Kaninchen retten; andere, die ein Kaninchen töten und ein Schaf retten.

Aber die Gegner, die Zweifler und Besserwisser, die Neider und die Hämischen, die sich an die Fersen jedes Genies heften, um über seine Größe zu eigener bescheidener Bedeutung aufstei­gen zu können, die unsterblich Mittelmäßigen, die in jeder Tat nur einen Spiegel sehen, in dem sie sich selbstgefällig bespiegeln, sie stehen auch gegen Pasteur auf.

In einer Sitzung der Landwirtschaftlichen Gesellschaft zu Melun erhebt sich Rossignol, der Herausgeber einer Zeitung für Tierheil­kunde und ein Meister in seiner ärztlichen Zunft, und spricht mit allem Anschein des ernsthaft um Wahrheit Bemühten:

»Wie Pasteur behauptet, ist ihm nichts leichter, als einen Impf­stoff herzustellen, der die Schafe und die Kühe mit völliger Si­cherheit gegen den Milzbrand immun macht. Wenn das wahr ist, so wäre es eine große Sache für die französische Landwirt­schaft, die durch Viehseuchen jährlich an die zwanzig Millionen Franken verliert. Kann Pasteur wirklich ein solches Zaubermittel erzeugen, so sollte er nicht länger zögern, uns zu beweisen, dass er seiner Sache sicher ist. Fordern wir ihn zu einem öffentlichen Ex­periment auf!

Misslingt das Experiment aber, so wird Pasteur wenigstens sein ewiges Prahlen mit seinen Entdeckungen einstellen müssen; er wird uns in Ruhe lassen mit seinen untrüglichen Heilmitteln für Schafe wie für Seidenwürmer, für kranke Säuglinge wie für Nil­pferde.«

 

Öffentliches Experiment

Der Zweifelsüchtige richtet seinen Aufruf an die falsche Adresse. Pasteur schickt eine überraschende Antwort:

»Selbstverständlich bin ich gerne bereit, Ihrer Gesellschaft zu be­weisen, dass mein Impfstoff ein Lebensretter ist. Was sich in mei­nem Laboratorium an vierzehn Schafen bewährt hat, wird sich auch in Melun an den Versuchstieren bewähren.«

Die Zeitungen schlagen Alarm. Korrespondenten aus aller Welt eilen auf die Farm von Pouilly-le-Fort. Pasteur, dessen Arbeiten eigentlich erst im Entwicklungsstadium stehen, ist immer ein Mann der Öffentlichkeit, des Pathos und der großen Geste gewesen. Er ist von der Zuversicht eines Kindes. Verzweifelt sehen die Assistenten, wie sich ihr verehrter Meister auf dieses ungewisse Experiment einlässt.

Am 8. Mai 1881 drängen sich Reporter, Bauern, Mediziner und Abgeordnete des Ministeriums um die Hürden der Farm von Pouilly. Roux und Chamberland hocken im Schmutz, die Hemd­ärmel sind aufgekrempelt, große Flaschen mit Bakterienkulturen stehen auf groben Bauerntischen. Unablässig fährt die Injektionsspritze unter die Haut der von kräftigen Bauern festgehal­tenen Schafe.

Vierundzwanzig Tiere werden zweimal innerhalb von vier­undzwanzig Tagen mit den beiden Schutzstoffen, die Pasteur ent­wickelt hat, geimpft; vierundzwanzig weitere Tiere stehen bereit, um ungeimpft dem entscheidenden Experiment ausgesetzt zu werden. Aufregende Wochen gehen vorüber. Die Assistenten messen täglich die Temperatur der Tiere, verzeichnen jede unge­wöhnliche Regung der Versuchsschafe. Endlich scheint es gelun­gen; wenn nicht alles täuscht, haben die Tiere die Impfung gut überstanden.

 

Diesmal ist die Weltpresse erschienen.

Dann kommt der entscheidende 31. Mai heran. Diesmal ist die Weltpresse erschienen.

Pasteur impft den achtundvierzig Versuchstieren den tödlichen Stoff einer Mikrobenkultur ein. Die nächsten vierundzwanzig Stunden müssen sein Schicksal entscheiden.

»Das ganze Departement ist da, seine Generalräte und Senatoren, von fern her sind große Herren und Magnifizenzen gekommen ... dazu eine unübersehbare Menge von Landleuten. Die Presse um den famosen Herrn Blowitz, den weltberühmten Reporter der Lon­doner >Times<«

Um zwei Uhr kommt Pasteur mit seinen Gehilfen, es empfängt ihn brausender Beifall. Da weiß er, wie das Schicksal entschieden hat. In den Pferchen liegen zweiundzwanzig verendete, schreck­lich anzusehende Tiere, zwei stehen noch lebend, aber mit hängenden Köpfen und gespreizten Beinen zwischen den Kadavern. Aus ihren Mäulern fließt schwarzes Blut. Durch einen Zaun da­von getrennt, weiden, so frisch und gesund wie nur je, die ge­impften Schafe.

Doktor Biot, einer der heftigsten Gegner Pasteurs, stürzt ihm entgegen und fasst den großen Mann an den Schultern: »Impfen Sie mich selber! Meister... alle Menschen sollen von der wun­dertätigen Kraft Ihrer Entdeckung überzeugt sein!«

Harry Blowitz bringt ein Hoch auf Pasteur aus, dann hastet er zum Postamt und schickt ein Telegramm an die »Times«; an die Stimme der Welt: »Experiment von Pouilly-le-Fort vollkommen gelungen. Unerhörter Erfolg!«

 

Rückschläge

Doch schon die folgenden Monate, in denen die Assistenten Pa­steurs wie Galeerensklaven an der Aufzucht riesiger Mikroben­kulturen arbeiten, Monate, da die ganze Welt nach Pasteurs Impfstoffen verlangt und Zehntausende von Tieren nach dem Vorbild von Pouilly behandelt werden, häufen sich die alarmie­renden Nachrichten von Rückschlägen, von Todesfällen; vieles ist noch zu tun, die Zustände in der Rue d'Ulm lassen nicht ein­mal die Erzeugung ordentlicher Reinkulturen zu.

Die instinktive Sicherheit des Genies hat Pasteur bis hierher geführt. Was nun not tut, ist die exakte, stille und geduldige Ar­beit eines nüchternen, allem Pathos abholden Wissenschaftlers, wie Robert Koch es ist.

 

Gesundheitskongress 1882

Im Jahre 1882 begegnen sich die beiden großen Rivalen auf dem Gesundheitskongress zu Genf. Es ist die Begegnung der medi­zinischen Größen Europas. Im Auditorium sitzt eine Reihe junger, von ihrem Beruf besessener Ärzte und lauscht den Vorträgen der Kapazitäten. Da ist der große Russe Elias Metschnikow, der dem Syphiliserreger auf der Spur ist. Da sind die Assistenten Kochs: Paul Ehrlich, der kommende Entdecker des Salvarsans gegen die Syphilis, der Japaner Kitasato, der den Tropenkrankheiten den Kampf angesagt, der Westpreuße Behring, der die Diphtherie aufs Korn genommen hat. Sie alle arbeiten im »Triangel-Labo­ratorium« Kochs in der Schumannstraße zu Berlin. Mit Metschni­kow ist sein Landsmann Yersin gekommen, der später den »Schwarzen Tod« - die Pest - besiegen wird. Auf der Gegenseite hat sich Pasteurs Gefolgschaft gesammelt: der große Roux, der einst die Arbeit des Meisters fortsetzen, Thuillier, der bald schon den Choleratod in Ägypten finden wird.

Der Generalstab der Menschheit im Kampf mit den todbrin­genden Krankheiten ist zugegen. Pasteur - leidenschaftlich und temperamentvoll, obwohl er von einem Schlaganfall auf einer Seite gelähmt ist - wirft dem Deutschen den Fehdehandschuh hin.

Es ist eine lange feurige Rede, und sie wird mit herausfordern­der Vehemenz an die Adresse Robert Kochs gerichtet. Als dieser nur starr aus goldumränderter Brille den Blick des Redners er­widert, fordert ihn Pasteur offen zur Diskussion heraus. Er weiß recht wohl, dass Koch nur wenig von seiner genialen, unexakten Methode hält.

Der Deutsche ist ein schlechter Redner und verspricht deshalb als Erwiderung eine wohlüberlegte Denkschrift.

Diese Denkschrift erscheint kurze Zeit später und ist eine harte Kritik an Pasteurs Verfahren. Robert Koch hat die Pasteurschen Impfstoffe geprüft und festgestellt, dass sie von einer Reinkultur ebensoweit entfernt sind wie ein verunkrauteter Acker von einem Saatzuchtkasten.

»Ist Herr Pasteur wirklich von der glühenden Leidenschaft nach der Wahrheit entflammt? Warum hat er dann nicht ebenso von den Misserfolgen gesprochen, die sich bei der massenhaften An­wendung seines Impfstoffes ergeben haben?

Solche Methoden können allenfalls bei der Reklame eines Ge­schäftshauses zweckmäßig sein, die Wissenschaft aber muss sie energisch ablehnen.«

Zwei Große sind sich begegnet, keiner ist größer oder kleiner als der andere - aber jeder anders. Pasteurs genialem Hirn ist gege­ben, die Ideen in beinahe dichterischer Eingebung zu empfangen, der Forschung kühn das Banner vorauszutragen: Robert Koch aber ist der schweigende, allem Lärm abholde Arbeiter, der exakte, geduldige Pionier, der sich Stück um Stück mit Zuverlässigkeit und Methode ans Ziel heranpirscht. Und beide sind bereit, für ihre Aufgabe das Leben zu opfern.

In diesen Jahren schreibt die bescheidene Gattin Pasteurs resi­gniert an die erwachsene Tochter:

»Dein Vater ist ganz in seine Gedanken versunken, spricht we­nig, schläft wenig, steht vor Tagesanbruch auf: kurz - er setzt das Leben fort, das ich mit ihm vor fünfunddreißig Jahren be­gonnen habe ...«

 

Entdeckung des Bazillus‘ der Tuberkulose

Pasteur arbeitet an der Entwicklung eines Serums gegen die Toll­wut. Und sein Kollege und Rivale Koch sitzt in Berlin, achtzehn Stunden am Tage gehören seinem Werk, der Rest seiner Familie. Um diese Zeit gelingt es ihm, den Erreger der schrecklichsten Geißel der modernen Menschheit zu entdecken: den Bazillus der Tuberkulose.

Ihm widerfährt die vielleicht höchste Genugtuung seiner Lauf­bahn, als der weltberühmte Virchow sich in einer Konferenz gegen den bedeutenden Münchner Mediziner Pettenkofer wendet, der Robert Koch angegriffen hat.

»Ich bin sehr geneigt, zu glauben ... dass Herr Koch den richtigen und entscheidenden Punkt mit derjenigen Sicherheit aufgefunden hat, die wir an ihm zu bewundern gelernt haben. Nichtsdesto­weniger werden wir alle nicht bloß der Wissenschaft, sondern auch dem Menschen schuldig sein, den Weg der Untersuchungen weiterzuverfolgen ...«

 

Deutschland - Frankreich

Dass sich Louis Pasteur und Robert Koch befehden, macht die Frage der Mikroben plötzlich zu einer nationalen und politischen Affäre. Denn Koch ist Deutscher, Pasteur leidenschaftlicher, selbstbewusster Franzose. Das Jahr 1871 ist unvergessen, der Verlust Elsass-Lothringens blutet noch immer im Herzen Frankreichs.

 

»Vierzig Unsterblichen«

Die Académie Francaise wählt eben diesen Augenblick, den großen Louis Pasteur unter die »Vierzig Unsterblichen« aufzu­nehmen. Es ist die höchste Ehrung, welche die Wissenschaft einem Lebenden zu bieten hat.

Das Amphitheater des großen Saales ist bis auf den letzten Platz besetzt. Minister, Militärs, Professoren und Studenten fül­len die festlichen Räume, und hoch über der Menge thronen auf dem Podium die »Vierzig Unsterblichen«.

»Der große Lister selbst ist da, und viele andere berühmte Män­ner der verschiedenen Länder. Und Reihe an Reihe über diesen Magnifizenzen, welche die Ehrenplätze füllen, sitzen und stehen dichtgedrängt die Studenten der Sorbonne und der anderen Hoch­schulen von Paris, die Zukunft und der Stolz Frankreichs. Es gibt im ganzen Saal ein geschwätziges Summen fröhlicher Jugend, dann auf einmal Totenstille ...

Pasteur ist erschienen. Am Arme des Präsidenten der Republik hinkt er der Tribüne zu. Und dann bläst die Republikanische Garde die schmetternde Siegesfanfare, die sonst nur zu Ehren großer Generale und Menschenschlächter geblasen wird.«

Lord Lister erhebt sich und umarmt den Gefeierten, die Studenten rufen ihm zu: »Vive Pasteur!«

Bei der Feier ist auch der Religionsforscher Ernst Renan an­wesend.

Viele Teilnehmer an dieser erlauchten Versammlung empfin­den die Seltsamkeit des Zufalls, der zwei so grundverschiedene Persönlichkeiten wie Renan und Pasteur einander gegenüberge­stellt hat.

Renan, der große Verneiner des Mystischen, der Verfasser eines »Leben Jesu«, der aus Christus-Gott einen Menschen gemacht und den Menschengeist über alles Irdische und Überirdische ge­stellt hat. Ihm gegenüber Pasteur, der Genius, in dessen Leben und Denken immer wieder das Walten einer höheren Macht, einer göttlichen Fügung eingreift und der sich dieser höheren Macht und der Schöpfung staunend bewusst ist.

Der Präsident der Akademie verlässt seinen Thronsessel, tritt, gefolgt von den Dekanen, zu dem Gefeierten und hängt ihm die goldene Medaille um. Die »Vierzig« in ihren schwarzen Talaren erheben sich von den Sitzen, die Versammlung verharrt ehrfürch­tig stehend.

Louis Pasteur humpelt, auf seinen Stock gestützt, zur Tribüne.

 

Rede an die Jugend

Als er das Rednerpult erreicht hat, wird es lautlos still. Pasteur wendet sich nicht an die »Unsterblichen«, nicht an die alten wür­digen Herren auf den Ehrenplätzen, sondern hebt sein flammendes Antlitz empor zu den Rängen, von denen die Jugend auf ihn blickt.

Den jungen Studenten übergibt er sein Vermächtnis.

»Lasst euch niemals durch einen nörgelnden und unfruchtbaren Skeptizismus entmannen, lasst euch nicht entmutigen durch die Traurigkeit gewisser Stunden im Leben der Nationen. Lebt im heiteren Frieden der Bibliotheken und Laboratorien. Fragt euch selbst zuerst: Was habe ich für mein Wissen getan? Und wenn ihr dann darin genügend fortgeschritten seid, fragt euch: Was habe ich für mein Vaterland getan? Bis dann endlich die Zeit kom­men wird, wo ihr das namenlose Glück habt, euch sagen zu kön­nen, dass ihr in irgendeiner Weise beigetragen habt zum Fort­schritt und zum Heile der ganzen Menschheit...«

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