Preußen - am Anfang kein zusammenhängendes Staatsgebiet

Das Kurfürstentum Brandenburg, dessen Herrscher sich zur Heiterkeit der europäischen Monarchen den seltsamen Titel eines »Königs in Preußen« beigelegt hatte, war damals der Volkszahl nach der dreizehnte unter den Staaten Europas; es rangierte zwischen dem Königreich beider Sizilien und der Republik Venedig. Mit zwei Millionen Seelen war der preußische Staat etwa ein Zehntel so groß wie Frankreich, Osterreich oder Polen.

 

Aber konnte man dies Preußen überhaupt einen Staat nennen?

Es war kein zusammenhängendes Staatsgebiet wie Bayern oder Hannover; es waren ein paar durch Schwert und Ehebett zusammengeraubte, über ganz Deutschland verteilte Landfetzen. Da war die kümmerliche Sandebene um Berlin, „des deutschen Reiches Streusandbüchse", da war, drei Tagereisen entfernt, das ehemalig polnische Lehen Ostpreußen - und nur für dieses Land, das nicht zum Reich gehörte, durfte sich der Kurfürst von Brandenburg den prunkhaften Königstitel beilegen; da waren fünf oder sechs kleine Grafschaften im Westen - Minden, Cleve, Tecklenburg - Nester, die niemand kannte und die im Kriegsfall sofort verloren waren: kurzum, in diesem „Königreich" gab es keine einzige Stadt, die mehr als einen Tagemarsch von einer feindlichen Grenze entfernt war; bequemer für einen Angreifer konnte kein Staat liegen. Und noch weniger als einen preußischen Staat gab es ein preußisches Volk. Die Einwohner von Cleve, Minden oder Magdeburg, ja, selbst die Berliner hätten sich lieber als Irokesen denn als Preußen bezeichnet; Preußen nannte das Volk nur das halb litauische Ländchen um Königsberg. Das war der Hohenzollernstaat von 1720.

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